Gut ließ er sich an, dieser dritte Tag. Eine gewisse Form der Akklimatisation hat stattgefunden, der leichte Kopfschmerz ist verschwunden, Frühstück war schon im Haus und das lange nicht gehörte Schnarchen des Gutfrisierten erweckte altvertraute Gefühle, so dass ich mich irgendwie glücklich fühlte. Außerdem war ein Tag im Städtchen angedacht. Nach dem Frühstück also, bei welchem manche Mitglieder der Reisegruppe sich ein Brot mit Obadzdings reinzogen, was bei mir sofort wieder erste Symptome der Käsevergiftung hervorrief, allein vom Hingucken, machten wir uns auf den Weg. Wir fuhren den Berg hinunter und hinein ins Vergnügen. Das Wolkenköpfchen und ich waren sehr erfreut über all die netten kleinen Lädchen, in denen man dies und das und jenes schauen konnte. Wir lasen lachend lustige Postkarten, da war der Gutfrisierte das erste Mal kurzfristig verschwunden. Beim Edelstein- und Esoterikgeschäft verschwand er dann das zweite Mal. Und als wir am Dirndl-Secondhand vorbeikamen, wechselte er auf einmal die Straßenseite und entschwand ohne Erklärung. Kurz wunderte ich mich, überlegte intensiv, ob das Öffnen eines Fasses einen Mehrwert haben könnte, verwarf es, ließ ihn laufen und er kam auch wieder. Merkwürdige Wesen, diese Männer.

In einem Töpferladen fand ich ein schönes Mitbringsel für die Beste aller Schwestern und lauschte einem klassischen Mann-Frau-Gespräch.
„Ist das nicht schön, Günther?“
„Komm schon, nicht nochn Staubfänger.“

Anschließend gab es noch ein ziemlich gelungenes Spaghetti-Eis. Wobei ich feststellen musste, dass Eisdielen sexistische Speisekarten haben können. Ich war erschüttert. Es gab einen „Passion“-Becher und auf dem dazugehörigen Foto der Eiskreation gab es eine nackte Frau zu sehen, deren Brüste von einem dahinterstehenden Mann beziehungsweise dessen Händen bedeckt wurden. Ich überlegte auch hier, ein Fass zu öffnen. Dann fehlte mir die Energie dafür. Ich dachte zwar noch ein bisschen über die Pornoeiskarte nach, habe aber beschlossen, dass ich an dieser Stelle auch nicht die Welt retten kann. Ich habe Urlaub.

Nach nur zwei Stunden war Städtchen fertig. Es ist eben ein kleines Städtchen. Weshalb wir die Straße noch ein Stück weiter fuhren und an einen See kamen. Ein touristisch optimal erschlossener See. Mit Tretbooten, Segelbooten, Standup-Padlern, einer Kletterkiste, einem Biosk (da konnte man Bananen und Biolimo kaufen, erstaunlich) und diesem und jenem. Das Angenehme an diesem See war das Fehlen jeglicher Steigung. Es war flach wie zuhause. Also keine Schweißausbrüche, keine Herzanfälle, keine Beinkrämpfe, einfach nur gemächliches Seeuferrumgeschlappe. Nach zweihundertfünfzig Metern hockten wir uns im Schatten einer Weide auf Ufersteine und ließen die Beine ins Wasser baumeln. Das war heiter, denn man konnte eine Menge Leute beobachten. Zum Beispiel die drei aus Hessen, die sich nacheinander in die Fluten stürzten und dabei auf hessisch ächzten und quiekten.
Plötzlich klatschte es direkt vor uns. Nur ein kleiner Klatsch. Da war aus der Weide eine Raupe gestürzt. Sie wand sich im Wasser.
„Papa!“, rief das Wolkenköpfchen, „Rette die Raupe!“
Aber der Papa sagte irgendwas darüber, das die Raupe gern schwimmen wollte oder Fischfutter sein wollte oder Futter für Blässhühner. Oder einfach suizidal wäre.
Das Wolkenköpfchen empörte sich immer mehr, während der Gutfrisierte sich weiterhin mit den abstrusesten Geschichten vor der Rettung der Raupe drückte.
Ich machte kurz auf das Karma aufmerksam, dass er, wenn er als Raupe wiedergeboren würde, ganz sicher die Arschkarte würde ziehen müssen, wenn er jetzt diese Raupe sterben ließe.
Und weil ihm diese Argumentation keine Entscheidungshilfe war, ich sah, dass die Raupe kurz davor war, den Löffel abzugeben, das Wolkenköpfchen nicht auf die Idee kam, das Vieh selbst zu retten, stieg ich höchstselbst in den See und schwabbte die Raupe mit Händen und einem Stöckchen auf einen Stein neben der Weide.
Dann machte ich einen Schritt auf einen flachen Stein im See. Dieser Stein war, was beim Blick von oben auf die Waseroberfläche nicht zu sehen war, überzogen von Seeschleim. Und Seeschleim ist etwas extrem glitschiges. Was geschieht nun, wenn eine Frau mittleren Alters auf solch einen glitschigen Seeschleimstein tritt? Sie verliert ein kleines bisschen ihr Gleichgewicht. Sie beginnt hektisch mit den Armen zu rudern, sucht verzweifelt ihren inneren Mittelpunkt und schreit hektisch: „HAND!HAND!HAND!“
Erfreulicherweise legte der Gutfrisierte an dieser Stelle etwas mehr Leidenschaft an den Tag als bei der Raupenrettung, so dass es lediglich zu einem klatschnassen Kleidsaum kam, der große Aufprall, auch bekannt als „Die ungeschickte Arschbombe in flachem Wasser“ ausblieb.
Mit Hilfe der hingehaltenen Hand konnte ich mich fangen und wieder auf einen Stein setzen.
Als der Gutfrisierte fünf Minuten später vorschlug, ein bisschen um den See zu rennen, lehnten zwei Drittel der Reisegruppe den Vorschlag ab, blieben sitzen, die Füße im Wasser kühlend und so lief er allein. Das Wolkenköpfchen und ich betrachteten weiter die Menschenmengen in und um den See, hörten waschechte Allgäuer Buam nach ihrem mittäglichen Biergenuss so laut rülpsen, wie wir noch nie jemanden haben rülpsen hören und auch sonst war es amüsant.
Zwanzig Minuten später stand der Gutfrisierte wieder vor uns und wir schlenderten zum Auto zurück. Weitere Unternehmungen lehnten wir ab und so kam es, dass wir am frühen Nachmittag auf dem Balkon unter einem Sonnenschirm saßen, ich ein paar Essig-Chips knusperte, las, wunderbare Orangen-Hopfen-Limonade trank und meine Beine alle drei Minuten dankbar seufzten.

Als es in Richtung Abendessen ging, war noch die Frage, ob und wenn ja, wo die Urlauber-Fütterung stattfinden sollte. Nahezu fast einstimmig fiel die Entscheidung, noch einmal zur Alpe aufzusteigen. Ausgeruht vom Tag ließ ich mich breitschlagen. Und außerdem, dachte ich, hatte ich gestern so hart trainiert in der Klamm, da müsste doch ein halbstündiger Aufstieg heute aus dem Hemdsärmel zu schütteln sein. 

Es kam, wie es kommen musste. Meine Kondition ist nach wie vor bedauerlich. Mein Schnaufen hörten sie wahrscheinlich noch weit unten im Tal.
Nach Dreiviertel der Strecke erbat ich eine kleine Rast und erwähnte mein hämmerndes Herz. Beim anschließenden Pulsvergleich musste ich doch eingestehen, dass mein Herz auch nicht signifikant schneller oder härter klopfte als bei den anderen Reisegruppenmitgliedern. Erstaunlich. Ich wähne mich dem Tode nah, weil mein Herz so klopft. Bei den anderen klopft das genauso und die merken das nicht mal. Was ist da los? Sind die irgendwie gestört? Wie kann man das nicht merken?
Die haben doch eine völlig verkorkste Körperwahrnehmung. Unfassbar.
Außerdem wollten die mir in die Schuhe schieben, dass ich möglicherweise vegetativ überlagert sei und deshalb meine körperlichen Vorgänge etwas überwahrnehme.
Ja, geht`s noch?

Wie auch immer. Ich kam rauf, ich kam runter und ich habe keine Käsevergiftung, weil ich Nudeln gegessen habe. Der Gutfrisierte hatte Sauerkraut. Ich beobachte ihn sehr genau, vermute aber, dass ihm die Sauerkrautportion nicht einmal ein laues Lüftchen ein müdes Lächeln entlocken wird.

Zur untergehenden Sonne saßen wir dann wieder auf dem Balkon, spürten den warmen Wind, lauschten Grillen und Kuhglocken und entspannten maximal.
Morgen wird dann ein weiterer Berg erklommen. So ist der Plan. Es bleibt spannend.