Da wollte ich mich mit einer ordentlichen Portion Schokolade ins Bett legen und hirnverbranntes Zeug gucken. Nein, das stimmt so nicht. Eigentlich wollte ich mich ins Bett legen und hirnverbranntes Zeug lesen. Zeug mit unterdurchschnittlichem Niveau, welches ohne Anstrengung vom Hirn verarbeitet werden kann. Nichts mit Liebe, eher mit Leichen. Und Blut.
Bevor ich das Buch zur Hand nehmen konnte, kam mir das Digitalgerät dazwischen. Ich wollte nur kurz die Emails checken. Kennt man ja. Hundertsiebenundvierzig Stück. Biedermann möchte mich wegen der Police sprechen, Erica rät mir, clever zu sein und zu sparen. Wedekind meint, ich solle es auch tun. Ich weiß nicht, was genau ich tun soll. Corina entspricht meiner Anfrage und dann gibt es noch eine Frage von Dating Liebhaber. Von da aus schaue ich noch kurz bei der einen oder anderen Nachrichtenseite vorbei, um mich darüber zu informieren, ob Donald sich nach seinen lustigen Auftritten zum Thema Nachäffen (Behinderte, missbrauchte Frauen und viele mehr) ein weiteres Mal benimmt wie ein Arschloch (wobei er sich nicht nur so benimmt, ich bin davon überzeugt, er ist der Prototyp aller Arschlöcher).
Dann blieb ich kurz an einer Doku über die weibliche Brust hängen. Ist ja nur ein Stündchen, dachte ich und schaute mir an, dass heutzutage jede achte Frau Brustkrebs bekommt. Am Montag lasse ich nachschauen, was bei mir so los ist, nachdem der nächste Einschlag in der Familie stattgefunden hat.

Nach dem Stündchen über das Stillen, Brustdrüsen und die These, dass sich durch den aufrechten Gang das Interesse vom Po zu den Titten verlagert hat, also rein aus perspektivischen Gründen, hing ich noch ein bisschen auf Instagram herum. Solange ich noch mit weitaufgerissenen Augen über das, was dort gezeigt wird, staunen kann, bin ich nicht abgebrüht.
Und dann rutschte ich ein bisschen auf meinen liebsten Blogs herum. Wobei die ganze Zeit das niveaulose Buch im Bett direkt neben mir lag und leise vorwurfsvoll raschelte. Ich hatte einen Babbelfisch im Ohr und konnte darum genau verstehen, dass es mir Vorhaltungen machte. Es nörgelte, dass ich durch meinen Digitalkonsum meine Aufmerksamkeitsspanne in bedrohlichem Ausmaß reduzieren würde. Ich pulte mir den Babbelfisch heraus, warf ihn ins Klo und das Rascheln hörte auf, als ich den Eisbecher auf dem Buch abstellte.

Schließlich landete ich bei Annika. Und sie schrieb, was mich mitten ins Herz traf.
Sehr selten. Ich schreibe sehr selten. Ja. Das stimmt.
Und ich leide. Dass ich nicht mehr schreiben kann, wie ich früher schrieb. Ich denke selbst schon länger darüber nach. Warum? Was ist da los? In mir?

Es gibt schon wieder schlimme Dinge, die passieren. Die mein Herz umkrempeln und mich erschüttern. Und ich würde so gern alles in die Welt hinausschreiben. Aber genau wie das Weinen klemmt das Schreiben in mir fest.
Mir wandern über den Tag verteilt so oft Gedanken an das Schreiben durch den Kopf. Das könnte ich schreiben, dies könnte ich schreiben, darüber ließe sich schreiben.

Aber wenn ich da sitze und schreiben könnte, zum Beispiel darüber dass mein Großer als Jahrgangsbester sein Examen geschafft hat, mein Mittlerer sich umorientieren möchte, die Jüngste sich auf den Weg gemacht hat, der Hund jetzt im Alter immer häufiger kotzt und der Gutfrisierte und ich uns manchmal anschauen, als würden wir uns nicht kennen, dann bin ich müde. Und wenn ich darüber schreiben möchte, was gerade mit meiner Mutter passiert, bin ich sehr müde. Ich könnte über die beste aller Nichten schreiben, die immer einen guten Scherz in ihrem Rucksack hat, nur bin ich unfassbar müde.

Und wenn ich so müde bin, bin ich zu müde, auch nur ein Wort zu tippen. Ich bin sogar zu müde, um zu weinen.
Außer nachts um zwei. Da werde ich wach und weine ganz furchtbar. Für eine ganze Stunde weine ich. Um drei Uhr höre ich wieder auf und schlafe weiter. Am nächsten Morgen frage ich mich, ob ich jetzt wirklich richtig einen an der Waffel bekomme, oder ob ich das noch als orginelle Art nächtlicher Aktivitäten durchgehen lassen kann.

Um es jetzt einmal zu strukturieren und in meinem Hirn klar zu machen, bevor alles wieder in meiner Gefühlssuppe einkocht:

Ich finde mein Leben im Moment total beschissen.
Was soll ich denn schreiben? Und wie?
Ich wünschte, es wäre alles anders.

Ich muss jetzt zuckerhaltige Lebensmittel konsumieren und mich bei einem hirnverbrannten Handy-Spielchen in einen hirnlosen Zustand versetzen.