Ende, aus…

Es ist mittlerweile soweit, dass ich es abgrundtief hasse. Das Kochen. Und ich habe mir Gedanken darüber gemacht, wie es so weit kommen konnte, wo ich doch einen Gesellenbrief im Kochen habe und eigentlich auch sehr gern esse. Ich kann kochen, ich weiß, wie das geht. Ich habe keine Probleme mit dem Timing, mit Gewürzen, ich komme klar in der Küche. An Weihnachten habe ich eine Telefon-Hotline, die regen Zuspruch in der Familie findet. „Wie ging das noch mit der Mousse?“ oder „Wirklich richtig heiß anbraten?“ und „Wie lange braucht das?“.

Aber für die Familie zu kochen, das kotzt mich an, wenn ich es einmal so rüde ausdrücken darf.
Warum ist das so? Erst einmal fällt mir einfach nichts mehr ein. Es ist, als wäre mein Kopf leergefegt, wenn ich darüber nachdenke, was ich kochen könnte. Da ist nichts. Gähnende Leere. Als ich hätte ich mich leergekocht.
Dann kommen die einzelnen Geschmacks- und Gesinnungsvorlieben dazu. Der eine isst kein Fleisch aus Überzeugung (jetzt ratet mal, wer? Genau. Alle Mädchen in der Pubertät, die etwas auf sich halten, wenden sich mit Grausen vom Töten der Tiere ab. Den Schwenk zum Veganen habe ich erfolgreich unterbinden können.), der nächste ist auf keinen Fall etwas vom Schwein, denn das ist unreines Fleisch (auch in unserem Haus darf jeder seine Religion leben, wie es ihm gefällt. Ich mache trotzdem Speck in den ein oder anderen Pfannkuchen, nimm das Allah.) und ein ganz anderer verweigert so gut wie jedes Gemüse, von Salat ganz zu schweigen und das völlig ohne Begründung.
Die fehlende Begeisterung für die Dinge, die ich koche, tut das Übrige dazu. Habe ich mich aufgerafft und zum Beispiel Lasagne zubereitet (zweierlei Lasagne, eine mit Gemüse, eine mit Fleisch von der Kuh, ja, so irre kann man sein!) und rufe: „Zu Tisch, zu Tisch, gekocht ist der Fisch! Herbei, herbei, gekocht ist der Brei!“ mit heiterem Frohsinn in der Stimme, passiert erst einmal genau nichts. Überhaupt gar nichts.
„Essen!“ in der Lautstärke der Trompeten von Jericho wird mit einem müden „Komme.“ beantwortet.
Ich sitze dann am Tisch, warte, und langsam trödelt einer nach dem anderen herbei.
Da hocken sie dann, stopfen sich in Hyperschallgeschwindigkeit (so wurde der Warp-Antrieb erfunden) ihr Essen hinter die Kiemen und sonst nichts. Es gibt keinen Kommentar über die Qualität des Zubereiteten, kein Wort zu Würze, Konsistenz, Geschmack, allenfalls wird über irgendetwas dumm rumgelabert. Laberlaber.
Und dann kommt der Höhepunkt. Wenn sie fertig sind, dann ist das höchste der Gefühle, dass mal Teller in die Spülmaschine geräumt werden. Und dann ist die Küche „aufgeräumt“. Ich setze das mit voller Absicht in Anführungszeichen.
„Aufgeräumt“
Ich lache mich tot.
Wenn ich sage, ich habe gekocht und würde deshalb die Küche nicht aufräumen, wie ich das so schön zuhause gelernt habe, in meiner ansonsten nicht unbedingt nachahmenswerten Herkunftsfamilie, wo der Vater einkaufen ging, kochte, sich täglich um die Speisung kümmerte und die Küche nur sehr selten reinigen musste, nur dann zum Beispiel, wenn er sie zu arg eingesaut hatte, wenn ich das also sage, nein sage, ich räume die Küche nicht auf, dann ist das, als würde man einen Haufen Kellerasseln oder Küchenschaben mit einem Flutlicht bescheinen. So schnell sind alle davon, so schnell kann man nicht schauen (auch hier wieder der Verweis zum Warp-Antrieb).

Wenn die ein oder andere Assel nicht schnell genug türmt, dann lässt sie sich hinreißen zu Reinigungstätigkeiten. Aber was soll ich sagen? Wieviel ist gewonnen, wenn die Küche zwar auf den ersten Blick recht reinlich wirkt, es aber grundsätzlich nicht dazu reicht, zum Beispiel die Kacheln hinter den Herdplatten so abzuwischen, dass sich nicht ein veritabler Fettfilm darauf befindet.
Oder wenn sich anschließend im Waschbeckenabfluss ein halber Kopf Salat mit fünfzehn Nudeln vermählt. Oder die Pfanne, der Topf und das Backblech bei der nächsten Benutzung zeigen, was sie als letztes getan haben? Man sozusagen das Essen der vergangenen Woche wie Jahresringe am Baum abzählen kann.

Das ist doch alles Scheiße und der Grund, warum ich einfach keinen Bock mehr habe, zu kochen.
Und andere kochen zu lassen, führt auch zu nichts. Erstens kommt sowas nur in Ausnahmefällen vor und zweitens sieht es danach eben auch aus wie in der letzten Schmuddelküche eines Schnellimbiss.

Was sollen wir mal essen?
Pfannekuchen.

Meine Autos, mein Führerschein und ich

Als ich vor vielen, vielen Jahren meinen Führerschein machte (unglaublich, es sind schon dreißig Jahre vergangen, seit es soweit war, dieser Gedanke macht aus mir soeben und mit einer Heftigkeit, die ich nicht erwartet habe, eine alte Hippe), da prognostizierte der Fahrlehrer mir ein schnelles Ende meiner Autofahrerkarriere.
Der kleine, cholerische Giftzwerg mit schlechter Laune biblischen Ausmaßes lebte nicht mehr lange genug, um seine Vorhersage zu überprüfen. Weshalb ich „Und ich hab meinen Führerschein immer noch, du Depp!!“ in den Himmel rufe, obwohl ich mir sicher bin, das ist ihm in seinem Zustand eh egal.
Nur weil ich während der Prüfung über eine durchgezogene Linie gefahren bin, als er irgendwelche Geheimzeichen mit dem Daumen geben wollte und ich das alles nicht geblickt habe und hektisch rüberzog, musste ich die komplette Strecke noch einmal fahren. Meine Prüfung dauerte über eine Stunde. Bei der zweiten Runde machte ich den Fehler nicht noch einmal.
Als mir der Prüfer den rosafarbenen Lappen mit dem unsäglichen Foto überreichte, kam die Ansage des Zwergs: „Den haste nicht lange, Frolleinschen, jede Wette!“.
Tja, nimm das, du Unglücksunke. Ich habe meinen Führerschein nie verloren, ich habe keine Punkte und ich bin, neben Annika, die beste Autofahrerin der Galaxis. So sieht das aus. Gut, ich hatte einen heftigen Auffahrunfall bei regennasser Fahrbahn. Der Fiesta vor mir war nicht robust und ich hatte anschließend ein Problem mit meinem Nacken. Aber sonst war das nur Blech. Ach, und einen Fahrradfahrer hatte ich mal auf der Motorhaube. Aber das Verfahren wegen fahrlässiger Körperverletzung wurde eingestellt, weil der Typ auf dem Bürgersteig gefahren ist, nach hinten schaute und noch einen halben Meter Platz gehabt hätte, mir auszuweichen. Hat er aber nicht gesehen. Weil er ja woanders hingeguckt hat. Ich wünsche ihm, dass sein Schlüsselbein gut verheilt ist.

Mein erster Wagen war ein Fiesta mit roten Ralley-Streifen, ein Zweitürer, dessen Fahrersitz nach einem Vorklappen nicht mehr einrastete. Bei jeder Bremsung klappte ich gemeinsam mit dem Sitz vor. Den Fiesta hatte ich bekommen, damit ich zur Arbeit fahren konnte und nicht immer das Auto meines Vaters nehmen musste. Denn der liebte sein Auto sehr und war nicht ganz zufrieden damit, es vorübergehend mit mir teilen zu müssen. Nicht, weil er mir nicht vertraut hätte, er wollte es immer nur gern in seiner Nähe haben.
Das zweite Auto war ein Corsa. Es war eine treue Seele, hatte aber hin und wieder Probleme. Einmal sprang seine Windschutzscheibe. Plötzlich war es, als würde ich durch dichtesten Nebel fahren. Ich sah nichts mehr. Ein anderes Mal fiel ihm der Auspuff ab. Als er nach langen Kämpfen mit der Dichtung des Zylinderkopfes bei einem Startversuch sehr laut knallte und kräftig qualmte, war seine Zeit gekommen.
Dann hatte ich einen Peugeot. In Gold-Metallic. Was war das für eine Farbe. Begnadet. Ich wollte mir einen Hut anschaffen und eine Klorollenversteckbarbie. Das hätte gepasst. Den habe ich verschenkt, als der Gutfrisierte hinten nicht mehr zwischen die Kindersitze passte. Denn drei Kindersitze und ein Mann, dafür war nicht genug Platz in diesem Auto.
Es gab einen großen Wagen. Einen Van. Wir fuhren zusammen viele Kilometer, mit dreihunderttausend (hunderfünfzigtausend waren meine) verschenkte ich auch den an einen Autotüftler. „Der Rote“, wie wir ihn heute noch nennen, war unser aller Liebling. Selbst die Falschbetankung mit Super statt Diesel nahm er mit einer hustenden Lässigkeit.
Danach kam „Der Dunkelblaue“. Wir sind zusammen zweihunderttausend Kilometer auf der Erde herumgefahren. Es war wie in einem Schiff. Er schaukelte mich montagsmorgens um fünf über die A drei bis Mannheim und zurück, verlässlich, liebevoll, treu und sicher. Bis auf die Steinschläge war alles gut. Und den Rußpartikelfilter. Und der Auspuff fällt bald ab. Und die fünfte Scheibe möchte die Versicherung vielleicht nicht mehr bezahlen.
Alter, treuer Blauer.
Aber Diesel eben. Und ich fahre ein bisschen weniger. Also überlegte ich, einen neuen zu erstehen. Gedacht, getan.

Jetzt habe ich ein leuchtend blaues Auto. Kleiner im Ausmaß. Damit komme ich nicht gut zurecht. Außerdem hatte ich ihn fünf Tage und schon war eine Schraube im Reifen. Bei all dem neuen Schnickschnack kann so ein Reifen schon sehr viel Geld kosten. Zum Glück ging es gerade noch anders. Jetzt muss ich schauen, ob es im Auto wieder pingt und mir sagt, der Reifendruck wäre zu kontrollieren. Überhaupt macht mir das Auto einiges an Vorschriften. Es pöbelt rum, wenn ich mich nicht anschnalle, was ich aber tue, nur manchmal eben erst nach drei gefahrenen Metern. Da springt das Auto schon aus der Hose.
Dann nölt es, wenn man am Bordcomputer rumfummelt, man soll auf die Straße gucken. Sowas alles.

Trotzdem glaube ich, wir kommen klar. Aber! ABER! Es muss in die Werkstatt, das kleine Indigoblaue. Denn es hat Probleme. Die Lüftung röhrt wie ein kranker Hirsch. Damit könnte ich leben. Womit ich nicht leben kann ist eine defekte Klimaanlage. Und nun muss ich an mich halten, dem Autoverkäufer nächste Woche, wenn ich die Kiste hinbringe, nicht an die Gurgel zu gehen mit den Worten:
„MAN KANN EINER FRAU IM KLIMAKTERIUM NICHT EIN AUTO OHNE FUNKTIONIERENDE KLIMAANLAGE VERKAUFEN, VOLLHORST!“
Wenn ich in dem Auto sitze, läuft mir die Brühe, so schlimm wie bei der Gartenarbeit.

Gewaltphantasien

Es gibt Tage, an denen es ein gewisses Risiko darstellt, das Wort an mich zu richten. Tage, an denen man am Besten gar nicht mit mir spricht. Ich versuche an diesen Tagen stets, es zu signalisieren.
„Sprich nicht mit mir!“ strömt aus jeder Pore meines Körpers.
„Mach auf keinen Fall Lärm!“ drückt mein ganzer Körper aus.
„Lass mich in Ruhe, nur zu deiner eigenen Sicherheit.“ ist die Information, die mein Körper weitergibt.
Wenn man nur den Hauch von Empathiefähigkeit besitzt, dann ist es möglich, das wahrzunehmen.
Es sei denn…, ja, es sei denn man ist männlich oder in der Pubertät oder beides.

Und so kämpfe ich heute den ganzen Tag mit einem unbändigen Gefühl des Zorns in mir, es rauscht mir den Hals rauf und runter und ich habe das dringende Bedürfnis, eine Auseinandersetzung auf körperlicher Ebene zu führen. Um es kurz zu sagen, ich möchte irgendwem mal so richtig eins aufs Maul geben.
Einmal ausholen und einfach draufkloppen.

Was ich brauche:
Ruhe, Stille, Ruhe und Stille.
Was ich habe:
Nölende Wolkenköpfe, durchgeknallte Spätpubertisten und einen musikhörenden Mann mit guter Frisur.
Was ich möchte:
Alle in einer Reihe aufstellen und pitschpatschpinguin…
Was ich in der Realität tue:
Atmen. Eine Minute durchstehen. Weiter atmen. Noch eine Minute.
Atmen. Eine Minute ohne den Plattenspieler zertrümmert zu haben.
Stolz sein.
Den Hass fluten lassen, durch mich durch, aus mir hinaus.

Meine Güte, diese Stürme sind nicht so angenehm. Hoffentlich ist morgen die Hormonlage wieder etwas ausgeglichener.

 

Wunsch und Wirklichkeit.

Kommt doch mit in den Garten. Dieses Reich des Grünen, Kriechenden und Wuchernden.
In einer eleganten Gartenschürze zeige ich Euch meine Rose. Vorsichtig knipse ich eine Blüte ab, deren Blütenblätter gleich sanft zu Boden sinken werden. Ich lege sie in einen Weidenkorb mit Henkel, der auf einem kleinen gusseisenen Tisch direkt neben mir steht, gleich neben dem Glas Eistee, aus welchem ich hin und wieder zur Erfrischung einen Schluck nehme und mir dann leicht über die Lippen lecke.
Meine Gartenschürze ist blütenrein, meine Hände vor den Dornen ausreichend geschützt durch hübsch gemusterte Handschuhe in Pastellfarben. Eine kleine Strähne meines Haares löst sich aus meinem Zopf und lächelnd streiche ich sie mir hinter das Ohr, während ich mit der anderen Hand einen wunderschönen Käfer sanft anstoße und er vergnügt von dannen zockelt. Eine Biene umfliegt eine Rosenblüte und ich schaue ihr dabei zu, wie sie an einem Honig von exquisiter Qualität arbeitet. Gleich macht sie sich auf den Weg zur nächsten Blüte, fliegt sanft und leise summend an meinem Kopf vorbei und lockt damit ein Lächeln bei mir hervor. Die Sonne lacht von einem klaren Himmel und eine Schäfchenwolke fliegt sachte von Nord nach Süd.
So ist das nämlich in meinem Garten.
NICHT.

Schon nach dem Rasenmähen läuft mir die Brühe zwischen den Brüsten zusammen und sammelt sich als kleiner Fliegenswimmingpool im Büstenhalter, der mir ein Druckgeschwür unter den Arm und eine Prellung an die Rippen zaubert.
Dann überkommt mich Wahnsinnige die Arbeitswut und ich grabe Farne aus. Es gibt viele Farne in meinem Garten. Die kommen da immer von ganz allein hin und machen ihren Vorfahren, die schon einmal fünfundzwanzig Meter dreißig groß werden konnten, Konkurrenz. Ich buddele und prompt fällt ein Stein aus der kleinen Mauer. Ich schiebe ihn wieder rein und er passt nicht. Also grabe ich rum und hin und her und bastele den Stein wieder rein, nur um zu sehen, wie drei Steine weiter der nächste fällt. Mein Teint wechselt langsam zu einem kräftigen rosè, mir wird immer wärmer, denn irgendwie ist es doch nicht so angenehm, temperaturmäßig betrachtet.
So arbeite ich mich an der Mauer längs bis hinten zum Flieder, und dann gebe ich eine Runde Fersengeld, gefolgt von vier bis fünf ärgerlichen Hornissen, die ich mit meinem Gegrabe und Gebuddele irritiert und gestört habe bei der Sammlung von Rindenstücken am Flieder. Sie verfolgen mich bis zur Terassentür, kapitulieren aber vor dem Fliegengitter. Ein Hoch auf das Fliegengitter. Mein Herz hat auf dem Weg einen Purzelbaum und drei Salto Mortale geschlagen und mir ist ein bisschen schlecht. Ich hatte bisher keine Angst vor Hornissen, ob das morgen auch wieder so ist, das weiß ich nicht. Man wird sehen.
Nach einer kurzen Ruhepause, in welcher ich mich kontemplativ sammle, schleiche ich auf leisen Sohlen zum Flieder, hole mit angehaltener Luft mein Werkzeug und die Biotonne und suche mir ein neues Stück Gartenland. Farn gibt es schließlich an mehreren Stellen. Doch, an diesem Stück ist es gut, es liegt im Schatten, ich möchte es hübsch machen, es ist jetzt noch ein Haufen Kraut mit Farn und Giersch und Springkraut, vor meinem inneren Auge sehe ich aber schon eine kleine Rasenfläche mit einem Stuhl, darauf ein buntes Sitzkissen und ich sitze mit einem Buch dort und genieße. Ein Glas Eistee, vielleicht. Habe ich Durst, meine Güte. Ich hole mir schnell eine Flasche Wasser, nach dem ersten Schluck ist klar, das steht schon etwas länger in der offenen Flasche herum, das ist aber egal, denn einen Teil des Wassers gieße ich mir ins Shirt zu den Schweißbächen. Ich konnte nicht so schnell schlucken wie ich kippte. Mit dem Gartenhandschuh wische ich mir über den Mund. Schon spüre ich das Knirschen zwischen den Zähnen, aber ach, was soll es denn. Man darf ruhig sehen, ich arbeite im Garten. Das bisschen Schmutz.
Dann buddele ich weiter Farne. Bis mir der ausgebüxte Bambus begegnet. Der spielt die Hauptrolle in Prison Break, jede Wette. Der kommt aus jeder Rhizomsperre, keine Mauer hält ihn, kein Plastik kann ihn am Wuchern hindern.
Und jetzt buddele ich Bambus. Um mich herum fliegt Staub, Erde, Blut. Ich kämpfe mit dem Gewächs, mein Kopf hat Tomatenfarbe. Tomaten, die reif sind, natürlich, Tomaten, die keine Braunfäule haben. Tomaten, die nicht in meinem Garten wohnen, Tomaten aus dem Laden.
Außerdem überkommt mich Zorn. Und weiter Durst. Wieder kippe ich mir lauwarmes Wasser zur Hälfte in den Mund, die andere Hälfte schütte ich daneben, da meine Hände vor Anstrengung zittern.

Ich schnaufe und stöhne, bin komplett eingesaut und weiß jetzt, dass man, wenn man einen Spaten benutzt, nicht Flipflops an den Füßen haben sollte. Anfängerfehler.

Dann bücke ich mich für fünf Minuten, hocke zusammengeklappt am Boden und zerre und ziehe an einem Stück Bambuswurzel, das Mistding reißt und ich begrüße mein Steißbein mit einem dreifachen „Hipphipphurra!“, hätte ich doch…, habe ich aber nicht.
Als ich aufspringe, macht meine Blut eine orthostatische Dysregulation. Es kommt die Beine nicht mehr hoch und im Kopf zu wenig an. Bunte Farben, lustiges Drehen und pfeifende Geräusche werden produziert, spannend, aber auch ein klein wenig beängstigend, wenn man bedenkt, dass erst morgen Abend wieder jemand da ist, der mich vom Boden kratzen kann.
Der Kreislauf beruhigt sich, ich stehe vor dem Stück Garten, beschimpfe es und frage mich, warum es mich nicht einfach lesend auf der Mooswiese liegen lassen kann. Dann beschimpfe ich mich. Weil ich einen Regenwurm getötet habe. Es war keine Absicht, er hat sich in den Spaten gestürzt. Sicher hatte er Depressionen.
Und zum krönenden Abschluss des Gartentages, gibt es einen kleinen Starkregen. Woraufhin sich mein Talent im Anlegen eines Morastlochs erkennen lässt.

Ich wollte Rosamunde-Pilcher-Gardening. Ich bekam Hardcore-Frau-Lavendel-Gardening.

Nicht leicht zu erfreuen.

Es ist so schön, wenn man sich freut. Und sich über etwas zu freuen, das hält jung, entspannt und ausgeglichen.
Anderen eine Freude zu machen, bedeutet immer auch Freude für einen selbst. Weshalb ich das sehr gern tue. Der andere freut sich und ich mich gleich mit. Jeder hat etwas davon, alle sind zufrieden.

Meine Schwester zum Beispiel, kann sich so wundervoll freuen. Sie freut sich über Abendessen, Kartoffelbeete und eine müde gespielte Tochter. Es geht so gut, ihr eine Freude zumachen.
Den Gutfrisierten zum Gefühl der Freude zu bewegen, das ist ungleich schwerer bis hin zu fast unmöglich.
Oder ich habe nicht die richtige Wahrnehmung dafür.
Es kann durchaus sein, dass er sich freut, ganz tief in sich. Es kommt nur nicht bis nach draußen. So habe ich ihm zum Geburtstag damals, also vor ein paar Monaten, keine Überraschungsparty zum halben Jahrhundert geschenkt, weil ich wusste, seine Freude würde sofort und endgültig dahinsiechen.
Nachdem sein Nuschelfreund Bob immerhin den Nobelpreis bekommen hat, hielt ich das für das Zeichen, er müsse den Meister, also den Nuschelmeister, nicht den Baumeister, Bob einmal in Echt sehen. Zu Weihnachten hatte er schon die kompletten Texte des Bobs vom Christkind von mir bekommen, da war ein Besuch eines Nuschelkonzerts doch naheliegend.
Und so besorgte ich zwei Karten, damit er mit seinem besten Musikfreund in die altbiertrinkende Nachbarstadt fahren und sich benuscheln lassen konnte.
Ich dachte, wenn er an seinem Geburtstagsmorgen dieses Geschenk auspackt, dann freut er sich ein Loch in den Bauch. Wie ein Schneekönig freut er sich. Oder wie Bolle, ein Schnitzel oder sonstwer.
Er packte sein Geschenk aus und sagte: „Hmm, aha.“
Dann war Stille und er trank einen Schluck Kaffee.
Ich musste es einfach fragen, ich konnte nicht anders.
„Freust du dich?“
„Hmm, ja.“
Ein weiterer Schluck Kaffee.
Ich fing an zu erklären, warum und wieso ich ihm den Zugang zum Nuschelkonzert verschaffen wollte, und dass er doch noch nie den Meister live gesehen habe und es in dem Alter und den Erfahrungen des letzten Jahres jederzeit auch vorbei sein könnte und er ihn dann nie gesehen haben würde.
„Hmm, ja. Ich mag ja nicht so große Konzerte.“
„Freust du dich nicht?“
„Hmm, doch, schon.“

Und da lobe ich mir meine Schwester.
Ein Stück Erde im Garten, ein paar selbst geerntete Zucchini, die in der Pfanne gebraten, mit Salat und anderem Schnickschnack zum Abendessen angeboten werden und schon huscht ein Ausdruck von Glückseligkeit über die ganze Person.
Und wenn das so ist, dann freue ich mich.

Sehr schön

Was ist nur los?
Es ist mittags um zwölf oder halb eins, ich habe einen herrlichen halben Becher meiner bevorzugten Eissorte gefrühstückt, dazu gab es ein feines Glas Orangenlimonade. Dabei lungerte ich seit drei Tagen ungeduscht im Bett herum und ließ flotte Filme aus dem Onlinebereich laufen.
Den jammernden Hund ließ ich beim Nachbarn in den Vorgarten pinkeln und als zweites Frühstück gab es Chips. Anschließend hörte ich auf ordentlicher Lautstärke ein Musical und sang sehr lautstark mit. Den Hund sperrte ich so lange in den Flur, damit seine zarten Ohren keinen Schaden nehmen würde.

Zum Mittagessen gibt es Currywurst, glaube ich. Vielleicht mit Pommes. Und eine Alibigurke aus dem Garten.

Und am Abend werde ich mir etwas kommen lassen. Ob ich bis dahin geduscht habe, das steht in den Sternen. Aber ich werde noch eine Menge gesungen haben. Und dies und das geschrieben. Kann auch sein, eine Freundin kommt und wir legen uns auf das Sofa und gröhlen unanständige Lieder.

Und? Gemerkt?
Frau Lavendel allein zuhause.

Es gibt doch Glück auf dieser Erde.

Auf der Suche nach dem perfekten… Er

Mit einer Sechzehnjährigen durchs Städtchen zu bummeln, das kann erheiternd, nervtötend, nostalgisch und komplett bescheuert sein.
Denn Sechzehnjährige wechseln ihre Laune schneller als… mir fällt einfach kein passender Vergleich ein. Unterhosen wechselt man günstigerweise einmal am Tag, das ist also deutlich zu wenig. Für Strümpfe gilt das Gleiche.
Was wechselt man denn mehrfach in der Stunde? Gibt es da irgendetwas? Was tauscht man aus im fünf Minuten Takt?

Eben noch beschwingt hüpfend durch das erste Geschäft geturnt, kommt so eine Sechzehnjährige mit einem Gesicht aus dem Laden wieder raus, als hätte man ihr dort Leberkässemmeln und Hackbraten angeboten. Und ja, Vegetarierin. Natürlich. Was sonst (Jungs: Fleisch, Fleisch, gib mir Fleisch; Mädchen: Ihgittigitt, weg mit dem Fleisch, gib mir Salat, Gemüse, Salat, Gemüse, Quinoa, Bulgur!).
Auf dem Weg zum nächsten Kleiderwarenladen wird die Laune gleich schon wieder besser, nur um in den Geschäftsräumen runterzukühlen. Man bereut, keinen Schal dabei zu haben.
Zurück an der frischen und tropfenden Luft wird erst einmal gekichert und beim Anblick der Klamottenbude fünf Meter weiter kommt es zur ersten zweiten dritten Depression des Tages. Es wird schon vor dem Eingang gejammert, dass es dadrin ganz bestimmt auch keinen gäbe und alles sei ein elender Mist und wo, bitte sehr und schön, denn ER nun herkommen solle, da sich ja offensichtlich die Welt gegen sie verschworen habe.

ER. Der Bikini. Most wanted, zur Zeit.
Ein Bikini für eine Sechzehnjährige. Schon vorher wurden einige Million Stunden im Internet verbracht, auf der Suche nach einem Bikini. Und es wurde einer, ein einziger, der Einzigste wie man hier sagt, gefunden und bestellt. Nach zwei Wochen und drei Tagen kam die Benachrichtigung, der Bikini sei nicht lieferbar. Danke.
Die Tage am Strand rücken näher und nun wird doch wieder eine panikartige Suchsituation kreiert.

Aber siehe da, in der Klamottenbude gibt es Bikinis, die auch einer Sechzehnjährigen einigermaßen erträglich scheinen. Auf den ersten Blick.
(Und wundere nur ich mich darüber, dass es jetzt Bikinioberteile und Bikiniunterteile getrennt zu kaufen gibt, aber insgesamt zum doppelten Preis?)
Mit vier verschiedenen Oberteilen entschwindet sie in die Umkleidekabine. Ich stehe wie ein Mann davor, gelangweilt, mit dem Hang zum Nasebohren. Dann kommt ein undefinierbares Geräusch aus dem Verschlag mit dem schlechten Lichtkonzept. Gefolgt von einem Röcheln und „… ach, du Scheiße…“.
Ich luge durch den Vorhangspalt und was ich da sehe, verschlägt mir den Atem. Alle Spucke ist auf einen Schlag weg. Mir schwindelt. „Eher nicht, oder?“
„NIEMALS!“
Wer welche Worte sagt, ist egal. Austauschbar. Klar ist, ein Super-Bikini, wenn man professionell am Strand arbeiten möchte.
Der nächste ist kein bisschen besser. Unfassbar.
Brüste, eigentlich ganz normal in Größe und Form, sehen durch diese Stoffkonstruktionen auf einmal so aus, als wären sie aufgeblasen (ein A kann ein D sein, auch wenn sich in mir alles sträubt gegen solche Unlogik, denn ein A ist ein A und bleibt auch erst einmal ein A, zumindest im Alphabet!) und hätten sich der Schwerkraft widersetzt. Und so folgt ein Bikinioberteil dem nächsten und bei jedem sehe ich schon die jungen Lackel sabbernd im Sand liegen, vor den Füßen meiner Tochter. Ich wage noch einen Blick auf diverse Unterteilchen und habe auf einmal genug von der Suche nach dem Bikini.
Die Laune ist bei mir langsam und stetig auf dem Weg nach Mandalay. Oder sonst noch wo. Und die Sechzehnjährige schwingt lustig hin und her zwischen Hass, Verzweiflung und albernem Gelache.

Ich überlege jetzt, ob sie nicht einen Burkini tragen sollte. Und eine Fußfessel.

Feinmotorik

Unter der Dusche braucht es Feinmotorik. Dringend. Letzte Woche brauchte es sie auch schon. Da versagte sie und ich hackte mir ein Fleischstück aus dem Hinterbein, dort wo tiefer drunten die Achillessehne wohnt. Mit dem Rasierer, dem Damenrasierer.
Und heute kam sie abhanden, als besagter Damenrasierer, dem sonnigen Wetter und luftigen Tops geschuldet, in der Achsel seinen Dienst tat.

Darum suche ich einen Volkshochschulkurs „Feinmotorische Handgriffe unter der Dusche- leicht gemacht für jede Frau“.
Denn ich möchte nicht, dass ich, wenn ich auf Grund der sich verschärfenden Hormonsituation mit erhöhtem Haaraufkommen im Gesicht kämpfend und wie Tante Tesi, Tante Resi und Tante Maria dereinst vor fünfzig bis sechzig Jahren, mit einem veritablen Hipsterbart gesegnet sein werde, durch die fehlende Feinmotorik meine Kehle aufschlitze.

Oder so.

Ehe für alle

Meine Einkäufe liegen auf dem Band und werden langsam Richtung Kasse transportiert. Hinter mir räumt ein Ehepaar die Sachen aus dem Wagen auf das Band. Sie ist vielleicht Mitte fünfzig, hat eine mittelpraktische Mittellanghaarfrisur, klimakteriumstypische zehn Kilo nicht abwaschbare Randbeschichtung und hält sich mit Farben zurück. Er mag drei bis fünf Jahre älter sein, ist größer bei gleicher Randbeschichtung, trägt einen Schnauzbart, den man nur in einem rotem Ferrari sehen möchte und hässliche Sandalen.

Ich schaue auf ihre Einkäufe. Das tue ich gern, anderer Leute Einkäufe anschauen. Und dann stelle ich mir vor, was sie machen, mit all dem Kram, den sie mit nach Hause nehmen. Diese beiden haben einen Wagen voll mit Fertigfutter. Tiefkühlpizzen, Tiefkühlpasta, Tiefkühleintopf, Tiefkühlalles. Dazu Dosen, Würste und aufgießbare Nudelgerichte.
„Meinste echt, das reicht?“, fragt er.
„Ich bin drei Tage weg.“, sagt sie.
„Ich weiß ja noch gar nicht, wo ich da morgen auf dem Bahnhof genau hin muss. Hoffentlich finde ich das auch. Meinste, ich kann das irgendwo im Internetz nachgucken?“, fragt sie.
„Jaja. Aber meinste, das hier reicht?“, fragt er.
„Meine Güte, drei Tage. Was willste denn in den drei Tagen alles essen?“
„Na, was ist, wenn ich Riesenhunger habe? Was ist, wenn ich schon morgens so einen Hunger habe, dass ich mir was warm machen muss? Was, wenn dann nichts mehr da ist?“
„Drei Tage, ich bin drei Tage weg.“
„Ach ja…“, sagt er.
In mir keimt ein Verdacht. Vielleicht ist sie drei Wochen weg. Oder drei Monate. Drei Jahre. Drei Jahrzehnte. Drei Leben.
Entweder, sie macht sich vom Acker oder er murkst sie ab und versteckt sie im Keller. Ganz sicher ist das hier die letzte Gelegenheit, gemeinsam vorgekochte Lebensmittel zu kaufen.

Auf dem Parkplatz werfe ich meine Einkäufe in den Kofferraum. Ich bin fast fertig, als die beiden aus dem Laden kommen.
„Du weißt doch, dass ich schnell hungrig werde. Da braucht es nicht viel. Und wenn das jetzt nicht reicht?“
„Drei Tage, Mensch…“, kreischt ihre Stimme über den Platz.
„Ja, aber…“, versucht er es weiter.
Sie kommen am Auto an. Sie öffnet die Autotür, setzt sich auf den Fahrersitz und knallt die Türe zu. Er räumt seinen Vorrat in den Kofferraum und murmelt vor sich her. „Das wird bestimmt nicht reichen. Und dann sitze ich da und habe nichts zu essen, während Madam sich das gut gehen lässt. Ist ja wieder typisch…“
Er schlägt die Klappe zu, schiebt den Einkaufswagen zurück. Sie startet den Wagen und ich schaue zu. Sie fährt flott aus der Parklücke. Ich glaube, ein Glitzern in ihren Augen zu sehen und bin einen kurzen Augenblick besorgt. Entweder sie haut jetzt sofort schon ab, mit allen Lebensmitteln, oder sie fährt ihn mit einem seligen Lächeln einfach über den Haufen.

Weder noch, sie hält neben den Einkaufswagen und er steigt ein mit den Worten:
„Aber ich kann ja auch den Pizzaservice anrufen, oder?“

Ehe, sie kann einen so glücklich machen. Ehe für alle!

Schwarze Seele

„Unsere Haare flattern im Wind…“ bis hin zu „…einfach wunderbaaahaaar…“ und ich möchte im Garten auf meiner Liege liegen und ich hasse die Welt. Einfach mal so. Es gibt immer genug Gründe, die Welt abgrundtief zu hassen. Oder wahlweise zu verachten. Oder zu lieben, aber damit kann ich mich heute nicht befassen, heute ist Hass und Verachtung angesagt. 
Direkt neben mir, versteckt hinter einem mit tonnenweise Efeu überwucherten Gartenzaun, hockt das Nachbarskind in seinem Garten. Oder vielmehr im Garten seiner Eltern.
Und es singt.
Es würgt mich schier, wie es singt. Es singt mit Hingabe und Freude. Und ich möchte mich im Schwall erbrechen, denn das Problem ist, der Gesang ist grauenhaft.
Sie eiert und leihert und schmalzt und schnulzt von flatternden Haaren im Wind. Dreihundertsechsundachtzigmal hintereinander weg. Immer wieder die gleiche Zeile eines Liedes, das ich nicht kenne und jetzt auch niemals im Orginal hören möchte, weil ich kreischend zusammenbrechen würde.
Wie gern würde ich mit giftigem Flüstern Worte durch das Efeu schicken, Worte, die ihr auf ewig das Gesangsmaul stopfen würden, dieser kleinen, lästigen Möchte-gern-Jennifer-Lopez. „Du kannst aber echt gar nicht singen, Nachbarskind.“, würde ich zischeln und dabei gehässig kichern. „Dein Gesang klingt so richtig scheiße, meine Liebe. Ein Frosch furzt schöner als du singst…“.
Während ich so darüber nachsinne, dass ich ihr damit wirklich das Singen austreiben könnte und dabei ein fettes Grinsen über mein Gesicht huscht, wie bei einer Katze, die gerade den letzten Vogel einer aussterbenden Art zum Frühstück hatte, schreit mir meine innere Stimme der Liebe und der Vernunft zu:
„HALT BLOß DIE FRESSE, DIETER!“
Meine Güte, in mir wohnt ein Persönlichkeitsanteil, der Ähnlichkeit mit Dieter Bohlen hat und zum Vorschein kommt, wenn ich Kindern, die sich einbilden, großartig zu singen, dabei zuhören muss. Ein dunkler, ein schwarzer Teil meiner Seele. 
Jetzt werde ich darüber nachdenken, ob ich mich dafür schämen muss.
(Alleweile hält meine linke Hand mir kräftig den Mund zu, damit die angestauten Worte sich nicht einem explosiven Durchfall gleich, ihren Weg durchs Efeu bahnen.)