Langsam habe ich es raus, wie man dieses Auto einigermaßen schwungvoll durch bergige Landschaften fährt. Ich muss eben bei fünfzig Stundenkilometern, Tendenz fallend, einfach mal in den zweiten Gang runterschalten und mit Vollgas auf siebzig bis achtzig Sachen hochziehen. Ich weiß, ich weiß, das Auto mag das nicht gern. Aber ich mag es auch nicht gern, eine lange Schlange Autos hinter mir herzuziehen, alleweil der Oberallgäuer Autofahrer gern überholt, auch wenn die Situation es eigentlich nicht zulässt. Und ständig in brenzlige Situationen zu geraten, weil ich zu langsam über die herrlichen Landstraßen truschle, das ist mir langsam zu viel des Guten. Also wird das Auto eben getreten. Hätte es nicht mein Auto werden dürfen, wenn es das nicht hätte haben wollen.

Heute also gab es eine Überlandfahrt, rauf und runter, denn es war mieses Wetter angekündigt, aber knappe siebzig Kilometer weiter war Sonnenschein avisiert. Und zwar am Bodensee. Und weil keiner von uns bisher am Bodensee war, machten wir uns frohgemut auf den Weg dorthin.
Schon die Fahrt war voller Heiterkeit. Hier ein putziger Ortsname, dort eine schöne Kuh, schroffe Berge in der Ferne, sanfte, grüne Hügel direkt rechts und links der Straße. Dann kam ein Straßenstück, das hatte es in sich. Vermutlich habe ich mir die Bremsbeläge abgerubbelt wie olle Radiergummis, denn ich stand nahezu vier Kilometer ununterbrochen auf der Bremse, so hübsch steil ging es bergab. Und das auch noch in Kurven. Ganz ehrlich, zuhause die Kurven verdienen ihre Namen kaum, wenn man diese Kurven dort erlebt hat. Das sind Kurven, die fast einen dreihundersechzig Grad Winkel beschreiben, nur um im letzten Moment umzudrehen und in der Gegenrichtung weiterzukurven.
Die kleinen Häuschen am Straßenrand mit den Blumen und Bildern und Kreuzen zeugen davon, dass manch einer diesen Kurven nicht gewachsen war.

Irgendwann waren wir genug gekurvt, wir kamen an am Bodensee. In irgendeinem kleinen Örtchen, wo wirklich sehr merkwürdige Kunstwerke herumstanden. Einfach auf dem Bürgersteig, auf der Straße, auf einem Platz. Holzkunstwerke.

Schön war das nicht. Ich starrte den Holztypen an und fragte mich: Warum?
Wir parkten trotzdem und suchten einen Weg zum Seeufer. Den fanden wir auch. Aber am Seeufer entlangzuspazieren, wie wir uns das ausgemalt hatten, daraus wurde nichts. Wir konnten uns nur auf einem kleinen Areal bewegen. Das war zwar sehr hübsch. Dass es jedoch auf beiden Seiten nicht möglich war, weiter zu spazieren, weil auf der einen Seite ein Strandbad war, für das man Eintritt zahlen musste und auf der anderen Seite ein privates Grundstück mit Garten bis zum Ufer, rief den Kommunisten in mir hervor. „Ufer für alle!“ wollte ich skandieren, wurde aber vom Teenager daran gehindert, weil die Ufer-Situation natürlich unschön, ein solches Benehmen aber viel zu peinlich wäre.

So gingen wir einfach nur über ein paar Steine, hockten am Ufer und schauten hinaus auf einen See, der fast ein Meer hätte sein können. Einen See mit richtigen Wellen. Und mit Möwen.

Dann fing es entgegen der Ansage doch an zu regnen. Also gingen wir zurück zum Auto und überlegten, wo es noch hübsch sein könnte, an dem See. Das Wolkenköpfchen erwähnte, dass es in der Schule einmal ein Referat über Friedrichshafen hätte halten wollen, welches ihr aber von einer Schulkollegin weggeschnappt wurde, weswegen sie ein Referat über Ludwigshafen hielt. Sie dachte, das sei ja ähnlich, im Verlauf der Recherche erkannte sie den Fehler und war von der großen Attraktion Ludwigshafens, dem Knödelbrunnen, und den bekanntesten Söhnen der Stadt, Otto und Rudolf Fickeisen, ihres Zeichens olympische Ruderer, nur mäßig angetan.
Nun wollten wir erkunden, ob Friedrichshafen ein ergiebigeres Referat ergeben hätte, an die Ausführung der Kollegin konnte sie sich nicht mehr erinnern (was mir eine längere Überlegung über den Sinn und Unsinn von vorgetragenen Referaten einbrachte).

Kurz gesagt: Nein. Wir fuhren ein bisschen kreuz und quer herum, fanden irgendwann das Parkhaus an der Uferpromenade, promenierten auch kräftig, aber nach relativ kurzer Zeit hatten wir genug von den Menschenmassen, die an Rimini erinnerten, weshalb wir uns von Friedrichshafen verabschiedeten und lieber wieder zurück in die Berge fuhren, zumal wir auch schon recht lange unterwegs waren.

Auf dem Weg zurück sagte ich irgendwann ganz kess: „Mach mal das Navi aus, ich kenne den Weg jetzt.“
Keine drei Minuten später hatte ich uns verfahren. Erst dachte ich noch: Muss ich hier links? Und ja, ich musste rechts, fuhr aber seltsamer Weise geradeaus. Nicht schlimm, dachte ich. Machste gleich rechts und nochmal rechts und dann passt das. Aber es kam kein rechts, nur ein links und bald war ich verwirrt. Als wir dann an einem Käsefest vorbeikamen, welches mir Schweißperlen auf die Stirn trieb („Käsevergiftung!“) und uns eine Ziegenkutsche mit sechs Ziegen und einem Wägelchen voller kleiner, blonder Mädchen im Dirndel entgegenkam, begleitet vom Almöhi und Fräulein Rottenmeier, rief ich mit zitternder Stimme: „Mach`s Navi an!! Schnell!“
Und schon erläuterte mir die Navi-Trulla, dass ich am nächsten Kreisverkehr die zweite Ausfahrt nehmen müsse und dann einmal rechts und schon war ich wieder in der Spur.

Sodann stellte sich die Frage nach dem Abendessen und alle waren ob der Deftigkeit der vergangenen Tage ein bisschen angeschlagen.
Außerdem hatten wir uns beim gestrigen Besuch im Brauhaus bei der Mahlzeit beobachtet gefühlt.

Es hing ein ausgemergelter Sohn Gottes im Eck und schien vorwurfsvoll zu rufen:
„Seid dankbar, Ihr Heiden, dass Ihr etwas zum Essen habt! Schaut mich an, ich bin für Euch gestorben, zur Vergebung der Sünden! Esst Eure Kasspatzn und habt gefälligst ein schlechtes Gewissen. Schämt Euch! Ihr Kasspatznsünder!“ Das ist schon erschütternd.

Darum holten wir in einem Supermarkt einen Kopp Salat, eine Gurke hatten wir noch, ein bisschen Dressing dazu und kleine Fladen italienischer und elsäßischer Natur aus der Tiefkühlabteilung.
Dieses leichte Abendmahl wurde bei laufendem Fernsehgerät auf dem Sofa verspeist. Anschließend spielten das Wolkenköpfchen und ich noch ein Gesellschaftsspiel und der Gutfrisierte erfreute sich an einem Spiel, bei dem zwanzig Männer einer Kugel hinterherrennen, alleweile zwei herumstehen und warten, dass die Kugel kommt. Absurd. Aber offenbar unterhaltsam.

Und nu ist Schluss für heute. Ich schaue mir noch ein bisschen die Avengers an und werde dann hoffentlich wild von Tony Stark träumen.