Prosopagnosie- Entschuldigung, aber kennen wir uns?

Ich war im Kaff meiner Jugend, sorgte für betreutes Einkaufen, da die Frau Mutter das selbstverantwortliche Einkaufen nur mit Einschränkung zustande bringt.
Im Supermarkt, einem kleinen Einkaufstempel mit Auszeichnung und Goldmedaille für besonderen Einkaufskomfort stand ich bei den Knabberwaren und sinnierte über die Sinnhaftigkeit von Chips und Nüssen.
Ein Mann ging vorbei und ich warf einen vorüberschweifenden Blick auf ihn. Meistens rutschen solche Blicke einfach weiter und man vergisst, wen man eben gesehen hat. Das ist auf jeden Fall eine gute Sache des Hirns, dass man sich nicht alle Gesichter, die einem im Laufe des Tages vor die Linse geraten, auch merkt. Das würde vermutlich recht schnell zur Überladung und zu einem heftigen Kurzschluss führen.
Sekundenbruchteile nach dem schweifenden Blick durchfuhr es mich.
Den kenne ich!

Ich glotzte hinter ihm her. Woher kenne ich den? Mein Hirn sprang weg von den Knabberartikeln und fing an, in den Archiven zu blättern.
In diesem Kaffsupermarkt befürchte ich ja immer, jemanden zu treffen. Eventuell Menschen, die ich nicht treffen möchte. Ehemalige Klassenkameraden, die im Kaff geblieben, zurückgekehrt oder zu Besuch sind. Bei dem ein oder anderen wäre es nett. Aber insgesamt bin ich nicht sehr erpicht darauf. Ich mag diese abschätzenden Blicke nicht. Weder meine noch die für mich bestimmten.
„Fünfundzwanzig Jahre nicht gesehen! Was machst du denn jetzt? Wie geht es dir? Seit wann ist dein Arsch so fett? Drei Kinder? Oha, wie die Karnickel…!“

Wer ist der Typ? Den kann ich nicht aus der Schule kennen, der ist einiges älter als ich. Vielleicht so um die siebzig. War er der Vater von irgendwem? Nein, die Richtung stimmt nicht ganz.
Das Hirn springt hin und her und mir wird ganz wuschelig im Kopf von diesen Datenmassen, die umgegraben werden. Ich starre dem Mann hinterher und es will mir einfach nicht einfallen. Er verschwindet aus meinem Blickfeld. Mein Hirn kaut noch ein bisschen an dieser Denksportaufgabe herum, lässt sich aber zügig von Tiefkühlwaren und dem Kinderfängerregal ablenken.
Dann kreuzt der Mann erneut meinen Weg, schaut mich kurz an, lächelt, nickt, geht weiter und scheint ebenfalls damit anzufangen, sein Hirn nach meinem Gesicht zu scannen.
Langsam wird es unangenehm im Oberstübchen und ich spüre eine leichte Panik auftauchen. Warum kann ich mich nicht erinnern? Wieso bekomme ich dieses Gesicht in keinen Kontext einsortiert? Prosopagnosie? Erkenne ich Gesichter nicht mehr? Oder leide ich jetzt schon unter dem Arschlochs Pitter Syndrom?
(Arschlochs Pitter Syndrom: Wenn in gesellig beisammensitzenden Runden der Name einer Person gesucht und bedauerlicherweise nicht gefunden werden kann, weil die Hirnleistung aller Anwesenden aus unterschiedlichsten Gründen -Alter, Alkohol, Blödheit- eingeschränkt ist, und der Gesuchte mit den Worten: „Wird der Arschlochs Pitter gewesen sein“ benannt wird.)

Kurze Zeit später stehe ich an der Kasse, an der Nachbarkasse steht der Kerl, der mich und mein Hirn so foppt. Ich räume diverse Waren aufs Warenbeförderungsband, Leberknödelsuppe in der Dose, Cocktailtomaten, ein paar Fläschchen mit allerlei Inhalt, da schiebt sich ein Bild vor mein inneres Auge. Ich sehe das Gesicht dieses Mannes vor mir und direkt neben seinen Ohren meine Knie. Mein Gesicht wird vermutlich hitzig rot und ich denke, warum sind meine Knie neben seinen Ohren? Was ist da los? Hatte ich…? Nein, niemals! Ganz sicher nicht!
Aber warum verursacht mir dieser Kerl auf einmal ein Gefühl von…Intimität?
Sehr unangenehm, das Ganze. Und dann kracht es mir rein. Die Erinnerung schlägt direkt hinter meiner Stirn mit voller Wucht zu.
Natürlich! Der Typ ist der ortsansässige Gynäkologe und hat vor über fünfundzwanzig Jahren meinen Genitalbereich in Augenschein genommen. Darum erinnere ich mich an meine Knie neben seinen Ohren.

Einerseits erleichtert, dass ich endlich weiß, wer er ist, atme ich kurz auf. Dann sehe ich, dass er mich anschaut und frage mich:

An was erinnert der sich jetzt?

Waffen? Nein, danke…oder?

Kind der Achtziger. Da hatte man dort, wo ich mich herumtrieb und mit verhaltenskreativen Möchtegernhippies als Eltern die Verpflichtung, friedensbewegt zu sein. Und sich mit dem Direktor des Gymnasiums, auf dem man sich noch für kurze Zeit herumtreiben würde, bevor man mit freundlichen Worten zur Tür gebracht worden sein wird, herumzustreiten darüber, ob man nun auf die große Friedensdemonstration in die damalige Bundeshauptstadt gehen dürfe oder nicht. Nicht. Weil es ein Schulsamstag war und da musste man in die Schule gehen. Der Direktor war mitnichten friedensbewegt und nicht gewillt, irgendwelche Ausnahmen zu gewähren. Schon gar nicht, wenn es sich um Kolleginnenkinder handelte.
Ich war jedenfalls in der Tiefe meiner Seele unglücklich, wollte ich doch meinem ausgeprägten inneren Pazifismus Ausdruck verleihen. Und durfte nicht.
„Waffen? Nein Danke!“ und „Pershing II? Nein Danke!“
Damit dekorierte ich meine Schulutensilien. Um meinen Standpunkt klar zu machen.
Ich diskutierte über die Verwerflichkeit jeder Waffe, ob klein oder groß und war thematisch nahe bei Jesus, die andere Backe, die Geschichte ist bekannt.
Und was ist aus mir geworden?

Was ist nur aus mir geworden.
In den Raunächten passierte folgendes. Lähmende Langeweile machte sich breit. Weil ich mir selbst versprochen habe, mehr Spaß zu haben und nicht erst zum Jahreswechsel damit anzufangen, ließ ich mich inspirieren zu einer Freizeitbeschäftigung, die ich damals, in den Achtzigern, als friedensbewegte Pubertistin ins Reich der Hölle verwiesen hätte.
Lasertag.
Mit Laserstrahlen andere Leute abknallen.
Und was soll ich sagen. Ich war gut. Ich habe geballert wie eine Irre und hatte Punktzahlen, da konnten meine familiären Mitstreiter nur von träumen.
Als ich erst einmal geschnallt hatte, dass die Jungs aus der familienfremden Gruppe schon sehr routiniert waren und uns schossen wie die Häschen, entfesselte ich das Ballertier in mir und los ging die wilde Hatz.
Die familien- und auch sonst fremden jugendlichen Jungs aus der anderen Gruppe, sie kannten keine Gnade. Und ich auch nicht. Gut, ein paar Mal gab es das Problem, dass ich familieneigene Gruppenmitglieder abschoss. Friendly fire. Man kennt das ja. Die kommen um die Ecke und Bähmm, erledigt.
Nach fünf Sekunden laufen sie ja wieder rund. Da ruft man kurz: „Scusa!“ und dann muss auch gut sein.
Den Fremdlingen bietet man nach dem Abschuss ein Pflaster an und lacht sich kaputt. Insgesamt habe ich sehr viel gelacht, es fehlte ein bisschen der Ernst bei der Sache. Häuserkampf in lustig, das ist ja schon pervers.
Aber es entspannt, es bringt Erfolgserlebnisse, noch Tage später denke ich daran und ein irres Lächeln huscht über mein Gesicht.

Noch bin ich nicht sicher, ob ich das öfter machen soll oder ob sich da in meinem Kopf das ganze bedenklich nah an einem Schalter abspielt, den umzulegen für die Menschheit keine gute Idee ist.

(Egoshooter? Zuhause? Tut mir leid. Das geht nicht. Sobald sich digitale Spiele im Dreidimensionalen Raum bewegen, muss ich nach nur fünf Minuten brechen. Dafür reicht es in meinem Hirn dann doch nicht. Zuhause nur Kartenspiele.)

Das vierundzwanzigste Türchen

Hinter dem vierundzwanzigsten Türchen ist eben auch nur ein Stück Schokolade. Oder das Bild von der Krippe mit Jesuskind und Maria und Josef und Hirten und Engel.
Und der vierunzwanzigste Versuch, das Herz etwas leichter zu machen, kann keine Erinnerung sein.
Eine Idee, eine Phantasie.
Ein Wunsch.

Die große Sehnsucht meines Lebens. Dieser Traum, der in einem kleinen Winkel meines Seins wohnt. Er hat nicht sehr viel Platz. Er kann sich kaum bewegen, so eng ist das Leben um ihn herum gebaut. Eingezwängt zwischen Müssen und Sollen liegt er da, wie ein kleiner Fisch in einer übervollen Dose. Und er ruckelt und zuckelt, versucht zu entkommen aus dieser gequetschten Lage.
Möchte sich ausbreiten, sich groß machen, eine ganze Welt füllen.
Und ist doch schon dankbar dafür, wenn ich ihn nur einmal kurz anschaue. 

Ich sollte ihm Platz machen. Er hätte es verdient, wo er doch schon so lange dort eingepfercht ist; ich sollte dem Traum einen Namen geben und ihn aus der Dose befreien.

Und jetzt?
Schenke ich mir selbst etwas, was mir kein anderer schenken kann.
(Habt einen guten Tag)

Das dreiundzwanzigste Türchen

Bald ist sie überstanden, die heilige Zeit.
Welche Freude.

„Wenn du nicht brav bist, gibt es nichts vom Christkind.“
„Wenn das das Christkind sieht.“
„Wenn das das Christkind hört.“
„Wenn das das Christkind erfährt.“
Würde es das Christkind geben und es würde wissen, was in seinem Namen an pädagogischer Arbeit läuft, und wäre es nur einen Hauch reflektiert, das Christkind würde sich in hysterischen Krämpfen am Boden winden. Und den frechen, den unverschämten, den traurigen Kindern noch eine Extraportion Geschenke mitgeben.

Es gibt aber kein Christkind. Und somit sind es Eltern, die sich hier die Hände schmutzig machen mit den miesen Tricks der Erpressung.
Damals war es normal, dass Kinder gefügig gemacht werden sollten. Sie sollten funktionieren. Höflich sein, freundlich, keinen Dreck machen und keine Ansprüche stellen. Sie sollten keinerlei Aufwand verursachen. Und das Christkind war willkommen in diesem System. Oder der Weihnachtsmann. Der Nikolaus. Die ganzen Gesellen.
„Du bekommst etwas von uns, wenn du nur brav bist und unseren Erwartungen entsprichst.“
Wenn nicht, spring über die Klinge.

Positiv, ich will doch positiv denken.
Gut. Nehmen wir doch einfach an, Wut, Zorn und Enttäuschung könnten positiv auf das Leben wirken.
Und es würde helfen, diesen Empfindungen einfach einmal freien Lauf zu lassen.
Versuchen wir`s?
Ja.
Also los:

DU VERDAMMTES UND VERSCHISSENES WEIHNACHTSFEST, DU HAST MIR SO OFT DEN LETZTEN NERV GERAUBT. WIEDER UND WIEDER HAST DU MICH DAZU GEBRACHT, ZU HOFFEN, ZU WÜNSCHEN, ZU WOLLEN UND IMMER GAB ES DAFÜR AUF DIE FRESSE. DU KANNST MICH MAL KREUZWEISE AM ARSCH LECKEN.

Besser? Nein.
Nochmal versuchen.

Weihnachten, nur ein Tag im Jahr. Eh egal.
Über siebzehntausend Tage hat mein Leben schon gedauert. Und nicht einmal fünfzig Tage davon waren Weihnachten. Merkste was?
Weihnachten, blas nicht so die Backen auf. Hauptsache es gibt leckeres Essen.

Besser? Ein bisschen.
Leg nach.

ICH BIN EIN SEHR GROßER FREUND DES OSTERFESTES.

Nimm das, Weihnachten. Und jetzt geh doch heulen.

Das zweiundzwanzigste Türchen

Es war mitten in der Nacht. Ich war schrecklich müde aber Johannes saß immer noch in meinem Zimmer. Er war spät abends noch vorbei gekommen. Ob ich eine Tasche für ihn verwahren könnte. Er befürchtete, dass „die Bullen vorbeikommen und die Bude filzen“. Und da gab es dies und das, was er nicht im Haus haben wollte. Ich nahm die Tasche und stellte sie neben meinen Schreibtisch.
Dann hingen wir auf meinem Bett herum, rauchten ein paar Zigaretten und er versuchte, mir die Relativitätstheorie zu erklären. Ich versuchte ihm zu erklären, wie das mit den Gefühlen geht.
Er hatte vermutlich vorher ordentlich gekifft, zumindest sahen seine Augen so aus und er vernichtete all meine Schokoladenvorräte. Wir redeten stundenlang an einander vorbei. Und ich war irgendwann so müde, dass ich meinem eigenen Gerede nicht mehr folgen konnte.
Ich kippte einfach zur Seite und machte die Augen zu. Nur für drei Minuten wollte ich sie zu machen. Sie brannten. Vom Rauch und dem Wunsch nach Schlaf.
Ich döste ein und wurde nur noch einmal ein kleines bisschen wach, als er mir über die Haare strich, ganz sanft und leise murmelte: „Wenn ich nur verstehen könnte, was in deinem Kopf los ist.“
Dann schlich er leise aus dem Zimmer.

Am nächsten Morgen war ich mir nicht sicher, ob er wirklich da war, in der Nacht. Aber die Tasche stand neben dem Schreibtisch. Also war es kein Traum. Ich stand auf, nahm mir die Tasche und wagte einen Blick hinein.
Einige Bündel Geldscheine lagen darin, gerollt und mit Gummiband gehalten. Und etwas, das man für eine sehr große Tafel Schokolade hätte halten können. Eingewickelt in Alufolie und einem Klarsichtbeutel. Da hatte ich also die Basics des gymnasialen Drogenhandels in meinem Kinderzimmer und staunte nicht schlecht.
Als dann packte ich mir die Sachen in meine Schultasche und machte mich auf den Weg in die Bildungseinrichtung. Dort angekommen suchte ich nach Johannes. Der kam aber nicht. Also lief ich den ganzen Tag mit dem Kram in der Tasche herum. Und hatte nicht einmal ein komisches Gefühl dabei. Es war mir relativ egal, nein, irgendwie fand ich es sogar interessant.
Wenn ich heute nur daran denke, fängt mein Auge an zu zucken.
Am nächsten Tag nahm ich alles wieder mit in die Schule und da kam es dann zur Übergabe in der Raucherecke. Relativ wortkarg schob ich die Tasche rüber und wortkarg nahm er sie entgegen.
In der Tat war am Tag vorher die Polizei bei ihm zuhause vorbei gekommen, hatte aber nichts gefunden und ging wieder. Seine Mutter war dem Nervenzusammenbruch nahe.

Johannes verfolgte seine Karriere neben der Schule intensiv weiter und war sich selbst ein guter Kunde. Er versuchte alles, was sein Bewusstsein veränderte und das sah man ihm an. Was an zarten Gefühlen für ihn da war, verrauchte mit den Joints im Wind und ich sah zu, dass ich keine Taschen mehr beaufsichtigen musste für ihn.
Aber diese Nacht, in der er versuchte mir zu erklären, wie der Raum sich krümmt, warum sich bei steigender Geschwindigkeit die Zeit verlangsamt und noch dies und das, was ich wirklich nicht mehr weiß, diese Nacht war wie ein Rundflug um den Mond.
Seltsam. Fremd. Gerhirnknotenakrobatik. Absolut herrlich und erschöpfend.
Vielleicht hätte er auch lieber geknutscht. Ich nicht. Ich fand die Nacht perfekt.

Das einundzwanzigste Türchen

Ich kann nicht sagen, ich hätte mich nicht bemüht.
Sehr habe ich mich bemüht. Ich habe versucht, mich an den guten Dingen entlang zu hangeln. Seit einundzwanzig Tagen versuche ich das. Gnadenlos. Seltsam ist nur, dass ich, je länger es dauert, um so mehr weinen muss. Heimlich, versteht sich. Dann sitze ich im gelben Sessel, den ich mir einmal zum Geburtstag schenkte, direkt am Fenster, starre hinaus in das trübe Grau.
Und heule. Und heule. Und heule.
Furchtbar ist das. Dann glaube ich, all die guten Gedanken und Erinnerungen, die ich mir zusammensuche, sind keine Seile, an denen ich mich festhalten kann, es sind nur Spinnenfäden, die dem Gewicht dessen, was sie tragen sollen, nicht stand halten. Sie reißen einfach und ich falle.

Die Frage ist, was tun?
Die Antwort ist: Fünf Minuten. Wie immer. Halte es fünf Minuten aus. Wenn diese fünf Minuten geschafft sind, dann fühlt es sich schon anders an. Länger als fünf Minuten erträgt der ganze Mensch so ein Gefühl nicht und schraubt sich darum wieder runter. Fünf Minuten. Man schafft es, weiter fünf Minuten zuzusehen, wie das Kind ums Überleben kämpft. Man schafft es fünf Minuten weiter zuzusehen, wie der Vater stirbt. Fünf Minuten schafft man es, auszuhalten, dass Bärbelino nicht mehr da ist.
Fünf Minuten erträgt man noch weiter das eigene Kindgewesensein. Fünf Minuten hält man das Verlassenwerden aus. Das Ungeliebtsein. Das Verzweifeltsein.

Also heute hinter dem Türchen fünf Minuten für jeden, der denkt, er erträgt es keine Sekunde mehr.
Versuch es. Für fünf Minuten. Dann schau weiter.
Und wenn fünfundzwanzig mal fünf Minuten vorbei sind, sitzt man nicht mehr auf einem gelben Sessel und weint.
Hat man viel Glück, sitzt man auf einem Küchenstuhl, daneben drei Halbwüchsige, die eine Menge Unsinn erzählen und man lacht.

Fünf Minuten.

Das zwanzigste Türchen

Auf youtube kann man sich Filme ansehen von Menschen, die sich freuen. Die ausflippen vor Glück und Freude. Im Radio hört man sie, die kreischenden, quietschenden, nach Luft schnappenden, von Freude schier überwältigten Leute, die etwas gewonnen haben. Eine Reise nach Belutschistan oder das Geld für die letzte große Rechnung.
Ungläubig schreien sie, rufen ihren Unglauben in die Welt hinaus, springen aus dem Stand einen Meter hoch oder zwei Meter weit.
Und ich suche schon die ganze Zeit nach einer Gelegenheit, zu der ich mich so unbändig gefreut habe.
Ich klappere die Erlebnisse ab.
Als ich meinen ersten erfolgreichen Auftritt als Schauspielerin hatte? Ich war das Brüderchen aus „Brüderchen und Schwesterchen“. Und somit auch das Reh. Und ich bekam freundlichen Applaus. Es war das erste Schuljahr und ich hatte eine Hauptrolle. Also freute ich mich. Vor allem, als es vorbei war. Aber die Freude war nicht die, die ich suche. Ich suche nach diesem hirnlosen Glücksmoment.
Als ich den Gutfrisierten bekam? Auch nicht. Die Kinder? Das war anders.
Neue Kleider? Schuhe? Auto?

Kann es wohl sein, dass ich noch nie so exaltiert vor Freude aus dem Häuschen war? Bin ich jemand, der sich nicht freut wie bekloppt, sondern eher freut mit einer gewissen Zurückhaltung? Würde ich gern einmal ausflippen?
Oder bin ich wirklich da zuhause, wo die Freude etwas leiser ist?
Gehe ich zum Freuen in den Keller?

Nein. Das tue ich nicht. Aber ehe ich komplett aus mir herausfalle, kann es schon eher sein, dass mir ein Tränchen ins Auge kommt vor Glück.
Denn ich hatte schon einige Momente des Freuens. Aber schrei vor Glück, das ist möglicherweise nicht mein Metier.

Den Rest des Tages werde ich mich fragen, ob ich dies bedauere. Ob ich gern einmal komplett ausklinken möchte. Und ob ich das im Rahmen von Freude machen möchte. Oder ob ich nicht einfach so einmal aus mir raus will.
Irgendwo hinstellen und losschreien, all das herauslassen, was tief drin steckt. Hineingestopft in die Tiefe des Seins. Hochblubbern lassen und raus. In einem wilden Rausch.
Lohnt sich ein Seminar „Urschreitherapie – Lass es raus!“ für mich?
Ich probiere es erst einmal im Keller, wenn ich nachher allein im Haus bin.
Wenn jemand etwas hört, bitte nicht erschrecken. Ich erschaffe mir neue Erinnerungen, in denen ich einmal alles loslasse.

(Wie schrecklich, dass mir jetzt das hier durch den Kopf blubbert. Das habe ich so nicht gewollt! Wie bekomme ich den Scheiß da wieder raus? Hilfe!)

Das neunzehnte Türchen

Gerade hatte es schreiben gelernt, das Wolkenköpfchen, da wollte es Schriftstellerin werden. Und weil ich mich gern daran erinnere, wie es damals war, als seine ersten Buchstaben zu Wörtern wurden, Wörter zu Sätzen und Sätze zu Geschichten, habe ich in meinem Computer herumgekramt und die erste Geschichte gefunden, die aus Wolkenköpfchens Kopf herauskam.

 

Weshalb das Kamel weint

Es lebte einmal ein Kamel. Es wollte etwas bestimmtes. Es wusste niemand, was das war, aber das Kamel wollte es auch nicht sagen. Es schwieg so lange, bis seine Freunde kamen. “Was ist mit dir los?” Erst wollte das Kamel nichts sagen, aber dann antwortete es.
“Ich will eine Mama. Sie ist tot. Ich will einen Papa, aber er ist ebenfalls tot.” Und das Kamel sagte:” Ihr dürfte es aber niemandem sagen.” “Wir schwören es auf unsere Namen!” sagte der Fürst. “Ja!” sagte Killerdog. So hießen die Kamele. Das Kamel weinte und weinte, wein, wein und nochmals wein. Sie wussten nicht, wie sie es trösten sollten. Sie beratschlagten sich nun. Selbst der Kamelkönig wusste sich keinen Rat. “Warum weinst du überhaupt?” “Ich will es nicht sagen.” “Warum nicht? Ist es etwas schlimmes, was andere nicht mögen?” “Nein!” Dann sagte das Kamel alles. “Meine Mama ist tot obwohl ich sie so gern mag, und mein Papa ist tot obwohl ich ihn so gern mag.” “Du kriegst vielleicht meinen Bruder und meine Schwester. Die wollen nicht König sein.” “Oh ja, das ist toll!” Und es wurde ein großes Fest gefeiert und das Kamel war voll glücklich.

Wolkenköpfen

Das achtzehnte Türchen

Hinter dem achtzehnten Türchen wohnt Pummel.
Pummel hatte Arme, Hände, Beine, Füße und den Kopf aus Gummi, der Körper war aus festem Stoff. Sie war eine Blondine und trug einen gestreiften Pullover und gestrickte Hosen. Pummel war eine treue Seele. Nichts nahm sie mir übel. Nur einmal hatte sie Probleme, woraufhin sie für zwei Wochen verreisen musste. Den Kopf mit Kloreiniger gewaschen zu bekommen, das vertrug sie nicht. Meine Hände auch nicht. Damals, als der Kloreiniger noch pulverförmig war, gab es keine Sicherheitsverschlüsse. Jedes Kind bekam den Deckel auf.

Wenn Pummel nicht abends in meinem Bett lag, konnte ich ausdauernd weinen, jammern, wimmern, bis alle Menschen herumliefen und nach ihr suchten. War sie gefunden, konnte ich den Schlaf finden. Ohne Pummel war an Schlaf nicht zu denken. Überall kam sie mit mir hin. Auf Reisen, wo sie an Flughäfen genauestens von uniformierten Männer durchgeknetet wurde, auf der Suche nach versteckten Substanzen, ob nun nach außen explosiv oder nach innen.
Zuhause, wo sie mit zum Einkaufen kam. Zur Großmutter, wo sie sich in dem großen Haus hervorragend verstecken konnte.
Meine Pummel. Beste Freundin für immer.

(Mehr muss ich nicht denken, auf das Foto zu schauen ruft in mir mein Pummelgefühl hervor.)

Das siebzehnte Türchen

Der Körper.
Dieser Körper, der mitunter tut, was er möchte.
Mein Körper. Der drei Kinder hat wachsen lassen. Der immer als unperfekt wahrgenommen wurde. Das leidige Thema. Zu dick hier, zu rund da, zu weich, zu fest, zu hell, zu ungleichmäßig.
Dem ich aufzwang, sehr dünn zu werden, den ich mit Zigaretten traktierte, den ich inwendig immer wieder mit Zucker glasiere.

Mit sechzehn fand ich ihn hässlich. Mit zwanzig fand ich ihn hässlich. Mit fünfundzwanzig fand ich ihn hässlich. Mit sechsundzwanzig ließ ich ihn endlich in Ruhe und gönnte ihm viel Essen für das wachsende Wesen.
Danach war er vollkommen verändert. Aber das war mir nicht so wichtig, ich war beschäftigt wie nie zuvor im Leben. Meine eigenen Befindlichkeiten sortierten sich ganz am Ende der Reihe der Wichtigkeiten ein.
Schaue ich mir Bilder an von damals, Bilder mit sechzehn, Bilder mit zwanzig, dann frage ich mich, wo im Dreideubelsnamen ich denn meine Augen hatte!
Und ob ich blind war.
Rank, schlank, knackig, frisch, wunderbar. So war mein Körper. Und ich hatte alle Zeit nichts besseres zu tun, als ihn zu verurteilen. Das hat er nicht verdient.
Und wenn ich achtzig bin, so ich es denn bis dahin schaffe, werde ich denken, was für ein unreifes Huhn ich doch dreißig Jahre vorher war, dass ich meinen Körper für abgenutzt und schlaff und müde hielt. Denn dann wird er vermutlich deutlich mitgenommener sein als heute. Der Zahn der Zeit wird noch heftiger genagt haben.

Und darum erinnere ich mich heute an meinen Körper von damals. Aber mit dem Wissen von heute. Er fühlte sich kraftvoll an. Dynamisch. Säckeweise Kartoffeln konnte er schleppen. Stundenlang mit verknoteten Beinen sitzen. Zwölf Stunden konnte er am Stück am Herd stehen, zwischen den Kühlräumen hin und her laufen, konnte vornübergebeugt fünf Kilo Zwiebeln schneiden und zwanzig Eigelbe zur Rose aufschlagen. Er konnte auf den Herd klettern und den Dunstabzug darüber putzen, ohne zu zaudern, ohne Furcht, in die Friteuse zu stolpern.
Dieser mein Körper, belastbar, jung. Am Abend müde, am nächsten Tag wieder bereit.

So schön, so jung, begehrenswert.
Mein Körper, ich erinnere mich.