Als mein Vater seine schwere Operation überstanden hatte, kam der Moment, an welchem ihm das medizinische Fachpersonal dazu riet, eine Chemotherapie zu machen. Obwohl klar war, dass er nur noch kurze Zeit zu leben hatte, riet man ihm, es zu versuchen. Und weil mein Vater eine rechte Neugiernase war und eigentlich nicht verpassen wollte, was wir in der kommenden Zeit noch alles verzapfen könnten, sagte er ja zur Chemo, um noch möglichst viel von dem erleben zu können, was wir verzapfen würden.
Bereits nach der ersten Infusion war klar, dass es eine ziemliche Scheißidee war, denn seine schon schwer angeschlagene Konstitution wurde durch das Giftgemisch noch einmal deutlich verschlechtert. Außerdem wurde er unsagbar traurig, als wäre das Gift direkt in seine Seele geträufelt.
Und dann fielen ihm die Haare aus. Sein weißes, weiches, duftig seidiges und immer gepflegtes Haar, von ihm sein Leben lang gern nach dem Frisörhaarschnitt mit der Nagelschere nachbehandeltes Haar. Und der Bart auch. In Büscheln. Und weil das so war, entschloss er sich für den Kahlschlag. Alle Haare kamen ab, auf einen Schlag. Er sah nicht mehr aus, wie er immer aussah. Schon vorher war zu sehen, dass es ihm schlecht ging, ohne seine Haare wirkte er kleiner, zarter, unsagbar verletzlich.
Es schien, dass ihn mit den abrasierten Haaren all seine restliche Kraft verlassen hatte.

Meine Mutter, bisher langhaarig, trägt jetzt erst einmal eine Kurzhaarfrisur. Und ich habe Angst, dass es ihr wie Samson und meinem Vater geht. Dass mit den Haaren auch die Kraft schwindet. Darum hoffe ich, ihre Haare erholen sich schneller als die Chemo läuft.