Omnia comedenti domum lavendulae

Immer wieder treffen wir in heutigen Zeiten auf den
Omnia omnivorum comedenti domum lavendulae, den gemeinen Alles-Fresser im Hause Lavendula.
Er gehört zur Familie der communis omnivore und hier zur Untergruppe der
Culus malicious.

Es ist nicht leicht, das unscheinbare Tier bei der Nahrungsaufnahme zu sichten. Bisher ist es noch keinem Forscher gelungen, einen Omnia comedenti dabei zu beobachten. Ähnlich wie die Küchenschaben leben Omnia comedenti versteckt, sind vorwiegend dunkelheitsaktiv und meiden das Licht.
Omnia comedenti sind eine extrem scheue Art und man erkennt ihre Anwesenheit im Haus oft nur an den Hinterlassenschaften.
Leere Joghurt- oder Puddingbecher, verschwundene Süßigkeiten, benutztes Geschirr und verunreinigte Pfannen sind erste Hinweise, dass ein Haus von Omnia comedenti befallen sein könnte. Auch der gesteigerte Verbrauch von Toastbrot, Haarwaschmitteln und Tomatenketchup sind zwar nicht beweisend aber verdächtig.
Kommt dazu das plötzliche Fehlen von Kleidung im Schrank, wie zum Beispiel T-Shirts, Socken oder Herrenunterhosen, ist es wahrscheinlich, dass sich im Haus einige männliche Culus malicious eingenistet haben.
Das Auftreten des Einzelsockenphänomens, das gekennzeichnet ist durch das unerklärliche Entschwinden des Zweitsocken, ist ebenfalls ein Warnhinweis.

Wenn dann noch Spuren abgesetzten Kots in einer Porzellanschüssel zu finden sind, gilt höchste Wachsamkeit.
Ein Befall mit Omnia comedenti domum lavendulae ist eine Situation, mit der nicht leichtfertig umgegangen werden sollte, da es zu großen Schäden kommen kann.
Es ist unumgänglich, umgehend darauf zu reagieren.

So empfiehlt es sich, beim Einkauf der Lebensmittel auf den Verzicht von Zucker und Konservierungsstoffen zu achten. Keine Süßwaren, keine Chips, keine Tiefkühl-Waren, stattdessen sollte der Kühlschrank mit Gemüse, Gemüse, Gemüse und fettarmem Käse befüllt werden.
Auch in der weiteren Vorratshaltung muss unbedingt darauf geachtet werden, auf zuckerhaltige Waren zu verzichten.
Süße Cerealien sind zu vermeiden, stattdessen können ordinäre großblättrige Haferflocken gelagert werden. Fettarme H-Milch ist ebenfalls der normalen Frischmilch vorzuziehen. Ketchup, Majonaise und Remoulade sind nicht förderlich und darum nicht empfehlenswert.
Bei Verdacht auf Omnia comedenti Befall sollte niemals Limonade oder Cola im Haus sein. Das einzige Getränk sollte Leitungswasser sein. Im Zweifelsfall geht auch Tee, hier aber speziell der für die Omnia comedenti sehr unangenehme Salbeitee. Auf diesen Tee reagieren neunundneunzig Prozent der Omnia comedenti allergisch, weshalb sie ihn nicht einmal mit dem Anus beachten.

Ein solcher Befall kann mehrere Jahre bis Jahrzehnte dauern. Je konsequenter den Omnia comedenti jedoch die Lebensgrundlage entzogen wird, desto eher wird das Haus vom Schädlingbefall befreit werden können.
Auch das Abschalten des heißen Wassers in der Zeit von einundzwanzig Uhr bis sieben Uhr morgens ist eine unterstützende Maßnahme.
Das Verzichten auf Duschgel und die Rückkehr zur guten alten Kernseife ist ebenfalls zu empfehlen.

Sollte all das nicht zum gewünschten Ziel führen, kann als letzte Maßnahme der Einsatz von akkustischer Abschreckung überlegt werden. Dies bedeutet in der Regel zwar auch für den normalen Bewohner eine enorme Belastung, diese lässt sich aber durch den Einsatz ohrenverschließender physikalischer Maßnahmen deutlich reduzieren.
Bei der akkustischen Abschreckung sind Zeitpunkt und Programmauswahl von enormer Bedeutung.
Am Besten wirkt sie sonntagsmorgens um sieben Uhr dreiundzwanzig mit einer Stärke von neunzig bis einhundertzehn Dezibel. Volksmusik und alte Schlager sind sehr geeignet. Rex Guildo, Wildecker Herzbuben, Margot und Maria Hellwig aber auch die Regensburger Domspatzen sind sehr vielversprechend in der akkustischen Abwehr.

(Jemand hat meinen Pudding gegessen und ich bin sehr, sehr traurig.)

Ich wünschte, du würdest dich neben mich setzen

Ich sitze auf der weißen Bank im kleinen Hof. Der Geruch von Mittagessen fliegt vorbei. Es scheint etwas mit dicker, blubbernder Soße zu geben, bei der Nachbarin. Die Sonne scheint auf mich und wärmt meinen nach dem Winter immer noch durchgekühlten Körper.

Du kommst aus dem Garten, gehst an mir vorbei ins Haus. Der Bambus raschelt leise im sanften Wind. Ich schließe die Augen und fühle meinen Körper. Die Wärme auf meiner Brust erinnert mich an die Köpfe der Kinder, als sie gerade geboren waren. Genau dort, wo jetzt die Sonne mit ihren warmen Strahlen versucht, die Kälte zu vertreiben, lagen ihre winzigen Körper, ihre kleinen Köpfe. Und sie wärmten mich bis tief in meine Seele hinein.

Du kommst aus dem Haus, bleibst kurz stehen, gehst weiter.
Und ich wünschte mir, du würdest dich noch einmal neben mich setzen. Einfach nicht weitergehen in den Garten, wo du dich hinsetzt, in einem Buch liest oder auf der Gitarre kleine Melodien spielst.

Ich wünschte, du hättest dich neben mich gesetzt. Du hättest dich still neben mich gesetzt und geschaut, wie ich atme. Wie Luft langsam in mich hineingeht und langsam wieder herauskommt. Und du hättest an meinem Atmen gelauscht.

Hättest hören können, wie diese tiefe Traurigkeit in mir singt. Du hättest meine Hand genommen und sie leicht in deiner gehalten. Ganz leicht nur. Und dann erst wärest du in den Garten gegangen und ich hätte gewusst, dass du mich kennst. Dass du von mir weißt.

Und ich hätte dir hinterher geschaut und hätte die Liebe gefühlt, die in meinem Herzen für dich lebt. Und diese Liebe wäre frei gewesen von all dem, was gewesen ist.

Aufräumarbeiten

Momente im Leben, da glaubt man, es geht keinen Schritt mehr weiter. Momente, in denen selbst der nächste Atemzug eine Nummer zu groß ist. Augenblicke, die es in sich haben, dieses Gefühl von Leere und Kraftlosigkeit.
Jedes Geräusch ist eines zu viel. Jede Frage ist eine Frage zu viel.

Selbst das ewige Mantra, noch weitere fünf Minuten durchzuhalten, die damit verbundene Hoffnung, in fünf Minuten möge alles anders sein, fängt an zu hinken.

Dann packst du den letzten Rest an Selbstbeherrschung in dein Köfferchen und gehst dahin, wo jemand dir zuhört und dafür bezahlt wird, dir bei den Aufräumarbeiten nach all dem Sterben und in all der Trauer zu helfen.

In der Zeit zuhause räumst du auch auf. Du putzt die Fenster, vernichtest den Staub auf militärische Art und Weise, möchtest gern die Waschmaschine in Dauerschleife laufen lassen und alles mit Stahlschwamm und Spülbürste behandeln. Besser noch, das gesamte Haus mit Hochdruck reinigen. In der stillen Hoffnung, dass die äußere Ordnung auf das Innere abfärbt und auch dort für Ordnung sorgt.

Und dabei wartest du darauf, dass du wieder damit aufhören kannst, deine Fingernägel abzukauen, dass dein Magen nicht bei jedem zweiten Gedanken in deinem Körper herumfliegt wie ein Flummi, dass deine Gedanken endlich den Weg zu Belanglosigkeiten findet.
Und darauf, dass du dich wieder fühlst, wie du.

In Zeiten der verschwundenen Leichtigkeit

Es gibt Sekunden, in denen habe ich eine Ahnung, wie sich das Leben vor fünf Jahren anfühlte. Ich hatte noch nicht lernen müssen, dass es auch mit sechzehn keine Sicherheit gibt, am Leben zu bleiben und dass der Faden sehr dünn und seidig ist, an dem mitunter alles hängt. Ich hatte noch nicht lernen müssen, wie sich das Leben ohne Vater anfühlt. Ich hatte noch einen Onkel, der nur zehn Monate älter war als ich. Ich ging noch jede Woche mit meiner Freundin durch den Wald und sprach mit ihr über das Leben und über den Tod, dem sie schon zweimal ein Schnippchen geschlagen hatte und von dem wir nicht wussten, dass er wieder in den Startlöchern saß, um sie endgültig zu holen.
Nachdem ich nun weiß, wie sich die Angst vor dem Tod des eigenen Kindes anfühlt, wie sich der Tod meines Onkels, meines Vaters, meines Schwiegervaters, meiner Freundin anfühlt, nach Litern vergossener Tränen, nach schlimmen Träumen, nach verzweifelten Augenblicken und Momenten ohne jegliches Gefühl, streift mich beim Staubsaugen gerade eben diese Ahnung.
Und ich erinnere mich an dieses Gespräch:

„Bärbel, glaubst du, dass ich jemals wieder so lustig sein kann wie früher? Ich fühle mich so schwer, traurig. Sinnlos.“
„Das ist jetzt so. Aber das wird besser. Und du wirst wieder lustig. Nicht mehr so leicht wie davor. Die Leichtigkeit geht ein bisschen verloren. Das gehört dazu.“
„Nie mehr die Leichtigkeit?“
„Das habe ich nicht gesagt. Ich sagte, sie geht ein bisschen verloren. Sie wird dich wiederfinden und ein bisschen bleibt immer da.“

Während ich also die Hundehaare wegsauge und vor mich hindenke, dabei laut Musik höre und noch lauter mitsinge, streift sie mich. Die Leichtigkeit. Kurz nur und sie ist wie ein Hauch. Aber sie ist noch da. Ein bisschen.

Und bald wohnt die kleine Königin der Leichtigkeit in der Nähe, von der kann ich in Sachen Leichtigkeit eine Menge lernen.

Bitte atme

Bitte atme, denke ich, während ich der bergischen Sitte der Aufbahrung Tribut zolle.
Allein stehe ich vor diesem Sarg, in dem sie liegt und kann nichts denken als: Atme. Tu es für mich. Ziehe Luft in deine Lunge und huste einmal kräftig. Ein und aus. Atmen, das ist nicht schwer, das geht von ganz allein. Bitte, atme.
Und mach die Augen auf. Bewege wenigstens ein bisschen die Lider, ein winziges bisschen. Schau mich doch an.
Fang einfach wieder an zu leben. Sei nicht tot. Ich flehe dich an. Nicht gestorben sein. Atmen, Augen auf und dann helfe ich dir aus dem Sarg und wir verprügeln zusammen denjenigen, der dein Makeup verbrochen hat. Und das Arschloch, das deine schönen blonden Haare abrasiert hat und dir ein Loch in den Schädel gebohrt hat, um an dieses miese kleine Gerinnsel zu kommen, gleich mit. Wir verdreschen sie und anschließend gehen wir was essen.

Bitte. Ich flüstere es. Bitte. Ich schluchze es. Bitte. Ich bete es. Bitte.
Ich berühre deine Hand und sie ist viel zu kalt. In diesem kalten Raum kann man nur frieren. Auch mit der Mütze, die deine Wunden versteckt, wird dir nicht wärmer. Der Schal nützt auch nichts. Und dieses weiße Taft- und Satin-Sarg-Geschisse auch nicht. Ich möchte dir ein dickes, warmes Plumeau über den Körper legen. Dieser Körper, der dich in sich hatte. Was von dir noch übrig ist.
Und du bist nicht da. Und wenn ich noch so sehr bettle und flehe, du atmest nicht. Du bewegst dich nicht. Du liegst so still. Totenstill.
Ich fische meine Lesebrille aus meiner Tasche und schaue mir ein letztes Mal deine Hände an, mit denen du mir über den Rücken gestrichen hast, mit denen du manchmal meine Tränen getrocknet hast, mit denen du so grauenhaft Auto gefahren bist.
Deine Fingerspitzen sind grau. Und ein Rosenkranz liegt drumherum gewickelt.

Du atmest noch immer nicht. Warum atmest du denn nicht? Keiner, niemand, kein Mensch auf diesem verschissenen Planeten hat etwas davon, wenn du nicht atmest. Also komm schon. Alle haben etwas davon, wenn du es tust. Wenn du lebst.

Nein. Es ist vorbei. Da hilft kein Zetern und kein Weinen. Es ist vorbei.
Und jetzt muss ich damit leben, dass es einen Engel weniger gibt, auf dieser Welt.
Du atmest nicht. Und du wirst es auch nie wieder tun.
Ich atme…

Aus heiterem Himmel kommt die nächste Hiobsbotschaft, kommt der nächste Schlag. Meine liebste Freundin ist tot.
Sie, die ich als den liebsten Mensch der Welt kennenlernte.
Und die nächste Trauer steht vor meiner Tür, wo doch die anderen Trauergäste noch gar nicht weitergezogen sind, klopft und möchte Einlass.
Jedes Mal ist es ein bisschen anders, das Trauern. Wie auch die Liebe zu jedem meiner Lieben, die sterben mussten, ein bisschen eine andere ist.

Die eine Trauer ist wild und grausam, die andere ist melancholisch und sanft.
Jetzt hocken sie alle in meiner Seele und sie beißen mich mit ihren scharfen kleinen Zähnen. Nun heißt es wieder abzuwarten, bis sich ihre Zähne abgewetzt haben und der Schmerz nicht mehr schrill und grell ist, ein dumpfes Drücken übrig bleibt.

Meine liebste Bärbelino, mein Herz ist auf ewig bei Dir. Wo auch immer das ist.

Der gerechte Zorn

Ich spüre ihn wieder in mir. Diesen unltimativen Zorn. Diese Wut. Das Rauschen in den Ohren, den Druck im Magen, die Unruhe in den Beinen, die so gern gegen etwas treten möchten. Es darf auch ein Lebewesen sein. Warum denn nicht?
Es gibt Lebewesen, die haben es verdient, getreten zu werden. Bevorzugt in weiche Teile.

Weil ich aber in meiner Kindheit und Jugend immer wieder unterschwellig die Information getrichtert bekam, offensive Gewalt ist nicht in Ordnung, Schlagen, Kratzen, Beißen, Treten, Bomben, Krieg und Pistolen sind nicht comme il faut, dafür darf aber emotional erpresst, Liebe entzogen und seelisch gequält werden, bin ich eben nicht so der Prügeltyp. Leider.

Sonst hätte man, nachdem doch einige Zeit in relativer Harmonie verlief, heute einer wahren Gewaltorgie im Hause Lavendel beiwohnen können. Wenn ich ein Schläger wäre. Ein Kinderschläger.
Stattdessen habe ich im ganzen Haus diese Zettel aufgehängt. Weil ich es leid bin, in diesem, meinem wunderbaren und reinlichen Haus versiffte Messi-Buden beherbergen zu müssen.

In den Zimmer der nun nicht mehr Buben zu nennenden heranwachsenden Männer sieht es aus, dass es die Sau graust.
Es ist unfassbar.
Und just heute war mir nicht nach Deeskalation sondern mir war nach reintreten. Und darum sprach ich die widerwärtigen Verhältnisse an.
Was ich da zu hören bekam, war wirklich interessant und führte innerlich bei mir zur spontanen Verwandtschaftskündigung.
Ich möchte nicht mehr die Mutter sein von solchen Arschlöchern, die nicht einmal in der Lage sind, ihre angefurzte Unterwäsche dahin zu entsorgen, wo sie unauffällig bleibt. Nein, sie muss dekorativ mitten im Zimmer liegen. Direkt neben der Bananenschale, dem ketchupverschmierten Teller, den Gläsern, leeren Joghurtbechern, dem Leergut, den Überresten des Fastfood-Restaurants, unter den Schulsachen, den Gehaltsabrechnungen, dem mutmaßlich gebrauchten Kondom und dem durchgekauten Kaugummi.

Ja, es macht fassungslos.
Und so stinksauer, dass ich nicht weiß, ob ich vor Ekel oder Wut kotze.
Alles wäre gut bei einem leicht verschämten: „Ich räume auf.“
Oder einem: „Es tut mir leid, wirklich.“
Nichts ist gut, wenn ich dann als krönender Abschluss angebrüllt werde, was es für eine Unverschämtheit ist, jetzt eine Reinigung einzufordern, denn:
Man sei schließlich erschöpft von Arbeit/Schule.

Ich weiß wirklich nicht wohin mit mir.
Vor meinen Augen liegt ein tiefroter Schleier und in mir wütet ein Sturm. Und ich habe das dringende Bedürfnis, den ein oder anderen umgehend vor die Tür zu setzen.

Jetzt.

(Heute ist mir nach rot!)

Kann auch mal daneben gehen

Killerdog ist neunzehn. Und ich muss schon sagen, seine Geburt war der Hit unter den erlebten Geburten. Das lief wie geschmiert. Und obwohl er der kleine Dicke mit dem großen Kopf war, ist er am Besten in die Welt gekommen. Zügig, zielstrebig und mit einem ordentlichen Schwung.
Seine Zornesfalte auf der Stirn hat sich im Laufe der Jahre auch geglättet und er muss mittags nach dem Schlafen nicht mehr lauthals schreien.
Als der Schlaf am Mittag nämlich noch Mittagsschlaf war und nicht der in den Tag verschobene Nachtschlaf, da wurde er gegen drei Uhr wach und brüllte. Jeden Tag. Augen auf, Luft holen, loskreischen. Und zwar so ein Geschrei, dass man dachte, irgendetwas ganz entsetzliches muss ihm gerade passieren. Am Anfang erschreckte er mich damit zutiefst. Nach einiger Zeit begriff ich aber, dass Essen die Situation sehr verbesserte. Also stand ich in dem Moment, wenn er die Augen aufschlug, bereits mit einer geschälten Banane an seinem Bett und noch bevor er den ersten Schrei unter Dach und Fach bringen konnte, hatte er die Banane drin. Eine halbe.

Seinen neunzehnten Geburtstag wird er hoffentlich in den Tiefen seiner Erinnerung versenken und nicht mehr oft daran denken. Denn irgendwie war er nur mäßig gelungen. Ja, auch das gibt es. Das Geburtstage komplett für den Arsch sind und daneben gehen.
Ich gestehe, sehr habe ich mich nicht bemüht, war ich doch im Vorfeld nicht die Belastbarkeit in Person. Dann kamen noch ein paar Komplikationen dazu, ein nicht mehr existierender Bekleidungsladen zum Beispiel, eine träge arbeitende Packetverschickung, eine körperlich verreiste Großmutter, eine seelisch verreiste Großmutter, die Großväter, die nun wirklich nicht kommen konnten (wären sie vorbei gekommen…, ich weiß auch nicht, das wäre wirklich nicht gut gewesen für meine psychische Gesundheit…), selbst noch angeschlagen von der Grippe und von den trotzdem stattgefundenen Aktivitäten zu Karneval, er hatte wirklich nicht den besten aller Geburtstage. Und als ihm dann am Abend noch der ein oder andere Freund absprang, weil sich neunzehnjährige Bürschlein mitunter aufführen wie Prinzessin Lilifee („Ich hab den K. eingeladen, da hat der L. gesagt, er kommt nicht, weil er Beef mit K. hat und der B. kommt dann auch nicht, weil er auf der Seite von L. sein muss und der P. kommt vielleicht auch nicht, weil er bei K. mitfahren wollte und der jetzt auch nicht kommen will, weil seine Freundin mit ihm Schluss gemacht hat und der M. weiß noch nicht genau, wann er kommt und…“), da war es um seine Fassung geschehen und mein Bursche, der längste von uns allen, stand da und hatte Tränen, die ihm kullerten.
Da wünschte ich mir dringend, ich hätte ihm ein goldenes Märchenschloss geschenkt. Und eine Spielkonsole. Zum Beispiel.
Ich nahm ihn fest in meine mütterlichen Arme, drückte ihn an die mütterliche Brust und strich ihm über sein seidenweiches Haar. Und irgendwie war es… einfach… schön. Der Bursche ließ sich von mir trösten und liebhalten. Er weinte seine Tränen in meinen Pulli und ich fand das schön. 
Vielleicht bin ich irgendwie gestört. Oder pervers. 

Der nächste Geburtstag wird sicher besser. Hier sind die Festspielwochen erst einmal vorbei und hoffentlich kehrt jetzt so etwas wie Alltag zurück. Ein Alltag, in dem alle gesund sind und leidlich gut gelaunt.
Bitte.
Danke.

(Ja, heute ist mir nach blau. Das ist einfach so.)

Die Fünfzig

Jetzt isser fuffzich.
Der Gutfrisierte hatte gestern Geburtstag und das ist doch der richtige Moment, kurz inne zu halten und ein bisschen zu sinnieren. In trauter Runde, alle noch ein bisschen bleichgesichtig von den Viren der vergangenen vier Wochen, bekannte er, dass er sich nun mit fuffzich auch nicht anders fühlen würde, als damals. Mit dreißig.
Woraufhin der Fürst ihm sagte, dass man so einen schleichenden Verfall nicht unbedingt wahrnehmen würde. Daraufhin musste ich ein heftiges Kichern unter den Tisch fegen, wollte ich doch dem Gutfrisierten diesen Tag nicht anstrengender machen, als er eh schon war.
Ich gab dann frei von der Leber weg zu, dass ich mich in den Dreißigern doch deutlich besser gefühlt habe als heutzutage. Wobei heutzutage dem Virus geschuldet grundsätzlich nicht gut ist und tendenziell ein großes Potential an „Das wird wieder“ beinhaltet.
Gut, in den Dreißigern war ich oft krank. Alles, was der Kindergarten im Programm hatte, warf mich in die Kissen. MagenDarm, grippale Infekte, Scharlach und als absolutes Highlight eine richtig fetzige Pneumonie, die mich für drei Monate aus der Kurve warf. Da hätte ich fast ins Krankenhaus gemusst. Fast. Aber ich wollte lieber zuhause sterben. Außerdem hatten die Kinder die Pneumonie auch, kamen nur besser klar damit. Der Gutfrisierte lief dreimal täglich mit der Schlangensaftflasche an den Krankenbetten vorbei und jeder bekam ein Löffelchen. Und ich bekam auch noch Senfmehlwickel und Wärmflaschen als Extraprogramm.
Der Gutfrisierte war und ist wirklich von erstaunlicher Gesundheit. Darauf bin ich manchmal neidisch.
Und er hat das Fuffzich-Ding jetzt hinter sich. Er hat es mit ruhiger Gelassenheit hingenommen. Das dicke Prinz Pilsken, wo jetzt König von Holland ist, hat gesagt, fuffzig ist wie dreißig, in dieser Zeit. Weil er auch demnächst Geburtstag hat und fuffzich wird.
Von seinen fuffzich Jahren hat der Gutfrisierte bald dreißig mit mir verbracht, mal mehr, mal weniger. Zarte Zwanzig war er, als wir das erste Mal geknutscht haben. Seine Haare haben in der Zeit die Farbe gewechselt, das Gesicht einige Fältchen und Falten bekommen, sein Körper ein wenig Spannkraft eingebüßt, aber irgendwie ist er doch der, der er immer war.
Und wenn wir uns gegenüber sitzen am Tisch, dann gibt es Momente, in denen denke ich: Wer ist der Typ? Nur um Minuten später festzustellen, dass auch ohne Worte kommuniziert wird. Ich denke: Ich bräuchte Butter und schon reicht er sie rüber. Ich reiche ihm den Saft rüber, weil ich weiß, dass er ihn jetzt gern hätte.
Man kennt sich. Und manchmal eben nicht.

Also, wie geht man um mit einem Gutfrisierten, der jetzt fuffzich ist?
Wie immer. Ist ja nur der kalendarische Fuffzigeranfang.
Meterologisch ist da noch Luft für zwanzig Jahre.

 

Ich bin ein Gemüse

Vegetation also. Immer wenn ich denke, jetzt aber, jetzt wird es besser, dann entspricht das ungefähr zwischen fünf Minuten und fünf Stunden später nicht mehr der Realität, dann wechsele ich zurück in den Vegetations-Modus. Vegetieren kann ich inzwischen richtig gut. Ähnlich wie ein Brokkoli in einer Gemüsekiste, liege ich in meinem Bett herum und warte. Warte auf den Frühling, auf besseres Wetter, auf interessante Blogeinträge anderer Menschen, die auch liegen, weil sie nicht sitzen können oder einfach so Zeit haben, etwas zu schreiben.
Eine Influenza kann sich ziehen und immer neue Passagiere aufnehmen. Zum Beispiel einen Brüllhusten. Und wenn der besser wird, dann kommt der Gewässerschnupfen. Ist man durch damit, dann folgt der berühmte Knochenknacker, scheint aber ein Resultat des vielen Liegens zu sein. Beschwerden am Beckenkamm vom darauf herumliegen sind lästig in der Nacht. Killerkopfschmerz und plötzlich auftretender Mörderhalsschmerz sind gute Freunde.
Weshalb ich mittlerweile neben meinem Bett diverse Kleinartikel liegen habe.
Eine Schachtel mit Taschentüchern. Ein Griff, ein Zipp und schon werden die Sturzfluten gefangen. Eine Mülltüte, zur sofortigen Entsorgung der benutzten Taschentücher. Eine fast völlig entleerte Flasche Nasentropfen, eine völlig neue Flasche Nasentropfen, denn ich habe die große Angst, selbige könnten mir ausgehen und ich müsste eine Nacht ohne Atmung durchstehen.
Ein paar Zuckerkügelchen, kann man immer mal lutschen, schad ja nichts.
Hustenbonbons, sehr wichtig, denn nächtlicher Brüllhusten ist für alle Bewohner des Hauses unschön und manchmal lässt er sich durch ein Bonbon besänftigen. Das ist zwar schlecht für die Zahngesundheit aber gut für das Zusammenleben.
Salbeibonbons, ganz wichtig, wenn der Hals seine Explosion ankündigt.
Getränke, diverse. Tees, gern kalt geworden und leicht angestaubt an der Oberfläche, mindestens zwei Tassen, eine Geschmacksrichtung Thymian, eine Salbei.
Eine angebrochene Flasche Wasser nach dem Abgang der Kohlensäure, eine angebrochene Flasche Wasser mit einem Rest an Kohlensäure, eine noch geschlossene Flasche Wasser. Mit Kohlensäure.
Eine angebrochene Flasche Zitronenlimonade.
Ein Schälchen mit Wasabi-Erdnüssen, schon etwas weich, trotzdem schön zum Nase kitzeln, aber mit Vorsicht zu genießen, wegen der regelmäßig auftretenden Bauchschmerzen.
Zwei ungelesene Bücher, drei Comic-Hefte, ein Kritzelbuch, ein Wecker, ein Handy, ein Dingspad, ein Lapdings, ein elektrisches Lesebuch, eine Nachttischlampe, die nach dem Ausschalten immer tickt, als wäre sie eine Bombe.
Zwei kleine Knäuel Baumwollgarn für die geplante und vom Gutfrisierten gewünschte Grannydecke, Termin der Fertigstellung ist für zweitausendzweiundzwanzig anvisiert. Die ersten zwei Grannys, fertiggestellt in nur vierzehn Tagen.
Die Decke für die Schwester wird wohl noch etwas länger dauern. Zweitausenddreißig vielleicht.
Extrem wichtig, überlebensnotwendig, stets griffbereit und gern genommen: eine Schachtel Schmerzmittel. Ich bin mittlerweile ein großer Freund des Schmerzmittels. Ich habe den Beipackzettel direkt entsorgt, so komme ich gar nicht erst auf die Idee, es gäbe irgendwelche Nebenwirkungen. Und wenn ich des Nächtens erwache, weil mein Leben mir die Bedeutung eines Klopfkopfschmerzes erläutern möchte, dann denke ich kurz: Hach, Nebenwirkungen!
Nur um gleich weiter zu denken: Ist mir doch scheißegal.
Und mit einem Schluck staubigen Tees eine kleine, runde, weiße Pille in mir zu versenken und zu hoffen, dass sie schon nach zwanzig Minuten wirkt. Und nicht erst nach dreißig.

Weil mein Nachtschränkchen nicht die Ausmaße einer königlichen Tafel im Buckingham Palace hat, sondern nicht viel größer ist als ungefähr geschätzt dreißig mal vierzig Zentimeter, musste ich mir noch ein kleines Tischchen nebendran stellen.
Als ich mich eben aufraffte, doch ein klein wenig Ordnung in dieses Durcheinander zu bringen, bemerkte ich, dass sogar dies und das unter das Bett gewandert war. Ein Glas mit einem Rest Orangenlimonade, ein Teller mit Zwiebackkrümmeln, ein Schälchen mit angetrocknetem Vanilleeis und festgeklebtem Löffel.
Das klingt jetzt so, als würde ich hier herumliegen und es mir gut gehen lassen.
Limo, Eis, Bonbons, Nüsschen, lesen und auf Elektrogeräten rumdudeln.
Ist doch fein.
Ja, das ist fein. Herrlich. Nur

ICH HAB KEINEN BOCK MEHR

Ich wäre jetzt sehr gern gesund. Und dann würde ich mich sehr freuen.
Und ja, ich wäre nicht gern nur ein bisschen gesünder. Ich will jetzt kerngesund sein.
Verdammt. Scheiße.
Ich möchte kein Leben als Brokkoli.