Ich habe dann eine Menge zu tun. November, da wird der Toten gedacht und ich bekomme richtig Stress, weil ich überhaupt nicht weiß, wem ich jetzt zuerst gedenken soll und wem als zweites und wem dann und dann und dann.
Ich komme ja schon gar nicht mehr klar, wer überhaupt wann gestorben ist, wo ich doch kein Held der Jahreszahlen bin. Ich weiß ja nicht mal, ob ich schon vierzehn oder fünfzehn Jahre hier wohne, oder ob es vielleicht auch erst dreizehn sind.
Wie soll ich mir da merken, wann wer gestorben ist, zumal manche von denen, die mir jetzt ein Gedenken wert sind, schon in den Achtzigern ihren Abgang vollzogen.

November also, als Totenmonat bekannt. Bin ich froh, dass ich keiner kirchlichen Vereinigung mehr angehöre, sonst würde ich vermutlich noch auf irgendwelchen Friedhöfen herumstolpern und in Kirchen hocken, alleweile mir jemand vorerzählt, was es rund um Tod und Fegefeuer zu sagen gibt.
Dabei würde ich mich innerlich entsetzlich aufregen und bräuchte danach sehr viele Drogen, um mich zu beruhigen. Wie oft habe ich mir eigentlich schon gewünscht, ich würde richtige Drogen nehmen können?
Aber nein, ich bin eine Nullnummer, was den Drogenkonsum anbelangt. All das gute Zeug, angefangen bei Alkohol über Canabis hin zu tablettenförmigen Stoffen, kommt bei mir nicht gut an. Mein Körper ist ein Fimsch. Der verträgt nichts. Mein letztes Glas Wei hatte ich vor vierzehn Jahren. Oder zwölf. Es können auch dreizehn gewesen sein. Es war ein Grauburgunder vom Schwager des Mannes der Nachbarin, ein Winzer, und wurde von mir in einem sonnengewärmten Abendgarten getrunken. Noch nicht einmal ein ganzes Glas. Dreiviertel. Und schon war es vorbei mit mir. Die Beine fühlten sich an, als wären sie mit Blei ausgegossen und das Atmen fiel mir schwer. Kann sein, ich bin allergisch gegen Alkohol. Canabis versuchte ich mit sechzehn. Es war komplett für den Arsch. Die ganze Nacht hockte ich verstört in der Ecke. Danach habe ich nur noch anderen Menschen beim Konsum zugeschaut und mich gewundert, wie ihnen das soviel Freude bereiten konnte.
Andere Stöffchen waren mir seit je suspekt. Und so bin ich nur zu wenigen Gelegenheiten in den Genuß des Rausches gekommen. Einmal, ein einziges Mal habe ich es mit Alkohol vollbracht, auch mit sechzehn, danach war ich mit dem Thema durch. Vor anderen Sachen hatte ich soviel Angst, ich wäre schon vor der Einnahme zusammengebrochen.
Außerdem hatte ich in sehr jungen Jahren, als Kind von echten Achtundsechzigern mit großer Freude am Rauschen, schon genug gesehen.

Aber trotzdem habe ich meine Erfahrungen gemacht. Später. Medizinisch überwacht. Und das, ja das, das war wirklich fesch.
Kurz vor einer Operation, wenn der Sandmann sagt, gleich wird es schön, wird es so schön.
Die ganze Welt ist dann eine Blumenwiese. Nur als Beispiel. Es gab auch einmal eine kleine Tablette, die meinen Ruhepuls von hundertachtzig wieder auf ein Normalmaß senkte. Diese Tablette war ein Highlight. Fließende, bordeauxfarbene Samtstoffe zogen an meinem inneren Auge vorbei und ich fühlte mich, als hätte ich eine warme, weiche Wollkugel im Mund. Ich war sehr entspannt und ungestresst und alles war mir scheißegal. Sogar meine Kinder, und das kam eigentlich nie vor.

Aber ich gehe in keine Kirche, also brauche ich keine Drogen.
Ich mache mir meinen Totenmonat November selber. Ich denke an alle. Der Reihe nach, aber ohne Reihenfolge.
Und damit ich dabei nicht endgültig übern Bach gehe, mache ich mir eine Liste und zu jedem erinnere ich mich an etwas Nettes. Sonst wird das ein dermaßen trübsinniger Scheiß, soviel Propofol gibts nicht auf der Welt, dass man das erträgt.

Den Anfang auf der Liste macht die Person, durch die ich als Grundschulkind gemerkt habe, dass Menschen genauso sterben wie Hamster und weiße Mäuse. Ich war neun Jahre alt und von unserem Balkon konnte man in einen wunderschönen Bauerngarten sehen.
Oppa Schmitz. 
In diesem Garten habe ich mit den Enkeltöchtern von Oppa Schmitz Hindernisparcours aus Klapp-Gartenliegen, Springseilen und Ästen gebaut, die wir uns bei „Spiel ohne Grenzen“ im Fernsehen abgeschaut haben.
Und Oppa Schmitz hat uns in Ruhe dort spielen lassen, dieser hutzelige, kleine Mann in blauen Arbeitshosen, kariertem Hemd und Schiebermütze. Er hatte keine Angst um seine Dalien, Rosen oder Sonnenblumen, er wollte nur Ordnung nach dem Spiel. Das haben wir gemacht und alles war gut. Wenn wir genug Zeit mit dem Parcour verbracht hatten, sprangen wir über den Zaun und liefen durch Oppa Schmitz Felder, auf denen der Weizen stand und im Wind wogte, wie ein gelbes Meer, bis unsere Beine rotpockig juckten und wir uns noch ein bisschen im Garten auf die Wiese legten.

Oppa Schmitz starb. Seine Enkeltöchter weinten. Ich verstand nichts, sah aber, dass der Garten verschwand und stattdessen ein großes Haus entstand. Das Feld verschwand ebenso und eine komplette Neubausiedlung verdrängte den wunderschönen Weizen.
Ich weiß nicht mehr genau, wie sein Gesicht aussah. Ich weiß, wie sein Körper geformt war, was für Kleidung er trug, ich höre noch einen winzigen Ton seiner Stimme.