Irrsinn, Wirrsinn, Denksinn.

Es gibt Momente, da hätte ich es gern anders. Wirklich gern. Da würde ich mein Leben gern so haben:

– deutlich weniger denken!
– religiös sein und deutlich weniger denken!
– seltener zweifeln!
– noch weniger denken!

Dieses Denken, diese unablässige Bewegung in meinem Kopf, das macht mich wirklich irre. Das sind nicht ständige Gedanken wie zum Beispiel, was soll ich morgen kochen? Muss ich heute noch staubsaugen? Ich muss noch die Puppe fertignähen, was soll sie nur für eine Haarfarbe haben? Warum habe ich vergessen zu tanken? Muss ich meine Mutter anrufen? Wie oft muss ich noch auf einem Klo ohne Kopapier sitzen bleiben?
Auch, aber nicht nur.
Es sind andere Gedanken, die kreisen und herumkurven, und diese Gedanken sind manchmal so unerträglich laut.
Dann schreit es förmlich in meinem Kopf herum.

Warum sind Kinder so schwierig?
Hätte ich etwa anders machen sollen? Müssen? Können?
Wird es mir irgendwann gelingen, mein Leben so auf die Reihe zu bekommen, wie ich es gern hätte?
Werde ich mich jemals in der Tiefe glücklich fühlen können? Länger als einunddreißig Sekunden?
Wie groß ist das Weltall? Wo ist es zuende? Gibt es die Unendlichkeit? Sind meine Gedanken nach dem Denken weg? Was machen Gedanken mit meinen Gehirnwindungen? Verändert sich etwas in meinem Kopf, wenn ich denke?
Wie klein bin ich? Wie groß bin ich?
Wie kommt es, dass ich immer weniger lache?
Wie kommt es, dass ich immer noch lachen kann?
Wo sind alle meine Toten hingekommen?
Warum liegen immer noch die Ballons im Wohnzimmer herum?
Werde ich Schokoladenkuchen ohne Desaster backen können?
Kommen Magenschmerzen von zuviel denken?
Hat der Hund einen Floh?
Was stand noch in dem Buch, das ich gestern fertig gelesen habe? Warum fahre ich manchmal los und weiß plötzlich den Weg nicht mehr? Wie schalte ich den Autopiloten aus?
Warum schenkt mir der Gutfrisierte keine Blumen?
Warum lasse ich mich von meinen Kindern anmeckern?
Kann ich meine Kindheit jemals hinter mir lassen? Werde ich sie irgendwann nicht mehr spüren?
Wie klein können Narben werden?
Warum habe ich so wenig Schuhe? Warum ist mir das egal, dass ich so wenig Schuhe habe?
Stirbt in diesem Frühling wieder einer, der mir fehlen wird?

RUHE! Haltet das Maul, ihr verdammten Denkvorgänge! Eine kleine Meditationsübung später sind die ganzen Kollegen schon wieder da und texten mich munter weiter zu.
Das kann doch nicht wahr sein, wirklich. Die wollen einfach nicht still sein.

Ich vermute, es liegt an der Jahreszeit. Es gibt Jahreszeiten, die sind besser als die anderen. Da denke ich nicht so viel.
Und in manchen Zeiten reicht der Platz im Kopf nicht.

 

Rücken und Schwerkraft

Doch, der Rücken erholt sich. Langsam zwar, aber man weiß ja, gut Ding will Weile haben. Auch das in der Kettenreaktion in Auflösung begriffene Knie links und das jammernde Knie rechts zeigen eine Bereitschaft, ihren Dienst zu verlängern.
Dass der Magen mit einer vulkanähnlichen Säureeruption mein Leben ungemütlicher machte, was soll es denn. In Zeiten der Körperoptimierung muss man das als moderne Frau mit einem Lächeln unter: Wie gut, ein Kilo weniger ohne zu kotzen! verbuchen.
Großartig.

Ja, der Körper. Mitunter ein Quell der Sorge, der Entnervung. Einiges ließe sich besser ertragen, wenn nicht im entscheidenden Augenblick, dem Moment, in dem man wirklich ein bisschen Unterstützung braucht, die Schwerkraft bösartig wird.
Der Rücken schmerzt und die brennende Brühe aus dem Inneren kommt einem hochgeschossen, sobald man sich vorbeugt. Die Knie heulen, wenn man statt der Rumpfbeuge die gute alte Kniebeuge praktiziert. Ungefähr fünfhundertmal. Denn die Schwerkraft, dieses Miststück, sorgt dafür, dass alle paar Sekunden irgendetwas zu Boden rauscht.
Taschentücher, Gabeln, Obst, alles greift sich diese kleine Schlampe und befördert es in den Fußraum. Und als nicht voll funktionsfähiger Mensch mit Matschkörper ist man ein Opfer. Ich bin ein Opfer. Ein Opfer der Schwerkraft.

Manchmal reicht ein Wort

Es ist ein Empfinden im Bauch. Ganz sicher, es ist im Bauch. Und da dreht es sich hin und her. Rauf und runter. Verdammt unangenehm, das Ganze. Ein bisschen wie zwei Bissen zuviel, obwohl es eben noch so gut schmeckte. Dazu fangen die Beine an zu wibbeln. Innerlich. An den Knochen entlang. Und dann steigt es immer weiter auf, Richtung Kopf.
Mit tiefen Atemzügen versucht man, es in den Griff zu kriegen. Wenn man kurz vorm Kotzen ist, dann atmet man genauso. Oder kurz vorm Gebären.
Klappt aber nicht. Es entwindet sich dem Griff und wird mit jedem Augenblick ein bisschen wilder. Und wächst. Und wächst.
Was ist das nur?
Ein Gefühl ist es. Einfach ein Gefühl.
Der Kopf wird immer voller, die Augen zappeln hin und her, die Ohren hören ein Rauschen wie von wildem Wasser. Der ganze Körper ist gefüllt. Und es will raus. Es will einfach nur noch raus. Mit einer gewaltigen Woge will es sich befreien.
Warum bin ich so unglaublich wütend?
Was treibt mich so auf die Palme?

Es ist ein Wort. Ein einziges Wort. Vielleciht. Ich hasse vielleciht.
Warum schreibt sich vielleicht nicht einfach vielleciht?
Dann müsste ich mich jetzt auch nicht so unangemessen irre fühlen.

P.S.:
Es lag nicht am vielleciht. Denn vorhin fuhr der Bürgerbus mit fünfundzwanzig Stundenkilometern vor mir her. Erschütternd, was das aus mir machte. Gut, da sitzen rohe Eier und uralte Leute drin. Aber fünfundzwanzig Stundenkilometer auf der Landstraße? Ich muss doch sehr bitten.
Und am Bankautomaten waren drei Leute vor mir. Zwei davon holten Kontoauszüge. Haben die sonst nichts zu tun? Und die letzten Auszüge hatten die vermutlich zweitausendvierzehn geholt. Oder die haben eine Menge Traffic auf dem Konto. Wer weiß. Es dauerte und dauerte und mir saß die Zeit im Nacken. Denn ich hatte die Zeit verpeilt und darum vergessen, Wolkenköpfchen zur Nachhilfe zu bringen.
Und dies. Und das. Und von den Tappas am Abend ist mir jetzt kodderich. War zuviel.
Was für ein Segen, dass es hier in diesem Land so strenge Waffengesetze gibt. Manchmal traue ich mir selbst nicht.

Ein Blick dahinter

Sie stehen an der Stange und biegen ihre Körper. In alle Richtungen, bewegen die Arme auf zarte Weise, die Beine gleiten, der Rücken biegt und streckt sich. Wie Seidentücher in einer sanften Brise.
Dazu spielt Klaviermusik und man sieht sie in ihren Körpern, die Töne, die Melodie.
Die Haare sind zu festen Knoten gebunden, enge Trikots zeigen jeden Muskel, die Gesichter ernst, konzentriert.
Das Wolkenköpfchen eine von ihnen. Wunderschön anzusehen. Der lange Hals, die schlanken Arme, diese Zartheit, die Eleganz, die Hingabe an das, was sie gerade tut.
Ein Blick darauf und es wirkt wie nicht von dieser Welt.

Vor fast vier Jahren ließ ich das Wolkenköpfchen gehen um Tänzerin zu werden. Sie war dreizehn und es war ihr Traum und ihr Leben. Es gab nichts, was sie mehr wollte für ihr Leben. Ich stopfte mein ängstliches Mutterherz in eine Kiste, suchte allen Mut zusammen, den ich finden konnte und ließ los.

Ein dreizehnjähriges Mädchen war sie als sie ging, eine siebzehnjährige junge Frau kam zurück.

„Wir sind uns unserer Verantwortung für diese jungen Menschen, die sich an unserer Akademie ausbilden lassen, absolut bewusst.“ hieß es, als sie aufgenommen war.
„Wir danken Ihnen für Ihr Vertrauen und dass sie uns Ihre Töchter und Söhne anvertrauen.“

Die siebzehnjährige Frau, die wieder zuhause lebt, ist schwer verwundet. In ihrer Seele. Ihr Körper erholt sich schneller, die Zehen sind verheilt, die Zehnägel nachgewachsen, nach ein paar Wochen wurden die Schmerzen weniger, der Nacken ist besser. Sie sieht nicht mehr so erschreckend dünn aus. Aber die Seele.
Der Hass auf ihren Körper, weil er mit fünfundvierzig Kilo zu schwer war. Bei einssechzig in der Länge. Fünf Kilo sollten noch herunter. Weil ihr Körper der einer jungen Frau geworden ist, mit einer Taille und Brüsten. Weil der ideale Tanzkörper ein anderer ist als der ihre. Flach überall, ohne Kurve, ohne Weichheit.
Das Erleben, wenn etwas nicht sofort geht; wenn eine Bewegung etwas länger braucht um gelernt zu werden, weggestoßen zu werden. Zu sehen, wie man als Person keine Bedeutung spielt, wie unwichtig man ist, keine Rolle spielt. Höchstleistung, sonst nichts. Keine menschliche Hinwendung, keine Unterstützung.

Sie haben mein Kind dort verletzt. Drei Jahre lang haben sie dort all das missachtet, was in meinem Wertesystem ein gutes Zusammenleben bedeutet. Und der Wunsch zu tanzen war beim Wolkenköpfchen so übermächtig, so stark, das Glück im Tanz so groß, dass sie ertrug. Dass sie mitspielte in diesem unmenschlichen Spiel. Um das tun zu dürfen, was ihr am meisten bedeutete.

Disziplin, alles hinnehmen, sich selbst auf härteste Art kritisieren. Nie genug sein. Nie reicht es, immer geht es noch ein bisschen besser. So sind die Mädchen, die tanzen und auf die Bühne wollen. Und wie sind die, die sie dort hinbringen wollen?
Nie ist etwas für sie gut genug, immer fordern sie noch mehr. Schmerzen? Egal, reck dich höher. Der Nacken schmerzt? Beweg dich, dann wird es besser. Persönliche Dinge? Dein Leben? Dein Hals muss länger werden. Zieh die Schultern herunter. Du bist traurig? Der Bauch muss flacher sein. Heb das Bein höher. Wie hältst du den Arm? Nicht gut. Tränen? Lächle! Zeig, wieviel Spaß du am Tanz hast.
Und nun auf die Waage.

Jedes Jahr legen sie eine Prüfung ab, diese jungen Menschen, die tanzen wollen, die tanzen müssen. Jedes Jahr schwebt über ihnen das Ende ihrer Träume. Das ganze Jahr bereiten sie sich auf diese Prüfung vor. Trainieren ihre Körper weit über Grenzen hinaus. Sie leiden. Sie haben Schmerzen, sie weinen, sie quälen sich, um diese Prüfung zu bestehen. Nie haben sie das Gefühl, gut vorbereitet zu sein, es schaffen zu können. Immer haben sie im Kopf, nicht zu genügen. So werden sie tainiert. Immer dort, wo es weh tut.
Und wenn sie die Prüfung bestehen, freuen sie sich nicht. Denn es heißt nicht, dass sie irgendetwas gut gemacht haben, es heißt, sie müssen noch mehr an sich arbeiten. Abnehmen, schneller werden, besser werden.

Das Wolkenköpfchen bestand die Prüfung im Sommer. Sie hätte weitermachen können. Und sie suchte all ihren Mut zusammen und hörte auf.
Kam nach Hause.
Seitdem setzt sie ihre Seele in kleinen Schritte wieder zusammen.

Und ich möchte der professionellen Ballettwelt gern ein paar Dinge sagen.
Ihr zerstört Kinder, Jugendliche, junge Menschen. Ihr nehmt ihnen die Lebensfreude, ihr macht ihre Welt winzig klein. Es gibt keine Fülle, es gibt nur noch Mangel. An allem. Zuwendung, Gefühl, Liebe und Nahrung. Auf der Bühne müssen diese geknechteten Wesen funktionieren, alles andere ist egal.
Höher springen, schneller drehen, schwerelos wirken, substanzlos, ätherisch. Ist das Kunst?
Mag sein, ich kann es nicht verstehen. Das Wolknenköpfchen sagte mir oft, ich könne es nicht verstehen, wenn sie weinte und ich versuchte, nicht mitzuweinen, was nicht immer gelang.
Ihr Ballettpädagogen, Ihr Ballettmeister, ich halte Euch für unmenschlich, für gedankenlos, Ihr folgt einem System, das so ist, wie es so ist, weil es schon immer so ist. So habt ihr es gelernt, so lehrt ihr es. So zerbrecht Ihr immer weiter Menschen.

Meine Tochter bekommt Ihr nicht.

Rücken und Renovierungsarbeiten

Wenn mir etwas wehtut, habe ich ein gewisses Mitteilungsbedürfnis. Das kommt daher, dass der Gutfrisierte ein aus Prinzip nicht mitleidender Mensch ist, mir das Mitleiden jedoch gut tut und dementsprechend fehlt.
Weshalb ich heute schon wieder hier herumlarmoyiere. Damit ich das Gefühl habe, ich bin nicht so allein.
Außerdem entbehrt das Ganze mitunter nicht einer gewissen Komik und ist somit auf jeden Fall blogable (gibt es das überhaupt, dieses Wort? Nein. Egal.).

Als kurzes Zwischenspiel und im Hinblick auf den nicht mitleidenden Gutfrisierten eine Anekdote einer alten Dame. Es ist ja mittlerweile bekannt, dass ich mit alten Damen recht gut zurecht komme. Meistens zumindest. Es gibt auch Ausnahmen. Das ist eine andere Geschichte. 
Eine alte Dame also. Ihr Mann starb vor vielen Jahren und sie war sehr traurig darüber. Sie kamen Zeit ihres Lebens recht gut zurecht miteinander. Er wurde begraben, sie verlängerte die Grabzeit alle fünf Jahre und ließ von einem Gärtner alles schön in Ordnung halten. Vermutlich ging sie hin und wieder auch selbst zum Grab und goß ein paar Blumen. 
Nun verging Jahr für Jahr und die alte Dame wurde immer älter. Und ihr Gehirn fing an, kleine Kapriolen zu schlagen. Hier und da wurde dies und das vergessen. 
Eines Tages war es soweit, in irgendeinem Areal geriet etwas sehr durcheinander im Oberstübchen und plötzlich wusste sie, ihr Mann war wieder auferstanden von den Toten. Er lebte. Was für eine Überraschung. 
Die Sache hatte einen Haken. Er kam nie zu ihr, obwohl sie ihn regelmäßig zum Essen einlud, für ihn kochte und den Tisch deckte. Schnell kam sie dahinter, warum er sie nicht aufsuchte. Er hatte, empörender Weise, eine Neue. Eine blonde Schnalle. Und mit der betrog er sie. Da hatte er aber die Rechnung ohne seine Witwe gemacht. Als erstes wollte sie die Witwenrente nicht mehr haben. Denn er war nicht tot. Und sie wollte die Scheidung. Als nächstes kündigte sie die Grabstätte und Pflege. Das hatte er beim besten Willen nicht verdient, dass sie sich weiter um sein Grab kümmerte, während er sich mit der Blonden verlustierte. Und als Lebender ein Grab, was soll das denn? 
Nun hat sie beschlossen, dass sie ihn nicht mehr leiden kann, weil er so ein untreuer Geselle ist und weil keiner sie bei ihren Plänen bezüglich einer Scheidung unterstützt, wird sie einfach so tun, als hätte sie ihn nie kennengelernt. So kann`s gehen, in der Ehe.

Ich fühle mich nicht gut, der Hund muss trotzdem raus. Wie immer. Und wie ich bereits erwähnte, Bewegung ist gut, so wird es behauptet. Bevor ich mit dem Hund das Haus verließ, stand ich vor dem Renovierungsstau an den neu eingesetzten Fenstern, für die ich höchstselbst aus Rigips eine Innenverkleidung basteln wollte. Ich fuchtelte mit einem Zollstock, notierte wahllos Zahlen auf einem Block, wuschelte in der Dämmung herum und wusste auf einmal, das Ding hier ist eine Nummer zu groß für mich. Trotzdem ging ich noch in den Keller, nahm mir einen Holzbalken, sägte ein bisschen mit der stumpfesten Säge, die je ein Holz zuvor gesehen hat, an dem Balken herum, versuchte es mit zwei anderen stumpfen Sägen, alleweil der Rücken lauthals herumbrüllte, ob ich wohl noch alle Tassen im Schrank hätte.
Dann brach ich zusammen. Ich lief, so schnell es meine momentan quasimodoeske Fortbewegung erlaubte, die Treppe hinauf, schluchzte, warf mich nicht auf das Bett, sondern ließ mich sehr vorsichtig über die Seite hineingleiten und wurde sodann von einem Heulkrampf geschüttelt. Weil ich fand, dass das alles eine riesengroße Scheiße sei. Ich heulte mich selbst an: „Warum muss immer ich diese ganze Kacke machen? Warum ich? Warum nicht… egal. Wo ist mein Papi? Ich will meinen Papi!!“
Herrjeh.
Zwischen fünf und fünfzehn Minuten jaulte ich aus tiefstem Herzen, dann jaulte der Hund. Ich rollte mich achtsam aus dem Bett, zog mir artistisch die Schuhe an und watschelte in Richtung des Waldes.
Direkt am Waldeingang, da stand der Mann, der sein Haus ein Jahr lang umgebaut, saniert, renoviert hat. Der Mann, der immer lässig mit einer Kippe im Mundwinkel grüßt. Der zwei kleine Klopshunde hat. Und er sprach in sein Handy: „Diese Woche ist ziemlich ruhig.“
Und ich kam plötzlich vom Planeten Quatschbacke.
„Guten Morgen! Eine ruhige Woche? Na sowas! Wie schön. Ich hätte da mal eine Frage…“
Morgen kommt er und macht diese dammische Innenverkleidung. Vermutlich denkt er, ich habe sie nicht mehr alle. Aber was soll es denn. Ist ja auch so. Realität. Ich bin behämmert. Was habe ich mir dabei nur gedacht? Innenverkleidung mit Rigips. Alter, ich bin Köchin, Heilpaprika, Klempner, Waschmaschinenanschließer, Steuerfritz, Autobeauftragter und was nicht noch alles. Aber ich bin kein Trockenbauer. Ich habe keine Ahnung davon. Null.

Demnächst ducken sich alle weg, wenn ich in den Wald gehe. Denn wenn ich den Mund aufmache und sage: „Ich hab da mal eine Frage…“, dann ist das verbunden mit meinem Irrsinn. Aber auf diese Art und Weise kam das Wolkenköpfchen zu einer native english Sprecherin, die ihr in der mündlichen Prüfung zu einer durchaus erfreuliche Leistung verholfen hat.
Die hat einen beigen Hund, der gern mit meinem schwarzen Hund spielt. Und zack, hatte ich sie nach ihrem Akzent gefragt und ob sie sich vorstellen könne, jemandem das Englische nahe zu bringen. Sie konnte.

Nun denn, morgen früh gehe ich, während hier trocken gebaut wird unter der Aufsicht meiner Schwester, zur Physiotherapie und lasse mir die unteren Lendenwirbel amputieren bewegen. Und renovieren tu ich nicht.

Rücken und Hund

Die Fenster sind drin. Es kamen einige tapfere Mannen mit absonderlichen Hämmern und Gerätschaften. Sie sägten Löcher in Hausbereiche, von denen ich dachte, sie seien massiv. Aber weitgefehlt. Als würde man mit einem Löffel eine Portion Wackelpudding zerteilen. Hoffentlich fallen niemals diese Tannen gegenüber um. Wenn die auf das Wackelpuddingdach fallen, dann hat der Spaß ein Loch, wie die Gisela sagen würde.

So stand ich in den Zimmern, schaute den fleißigen Handwerkern zu, trug dabei eine Wärmflasche hälftig im Unterhemd, hälftig in der Unterhose, was bestimmt den Eindruck erweckte, ich hätte einen unfassbar voluminösen Hintern, womit ich aber klar komme, denn manchmal geht Wärme eben vor Aussehen.
Der Rücken schmerzt und da gilt es, abzuwägen.

Bewegung sei ja sehr gut, wenn der Rücken schwächelt, heißt es. Weshalb ich heute in der Frühe auch schon mit dem Hund durch den Wald stolperte, als gerade das Nachtdunkel in ein Dämmergrau wechselte. Danach auf einem Bürostuhl zu sitzen, das war keine so großartige Sache. Besser wäre ich irgendwo liegen geblieben. Oder weitergelaufen.
Und dann noch Stehen und den Handwerkern zuschauen, nicht ganz förderlich.
Ich fühlte mich am Nachmttag als Resultat des Ganzen unfähig, ein weiteres Mal mit der Töle durch den Wald zu stolpern. In welchem übrigens die Waldwege zum Teil hübsch glatt gefroren sind. Es lädt ein zum Schliddern.
Siehe da, ich konnte den Nachmittagsspaziergang abtreten an das Wolkenköpfchen. Alle Weile legte ich mich flach nieder. Fast tat nichts weh.
Aber dann klingelte es. Und ich hörte, wie es von der Tür tönte:
„Sag der Mama, sie muss kommen.“ Innerlich stöhnte es in mir, äußerlich stöhnte es aus mir raus: „Sag, dass ich nicht komme.“
„Sag der Mama, der Hund…“
Nein. „…der Hund hat sich…“
Nein, bitte. „…hat sich eben in…“
Bitte nicht, bitte, bitte nicht. Nein, nein. Nein.

„…Der Hund hat sich in Scheiße gewälzt und stinkt!“
Toll. Was folgte, das war ein bandscheibenzerstörender Aufenthalt im Badezimmer mit einem verschissenen Hund, dem ich am liebsten das Fell über die Ohren gezogen hätte.
Hund, Dusche, Badezimmer, Fell schütteln, Geruch, Scheiße.
Ich glaube, morgen kann ich mich nicht auf den Bürostuhl setzen. Vielleicht streiche ich stattdessen mal eine Decke. Ein bisschen hier, ein bisschen da.

Rücken und Fenster

Ich versuche es mit Musik von Youtube. In den Kommentaren steht, dass das Zwergkaninchen Karamell sich beim Lauschen dieser Musik auf die Seite legt, die Beinchen streckt und bei leicht verdrehtem Kopf die Augen schließt.
Und wenn sich ein Zwergkarnickel bei Musik entspannt, dann werde ich das wohl auch hinbekommen. Möchte man annehmen. Es wäre nämlich gut, wenn ich entspannen würde. Es ist sozusagen Gebot der Stunde.
Vor allem benötigt die Muskulatur im Lendenwirbelbereich dringend der Entspannung. Dort hat sich auf Grund tektonischer Verschiebungen ein weiteres Mal eine massive Anspannung aufgebaut, was, man kann es nicht anders sagen, schmerzt. So einfach ist das. Es tut weh. Im unteren Rücken.
Alles schon dagewesen, denke ich mir. Kenne ich doch, wozu aufregen?!
Meine Bandscheibe ist einfach nicht mehr der frischeste, elastischste, schönste, geleegefüllte Glibberring. Und bis auf geleegefüllt und Glibberring würde ich den Rest für die Gesamtkonstitution ebenso gelten lassen.

Inzwischen habe ich schon vier verschiedene Entspannungsmusiken ausprobiert. Leider bin ich kein Zwergkaninchen und ich heiße auch nicht Karamell. Daraus folgt, ich verdrehe zwar den Kopf, aber ich verdrehe auch die Augen anstatt sie zu schließen und bekomme Zustände. Der Anschlag der Klaviertasten nervt mich ebenso wie das Gesäusel irgendwelcher Streicher, ich möchte ein Glas zerbrechen hören.
Dem Wunsch gebe ich nicht nach, ich kann mich nicht bücken, um die Scherben wegzuräumen.
Geduld, mein Herz, Geduld. Es wird schon wieder. Später. Heute nicht, morgen vielleicht, übermorgen bestimmt. Oder nächste Woche.
Ich versuche, mich zu erinnern, wann mich die Bandscheibe zuletzt zerlegt hat. Ist Jahre her. Aber ich weiß nicht, wieviele. Manche Leute merken sich keine Gesichter, manche keine Namen, manche können sich Wege nicht einprägen und verlaufen sich auf dem Weg zum Klo. Ich weiß nicht, wann was war. Ich weiß, dass es war, aber Jahreszahlen? Ich bin froh, wenn ich mir die Geburtsjahre der Kinder merken kann. Wie lang ich aber in diesem Haus hier wohne, wann meine Großmutter gestorben ist, wann mir eine Bandscheibe erstmalig rausquautschte, in welchem Jahr ich meine Gesellenprüfung ablegte, ich weiß es doch einfach nicht. Früher. Schon länger her.
Ein paar Dinge haben sich inklusive Jahreszahl ins Hirn gebrannt, aber derer gibt es nicht sehr viele. Und in fünf Jahren werde ich darüber nachdenken, wann ich denn gleich nochmal wie verreckt im Eck lag, weil mich der Rücken triezte. Dann erinnere ich mich, dass es Winter war, nach Karneval, weil der Rücken immer gern rund um Karneval herum in die Knie geht. Dass der ganze Wald schwamm, weil es übermäßig regnete und dass es der Winter war, in dem die Sonne sich nur selten blicken ließ.
So wie ich weiß, dass es beim ersten Mal Bandscheibe frühlingshaft war. Vielleicht der Mai. Und es war ein Chaos. Es gab gerade neue Fenster im Schlafzimmer. Davor musste eine Glasbausteinewand herausgebrochen werden. Das letzte Großprojekt mit meinem Vater. Er schwang den Vorschlaghammer als wäre er Thor persönlich.
Dann kam Engelbert und setzte große Fenster und eine Tür ein. Darauf folgte Kaiser Franz-Josef, verputzte Ecken und Kanten und Fensterlaibchen.
Und zum guten Schluss strich ich. Mit versehrtem Rücken. Ein bisschen hier, ein bisschen da. Und so sieht es bis heute an der Decke im Schlafzimmer auch aus.
Zwischendurch legte ich mich für drei Tage ins Krankenhaus, um mir einmal die richtig guten Sachen abzuholen. Wenn ich mich recht erinnere, hieß es Würzburger, was mir in die Adern floss. Schön war`s. Dieser Moment, in dem ich einschlief. Als ich wieder wach wurde, war es weniger schön. Ich kotzte mir die Seele aus dem Körper. Die drei Bettnachbarinnen bekamen ihr Mittagessen, ich bekam eine Pappschale. Sie kauten und schmatzten, ich erbrach mich im Schwall. Ich wurde in die Radiologie gebracht, da reiherte ich ins Waschbecken des Umkleidekabäuschens.
Ich kam zurück auf die Station und kübelte in eine weitere Pappschale. Dann weinte ich, weil das Kotzen mit Rückenschmerzen, die wieder zu Höchstform aufliefen, eine unangenehme Sache ist.
Ich bekam ein Zäpfchen, das ich mir nicht mal selbst in den Hintern schieben konnte, weil ich mich nicht so weit verdrehen konnte. Darüber weinte ich auch. Eine Schwester übernahm den Job. Tropfen, meinte sie, Tropfen seien Unsinn, die würde ich doch gleich wieder ausspucken. Ich solle mir mal keinen Kopf machen, wäre nicht das erste Zäpfchen, das sie schiebt. Sie war nett, meine Würde lag trotzdem in Trümmern auf dem PVC-Boden.
Dann kam der Gutfrisierte. Er sah mein Elend, entschwand und kam mit einer gefüllten Spritze wieder, die er bei seinem Arbeitsplatz, vierdreiviertel Flure weiter, besorgt hatte. Er verabreichte mir den Inhalt.  Danach war das Leben schön. Ich schlief statt zu erbrechen. Und schlief. Und schlief. Und am nächsten Tag bemerkte ich, dass der vergangene Tag nicht viel an Erinnerung behalten hatte. Ganze Telefonate waren in meinem Kopf verschwunden. Vermutlich falsch abgeheftet. Oder gar nicht, einfach geschreddert und entsorgt. Es fiel auf, als ich meiner Schwester alles zum zweiten Mal erzählte. Sie wusste es bereits. Und ich wunderte mich.

Ich hatte in der Radiologie übrigens Pommes in das Waschenbecken entsorgt. Ich konnte sie noch erkennen. Sie waren vom Abendessen. Die daraus folgende kurzfristige Pommesphobie konnte ich jedoch gut in den Griff bekommen.

Übrigens werden morgen hier ein paar neue Fenster eingebaut. Wenn ich recht darüber nachdenke, fühlt es sich ein bisschen nach Murmeltiertag an.
Die Jahreszeit ist zwar eine andere, es ist nicht nur ein sich wiederholender Tag. Es könnte sechs Jahre her sein. Oder acht. Zehn nicht. Oder? Neun? Kann es sein, dass es sieben sind? Als Waldorftuttifruttimutti weiß ich ja genauestens über die Jahrsiebte bescheid durch die einzigartigen Elternabende und pädagogischen Wochenenden, bei welchen mir die Bedeutung der Sieben-Jahres-Schritte im Leben nahegebracht wurde.
Neue Fenster = L-fünf/S-eins
Alle sieben Jahre.
Nicht mit mir. Auf keinen Fall. Ich werde einfach keine neuen Fenster mehr einbauen lassen. Weder in sieben noch in fünf Jahren. Nach den kommenden zwei morgen wird das Kapitel neue Fenster für mich beendet sein. Wäre doch gelacht, wenn ich dem Schicksal damit kein Schnippchen schlagen könnte.
Jetzt rolle ich mich einmal über die Seite aus dem Bett und gehe in den Wald. Der Hund muss schließlich trotzdem raus. Rücken hin oder her. Und außerdem, so schlimm wie damals ist es noch lange nicht. Also.
Reicht jetzt, das elende Genörgel. Schluss mit der verdammten Entspannungsmusik.

Reisewarnung

Das Inwärtige Amt warnt vor Reisen in das Landesgebiet Rheinland.

Die Lage im ganzen Rheinland ist extrem unübersichtlich und unsicher. Es kommt immer wieder zu Auseinandersetzungen, von denen auch die Niedersachsen, Bayern, Schwaben, Thüringer und alle anderen noch dazu betroffen sein können.

Die staatlichen Sicherheitsorgane können keinen ausreichenden Schutz garantieren. Verkleidete Gruppen mit zum Teil unklarer Zugehörigkeit treten häufig als Vertreter der öffentlichen Ordnung auf, sind jedoch nicht ausgebildet und wenig berechenbar. Sie stehen häufig unter Alkoholeinfluss und wollen alles küssen, was nicht bei drei auf dem Baum ist.

Die Parlamentarische Demokratie wurde ersetzt durch eine Monarchie. In jedem bewohnten Teil des Landes regieren Prinzen, Bauern und Jungfrauen, genannt Dreigestirn. Majestätsbeleidung gilt als Staatsverbrechen und wird erbarmungslos verfolgt.

Medizinische Hinweise:
Ein Besuch im Rheinland kann zur Zeit zu schwerwiegenden gesundheitlichen Schäden führen.
– Leberschäden (Fettleber bis Zirrhose)
– Ausschlag (Lippenherpes bis Genitalherpes)
– Virusinfekte (grippale Infekte, echte Karnevalsgrippe, Diarrhoe)
– Hirnleistungsstörungen und zentralnervöse Störungen (lallen und torkeln)
– in Verbindung mit kardialen Beschwerden (achten Sie auf folgende Äußerungen:
„Sch bn soooooo valihhhhbt, minge Hätz tut wiiiiiieehhhh…“- event. Notarzt rufen)
– Erfrierungen jeden Grades an allen Körperteilen (Vorsicht bei Freilufturination)

Sorgen Sie dafür, dass Sie keine medizinische Hilfe benötigen. Möglicherweise ist das Fachpersonal indisponiert.
Von öffentlicher Seite gibt es zur Zeit wenig Unterstützung, alle haben frei.

Öffentliche Verkehrsmittel sollten nicht genutzt werden. Sie fahren fahrplan-
ungemäß, die Fahrer haben das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom und die Fahrzeuge sind maximal verschmutzt durch Zigarettenrauch, Alkoholpfützen und Erbrochenes.

Und das alles bei ausgelassener Heiterkeit. Mit Pappnase.
Bleiben Sie zuhause. Da treten Sie auch nicht in Kotzbrocken.

 

(„Haftungsausschluss: Reise- und Sicherheitshinweise beruhen auf den zum angegebenen Zeitpunkt verfügbaren und als vertrauenswürdig eingeschätzten Informationen des Innwärtigen Amts. Eine Gewähr für die Richtigkeit und Vollständigkeit sowie eine Haftung für eventuell eintretende Schäden kann nicht übernommen werden. Gefahrenlagen sind oft unübersichtlich und können sich rasch ändern. Die Entscheidung über die Durchführung einer Reise liegt allein in Ihrer Verantwortung. Hinweise auf besondere Rechtsvorschriften im Rheinland betreffen immer nur wenige ausgewählte Fragen. Karnevalistische Vorschriften können sich zudem jederzeit ändern, ohne dass das Inwärtige Amt hiervon unterrichtet wird. Die Kontaktaufnahme mit der zuständigen diplomatischen oder konsularischen Vertretung des Rheinlandes wird auf keinen Fall empfohlen. Kamelle. Strüßjer. Bütze.“)

Gedankenreise und Selbsthypnose

Ich weiß es doch auch nicht.
Eben war noch Weihnachten, dann Silvester und jetzt hampeln hier schon wieder die Jecken umeinander. Nächste Woche knallt das Rheinland durch, mutiert zur Hauptstadt der Frohnaturen und ich bin, wie in jedem Jahr, damit beschäftigt, meine Angst vor diesen verdammeleiten Lappenclowns im Zaum zu halten.
Ich mache mir dabei die Techniken der Selbsthypnose zunutzen.
Dazu brauche ich ein Sofa, wahlweise eine Couch, gern mit weichem Kissen und behaglicher Decke. Es darf auch ein Bett sein.
Ich lege mich in eine bequeme Position, in welcher nichts drückt oder zwickt oder sonst wie einengt. Beim Nachspüren, ob alles soweit kommod ist, zeigt sich schnell, dass der momentan getragene BH nicht ganz den Ansprüchen an Behaglichkeit entspricht, weshalb ich mich halb aufrichte und mit dem Büstenhaltertrick bei einigen Verrenkungen den BH aus meinem Pulloverärmel herauszaubere.
Wenn dann die Gesamtsituaton als wohlig eingestuft werden kann, atme ich einige Male ein und aus, in den Atempausen spreche ich innerlich mein Mantra.
„Ruhig, gelassen, ein und aus, doremifasolatido.“
Dann hypnotisiere ich mich.
Ein und aus, ein und aus, der Atem fließt.

Und wenn ich fertig bin mit der Hypnotisierung, werde ich wieder wach.tauche ich aus den Tiefen meines Bewusstseins wieder auf. Und freue mich.
Schlafen Hypnose am Mittag kann so erfrischend hilfreich sein.
In dieser Zeit der Hypnose, ich nenne sie auch gern Qualitytime, angelehnt an Qualitystreet, die aber früher sehr viel besser schmeckten als heute, wo ich sie nicht mehr mag, außer die langen Karamellstäbchen mit Schokoladenüberzug, die sind immer noch gut, auch die in Goldpapier gewickelten Karamelltaler, die Zähne töten, aber diese Erdbeer- und Orangencremedinger sind mittlerweile wirklich widerlich aber egal, in dieser Qualitytime habe ich auch keine Angst. Vor nichts und niemandem. Schon gar nicht vor diesen albernen Clowns. Nimm das, Pennywise!

Habe ich nicht genug Zeit für eine tiefergehende Selbsthypnose, so greife ich zur Phantasiereise. Auch diese leite ich mit ein paar tiefen Atemzügen ein, begebe mich aber nicht in eine besondere Position oder an einen besonderen Ort, so eine Reise ist überall und immer möglich.
Ein und aus, ein paar Mal tief in den Bauch atmen, das Zwerchfell gründlich durchbewegen und dann dem Gehirn ein paar einfache Befehle geben.
„Stopp. Nicht über dieses oder jenes nachdenken. Nicht in die Richtung der Traurigkeit schauen, nein, hier geht es lang, bitte, keiner aus der Reihe tanzen, alle Gedanken in diese Richtung, ja, genau, folgen Sie bitte den Wegweisern!“
Und was steht auf den Wegweisern?
„Reise ins eigene Zimmer“ steht darauf. Und die Gedanken schippern vergnügt darauf zu. Die Wände werden weiß gestrichen, der Fensterrahmen auch, die Tür frisch lakiert. Ein neues Bett wird gekauft, mit richtig feinen Matratzen, damit der Rücken sich freut. Der Sessel kommt auch hinein und es kann sein, dass sich irgendwo eine schöne Gardine findet, die an einem Sommertag am geöffneten Fenster sanft hin und her schwingt, denn es wird ein Dachfenster geben, damit man Durchzug machen kann. Der Wandschrank wird herausgerissen und aus dem Fenster geworfen, mit Schwung, damit er nicht auf dem Balkon zwischenlandet. Stattdessen kommt eine Kommode dort hin, damit Handtücher und Bettwäsche ordentlich untergebracht werden können.
Auf dem hübschen und ebenfalls neu lakierten Nachtschränkchen wird eine schöne Lampe stehen und ein paar Bücher liegen. Und welches Bild hängt an der Wand? Dieses? Jenes? Das da? Oder nicht? Ein ganz anderes? Gemach, Gedanken, jetzt nicht in Hektik ausbrechen, noch ist ein bisschen Zeit. Nichts überstürzen.
Nur die Patchworkdecke ist schon fertig und wartet darauf, in das eigene Zimmer umziehen zu dürfen.

Wenn die Realität dann an meinem Hosenbein zippelt und möchte, dass ich mich mit den realen Dingen beschäftige, drehe ich den Lautstärkeregler der Gedankenreise einfach um zwei Striche herunter, denke ein bisschen leiser.

Aber nichts desto trotz. Diese Reise hat ein Ziel. Und das ist im wahren Leben. Und Ende April wird es den Zieleinlauf geben und im Mai, da wird es soweit sein.
Das erste Kind zieht aus, mit Sack und Pack und dann: Zimmer frei.

Das geht, wie anfangs erwähnt, rasant schnell, war doch eben erst Weihnachten.

Prosopagnosie- Entschuldigung, aber kennen wir uns?

Ich war im Kaff meiner Jugend, sorgte für betreutes Einkaufen, da die Frau Mutter das selbstverantwortliche Einkaufen nur mit Einschränkung zustande bringt.
Im Supermarkt, einem kleinen Einkaufstempel mit Auszeichnung und Goldmedaille für besonderen Einkaufskomfort stand ich bei den Knabberwaren und sinnierte über die Sinnhaftigkeit von Chips und Nüssen.
Ein Mann ging vorbei und ich warf einen vorüberschweifenden Blick auf ihn. Meistens rutschen solche Blicke einfach weiter und man vergisst, wen man eben gesehen hat. Das ist auf jeden Fall eine gute Sache des Hirns, dass man sich nicht alle Gesichter, die einem im Laufe des Tages vor die Linse geraten, auch merkt. Das würde vermutlich recht schnell zur Überladung und zu einem heftigen Kurzschluss führen.
Sekundenbruchteile nach dem schweifenden Blick durchfuhr es mich.
Den kenne ich!

Ich glotzte hinter ihm her. Woher kenne ich den? Mein Hirn sprang weg von den Knabberartikeln und fing an, in den Archiven zu blättern.
In diesem Kaffsupermarkt befürchte ich ja immer, jemanden zu treffen. Eventuell Menschen, die ich nicht treffen möchte. Ehemalige Klassenkameraden, die im Kaff geblieben, zurückgekehrt oder zu Besuch sind. Bei dem ein oder anderen wäre es nett. Aber insgesamt bin ich nicht sehr erpicht darauf. Ich mag diese abschätzenden Blicke nicht. Weder meine noch die für mich bestimmten.
„Fünfundzwanzig Jahre nicht gesehen! Was machst du denn jetzt? Wie geht es dir? Seit wann ist dein Arsch so fett? Drei Kinder? Oha, wie die Karnickel…!“

Wer ist der Typ? Den kann ich nicht aus der Schule kennen, der ist einiges älter als ich. Vielleicht so um die siebzig. War er der Vater von irgendwem? Nein, die Richtung stimmt nicht ganz.
Das Hirn springt hin und her und mir wird ganz wuschelig im Kopf von diesen Datenmassen, die umgegraben werden. Ich starre dem Mann hinterher und es will mir einfach nicht einfallen. Er verschwindet aus meinem Blickfeld. Mein Hirn kaut noch ein bisschen an dieser Denksportaufgabe herum, lässt sich aber zügig von Tiefkühlwaren und dem Kinderfängerregal ablenken.
Dann kreuzt der Mann erneut meinen Weg, schaut mich kurz an, lächelt, nickt, geht weiter und scheint ebenfalls damit anzufangen, sein Hirn nach meinem Gesicht zu scannen.
Langsam wird es unangenehm im Oberstübchen und ich spüre eine leichte Panik auftauchen. Warum kann ich mich nicht erinnern? Wieso bekomme ich dieses Gesicht in keinen Kontext einsortiert? Prosopagnosie? Erkenne ich Gesichter nicht mehr? Oder leide ich jetzt schon unter dem Arschlochs Pitter Syndrom?
(Arschlochs Pitter Syndrom: Wenn in gesellig beisammensitzenden Runden der Name einer Person gesucht und bedauerlicherweise nicht gefunden werden kann, weil die Hirnleistung aller Anwesenden aus unterschiedlichsten Gründen -Alter, Alkohol, Blödheit- eingeschränkt ist, und der Gesuchte mit den Worten: „Wird der Arschlochs Pitter gewesen sein“ benannt wird.)

Kurze Zeit später stehe ich an der Kasse, an der Nachbarkasse steht der Kerl, der mich und mein Hirn so foppt. Ich räume diverse Waren aufs Warenbeförderungsband, Leberknödelsuppe in der Dose, Cocktailtomaten, ein paar Fläschchen mit allerlei Inhalt, da schiebt sich ein Bild vor mein inneres Auge. Ich sehe das Gesicht dieses Mannes vor mir und direkt neben seinen Ohren meine Knie. Mein Gesicht wird vermutlich hitzig rot und ich denke, warum sind meine Knie neben seinen Ohren? Was ist da los? Hatte ich…? Nein, niemals! Ganz sicher nicht!
Aber warum verursacht mir dieser Kerl auf einmal ein Gefühl von…Intimität?
Sehr unangenehm, das Ganze. Und dann kracht es mir rein. Die Erinnerung schlägt direkt hinter meiner Stirn mit voller Wucht zu.
Natürlich! Der Typ ist der ortsansässige Gynäkologe und hat vor über fünfundzwanzig Jahren meinen Genitalbereich in Augenschein genommen. Darum erinnere ich mich an meine Knie neben seinen Ohren.

Einerseits erleichtert, dass ich endlich weiß, wer er ist, atme ich kurz auf. Dann sehe ich, dass er mich anschaut und frage mich:

An was erinnert der sich jetzt?