Das zwanzigeste Türchen

Nach dem Krieg traf man sich im Herrenzimmer und trank Sekt und Bowle. Zwei auf diesem Bild waren auf dem Weg, sich zusammen zu tun und viele Kinder zu bekommen. Der junge Mann, der hinten, neben seiner Mutter sitzend, die auf der Armlehne des Sofas alles ein bisschen skeptisch überschaut und die junge Frau, die sich ganz entspannt in die Kissen hat sinken lassen.

Der kleine viereckige Tisch übrigens, war ein Schachtisch. Die Tischplatte ließ sich herausheben, umdrehen und schon hatte man ein Schachbrett.
Später stand er in meiner ersten Wohnung. Heute steht er nirgendwo mehr. Schade eigentlich.

Das neunzehnte Türchen

Notizen gibt es, von den zeitlichen Abläufen. Wann wurde man gefangen genommen, von wem, wo, wie lange, wann kam man zurück nach Hause.
Briefe gibt es, die von Erleichterung erzählen, dass man nach Wochen des Bangens endlich weiß, wer lebt. Und damit verbunden Anträge, dass die Lebenden zueinander reisen dürfen, sich einen Ort suchen, an dem sie bleiben können. Eine neue Heimat finden. Die alte Heimat erreichen.
Nichts gibt es über die, die verloren gingen.
Verschwunden an Plätzen, wo sie nicht wiederzufinden sind.

 

Das achtzehnte Türchen

Sie macht sich mit kleinen Kerlchen, Mutter und Schwester auf, um den russischen Soldaten zu entkommen.
Dass alle es schafften, kommt einem Wunder gleich. Ihre Schwester verpasste die Gustloff, sie selbst wurde in ihren Verstecken vielleicht nicht gefunden, aber ob es wirklich so war, das weiß niemand so genau. Und das Kerlchen, trotzdem er ein bisschen mickrig war, überlebte das Laufen und Zugfahren, Verstecken und Fliehen, weil seine Großmutter Elvira eine Frau war, die das Zeug gehabt hätte, als Superheldin ganze Welten zu retten.

Das sechzehnte Türchen

Hier heirateten die Eltern meines Vaters. Irgendwie erinnert mich der Urgroßvater Oskar linker Hand in seiner verschwommenen Version an den Baden-Württembergischen Ministerpräsidenten. Und wie in den Familien, die sich aus so vielen Richtungen zusammenfanden, häufig vorkommend auch hier: die Frauen sind immer ein bis drei Zentimeter größer als die Männer.
Hat sich bis zu mir erstreckt, dieses Phänomen.

Das fünfzehnte Türchen

Der kleine Bursche wurde größer und noch bevor er ein Mann war, brach die Hölle los.

Der Bursche wurde als Flakhelfer eingezogen und musste Dienst tun.

Im Rücken das Schießgerät, lehnt er da. Und bewegte sich zu auf die Augenblicke, die sein ganzes Leben verändern würden. Die Augenblicke, die ihn Jahrzehnte später auf einem Sofa sitzen lassen, angetrunken, weinend, immer noch nicht darüber sprechen könnend. Kälte, Angst, Hunger und die Schuhe eines toten Kameraden waren der Stoff, aus dem seine Albträume gewebt waren. Und seine Enkelin saß neben ihm am Boden und verstand nicht.

Das dreizehnte Türchen

Der fliegende Emil und seine Braut Lieselotte bauten sich, nachdem sie zueinander fanden, ein Haus in die Westerwälder Prairie. In der Nähe des Silbersees und des Köppels wurde eine große Heimstatt gegründet, als hätten sie geahnt, dass sie zehnfache Großeltern werden würden.

Wie sehr bin ich doch mit diesem Haus verbunden, nach wie vor. Obwohl es verkauft wurde, als ich fünfzehn Jahre alt war. Ich berichtete schon im letzten Adventskalender von dem Haus. Und erwähnte es hier und da.
Es ist das Haus, in dem ich vermutlich nach meinem Tod ein bisschen umgehen werde. Wobei ich mich nicht mehr auskennen würde, denn es hat viele Umbauten und Anbauten erlebt und ist nicht mehr das Haus, das es einmal war. Vor drei Jahren bin ich das letzte Mal dort vorbeigefahren. Ich parkte mein Auto, stieg aus und stellte mich davor, schaute es mir an, erkannte nichts und fuhr wieder.

Als ich zur Welt kam, war Emil schon nicht mehr da und Lieselotte lebte unter dem Dach. Das Fenster der ganz rechten Gaube war die kleine Küche, mittig lag ihr Schlafzimmer und links war ihr Salon. Im Salon stand ein Sofa mit zwei passenden Sesseln und einem hohen Tisch, ein Vitrinenschrank und der Fernseher.
Ohne Fenster auf der linken Seite war der Speicher, eine wahre Fundgrube. Koffer, Kisten, Bettgestelle. Zugig, dämmrig und ein bisschen unheimlich.

Irgendwo gibt es ein Foto, auf dem ist der Bau des Hauses zu Beginn festgehalten. Ich finde es nicht.

Das elfte Türchen

Derweil lebte im hessischen Limburg an der Lahn ein Familienclan, der ebenfalls seine Gene in den Ring warf. Der gestrenge Herr mit dem Bart mit seiner Frau Gemahlin als zweite von links, waren die Eltern unter anderem des kräftig geratenen jungen Mannes, dem dritten von links, der wiederum später der Vater meines Vaters werden sollte. Die Familiengeschichte besagt, es gab in diesem Teil der Familie viele Tanten, zu sehen auch auf diesem Bild, die schrullig wurden mit den Jahren. Oder Bärte bekamen.
Wie überhaupt dieser Zweig der Familie im Verdacht stand, mit mitte Sechzig verrückt zu werden. Nicht nur ein bisschen, sondern so richtig.
Ich weiß nicht, ob das einer Überprüfung standhalten würde. Vermutlich waren sie alle nur sehr verhaltenskreativ und führten leidenschaftlich gern Selbstgespräche.