Wieder ist ein Tag im Allgäu vergangen und ich muss sagen, dass es bedauerlicherweise der letzte war und morgen früh die Reisegruppe Rheinland zurückkehrt in die Tiefebene.
Auch dieser Tag brachte Erlebnisse in Hülle und Fülle. Überraschend stand eine Wanderung auf dem Programm, man hätte es kaum vermutet. Diesmal ging es entlang eines Wildbachs mit angeschlossenem Wasserfall. Die Gegend war uns nicht gänzlich unbekannt, sind wir doch bei früheren Aufenthalten schon dort entlang gewandert. Aber es ist keinmal so wie davor. Oder besser gesagt, es ist jedes Mal anders. Stets entdeckt man Dinge, die zuvor übersehen wurden. Bei manchen ist es kaum verwunderlich, sind sie doch winzig klein oder nagelneu, bei anderen wundert man sich, wo man seine Augen hatte. Diesmal tauchte eine Kegelbahn auf, die ich nie zuvor gesehen hatte, die aber offensichtlich schon länger existiert.

Ich kam mir ein bisschen wie einer von den Leuten vor, die in Ruinen fotografieren. Und ich fragte mich, und das tue ich immer noch, wie konnte ich die Kegelbahn übersehen? Sie ist eigentlich nicht zu übersehen. Man geht direkt neben ihr entlang? Oder habe ich sie gesehen und das auch gleich schon wieder vergessen? Beide Optionen sind beunruhigend.

Die weitere Wanderung war geprägt von Begegnungen mit der Tierwelt. Den Anfang machte ein Schaf, dass mit Hörnern und einem prachtvollen Fellchen aufwartete. Außerdem war es unglaublich neugierig und wäre gern mit uns gewandert, hätte der Elektrozaun das nicht verhindert.

Es gefiel mir sehr gut, wie es mit seinen kleinen Stampfebeinchen auf uns zu kam und auffordernd schaute. „Redet mit mir, nehmt mich mit, ich möchte Abenteuer erleben!“, schien es uns zuzurufen.
Unterhalb seiner Wiese war eine Baustelle, dort wurde ein neues Haus gebaut. Die Allgäuer Buam, die dort beschäftigt waren, tranken schon zeitig ihr erstes Bier, was darauf schließen lässt, dass Bier in der Gegend auch als Frühstück durchgeht.

Das Schaf musste bleiben, wo es war. Wir wanderten weiter. Den Bach hinauf, den Wasserfall bewundernd, mit Steinchen werfen, illegale Wege erklimmend. Meine Kondition zeigte sich at it`s best und ich schwitzte wenig. Das kann aber auch an der Temperatur gelegen haben. Zwölf statt zweiunddreißig Grad Celsius, das macht doch einen Unterschied. Offenbar bin ich bei niedrigeren Temperaturen etwas belastbar, wenngleich mir nach den ersten zehn Minuten der Kakao aus dem Hals springen wollte. Das Herz klopfte nach wie vor ekstatisch, meine Panik kam trotzdem nicht recht in Schwung, was mir sehr recht war.

Kühe, natürlich trafen wir Kühe, wie sollte es anders sein. Heute trugen die Kühe keine Glocken. Warum? Wir wissen es nicht. Vielleicht ist heute Glockenruhetag. So merkwürdig, wenn eine gespentische Ruhe über der Herde liegt.

Da stehen sie und wundern sich.
Oder auch nicht. Man weiß nicht, was sie denken, diese Kühe. Ob sie sich den Pony alle beim Kuh-Coiffeur schneiden lassen?
Es gab übrigens eine Menge Reibereien in der Herde. „Aggressiver Grundstimmung!“ urteilte das Wolkenköpfchen und da war was dran.
Diese beiden Damen hatte ordentlich Ärger miteinander:

Die Dunkle mobbte die Helle. Die Helle lief weg, die Dunkle hinterher und schubste sie ständig mit dem Kopf gegen den Euter. Irgendwann rannten sie im Affenzahn kreuz und quer über die Wiese, die anderen Kühe schauten träge hinterher, zwei Kühe leckten sich die Köpfe ab, eine kackte im Strahl, und die beiden Kombatanten drehten sich im Kreis umeinander. Eine Viertelstunde schauten wir ihnen zu, wie sie ihre Probeme recht körperlich austrugen. Dann beruhigte sich die Szene. Ich hatte bis dahin noch nie eine Kuh rennen sehen. Es hat mich gebührend beeindruckt und ich musste an Margaret Rutherford denken. Wäre sie je gerannt, es hätte ähnlich ausgesehen. Glaube ich. Überhaupt haben Kühe etwas menschliches.

Ein Oh-wie-süß-Häschen gab es auch am Wegesrand. Es ließ sich sogar mit Gras füttern. Als ob die Halme außerhalb des Geheges besser schmecken würden als die innerhalb. Ich verstehe die Logik dahinter. Bei Menschen ist es ja auch mitunter so, dass die Dinge, die knapp außerhalb der Reichweite liegen, die besten sind.
Aber im Grunde ist das ein Trugschluss. Muss man aber erst mal merken. Auch als Mensch.

Das erschütterndste Bild des Tages, ich habe lange darüber nachgedacht, ob man es wirklich zeigen kann, weil es von der Gewalt der Autoreifen zeugt, war ein überfahrener Frosch. Aber ich bin der Realität verpflichtet.

Um verletzliche Seelen zu schonen, habe ich es aber kleiner gemacht. Damit man nicht von der Wucht der Gewalt, die einem Frosch durch ein Auto angetan werden kann, überfahren wird. Nein, dass ist jetzt ungeschickt ausgedrückt.
Damit es nicht so eklig aussieht, wie es in Wirklichkeit ist. Auch nicht besser.
Wechseln wir einfach das Thema und kommen zu den Schnecken.

„Die schläft.“ sagte der Gutfrisierte zu seiner Tochter.
„Die ist tot!“ sagte Frau Lavendel zu ihrer Tochter und drehte die Schnecke um.

„Die ist ausgezogen.“ sagte die Tochter und wendete ihre Aufmerksamkeit einer weiteren Schnecke zu.

„Das ist ihr neues Haus.“
Gut. Wenn also jemand eine Schnecke kennt, die dringend eine neue Behausung sucht, im Allgäu ist kürzlich etwas frei geworden.

Dann kam die Wanderung langsam zum Ende. Wir beobachteten noch einen Archaeopteryx, der möglicherweise ein Reiher war und der hingebungsvoll auf einen Gartentisch kackte, im Überflug. Es ließ sich leider nicht fotographisch festhalten. Der Vogel war einfach zu schnell. Und wir rätselten über ein Schild mit einem Witz. Wir wanderten nämlich ein Stück entlang des lustigen Wanderwegs, der mit Witzen gradezu gepflastert ist. Aber dieser Witz ist mir und dem Rest der Reisegruppe ein Ällgäuer Rätsel geblieben.

Sollte irgendjemand den Witz verstehen, ich wäre dankbar für eine Erklärung. Kann ja sein, dass es ein echter Schenkelklopfer ist. Den möchte ich natürlich nicht verpassen.

Nach der Wanderung gaben wir uns dem Müßiggang hin, jeder auf seine Art. Lesend, daddelnd, dösend. Dann fuhren das Wolkenköpfchen und ich noch einmal in den Supermarkt, holten dies und das, tankten anschließend das Auto voll und nahmen schon ein bisschen Abschied. So traurig es ist, morgen endet nämlich die Reise. Es geht zurück in die Heimat.
Zum letzten Mal bei dieser Reise stellte sich die Frage, wo essen wir. Und der Gutfrisierte äußerte den Wunsch, noch einmal hinauf auf die Alpe zu laufen und ein Kraut zu essen. Ich war mäßig begeistert, wieder eine halbe Stunde den Berg hinauf zu schnaufen. Das Wolkenköpfchen wollte gar nicht mit. Trotzdem opferten wir uns und hampelten hinauf. Ich legte zwischendurch meinen Schal, der bei elf Grad getragen werden kann im Flachland (bei Aufstieg am Berg wird es auch bei elf Grad warm), dem Gutfrisierten um die Taille und ließ mich ein gutes Stück den Berg raufziehen. Ich muss schon sagen, das hätte ich viel früher machen sollen. Hätte ich vier Herzkasperl weniger gehabt.

Oben auf der Alpe angekommen, erschütterten uns Geräusche. Wir dachte, bei dem Wetter ist da keiner, wir werden ganz allein dort sitzen und unsere Bratkartoffeln und das Kraut essen. Mitnichten. Der Laden war brechend voll mit laut redenden, singenden und jodelnden Eingeborenen. Auf den ersten Blick schienen es hundert, in Wirklichkeiten waren es vielleicht fünfunddreißig in der einen Hälfte des Raumes und zwanzig in der anderen. Ein großes Hallo ging durch die Reihen, als wir unsere preußischen Köpfe zur Tür reinsteckten. Und gleich wurde an einer Ecke auf den Tisch geklopft. „Hier is no frei!“ rief einer. Und ich schob, wild und risikobereit, meine Reisegruppenmitglieder zu der Ecke. Wir hockten uns dazu und wurden unter viel Gegrüße Willkommen geheißen.

Es hatte uns in den Ausflug einer Allgäuer Blaskapelle aus der Nähe von Kaufbeuren verschlagen. Und schon waren wir mitten drin, im Brauchtum. Es gab Armdrücken, es gab lautes Lachen, es gab viel Bier, es gab Jauchzer und Jodler.
Und es gab einen Burschen, der seit unserem Eintreten wie ein vom Blitz getroffener Elch auf seinem Stuhl hockte und das Wolkenköpfchen anstarrte.
Wir bestellten Getränke, eine Erdbeermilch für mich, eine Bananenmilch fürs Wolkenköpfchen, ein Weizen für den Gutfrisierten, bestellten Kraut und Bratkartoffeln und unterhielten uns. Wir saßen am vermeintlichen Seniorenende des Tisches. Die Jugend saß weiter vorne. Unsere Getränke kamen, wir prosteten in alle Richtungen, wurden tausend Sachen gefragt, über unsere Herkunft, wie lang wir schon da seien, wie lange wir noch da sein würden; wir fragten zurück, was für Musik sie machen würden, wie oft sie proben, was sie auf die Alpe verschlagen habe.
Und dann knallten plötzlich zwei gefüllte Weizengläser auf den Tisch und neben dem Wolkenköpfchen quetschte sich der Elch auf die Bank. Mit schon glasigen Augen lud er sie auf ein Bier ein.
Unser Fehler: Wie hatten das Wolkenköpfchen nicht mittig zwischen Mutter und Vater platziert.
Sein Fehler: Das Wolkenköpfchen trinkt kein Bier.
Er quatschte dann ständig auf sie ein, sie wand sich und fand das nicht witzig, ich dafür um so mehr. Er wollte ihre Nummer und gab ihr sein Handy, auf dass sie diese eintippen sollte. Ich nahm das Handy und tippte die Nummer des Gutfrisierten ein. Ich sagte ihm, wenn er Emma sprechen wolle, könne er erst einmal ihren Vater anrufen und fragen, ob sie Zeit habe.
Dass sie Milch trank, wollte ihm einfach nicht in den angetrunkenen Kopf. Und auf Grund der sprachlichen Unterschiede verlief die Konversation zwischen den Beiden nicht reibungslos. Ich aß dann meine Bratkartoffeln und versprach ihr, einen baldigen Abflug. Bis dahin nahm das Werben des Buam seinen Lauf und das Gejohle seiner Kumpane ebenso.
Ich wollte das Wolkenköpfchen jetzt nicht ewig quälen, weshalb ich dann zum zügigen Aufbruch mahnte. Wir müssen ja auch noch unsere Koffer packen. Der Bursche war schon ein bisschen traurig. Wir verabschiedeten uns unter dem gleichen Gejuchze wie beim Hereinkommen. Das Wolkenköpfchen wurde noch lauthals gefragt, wie alt sie sei, ob sie bleiben wolle, aber sie klemmte sich an ihren Eltern fest wie eine Nacktschnecke auf dem Brokkoli.
Kaum hatten wir die Hüttte verlassen, bekam ich einen so furchtbaren Lachanfall, dass ich kaum noch laufen konnte und fast die Blasenkontrolle verlor.
Dieser arme, angetrunkene Kerl. Der wird morgen von den anderen Bläsern verarscht werden. Das wird schön. Und das Wolkenköpfchen werde ich gern immer wieder erinnern an diesen legendären Abend, als sie einen Allgäuer ins Herzeleid stieß.

Nach all dem Brauchtum kehrten wir zurück in die Wohnung, nun packen wir und morgen früh geht es los, zurück zur Familie, die uns schon von Herzen vermisst.
Hoffentlich steht das Haus noch und hoffentlich sieht es nicht ganz so arg dreckig aus.

Auf jeden Fall möchte ich bald wieder eine Reise machen. Es ist so ereignisreich und voll mit Erfahrungen, die man sonst nicht macht.
Semmeln, Kasspatzn, Kruzifixe, Berge, Herzkasperl und die Liebe. So sollte ich die Woche wohl nennen.