Was für ein heiterer und angefüllter Tag. Großartig. Nach einem köstlichen Frühstück quetschte ich die Füße in die Wanderstiefeletten und nach kurzer Fahrt hielten wir auf einem Wanderparkplatz. Von dort aus erklommen wir den nächsten Berg. Ich glaube, meine Kondition verbessert sich. Meine Gesichtsfarbe war zwar immer noch bei knatschrot und es pochte das Herz im Nacken, aber irgendwie kann man sich auch nicht ununterbrochen darüber aufregen. Und nachdem ich jetzt die ganze Zeit überlebt habe, gehe ich einfach davon aus, dass es so bleiben wird. Darum kam ich nicht ganz so abgekämpft auf dem Gipfel an. Der Gipfel war aber auch recht komfortabel zu erreichen, keine alpine Herausforderung. Eher sowas wie Eifel. Zumindest von der einen Seite. Die andere Seite, ich vermute, es handelte sich um die Eiger Nordwand im Kleinformat, war dann doch recht steil. Ich würde behaupten, senkrecht. Aber ich kann mich irren. Geometrie ist mir aus dem Kopf gefallen, da müsste ich mich erst wieder einlesen.

Was für ein Ausblick. Bemerkenswert. Und ich hatte, obwohl ein Geländer am Rand stand, dieses seltsame Gefühl im Bauch. Dieses Huch-Gefühl, das man normalerweise vor einem Sturz hat. Dann kam noch der Spruch vom Wolkenköpfchen „Vertraue nie dem Geländer“ und das machte es nicht besser. Aber mit ein paar Schlucken Wasser, einem Fernglas und Meditation kam ich gut klar mit der Gesamtsituation.

Das Gipfelkreuz schattierte sich in die Steilwand. Es gab auch ein Gipfelbuch, in das sich schon Unmengen von Menschen eingetragen haben. Man findet manch heitere Einträge, aber auch beunruhigendes.

„hate my parents and wish them to hell
need help“
Seitdem kreisen meine Gedanken um diesen vermutlich pubertären englischen Teenager. Ich hoffe, die Eltern leben noch. Und dass Hilfe kam, bevor es zur Katastrophe am Berg kam. Am Berg sollte man nämlich harmonieren, sonst geht das richtig in die Hose.

Übrigens sollte man am Berg auch nicht dauernd die Bäume anlangen. So wurde mir zumindest heute beim Abstieg im dreißig Sekunden Rythmus mitgeteil. Ich habe nämlich die Angewohnheit, mich hin und wieder an Bäumen hochzuziehen oder bei Abwärtsbewegungen abzustützen. Nicht etwa, weil ich die Bäume entwurzeln könnte, sollte ich die Finger davon lassen. Nein. Ich soll das nicht tun, weil die anderen mein Gequengel nicht hören möchten. Wenn ich „Ochnäää, schon wieder…“ rufe und ein bisschen meckerig werde, dann höre ich nur noch: „Lass die Finger vonne Bäume, Mensch!“.

Weil die Bäume harzen. Das machen, was Killerdog einmal als Berufswunsch geäußert hat. Und Harz an Händen ist einfach scheiße. Das klebt, das glaubt man nicht. Und wenn man zum dritten Mal die Finger verklebt hat, dann kann man offensichtlich kein Mitgefühl mehr erwarten, auch wenn das Abfangen am Baum überlenbenswichtig ist, weil man sonst in die unendliche, bodenlose, fürchterliche Tiefe stürzt.

An einer Viehtränke schrubbelte ich die Handflächen, womit sich das Harz trefflich in der gesamten Hand verteilte. Dann rubbelte ich mit Sand herum und nach zwei Stunden war alles wieder in Ordnung. Morgen fasse ich keine Bäume an. Vielleicht.

Nach getaner Wanderschaft wollte die Reisegruppe einkehren. Zu diesem Zweck setzten wir uns ins Auto und kamen bald an einem Schild vorbei, welches eine Alpe ankündigte. Ich fuhr schon in die Straße ein, da meldete der Gutfrisierte, er wolle lieber auf der anderen Seite der Landschaft etwas zu sich nehmen und daran anschließend an einem wilden Bauch entlang wandern. Was tut man nicht alles um den Gutfrisierten gutgelaunt zu halten. Wir fuhren auf die andere Seite hinüber, kamen an einer Mautstation vorbei, bei der man drei Euro zahlte, um quasi eine Hochfahrerlaubnis zu kaufen. Taten wir. Auf sehr engen Straßen mit sehr vielen Kurven gurkten wir in einem sich wehrenden Auto die Höhenmeter hinauf. Und kamen zur anvisierten anderen Alpe. Die hatte Ruhetag. Nach kurzem Gespräch mit der Wirtin klärten wir, dass das Auto dort trotzdem parken dürfe und gingen noch ein Stück höher, zur nächsten Alpe. Die war leer. Kann sein, die Allgäuer Vampire treffen sich dort in der Nacht, Wandergäste aber offenbar nicht. Mittlerweile lies die Freude etwas nach und der Gedanke machte sich breit, zur Wohnung zu fahren und dort ein wenig miesmuffelig auf dem Balkon ein Wasser zu trinken, anstatt eine frische Milch und ein fettes Kuchenstück einzufahren.
Wir rollten zweihundertfünfzig Höhenmeter runter, da tat sich die nächste Alpe auf. Kurzentschlossen hielten wir dort, stiegen aus und wurden von einem Schild begrüßt, welches erstens die Öffnung verkündete und zweitens, dass man zu schwach sei, wenn einem die hiesige Currywurst zu lang sei. Wir erklommen trotzdem die Terrasse, setzten uns an ein Tischchen im Schatten und beobachteten die Gulaschsuppenvernichtung am Nachbartisch. Ein Blick in die Karte offenbarte Preise, die ein wenig nachdenklich machten. Und dann kam der Höhepunkt.

Helene Fischer plärrte scheppernd aus einem Ghettoblaster. Das Wolkenköpfchen und ich, wir schauten uns an. Schüttelten den Kopf, sprangen auf, schoben die Stühle zurück, riefen dem Gutfrisierten noch zu: „Wir fahren zur ersten Alpe. Jetzt. Sofort!“, und liefen so schnell unsere Wanderstiefeletten uns trugen zum Auto. Der Gutfrisierte folgte uns lachend auf dem Fuße, erklärte uns für verrückt aber kam mit. Was blieb ihm anderes übrig.
Die Flucht vor Helene Fischer und einer sehr langen Currywurst hat Vorrang vor Hunger oder Durst.

Wir fuhren zurück, ich quälte das Auto über einen weiteren Allgäuer Höhenweg und dann hatten wir einen großartigen Nachmittag auf einer wunderbar kleinen und familiären Alpe. Die vierjährige Tochter servierte den Kuchen, die Kälbchen hüpften neben uns herum und die Klotür hatte ein Herz. Dazu gab es frisch gemolkene Bananenmilch (den Witz, die Kuh hätte vorher eine Banane gefressen hatten wir gestern schon mit Erdbeeren), Zitronenlimonade und ein Bierlimomischmasch. Es war so gemütlich und entspannend, ich wollte gar nicht mehr weg.

Gut, es gab Fliegen. Viele Fliegen. Ich vermute, es hat was mit den Kühen zu tun. Aber als Tierfreund heißt es ja leben und leben lassen.

Und man muss auch gönnen können. Wenn wir auf der Alpe eine schöne Pause machen, warum nicht auch die Fliegenfamilie.

Im weiteren Tagesverlauf wurde der Gutfrisierte des Öfteren von seiner Tochter verkaspert für seinen Vorschlag, nicht die erstbeste Alpe aufzusuchen. Wo doch die Erste mit Sicherheit die Beste war.

Wer nun glaubt, das Herumfahren habe damit ein Ende gehabt, weit gefehlt!
Es ging noch weiter. Am Abend musste ein wenig Geld bei einer Bank geholt werden. Dazu fuhren wir in das nächste Kaff. Dort sollte bei einem italienischen Lokal das Geld ausgegeben und im Tausch dafür das Abendessen eingenommen werden. Bedauerlicherweise fanden wir das Freibad, einen Minigolfplatz, das Rathaus und einen Fußballplatz. Aber kein italienisches Lokal. Also fuhren wir mit dem Geld zurück ins Ausgangskaff. Der Plan war in soweit abgeändert, dass in einem Etablissement namens Jäger-Irgendwas gegessen werden sollte. Bei der Anfahrt konnte man schon feststellen, der Parkplatz war bis oben hin voll. Und dann schallte urplötzlich sehr laute Blaskapellenmusik urig über den Platz. Daraufhin wurde hektisch entschieden, doch noch einmal den Italiener im nächsten Kaff zu suchen.
Gesagt, getan, wieder zurück. Und mit etwas mehr Ausdauer fand sich das Restaurant versteckt hinter Kirche und Kriegerdenkmal.
Dann schlugen wir uns die Bäuche voll, nahmen noch ein Eis, auf das zu verzichten kein großer Verlust gewesen wäre, liefen noch ein bisschen herum und dann ging es ab zu den Betten, in denen nun ermattet herumgelegen wird. Der eine schaut sich einen Film an, die andere eine Doku über das Bergsteigen und eine tippt wie blöde auf der Tastatur. 

Und morgen geht es weiter im Land wo die Kühe blühen und läuten.