Es ist so. Er treibt mich auf die Palme. Kaum macht er den Mund auf und lässt seine neuesten Gedanken herauspurzeln wie ein Kaninchen seine Köttel aus dem Nagerhintern, dreht sich in meinem Gehirn der Aggressionsschalter auf „Wütend“ und ich bekomme Atemschwierigkeiten.

Gut. Es mag sein, das ist nicht fair. Ich bekomme es ja nicht von ihm höchstpersönlich gesagt und in seinen Kontext gesetzt. Nein, ich muss mich mit dem begnügen, was in Medienberichten wiedergegeben wird.
Nur, allein das macht mich wuschig.
Es vergeht keine Woche, in der er nicht mindestens einmal durch alle Nachrichten geistert. Mit Ideen, mit Vorschlägen, mit Plänen, mit Meinungen und Ansichten.

Vor ein paar Tagen hörte ich seine sonore Stimme im Radio, erkannte ihn nicht gleich und dachte: Was quatscht der Typ da?
Es ging um den Paragrafen 219a. Und er beharrte darauf, alles müsse bleiben wie es ist, denn immerhin sei es ein doch recht mühsamer Konsens, der gefunden worden sei, damals, als es um Abtreibung und die gesetzliche Regelung derselben ging. Und man solle doch nicht diesen gemütlichen, behaglichen und gut gefundenen Konsens aufkündigen, nur weil einige wenige damit nicht zufrieden seien.
Ich hörte zu und musste mehrfach das Steuer meines Autos loslassen, um mir vor die Stirn zu schlagen. Beidhändig.

Dabei hatte ich mich schon vor einiger Zeit hinreißen lassen, ein längeres Briefchen zu schreiben, welches ich ihm an seine Berliner Adresse schicken wollte. Dann aber dachte ich, es wird ihn mitnichten interessieren, wenn eine dahergelaufene Person sich darüber mokiert, wie er die Dinge handhabt („Wenn ich nun lese, dass Sie die Abgabe von todbringenden Medikamenten ablehnen, wenn ich lese, „Es kann nicht Aufgabe des Staates sein, Selbsttötungshandlungen durch die behördliche, verwaltungsaktmäßige Erteilung von Erlaubnissen zum Erwerb des konkreten Suizidmittels aktiv zu unterstützen.“, dann frage ich mich, ob es das Recht des Staates ist, todkranken Menschen das Erleiden ihrer Krankheit bis zur letzten Sekunde, verbunden mit allen dazugehörigen Schmerzen, Qualen, mit dem Verlust von Würde und Menschlichkeit, abzuverlangen.“).

Wie muss ich mir das eigentlich vorstellen? Wie kommt er auf seine Ideen?
Bemühe ich einfach einmal meine Phantasie, von der gibt es ja ein gerüttelt Maß in meinem Kopf.

Er steht morgens auf, lässt die vergangenen fünf Tage innerlich vorbeidefilieren, wirft seinen Computer an und ein extra für ihn entworfenes Programm zählt rasch die Einträge seines Namens im kompletten Internet. Weltweit.
Dann wird ein Balkendiagramm für die Tage erstellt.
Und sobald sich der Balken verkürzt, startet er ein weiteres Programm:
Dinge, die ich noch nicht gesagt, kommentiert, verbreitet habe. Dieses Programm wirft ihm dann drei Vorschläge aus, er überlegt, was gerade passen könnte und verschickt eine Menge Emails an Menschen mit Reichweite. Das ist nämlich wichtig. Dass die Dinge, die er dann auswirft (kurze Erinnerung ans Kaninchen), möglichst weit reichen. Und viele Menschen seinen Auswurf wahrnehmen.
Denn der große Titel, die Überschrift unter dem all das stattfindet, lautet:

Jens Spahn, Kanzler

Wobei es auch einmal hieß:

Friedrich Merz, Kanzler
(Das hat ja auch nicht geklappt. Weil ihn die Kanzlerin aussortierte, auf dass er als Wirtschaftsexperte erst einmal ein paar Millionen verdienen konnte, um endlich einmal der Mittelschicht anzugehören.)

Ich warte jetzt auf weitere Vorschläge und Überzeugungen von Herrn Spahn. Damit ich mich auch weiterhin kraftvoll aufregen kann.