Einfach von der Seele schreiben, hat sie gesagt.
Und so mache ich die Musik ganz laut und fange an, nach meiner Seele zu schauen und zu durchsuchen, was sich daran davonschreiben lässt.

Gut, versuche ich es mit dem Teil, der so hartnäckig schmerzt. Der sich einfach nicht beruhigen lässt. Warum tust du denn weh, Seelenstück?
Ah, natürlich, wenn ich dich so betrachte, dann weiß ich genau, was dich quält. Es ist die Tatsache, dass Tote tot sind. Sie sind nicht mehr da. Sie sind weg. Und da kann ich noch soviel daran arbeiten, die Beziehung zueinander auf eine andere Basis zu stellen. Was für eine Beziehung haben denn Tote und Lebende?
Ich könne mir die Gespräche vorstellen, sagt sie. Ich wüsste doch, was meine Toten mir antworten würden.
Weiß ich das? Manchmal schon. Aber das besondere an den Lebenden ist doch, dass sie manchmal etwas sagen, mit dem man einfach nicht gerechnet hat. Dass sie Dinge sagen, die man nicht hören möchte. Dass sie manchmal gar nichts sagen, man genau sieht, dass sie etwas sagen möchten, es aber nicht tun.
Eingebildete Gespräche mit denen, die mich hier allein haben sitzen lassen, sind irgendwie einseitig. Und unsere Beziehung ist durch ihren Tod wirklich belastet. Früher war es entspannter. Wenn meine Bärbelino mir mit ihrem unvergleichlichen Gesichtsausdruck etwas sagte, das mich zum Lachen brachte. Wenn mein Vater mir von einem unvergleichlichen Rezept für Dippekuchen erzählte. Wenn meine Großmutter sich über alle Maßen freute, mich zu sehen. Wenn mein Onkel mit seinem Motorrad vorbeigefahren kam und mich im Dämmerlicht mitnahm zum Schwimmen im Weiher.
Wenn ich mit meinem kleinen Onkel morgens früh um fünf Uhr durch die Küche schlich, auf der Suche nach Schokolade. Wenn ich mit meiner Tante abends im Bett saß und winzig kleine Bilder auf die Wand malte, mit bunten Stiften.
Wenn die Urgroßmütter mich betrachteten, während ich mir den ersten Zahn aus dem Mund zog, mir Michreis kochten, den ich scheußlich fand und trotzdem aß, um sie glücklich zu machen und die Marmelade bewunderte, die unter einer dünnen Folie in einem Glas steckte und sich in Würfel schneiden ließ, weil zuviel Gelier reingeraten war.
Wenn die Großväter mit dem Spazierstock fuchtelten und „Liesl, auf geht`s“ riefen, oder weinend betrunken auf der Couch saßen und in Erinnerungen an den Krieg verschwanden.

So viele Tote. Und so viel Traurigkeit in der Seele um die letzten Toten.
Und Gedanken darüber, wer als nächstes die Seiten wechselt.

Und, Seele? Ist es jetzt besser? Habe ich etwas von dir geschrieben?