Durchgespielt

Es ist wie damals, als ich Toejam and Earl komplett durchgespielt hatte. Ein Gefühl der Befriedigung, der Befreiung, des Glücks aber auch eine seltsame Leere durchströmten mich.
Genauso ging es mir in der vergangenen Woche, als der wirklich groß gewordene älteste Sohn mit seinem Sack und seinem Pack das Haus verließ und ein Zimmer zurückblieb, dass von vielen Jahren des Erwachsenwerdens erzählen konnte.
Löcher in der Wand, Schrammen in den Dielen und einiges, was einfach aus dem Fenster flog, weil das der kürzeste Weg zum Sperrmüllhaufen war.
Ich habe also das erste Kind sozusagen durchgespielt. Jetzt wohnt er in einer eigenen Wohnung. Und ganz entgegen seiner sonstigen Chaosqualitäten hat er es bisher noch nicht geschafft, die Bude in einen Schweinestall zu verwandeln. Was hier nur eine Frage von Minuten war, Klamotten-ausziehen-und-in-die-Ecke-pfeffern,
Essen-auf-Geschirr-mit-nach-oben-nehmen-und-dann-unter-dem-Bett-lagern,
Flaschen-voll-und-leer-überall-herumliegen-lassen, all diese schnell und effektiv durchgeführten Maßnahmen zur Verunreinigung eines Raumes, es ist, als habe es sie nie gegeben.
Seine Wohnung ist nett, adrett und aufgeräumt. Jeden Abend spült er sein Geschirr. In seiner Küche. Damit die Speisereste nicht antrocknen. Ich fasse es nicht. Wie kann das sein? Der Typ, der das Alter von Ketchupresten auf einem Teller anhand der Trocknungsrisse bestimmen konnte, der lässt nichts mehr antrocknen.

Heute kam er mittags überraschend einfach vorbei. Gut, er hat noch kein Internet und war scharf auf ein bisschen Wlan. Ich gebe mich nicht der Illusion hin, er sei wegen Sehnsucht nach seiner Mutti vorbeigekommen. Bei einer Entfernung von fünf Kilometern zu seiner Wohnung wäre das auch merkwürdig. Sehnsucht wächst möglicherweise mit der Entfernung.
Und wie er da so saß, da lief sein Leben noch einmal an mir vorbei. Die ganzen Momente, die wir geteilt haben. Damals, als ich vor dem Fernseher lag, komplett geschlaucht von der Arbeit, mir Beverley Hills neunzig zweihundertzehn reinzog und Andrea in dieser Folge bei ihrer Ärztin auf der Liege hockte, ängstlich schaute, weil sie dachte, sie hätte Grippe oder Krebs und die Ärztin sagte, neinnein, sie habe nichts dergleichen, sie sei einfach nur schwanger. Und ich zuckte zusammen. Fühlte ich mich doch nach grippalem Infekt oder Krebs, konnte mich aber plötzlich nicht mehr an meine letzte Periode erinnern. Sofort lief ich in die Apotheke und nur zwanzig Minuten später machten wir miteinander Bekanntschaft, der Sohn und ich. Ich war sehr fassungslos, der Sohn war kaum beeindruckt, denke ich. In den nächsten Monaten wuchsen wir zusammen, wurden größer, bis er sich auf machte in die Freiheit, raus aus dem Uterus, rein ins Leben. Dieses Gefühl, als er mit meiner letzten Kraft aus mir herausrutschte. Das ist mit nichts zu vergleichen.
Meine folgende Angst, er könne sterben. Es gab unendliche viele Möglichkeiten für ein Baby, zu sterben. Nicht mehr zu atmen, eine davon. Irgendwo herunter zu fallen. Zu Tode verschlucken. Überfahren zu werden. Geklaut zu werden. Im Waschbecken zu ertrinken. Beim Zähneputzen an der Zahnpaste zuersticken. Oder an der Zahnbürste.
Gefahren überall. Bei der Geburt wird das Kind geboren, ein Vater, eine Mutter und die Angst.
Wir schafften es, ihn am Leben zu halten, er wuchs und tat seinen Kinder-Job.
Dann kam der Moment in seinem Leben, der unser aller Leben, das seiner Eltern und das seiner Geschwister in ein Davor und ein Danach teilte. Der Moment, an dem es fast passiert wäre, an dem wir ihn nicht davor bewahren konnten, dass der Tod sich an das Fußende seines Bettes stellte und Ansprüche anmeldete. Der Tod wurde vertrieben, er bekam ihn nicht. Und der Sohn genaß langsam. Kaum hatte er genug Kraft gesammelt, stürzte er sich kopfüber in alle Schwankungen, die die Pubertät hervorbringen kann. Ohne Rücksicht auf Verluste.
Und jetzt?
Jetzt sitzt er auf dem Sofa, grinst und ist erwachsen.

Und ich, die ich gestehen muss, die Tage abgezählt zu haben, bis er das Zimmer unter dem Dach geleert haben würde, spüre den kleinen Stich. Ich lasse ihn gern gehen. Ich habe ihm das Zimmer auch ein bisschen unter dem Hintern wegrenoviert. Konnte es kaum erwarten. Trotzdem ist er jetzt da. Dieser Stich. Etwas ist vorbei.

Wie ein kühles Tuch legt sich auf den Stich das Gefühl, weiter für ihn dasein zu können. Das ist wunderbar. Wie mein Vater für mich da war, so bin ich jetzt für ihn da. Weshalb ich solche großartigen Dinge tue wie einen Alibert aufzuhängen. Ja, Alibert. Beleuchteter Badezimmerschrank mit Spiegel. Kann ich jetzt. Wenn man dreimal die Elektrik verkabelt hat und das Scheißding immer noch nicht die Glühbirnen leuchten lässt, dann sind es nicht die Kabel. Dann muss man einfach den Ein- und Ausschalter am Alibert himself einmal betätigen. Das hilft. Und wenn man ein Loch zu groß gebohrt hat, dann dreht man eben drei Schrauben rein. Sowas kann er noch lernen von mir, der Bursche. Mein Vater dreht sich vermutlich in der Urne, denn er hätte niemals so gemurkst wie ich das tue. Aber damit muss er klar kommen.

Und ich habe jetzt ein Zimmer. Ein Schlafzimmer. In dem kann ich durchschlafen. Keine nächtlichen Attacken auf meine Ohren, keine Geräusche aus schlaffgesegelten Gaumen, einfach Ruhe. Ein Zimmer, in welchem ich schreiben kann. Ein Zimmer mit Tür. Ein Zimmer, klein, weit oben unter dem Dach. Ein Zimmer, dessen Wände ich von Löchern befreit habe, dessen Dielen ich poliert habe, das ich gestrichen habe in einer frischen Farbe, ein Zimmer, in dem ein weicher Sessel steht.
Mag sein, ich stelle demnächst Teller mit angetrockneten Ketchupresten darunter.
Auf jeden Fall darf mich der große Sohn gern hier oben besuchen kommen.

(… da waren es noch zwei…)

P.S.: Da hat mich Annika darauf aufmerksam gemacht, dass mein Blog gemocht wird. Vom Zeilensturm. Und das erfüllte mich großer Freude. Und auch ein bisschen Stolz.
Vielen Dank.

Six feet under, again and again

Mittlerweile bin ich ja ein Beerdigungsveteran. Die Menge an Beerdigungen in den vergangenen Jahren nimmt bedenkliche Ausmaße an und mitunter spüre ich paranoide Zustände, fühle mich von diesen Vergraberitualen verfolgt.
Ich hatte sie alle. Die katholischen, die evangelischen, die konfessionslosen Veranstaltungen zur Verabschiedungen der übriggebliebenen Körperbestandteile.
Die einen so, die anderen so, die Geschmäcker sind da ja verschieden. Was dem einen Trost und Beistand, ist dem anderen Pein und Qual. Und umgekehrt.

Nun habe ich mein Bestattungsrepertoire um eine Zen-Zeremonie erweitert.
Als ich im Vorfeld davon erfuhr, war ich doch ein bisschen gespannt. Endlich mal was anderes, dachte ich. Und fuhr beschwingt in den Westerwald, um mir das anzuschauen und der Tante einen letzen Gruß zu entbieten. Meine Traurigkeit, wie gesagt, eine Melancholie, ein nagendes Gefühl, keine wilde, wüste Trauer. Gute Voraussetzungen mit einigermaßen erträglicher Verfassung durchzukommen.

Dann verfuhr ich mich bedauerlicherweise und musste dadurch einen Umweg in Kauf nehmen, der mich Zeit kostete, die mir fehlte. Die Beerdigung war für vierzehn Uhr angesetzt. Und da kommt man gefälligst pünktlich. Auf die Sekunde. Auch bei Zen-Zeremonien. Ich weiß das, denn schießlich war ich ziemlich abgefuckt, als meine Schwiegermutter zur Beerdigung meines Vaters ein akademisches Viertelstündchen zu spät war und ich schon mitten in der Rede.
Nachdem ich mein Auto durch Käffer gejagt habe, die ich nie vorher gesehen hatte, in einem Tempo, das mich teuer hätte zu stehen kommen können, stand ich exakt um dreizehn Uhr neunundfünfzig in der Friedhofs-Kapelle. Das ich keinen Sitzplatz mehr bekam, geschenkt. Selbst schuld, hätte ja früher losfahren können.
Und dann begann auch schon die Zeremonie.
Zwei Männer, einer in einem schwarzen Kleid, einer in einem goldenen Blazer, standen vorn vor der Urne. Im Hintergrund unser Herr Jesus am Kreuze, der sich die folgende Performance mit unbewegtem Gesicht anschaute.
Die Männer standen, fielen auf die Knie, beugten das Gesicht zu Boden, standen auf, winkelten sich in der Hüfte ab, fielen wieder auf die Knie, zu Boden, wieder auf, wieder zu Boden, hin und her, auf und ab und dabei ein monotones, meditatives Gemurmel. Irgendwann müssen Räucherstäbchen entzündet worden sein. Ich sah sie nicht, ich roch sie.
Und immer weiter Gemurmel. Ich verstand kein Wort. Weder vom Gemurmel, noch verstand ich den Sinn. Ich stand da, schaute auf die Urne, sah mir jede Menge Hinterköpfe an und kam ins Sinnieren. Weil ich nichts verstand, hatte ich Platz im Hirn für marodierende Gedanken.
Erst wollte meine Verfassung ins Lustige abschweifen. Meine klassische Verweigerungshaltung. Traurig? Später, erst mal kichern, bitte. Aber mein eingebauter Anstandswauwau kläffte und biss mir kurz in den Frontallappen. „Lass den Scheiß!“ rief er und ich riss mich zusammen. Ich fragte mich also nur kurz, ob die Männer wohl kalte Füße hatten, da sie ihre Zeremonie-Verrichtungen ohne Schuh und Strümpfe taten. Betrachtete auch nicht allzu lange die faltigen und leicht angegrauten Fußsohlen. Vielmehr erging ich mich in der Bewunderung dieser doch recht sportlichen Leistung. Einer der beiden schien Probleme mit den oberen Atemwegen zu haben, musste er doch immer wieder das Murmeln unterbrechen und hüsteln.
Jesus hing und schaute weiterhin unbewegt.
Ich hielt meine Anwandlungen im Zaum und versuchte, mich zu einer Stimmung der Andacht zu bewegen. Ich fragte mich, was wohl gemurmelt wurde und wozu es dienen sollte. Ob die Seele einen Hinweis bekommen sollte, wo die Reise lang geht? Ob das meditative Geräusch ihr Geleit sein sollte auf dem Weg dahin, wo die Zen-Leute hinkommen? Und wo ist das? Kommen alle an den gleichen Ort, egal wie sie bei der Beerdigung begleitet werden?
Aber hallo, rief ich in mir, spirituelle Begleitung! Gute Sache. Blöd, wenn nichts kommt. Wenn die Seele nicht da ist. Nichts übrig bleibt. Wat fott is, is fott. So sagt das der Rheinländer. Da kann die Seele begleitet werden, wenn sie nicht da ist, ist sie nicht da.

Ein lautes Scheppern einer Klangschale rief mich zurück und ich erging mich knapp gedanklich in mathematischen Bereichen. Sinuskurve, Parabel, Klangschalen, man  kennt das. Nur um gleich wieder abzuschweifen. Der Tod, unfassbar. Immer wieder. Jemanden nie wieder sehen zu können. Auch nach zwei Jahren darauf zu warten, dass mein Vater endlich vom Einkaufen nach Hause kommt. Nach einem Jahr auf das Handy zu schauen und sich zu fragen, wann wir endlich mein Geburtstagsessen nachholen, meine Herzensfreundin und ich. Donnernd die Erkenntnis, lange warten zu können auf die, die nicht zurückkommen. Ist noch etwas da von ihnen? Von meinen Onkeln? Von meinen Großmüttern? Von all denen, die in meinem Herzen wohnten? Und wohnen sie nicht weiter dort?

Das Gemurmel endete. Etwas verwirrt tauchte ich aus den Gedanken auf und sah, dass ein Mann sich an ein Mikrophon stellte und anfing, über meine Tante zu sprechen. Ihre Kinder hatten den Text verfasst. Richtig toll wäre es gewesen, hätte der Mann den Text vorher mal gelesen. Dann hätte er sich nicht so häufig verhaspelt.
Und er hätte sich mal erkundigen dürfen, wie man den Namen meiner Tante ausspricht. Man stelle sich vor, eine Silvia ist verstorben. Und das Mietmäulchen schafft es, in der Trauerrede aus Silvia eine Sülüa, eine Sölvia, eine Syvlia und eine Saulvia zu machen.
Ich biss mir so arg auf die Lippen, um ihn nicht anzubrüllen, ob er vielleicht mal den Namen richtig ausprechen könnte. Es war verstörend.

Nachdem er ein bisschen von Glück und Liebe und Hingabe im Leben meiner Tante erzählte, war die Indoor-Veranstaltung beendet und es ging hinaus zur Urnenwiese. Und da stand ein Tischchen mit einer Teekanne. Ich konnte nicht sehen, was mit dieser Teekanne gemacht wurde und wie die Zeremonie beendet wurde. Ich stand ganz hinten, hinter all den anderen Menschen und wollte auch gar nicht näher hin. Ich habe genug Urnen in diesen Löchern verschwinden sehen. Ich habe genug Tränen gesehen und vergossen. Mein Herz war schwer, als ich meine Cousine sah. Wenn man weiß, wie jemand sich fühlt, weil man den Schmerz so gut kennt. Und diesen Schmerz sieht, im Gesicht, im ganzen Körper. Ich umarmte sie fest, flüsterte ihr ins Ohr:
„Ich weiß es. Ich kenne es. Ich verspreche dir, es wird besser. Nicht jetzt. Nicht morgen. Irgendwann. Es wird immer schmerzen, aber es wird besser. Halte nur fünf Minuten aus. Dann noch mal fünf Minuten. Fünf Minuten schaffst du. Mehr nicht. Mehr musst du nicht aushalten. Aber diese fünf Minuten, die bekommst du hin. Irgendwann wird es so wehtun, dass du es erträgst.“
Und dann ging ich zum Auto. Vor mir ging der Mann, der die Trauerrede gehalten hatte. Ich wollte ihm gern ein Bein stellen. Aber ich bin mir nicht sicher, ob man im tiefen Westerwald für sowas nicht möglicherweise gelyncht wird.

Nah standen wir uns nicht. Darum ist die Trauer diesmal ein melancholisches Kissen mit Gedanken über verpasste Möglichkeiten und Unglück. Nicht so wild und zehrend wie vor zwei Jahren, als mein Vater starb. Nicht so unheilbar, untröstlich wie vor einem Jahr, als meine Herzensfreundin starb. Nicht so erschreckend und verletztend wie vor vier Jahren, als mein Onkel starb. Nicht so unbeteiligt wie vor bald zwei Jahren, als mein Schwiegervater starb.
Und vielleicht ist meine Ressource, trauern zu können, einfach ein bisschen erschöpft.
Eine melancholische Trauer also. Ein wehmütiges Lächeln. Der Gedanke, nun ist es wieder einer weniger. Meine Tante. Unerwartet. Mit neunundfünfzig Jahren. Nach einem Leben, das ich so nicht hätte haben wollen. Aber es war ihres; und wie es ihr darin ging, wer bin ich, darüber zu urteilen.

Die Trauerarbeit geht weiter.

Englische Performance

Alter Schwede!
Nein, vielmehr Alter Engländer!
Die Performance von Kate am heutigen Tag hat mich wirklich aus den Socken gehoben. Gut, auch bei Kind Nummer eins und Kind Nummer zwei war sie schon wie aus dem Ei gepellt daher gekommen. Bei Kind Nummer drei innerhalb von vier Jahren aber immer noch die Stufen des Krankenhauses herunterzukommen, als wäre sie eben nur ein oder zwei Stündchen bei der Kosmetikerin gewesen; Respekt.

Und dann denke ich daran, wie ich aussah, nach Kind Nummer eins, zwei und drei. Mein lieber Herr Gesangsverein. Es gibt Fotos davon. Ich schaue sie nicht gern an.
Nach Kind Nummer eins, Stunden, Stunden, Stunden, es zog sich, Medikamenten von ausgesprochener Güte, PDA und allem Zipp und Zapp sah ich aus, als hätte mich der Riese Timpetu durchgekaut und ausgekotzt. Davon mal ganz ab hätte ich meine Füße ums Verrecken nicht in Pumps geschoben bekommen, es sei denn, es wären die Pumps von besagtem Riesen gewesen.
Desweiteren bescherte mir ein gebrochenes Steißbein einen eierigen Gang.
Gut, Kind Nummer zwei ging so viel besser, es war gradezu ein Spaß, ihn zu gebären. Im Vergleich zum ersten Kind. Im Vergleich zu einer Zahnarztbehandlung… ach, lassen wir das.
Nach zwei Stunden im Kreissaal haben wir das Krankenhaus wieder verlassen. Ohne Pumps und Kleidchen, dafür verschwitzt, verklebt, verschattet um die Augen.
Kind Nummer drei hat etwas auf sich warten lassen, nicht zu lange aber ein bisschen. Während der Geburt schwirrte mir ein Satz wie ein Mantra durch den Kopf und kurz vor knapp brüllte ich ihn einfach aus mir heraus.
WIE BESCHEUERT KANN MAN BITTE SEIN, DIESE SCHEIßE DREIMAL ZU MACHEN? ERSCHIEßT MICH!!
Ob Kate das wohl ebenfalls dachte und brüllte? Oder ob sie royale Zurückhaltung übte?
Auch nach dieser Geburt verließen wir zügig das Hospital. Und ich ging, als hätte ich Probleme mit meinem Körper. Hatte ich auch. Es füllte sich an, als hätte ich Backsteine geschissen als wäre ich im Genitalbereich zerhäckselt worden als hätte ich meine innere Mitte verloren. Ich fühlte mich etwas leer. Meine Lunge hatte zuviel Platz und meine Gedärme rutschten fast durch den Beckenboden waren nicht mehr optimal befestigt. Mein Kreislauf war angeschlagen und die Erinnerung an den sehr großen Klumpen koagulierten Blutes, der mir nach dem Aufstehen einfach so herausrutschte und mit einem Geräusch wie ploppklatsch auf dem Boden zersprang verfolgte mich.
Ich hätte nicht winken können. Ich musste mich irgendwo festhalten.
Und gelächelt habe ich vielleicht auch nicht. Aber das weiß ich nicht mehr, möglicherweise doch. Es ist etwas schwammig in der Erinnerung.
Ich war jedenfalls froh, als ich zuhause in meinem Bett lag, die beiden großen Kinder, die zwei und fünf Jahre alt waren, in ihren Betten lagen und schliefen und der Rest der Welt konnte mich mal so richtig gern haben.

Ich hoffe von ganzem Herzen, dass Kate jetzt in ihrem Bett liegt und sich, statt auszusehen wie aus dem Ei gepellt, ein Ei auf alles pellt.

Irrsinn, Wirrsinn, Denksinn.

Es gibt Momente, da hätte ich es gern anders. Wirklich gern. Da würde ich mein Leben gern so haben:

– deutlich weniger denken!
– religiös sein und deutlich weniger denken!
– seltener zweifeln!
– noch weniger denken!

Dieses Denken, diese unablässige Bewegung in meinem Kopf, das macht mich wirklich irre. Das sind nicht ständige Gedanken wie zum Beispiel, was soll ich morgen kochen? Muss ich heute noch staubsaugen? Ich muss noch die Puppe fertignähen, was soll sie nur für eine Haarfarbe haben? Warum habe ich vergessen zu tanken? Muss ich meine Mutter anrufen? Wie oft muss ich noch auf einem Klo ohne Kopapier sitzen bleiben?
Auch, aber nicht nur.
Es sind andere Gedanken, die kreisen und herumkurven, und diese Gedanken sind manchmal so unerträglich laut.
Dann schreit es förmlich in meinem Kopf herum.

Warum sind Kinder so schwierig?
Hätte ich etwa anders machen sollen? Müssen? Können?
Wird es mir irgendwann gelingen, mein Leben so auf die Reihe zu bekommen, wie ich es gern hätte?
Werde ich mich jemals in der Tiefe glücklich fühlen können? Länger als einunddreißig Sekunden?
Wie groß ist das Weltall? Wo ist es zuende? Gibt es die Unendlichkeit? Sind meine Gedanken nach dem Denken weg? Was machen Gedanken mit meinen Gehirnwindungen? Verändert sich etwas in meinem Kopf, wenn ich denke?
Wie klein bin ich? Wie groß bin ich?
Wie kommt es, dass ich immer weniger lache?
Wie kommt es, dass ich immer noch lachen kann?
Wo sind alle meine Toten hingekommen?
Warum liegen immer noch die Ballons im Wohnzimmer herum?
Werde ich Schokoladenkuchen ohne Desaster backen können?
Kommen Magenschmerzen von zuviel denken?
Hat der Hund einen Floh?
Was stand noch in dem Buch, das ich gestern fertig gelesen habe? Warum fahre ich manchmal los und weiß plötzlich den Weg nicht mehr? Wie schalte ich den Autopiloten aus?
Warum schenkt mir der Gutfrisierte keine Blumen?
Warum lasse ich mich von meinen Kindern anmeckern?
Kann ich meine Kindheit jemals hinter mir lassen? Werde ich sie irgendwann nicht mehr spüren?
Wie klein können Narben werden?
Warum habe ich so wenig Schuhe? Warum ist mir das egal, dass ich so wenig Schuhe habe?
Stirbt in diesem Frühling wieder einer, der mir fehlen wird?

RUHE! Haltet das Maul, ihr verdammten Denkvorgänge! Eine kleine Meditationsübung später sind die ganzen Kollegen schon wieder da und texten mich munter weiter zu.
Das kann doch nicht wahr sein, wirklich. Die wollen einfach nicht still sein.

Ich vermute, es liegt an der Jahreszeit. Es gibt Jahreszeiten, die sind besser als die anderen. Da denke ich nicht so viel.
Und in manchen Zeiten reicht der Platz im Kopf nicht.

 

Rücken und Schwerkraft

Doch, der Rücken erholt sich. Langsam zwar, aber man weiß ja, gut Ding will Weile haben. Auch das in der Kettenreaktion in Auflösung begriffene Knie links und das jammernde Knie rechts zeigen eine Bereitschaft, ihren Dienst zu verlängern.
Dass der Magen mit einer vulkanähnlichen Säureeruption mein Leben ungemütlicher machte, was soll es denn. In Zeiten der Körperoptimierung muss man das als moderne Frau mit einem Lächeln unter: Wie gut, ein Kilo weniger ohne zu kotzen! verbuchen.
Großartig.

Ja, der Körper. Mitunter ein Quell der Sorge, der Entnervung. Einiges ließe sich besser ertragen, wenn nicht im entscheidenden Augenblick, dem Moment, in dem man wirklich ein bisschen Unterstützung braucht, die Schwerkraft bösartig wird.
Der Rücken schmerzt und die brennende Brühe aus dem Inneren kommt einem hochgeschossen, sobald man sich vorbeugt. Die Knie heulen, wenn man statt der Rumpfbeuge die gute alte Kniebeuge praktiziert. Ungefähr fünfhundertmal. Denn die Schwerkraft, dieses Miststück, sorgt dafür, dass alle paar Sekunden irgendetwas zu Boden rauscht.
Taschentücher, Gabeln, Obst, alles greift sich diese kleine Schlampe und befördert es in den Fußraum. Und als nicht voll funktionsfähiger Mensch mit Matschkörper ist man ein Opfer. Ich bin ein Opfer. Ein Opfer der Schwerkraft.

Manchmal reicht ein Wort

Es ist ein Empfinden im Bauch. Ganz sicher, es ist im Bauch. Und da dreht es sich hin und her. Rauf und runter. Verdammt unangenehm, das Ganze. Ein bisschen wie zwei Bissen zuviel, obwohl es eben noch so gut schmeckte. Dazu fangen die Beine an zu wibbeln. Innerlich. An den Knochen entlang. Und dann steigt es immer weiter auf, Richtung Kopf.
Mit tiefen Atemzügen versucht man, es in den Griff zu kriegen. Wenn man kurz vorm Kotzen ist, dann atmet man genauso. Oder kurz vorm Gebären.
Klappt aber nicht. Es entwindet sich dem Griff und wird mit jedem Augenblick ein bisschen wilder. Und wächst. Und wächst.
Was ist das nur?
Ein Gefühl ist es. Einfach ein Gefühl.
Der Kopf wird immer voller, die Augen zappeln hin und her, die Ohren hören ein Rauschen wie von wildem Wasser. Der ganze Körper ist gefüllt. Und es will raus. Es will einfach nur noch raus. Mit einer gewaltigen Woge will es sich befreien.
Warum bin ich so unglaublich wütend?
Was treibt mich so auf die Palme?

Es ist ein Wort. Ein einziges Wort. Vielleciht. Ich hasse vielleciht.
Warum schreibt sich vielleicht nicht einfach vielleciht?
Dann müsste ich mich jetzt auch nicht so unangemessen irre fühlen.

P.S.:
Es lag nicht am vielleciht. Denn vorhin fuhr der Bürgerbus mit fünfundzwanzig Stundenkilometern vor mir her. Erschütternd, was das aus mir machte. Gut, da sitzen rohe Eier und uralte Leute drin. Aber fünfundzwanzig Stundenkilometer auf der Landstraße? Ich muss doch sehr bitten.
Und am Bankautomaten waren drei Leute vor mir. Zwei davon holten Kontoauszüge. Haben die sonst nichts zu tun? Und die letzten Auszüge hatten die vermutlich zweitausendvierzehn geholt. Oder die haben eine Menge Traffic auf dem Konto. Wer weiß. Es dauerte und dauerte und mir saß die Zeit im Nacken. Denn ich hatte die Zeit verpeilt und darum vergessen, Wolkenköpfchen zur Nachhilfe zu bringen.
Und dies. Und das. Und von den Tappas am Abend ist mir jetzt kodderich. War zuviel.
Was für ein Segen, dass es hier in diesem Land so strenge Waffengesetze gibt. Manchmal traue ich mir selbst nicht.

Ein Blick dahinter

Sie stehen an der Stange und biegen ihre Körper. In alle Richtungen, bewegen die Arme auf zarte Weise, die Beine gleiten, der Rücken biegt und streckt sich. Wie Seidentücher in einer sanften Brise.
Dazu spielt Klaviermusik und man sieht sie in ihren Körpern, die Töne, die Melodie.
Die Haare sind zu festen Knoten gebunden, enge Trikots zeigen jeden Muskel, die Gesichter ernst, konzentriert.
Das Wolkenköpfchen eine von ihnen. Wunderschön anzusehen. Der lange Hals, die schlanken Arme, diese Zartheit, die Eleganz, die Hingabe an das, was sie gerade tut.
Ein Blick darauf und es wirkt wie nicht von dieser Welt.

Vor fast vier Jahren ließ ich das Wolkenköpfchen gehen um Tänzerin zu werden. Sie war dreizehn und es war ihr Traum und ihr Leben. Es gab nichts, was sie mehr wollte für ihr Leben. Ich stopfte mein ängstliches Mutterherz in eine Kiste, suchte allen Mut zusammen, den ich finden konnte und ließ los.

Ein dreizehnjähriges Mädchen war sie als sie ging, eine siebzehnjährige junge Frau kam zurück.

„Wir sind uns unserer Verantwortung für diese jungen Menschen, die sich an unserer Akademie ausbilden lassen, absolut bewusst.“ hieß es, als sie aufgenommen war.
„Wir danken Ihnen für Ihr Vertrauen und dass sie uns Ihre Töchter und Söhne anvertrauen.“

Die siebzehnjährige Frau, die wieder zuhause lebt, ist schwer verwundet. In ihrer Seele. Ihr Körper erholt sich schneller, die Zehen sind verheilt, die Zehnägel nachgewachsen, nach ein paar Wochen wurden die Schmerzen weniger, der Nacken ist besser. Sie sieht nicht mehr so erschreckend dünn aus. Aber die Seele.
Der Hass auf ihren Körper, weil er mit fünfundvierzig Kilo zu schwer war. Bei einssechzig in der Länge. Fünf Kilo sollten noch herunter. Weil ihr Körper der einer jungen Frau geworden ist, mit einer Taille und Brüsten. Weil der ideale Tanzkörper ein anderer ist als der ihre. Flach überall, ohne Kurve, ohne Weichheit.
Das Erleben, wenn etwas nicht sofort geht; wenn eine Bewegung etwas länger braucht um gelernt zu werden, weggestoßen zu werden. Zu sehen, wie man als Person keine Bedeutung spielt, wie unwichtig man ist, keine Rolle spielt. Höchstleistung, sonst nichts. Keine menschliche Hinwendung, keine Unterstützung.

Sie haben mein Kind dort verletzt. Drei Jahre lang haben sie dort all das missachtet, was in meinem Wertesystem ein gutes Zusammenleben bedeutet. Und der Wunsch zu tanzen war beim Wolkenköpfchen so übermächtig, so stark, das Glück im Tanz so groß, dass sie ertrug. Dass sie mitspielte in diesem unmenschlichen Spiel. Um das tun zu dürfen, was ihr am meisten bedeutete.

Disziplin, alles hinnehmen, sich selbst auf härteste Art kritisieren. Nie genug sein. Nie reicht es, immer geht es noch ein bisschen besser. So sind die Mädchen, die tanzen und auf die Bühne wollen. Und wie sind die, die sie dort hinbringen wollen?
Nie ist etwas für sie gut genug, immer fordern sie noch mehr. Schmerzen? Egal, reck dich höher. Der Nacken schmerzt? Beweg dich, dann wird es besser. Persönliche Dinge? Dein Leben? Dein Hals muss länger werden. Zieh die Schultern herunter. Du bist traurig? Der Bauch muss flacher sein. Heb das Bein höher. Wie hältst du den Arm? Nicht gut. Tränen? Lächle! Zeig, wieviel Spaß du am Tanz hast.
Und nun auf die Waage.

Jedes Jahr legen sie eine Prüfung ab, diese jungen Menschen, die tanzen wollen, die tanzen müssen. Jedes Jahr schwebt über ihnen das Ende ihrer Träume. Das ganze Jahr bereiten sie sich auf diese Prüfung vor. Trainieren ihre Körper weit über Grenzen hinaus. Sie leiden. Sie haben Schmerzen, sie weinen, sie quälen sich, um diese Prüfung zu bestehen. Nie haben sie das Gefühl, gut vorbereitet zu sein, es schaffen zu können. Immer haben sie im Kopf, nicht zu genügen. So werden sie tainiert. Immer dort, wo es weh tut.
Und wenn sie die Prüfung bestehen, freuen sie sich nicht. Denn es heißt nicht, dass sie irgendetwas gut gemacht haben, es heißt, sie müssen noch mehr an sich arbeiten. Abnehmen, schneller werden, besser werden.

Das Wolkenköpfchen bestand die Prüfung im Sommer. Sie hätte weitermachen können. Und sie suchte all ihren Mut zusammen und hörte auf.
Kam nach Hause.
Seitdem setzt sie ihre Seele in kleinen Schritte wieder zusammen.

Und ich möchte der professionellen Ballettwelt gern ein paar Dinge sagen.
Ihr zerstört Kinder, Jugendliche, junge Menschen. Ihr nehmt ihnen die Lebensfreude, ihr macht ihre Welt winzig klein. Es gibt keine Fülle, es gibt nur noch Mangel. An allem. Zuwendung, Gefühl, Liebe und Nahrung. Auf der Bühne müssen diese geknechteten Wesen funktionieren, alles andere ist egal.
Höher springen, schneller drehen, schwerelos wirken, substanzlos, ätherisch. Ist das Kunst?
Mag sein, ich kann es nicht verstehen. Das Wolknenköpfchen sagte mir oft, ich könne es nicht verstehen, wenn sie weinte und ich versuchte, nicht mitzuweinen, was nicht immer gelang.
Ihr Ballettpädagogen, Ihr Ballettmeister, ich halte Euch für unmenschlich, für gedankenlos, Ihr folgt einem System, das so ist, wie es so ist, weil es schon immer so ist. So habt ihr es gelernt, so lehrt ihr es. So zerbrecht Ihr immer weiter Menschen.

Meine Tochter bekommt Ihr nicht.

Rücken und Renovierungsarbeiten

Wenn mir etwas wehtut, habe ich ein gewisses Mitteilungsbedürfnis. Das kommt daher, dass der Gutfrisierte ein aus Prinzip nicht mitleidender Mensch ist, mir das Mitleiden jedoch gut tut und dementsprechend fehlt.
Weshalb ich heute schon wieder hier herumlarmoyiere. Damit ich das Gefühl habe, ich bin nicht so allein.
Außerdem entbehrt das Ganze mitunter nicht einer gewissen Komik und ist somit auf jeden Fall blogable (gibt es das überhaupt, dieses Wort? Nein. Egal.).

Als kurzes Zwischenspiel und im Hinblick auf den nicht mitleidenden Gutfrisierten eine Anekdote einer alten Dame. Es ist ja mittlerweile bekannt, dass ich mit alten Damen recht gut zurecht komme. Meistens zumindest. Es gibt auch Ausnahmen. Das ist eine andere Geschichte. 
Eine alte Dame also. Ihr Mann starb vor vielen Jahren und sie war sehr traurig darüber. Sie kamen Zeit ihres Lebens recht gut zurecht miteinander. Er wurde begraben, sie verlängerte die Grabzeit alle fünf Jahre und ließ von einem Gärtner alles schön in Ordnung halten. Vermutlich ging sie hin und wieder auch selbst zum Grab und goß ein paar Blumen. 
Nun verging Jahr für Jahr und die alte Dame wurde immer älter. Und ihr Gehirn fing an, kleine Kapriolen zu schlagen. Hier und da wurde dies und das vergessen. 
Eines Tages war es soweit, in irgendeinem Areal geriet etwas sehr durcheinander im Oberstübchen und plötzlich wusste sie, ihr Mann war wieder auferstanden von den Toten. Er lebte. Was für eine Überraschung. 
Die Sache hatte einen Haken. Er kam nie zu ihr, obwohl sie ihn regelmäßig zum Essen einlud, für ihn kochte und den Tisch deckte. Schnell kam sie dahinter, warum er sie nicht aufsuchte. Er hatte, empörender Weise, eine Neue. Eine blonde Schnalle. Und mit der betrog er sie. Da hatte er aber die Rechnung ohne seine Witwe gemacht. Als erstes wollte sie die Witwenrente nicht mehr haben. Denn er war nicht tot. Und sie wollte die Scheidung. Als nächstes kündigte sie die Grabstätte und Pflege. Das hatte er beim besten Willen nicht verdient, dass sie sich weiter um sein Grab kümmerte, während er sich mit der Blonden verlustierte. Und als Lebender ein Grab, was soll das denn? 
Nun hat sie beschlossen, dass sie ihn nicht mehr leiden kann, weil er so ein untreuer Geselle ist und weil keiner sie bei ihren Plänen bezüglich einer Scheidung unterstützt, wird sie einfach so tun, als hätte sie ihn nie kennengelernt. So kann`s gehen, in der Ehe.

Ich fühle mich nicht gut, der Hund muss trotzdem raus. Wie immer. Und wie ich bereits erwähnte, Bewegung ist gut, so wird es behauptet. Bevor ich mit dem Hund das Haus verließ, stand ich vor dem Renovierungsstau an den neu eingesetzten Fenstern, für die ich höchstselbst aus Rigips eine Innenverkleidung basteln wollte. Ich fuchtelte mit einem Zollstock, notierte wahllos Zahlen auf einem Block, wuschelte in der Dämmung herum und wusste auf einmal, das Ding hier ist eine Nummer zu groß für mich. Trotzdem ging ich noch in den Keller, nahm mir einen Holzbalken, sägte ein bisschen mit der stumpfesten Säge, die je ein Holz zuvor gesehen hat, an dem Balken herum, versuchte es mit zwei anderen stumpfen Sägen, alleweil der Rücken lauthals herumbrüllte, ob ich wohl noch alle Tassen im Schrank hätte.
Dann brach ich zusammen. Ich lief, so schnell es meine momentan quasimodoeske Fortbewegung erlaubte, die Treppe hinauf, schluchzte, warf mich nicht auf das Bett, sondern ließ mich sehr vorsichtig über die Seite hineingleiten und wurde sodann von einem Heulkrampf geschüttelt. Weil ich fand, dass das alles eine riesengroße Scheiße sei. Ich heulte mich selbst an: „Warum muss immer ich diese ganze Kacke machen? Warum ich? Warum nicht… egal. Wo ist mein Papi? Ich will meinen Papi!!“
Herrjeh.
Zwischen fünf und fünfzehn Minuten jaulte ich aus tiefstem Herzen, dann jaulte der Hund. Ich rollte mich achtsam aus dem Bett, zog mir artistisch die Schuhe an und watschelte in Richtung des Waldes.
Direkt am Waldeingang, da stand der Mann, der sein Haus ein Jahr lang umgebaut, saniert, renoviert hat. Der Mann, der immer lässig mit einer Kippe im Mundwinkel grüßt. Der zwei kleine Klopshunde hat. Und er sprach in sein Handy: „Diese Woche ist ziemlich ruhig.“
Und ich kam plötzlich vom Planeten Quatschbacke.
„Guten Morgen! Eine ruhige Woche? Na sowas! Wie schön. Ich hätte da mal eine Frage…“
Morgen kommt er und macht diese dammische Innenverkleidung. Vermutlich denkt er, ich habe sie nicht mehr alle. Aber was soll es denn. Ist ja auch so. Realität. Ich bin behämmert. Was habe ich mir dabei nur gedacht? Innenverkleidung mit Rigips. Alter, ich bin Köchin, Heilpaprika, Klempner, Waschmaschinenanschließer, Steuerfritz, Autobeauftragter und was nicht noch alles. Aber ich bin kein Trockenbauer. Ich habe keine Ahnung davon. Null.

Demnächst ducken sich alle weg, wenn ich in den Wald gehe. Denn wenn ich den Mund aufmache und sage: „Ich hab da mal eine Frage…“, dann ist das verbunden mit meinem Irrsinn. Aber auf diese Art und Weise kam das Wolkenköpfchen zu einer native english Sprecherin, die ihr in der mündlichen Prüfung zu einer durchaus erfreuliche Leistung verholfen hat.
Die hat einen beigen Hund, der gern mit meinem schwarzen Hund spielt. Und zack, hatte ich sie nach ihrem Akzent gefragt und ob sie sich vorstellen könne, jemandem das Englische nahe zu bringen. Sie konnte.

Nun denn, morgen früh gehe ich, während hier trocken gebaut wird unter der Aufsicht meiner Schwester, zur Physiotherapie und lasse mir die unteren Lendenwirbel amputieren bewegen. Und renovieren tu ich nicht.