Adieu, fremde Frau

Da stand sie auf der Straße und wartete auf das Taxi. Ich hatte sie schon einige Zeit nicht mehr gesehen, hatte mich aber nicht gefragt, wo sie sein könnte. Es war mir nicht aufgefallen, erst als sie wartend mit ihrer Tasche in der einen Hand und der Zigarette in der anderen vor dem Haus, in dem sie unter dem Dach wohnte, stand.
Ich grüßte sie freundlich, wir tauschten noch ein paar Worte über die Temperatur der Luft aus, ihr Taxi kam und ich ging die paar Schritte weiter bis zu unserer Tür.
Und dachte: Na, du könntest auch tot in deiner Wohnung liegen und keiner würde es merken.

Böse Gerüchte konnte man über sie hören, wenn man das wollte. Die Rede war von Alkohol, von Prostitution, von gescheitertem Leben. Die Gerüchte rollten die Straße hinauf und herunter, hielten vor den gepflegten Vorgärten, hockten sich in die ordentlichen Beete und spuckten dort ihr Gift. Und die ordentlichen Menschen dahinter sammelten das Gift begierig auf und hegten und pflegten und fütterten es.
Ob irgendetwas davon wahr ist? Wer weiß das schon.

Vielleicht war sie schon über sechzig, vielleicht auch schon weit darüber. Aber von hinten sah sie aus, als wäre sie vierzig. Das blonde lange Haar fiel ihr auf den Rücken in sanften Wellen. Sie war schlank, groß gewachsen, gerader Rücken. Und sie trug gern Stiefel und Jeans. Möglich, dass sie eine wilde Hummel war, wer weiß das schon.
Von vorn waren die Jahre in ihrem Gesicht. Stets kräftig geschminkt sah man doch die Falten. Die müden Augen hinter der großen Brille und das leichte Schielen. Sie sah immer aus, als wäre sie ein klein wenig verwirrt und wüsste nicht, wie sie hergeraten sei.
Immer war sie allein, stand allein und wartete auf das Taxi, das sie irgendwohin brachte. Zum Einkaufen? Zu einem Freund? Einer Freundin? Familie?
Kam sie zurück, war sie allein. Kam von irgendwoher. Manchmal hatte sie Tüten dabei, in jeder Hand zwei pralle Plastiktüten. Manchmal hatte sie die Hände frei und brauchte sie, um sich an der Straßenlaterne, dem Gartentor und der Haustür festzuhalten, weil sie in Kurven lief.

Ging man an ihr vorbei, schaute sie in die Ferne, wirkte unnahbar. Es schien, sie wollte nicht sprechen, alles an ihr rief: Geh weiter! Sprich mich nicht an.
Ein Hallo und ein Lächeln in ihre Richtung veränderte alles.
Ihr Gesicht wurde weich und unsicher. Meinst du mich? schien es zu fragen. Wirklich? Und mit einem leichten Nicken konnte man die ungestellte Frage beantworten. Dann lächelte sie, ein kleines bisschen nur. Und grüßte zurück. War verwirrt, dass sie gemeint war, konnte es nicht recht glauben. All zu häufig wurde sie nicht gegrüßt auf dieser ordentlichen Straße, wo die sauberen Menschen ihre sauberen Gärten putzen.

Gestern dann war das Großaufgebot auf der Straße. Feuerwehr, Polizei, Rettungswagen, Notarzt, alle waren da. Und ich stand am Fenster und erschrak, denn so ein Aufgebot bedeutet Unglück. Der Notarzt fuhr nach kurzer Zeit wieder und die Rettungswagenfahrer standen rauchend neben ihrem Wagen.
Ich hoffte noch, dass da jemand im Haus nebenan viel Glück gehabt haben könnte.

Sie war tagelang nicht gesehen worden, im Haus. Erst haben die Nachbarn sich nichts gedacht. Möglich, man hat sich zu unterschiedlichen Zeiten bewegt. Möglich, sie hat eine kleine Reise unternommen. Unwahrscheinlich, aber möglich. Nach zwei Wochen hat dann ein guter Mann bei dem Taxifahrer angerufen und gefragt, ob er sie gesehen habe. Nein, habe er nicht, seit zwei Wochen schon. Der gute Mann hat bei ihr geklingelt, geklopft, gerufen, aber da war nichts.
Darum rief er die Polizei.

Zwei Wochen lag sie in ihrer Wohnung. Zwei Wochen hat es gedauert, bis jemand sie so vermisste, dass er sich auf die Suche nach ihr machte.
Und sie hat sich einsortiert in die Reihe der Toten diesen Jahres.
Und ich möchte ihr ein paar Worte sagen. Zu spät, vielleicht.

Hallo fremde Frau,

wir kannten uns nicht, obwohl wir nur fünfzig Meter von einander entfernt wohnten. Ich weiß nicht, wer Sie waren und was Sie machten. Was Sie liebten, wen Sie liebten, was und wen Sie hassten.
Ich weiß, Sie mochten Stiefel, Sie mochten Zigaretten, Sie mochten Ihr Haar.
Wir haben uns nur kurz, im Vorbeigehen, mit den Augen berührt und mit kurzen Grußworten, ein Nicken der Köpfe und ein Lächeln, welches nicht nur auf den Lippen war. Hätten mehr Worte Sie gefreut? Oder war es nicht wichtig?
Jetzt sind Sie gestorben, zuhause in Ihrer Wohnung, allein. Ich hoffe, es war in Ihrem Sinne. Und dass es ein Sterben war, mit dem Sie nicht zu hart ringen mussten.
Ich schicke meine Worte ins Irgendwo, mag sein, Sie sind dort mit den anderen als Irgendwas. Kann sein, das ist egal und die Worte verhallen.
Dann habe ich sie für mich gesagt.
Sie sind einen Schritt weiter als die, die noch immer in dieser Straße wohnen. Ihre Vorgärten sauber und ordentlich halten. Oder auch nicht.

Adieu, fremde Frau.

Lampe an

Manchmal komme ich jetzt im Dunkeln nach Hause. Oder im Dämmerlicht. Das ist zur Zeit nicht sehr schwer und lässt nicht auf einen ausschweifenden Lebenswandel schließen, bei dem man bis tief in die Nacht herumlebt und trinkt und feiert. Es reicht, die Zeit zu verbummeln und erst um sechzehn Uhr vierzig zusammenzuzucken und zu denken: Oha, der Hund war noch nicht draußen. Und weil just dann auch kein anderer Zeit hat, zwiebelt man sich ein, geht in den Wald und gleich auch wieder raus, weil es eben schon langsam dunkel wird, um diese Zeit. Und in der Dämmerung sind gern die Wildsauen unterwegs.
Die Begegnung mit einer ganzen Rotte in den frühen Stunden des Spätsommers steckt mir noch heute in den Knochen. Der Hund wollte sehr gern mit ihnen spielen, die Schweinchen waren aber nicht in Spiellaune. Der Hund rief ihnen noch „Langweiler“ hinterher, aber dann folgte er mir doch auf meinem zügigen Rückweg.

Dämmerig bis dunkel also, wenn ich nach Hause kommen.
Und dann stehe ich vorm Haus und schaue. Helle Fenster, warmes Licht, es sieht wirklich sehr gemütlich aus, das Haus, wenn man im Dustern davor steht.
Durch das Küchenfenster sieht man den alten Küchenschrank, auf dem alte holländische Blechbüchsen und eine hölzerne Kaffeemühle stehen. Sehr hübsch. Durch das Wohnzimmerfenster sieht man die große Bogenstehlampe. Gut, groß ist eine Übertreibung, aber in Anbetracht der Raumgröße ist die kleine Lampe eine ganz Große.
Daneben das Klavier, darüber das Ölbild mit den Fischerbooten (warum keine Berge? Fragt mal den Gutfrisierten nach seiner Herkunft!), es wirkt sehr heimelig, wenn man von außen schaut.
Auch weil die Dunkelheit die etwas schäbige Fassade versteckt. Und das umliegende Gerümpel.

An der Haustür befindet sich ein alte Lampe. Sie wurde bei der Enstehung schon dort hingehängt, glaube ich. Es ist also eine altehrwürdige Lampe aus den frühen Fünfzigern. Auf Betreiben des Gutfrisierten wurde eine Energiesparlampe eingeschraubt, die nun auch schon seit bald zwölf Jahren dort die Dunkelheit vertreibt. Das ist für eine Lampe eine lange Zeit. Aber ich glaube nicht, dass es der Lampe geschuldet ist.
Warum hat man eine Lampe an der Tür? Damit man, wenn man in der Dunkelheit nach Hause kommt und niemand darin ist, der schon einmal die gemütliche Beleuchtung angeschaltet hat und den man herbeiklingeln könnte, das verdammte Schlüsselloch findet und nicht rumstochert wie ein XXXXXXXXX in einer XXXXXXXXX (zensiert wegen Untauglichkeit) und herumtasten muss, um den Schlüssel in die dafür vorgesehene Öffnung zu versenken, was sowieso recht schwierig ist, weil bei unserem Schloss der Schlüssel falsch herum reingehört und es dann noch klemmt, man also ruckelt und zuckelt, bis endlich die Türe aufgeht.
Wie gut, wenn dann das Licht, das Eingangslicht der optischen Orientierung behilflich ist. Außerdem ist dieses Licht immer auch das Zeichen, da fehlt noch einer. Es sind noch nicht alle im Haus, wir warten noch, bis die kleine Familienherde vollzählig ist und dann knipsen wir aus.

Nicht so der Gutfrisierte. Er knipst aus. Egal wie, wer, was, wo. Das Eingangslicht wird gelöscht, sobald er bemerkt, dass es brennt.
Ob ich nun gerade durch die Dunkelheit wanke, den Hund an meiner Seite, ob ich von einem Abend mit Freundinnen fettgefressen durch den Vorgarten walze und den Schlüssel schon in der Hand habe, ob ein Bursche trunken von einer Veranstaltung den Weg nach Hause findet, alles egal. Licht aus.

Wofür hängt denn diese Lampe da, wenn nicht zur Verkündung: Wir warten auf dich! Wir freuen uns, wenn du wieder kommst!
Ich bin sicher, es bringt Unglück, das Licht auszumachen, solange nicht alle da sind.
Das ist dem Gutfrisierten wurscht und er knipst. Aus.
Aber ich knipse auch. An.
Somit liefern wir uns ein Knipsgefecht.
Wenn ich nicht gerade diejenige bin, die draußen steht. Wie oft habe ich schon geflucht und neben die Treppe ins Beet gespuckt vor Wut, weil ich rumgestochert habe wieXXXXX. Manchmal hilft das Licht der Nachbarin, die hat auch eins, das viel heller ist. Da kann man schon profitieren.
Aber die macht eben auch aus, wenn ihr Laden voll ist.
Es wurde extra eine Energiesparlampe genommen, weil man ja die Außenbeleuchtung „… auch mal etwas länger…“ brennen lässt, hat er gesagt, als ich mich beschwerte, es würde funzeln. „Die braucht eben ein bisschen länger, bis sie hell ist.“
Nur hat sie hier überhaupt keine Chance, etwas heller zu werden, weil sie nicht lange genug leuchten darf. Es sei denn… ja, es sei denn, ich warte, bis der Lampenheld sich ins Bett gelegt hat und dort seinem Job, der Schnarcherei, nachgeht. Dann schleiche ich zum Lichtschalter, einen Knips, erst Gefunzel und später Beleuchtung, damit meine großen Kinderchen wissen, ich warte auf sie. Auch wenn ich heutzutage in der Regel einfach schon schlafe, weil immer und ewig auf die zu warten, jahrelang, das packe ich nicht mehr.
Wird schon gut gehen, die werden es schon immer nach Hause schaffen.

WENN DIESE VERDAMMTE LAMPE BRENNT!

Beste Freunde

Der Hund, bester Freund des Menschen.
Immer wieder rettet der Hund Leben. Lassie war ja ein Paradebeispiel in Sachen Menschenleben retten. Und verstehen tut der Vierbeiner alles. Er spürt, wenn das Herrchen oder Frauchen unglücklich ist, setzt sich vor ihn oder sie und schaut interessiert, hört sich das Elend an und gibt mit seinem Schweigen aber doch aktivem Zuhören die besten Ratschläge.

Oder?
ODER?
Oder etwa nicht?

Also wenn mein Hund exemplarisch für seine Kollegen steht, möchte ich sagen, nein. Etwa nicht.
Ich kann im Wald der Länge nach auf die Fresse fallen stolpern und stürzen, der Hund geht unbeeindruckt weiter seine Runde und reagiert erst auf lautes Pfeifen mit einer trödeligen Rückkehr, sehr verhalten und nicht, ohne hier und da noch ein wenig das Revier zu kennzeichnen. Sollte ich sagen: Geh heim, hol Hilfe, schaut er mich an, nickt, legt sich daneben und wartet auf die Sommersonnenwende.
Sollte mich ein unbekannter Übeltäter angreifen, muss er nur ein winziges bisschen Leberwurst am Finger kleben haben, vielleicht von seinem Übeltäterfrühstück (böse Taten brauchen sorgfältige Vorbereitung). Dann wird der Hund mitnichten auf das Kommando „FASS“ hören, auf keinen Fall wird er den Übeltäter angreifen und beißen. Nein, der Hund wird zärtlich die Übeltäterfinger lutschen, denn es schmeckt nach Leberwurst, LEBERWURST, heee, wer kann da schon Nein sagen?
Und wenn ich todtraurig im Wohnzimmer herumliege, mich das Weinen schüttelt, dass ich fast brechen muss, alle Trauer des Tages komprimiert aus mir herausbricht, gnadenlos und Grundfeste erschütternd, dann muss ich, wenn ich an dieser Stelle eine Sympathiebekundung des Hundes haben will, meinen Körper mit Leberwurst bestreichen. Oder mich wahlweise in Räucherlachs einwickeln.
Dann würde das Hundchen sofort zu mir kommen und mir tröstlich hier und da etwas ablecken.
Aber ohne diese Tricks kann ich heulen und mich wälzen, der Hund liegt ungerührt in seinem Korb und pennt.

Das Fazit zu diesem Hund lautet also: Ein echtes, tiefempfundenes Freundschaftsgefühl hat er nur zu denen, die seinen Verdauungstrakt passieren können, als da wären: Leberwurst, Räucherlachs, Knabberstangen, Käsewürfel und andere Gimmicks. Dafür wird gepurzelbaumt, dafür stellt sich Hund auf die Hinterbeinchen, macht Sitz, Platz, Rolle, wartet, läuft, springt und freut sich.
Und es ist ihm wirklich scheißegal, wer ihm die Schnuckeleien kredenzt.

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(Der fusselige Hund interessiert sich mal gar nicht für die Hand)

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(Derselbe fusselige Hund, dieselbe Patschehand, einziger Unterschied: Ein Krümel Leberwurst)

Ich bin so unglaublich ersetzbar. Die Leberwurst (best friends for ever) nicht.

Dazwischen wird gelebt

Die Nachbarin läuft wieder im Trägerhemdchen durch ihre Küche. Sie hat schon die Weihnachtsdekoration herausgeholt und im Fenster hängen Kugeln, Sterne, die geballte Heiligkeit. Das scheint ein wärmende Tätigkeit zu sein. Möglicherweise hat sie aber auch die Wohnung auf fünfundzwanzig Grad hochgeheizt. Wer weiß das schon. Ich war noch nie bei ihr in der Küche. Ich sehe sie nur durch das Fenster oder auf der Straße.
Ein Haus weiter leuchtet der Garten, als wäre das Christkind schon für morgen angekündigt. Ich warte auf den Kunstschnee. Echten wird es wohl nicht geben, bei dreizehn Grad hat er keine Überlebenschance.
Auf der anderen Straßenseite wird zu Weihnachten auf ein weiteres Jahr gehofft. Noch weitere gemeinsame Weihnachtsfeste. Darauf, dass das Leben nicht einfach Schluss macht und einen Fünfundachtzigjährigen als Witwer sitzen lässt.
Direkt Wand an Wand wird ähnliches gehofft. Wobei dort ein junger Bursche plötzlich ohne Mutter dastehen würde.

Die Vorbereitungen für das Ende des Jahres laufen. Es hagelt Plätzchenforderungen, Forderungen zu Basareinsätzen, erste Weihnachtslieder schleichen sich an und springen in Ohren, um sich dort festzubeißen und als Ohrwurm zu verweilen.
Es sind noch zweiundvierzig Tage, dann hat dieses Jahr ein Ende.
Genau der richtige Zeitpunkt also, es sich einmal anzuschauen.

Und in wüste Beschimpfungen auszubrechen.
Zweitausendsechzehn, du bist ein verdammtes, blödes, elendes Arschloch.

Das ist natürlich völliger Unfug. Die willkürliche Einteilung der Zeit in Stunden, Tage, Monate, Jahre und Jahrhunderte hat nichts zu tun, mit den Dingen, die einen treffen. Das Jahr kann überhaupt nichts dafür. Aber selbst die Queen hat einmal ein Jahr als horribile beschrieben.
Und wen kann man denn sonst beschimpfen, wenn man ein dermaßen verkacktes Jahr durchleben musste?
Gott?
Ja, natürlich. Warum nicht. Mindestens genau so sinnvoll wie eine Schimpfkanonade gegen das Jahr. Denn auch hier gilt, es handelt sich um eine Erfindung des Menschen.
Die große Erkenntnis des Jahres (wobei, so neu ist sie doch nicht) für mich ist nämlich, dass es Gott nicht gibt.
Kein Leben nach dem Tod. Es gibt keinen Ort, den man nach dem Ende aufsucht. Kein Wolkenhocken und keine Harfe, kein Engel, kein Teufel. Vorbei ist vorbei.
Ich hatte es schon oft überdacht, war ich doch nie ein gottgläubiger Mensch.
Ich denke, dass der Glaube nur eine Bewältigungsstrategie ist, um mit den eigenen Ängsten zurecht zu kommen.
Was soll das Leben, wenn es reduziert ist, auf die kurze Spanne meiner Existenz? Was bin ich denn, wenn ich mir die Unendlichkeit des Universums vorstelle?
Was wird von mir bleiben? Nichts. Wer wird bei mir sein? Niemand. Was wird mir geschehen? Wie wird es weiter gehen?
Keine Antwort. Jetzt nicht. Vor fünfundzwanzig Jahren nicht. Vor vierunddreißig Jahren nicht.
Keiner meiner Toten hat mir eine Frage beantworten können. Und es sind viele.
Wenn ich sterbe, kennt niemand mehr meine Urgroßeltern. Ihr Leben wird verschwinden. Niemand wird mehr wissen, dass die Ururgroßmutter auf dem Feld vom Blitz erschlagen wurde, der Urgroßvater Arzt war in einem Haus, dessen Zimmer ich alle noch kenne. Das Haus wird vielleicht noch stehen, aber wie die Zimmer aussahen, das wird niemand mehr wissen.
Es wird verschwinden.
Wie erleichternd wirkt doch der Gedanke an das ewigen Leben. An weitere Leben. Vergangene Leben. Denn dem Vergehen des Lebens in das Gesicht zu schauen und nicht zu verzweifeln, nicht vor Angst bewegungslos zu werden, das ist ganz großes Kino. Das ist die Herausforderung.
Darüber nicht im Ende zu versinken, sondern den Arsch trotzdem immer und immer wieder hochzukriegen, trotzdem jeden Tag aufzustehen, die Zähne zu putzen, Schuhe an die Füße zu schnüren und loszugehen.
Dabei zu wissen, es wird enden. Es wird aufhören. Für jeden.
Und auch für mich.
Ohne göttliche Lüge, ohne kirchliche Lüge, einfach nur das Mensch sein.
Anfang und Ende. Wie ein Jahr. Es beginnt. Es endet.
Und dazwischen wird gelebt, die Weihnachtsdeko aufgehängt und hin und wieder nachgedacht.

Den ganzen Tag das Licht an

Alter Schwede, das war heute ein Novembertag, der war wirklich eine Zierde seiner Art. Eine wahre Pracht.

Den ganzen Tag musste ich das Licht anlassen und es nieselte draußen lustig vor sich hin. Grau in allen möglichen Variationen, von hell bis dunkel, dazu sterbende Blätter an den Bäumen.
Ich fühlte mich wie in einem Edgar-Wallace-Film.
Gut, das Haus ist definitiv zu klein für eine ordentliche, englische Krimiszene.
Keine Eingangshalle, kein Esszimmer mit zwanzig Stühlen und keine vierzehn buckligen Verwandten, die ans Geld wollen.
Aber dafür Killerdog, der an seinen guten Tagen auch mal den Klaus Kinski gibt und ein Feuer im Kamin.

Dieser November kommt recht anstrengend daher.
Natürlich. Ich weiß es. Trauer arbeitet sich nicht im Vorbeigehen ab. Ein gutes halbes Jahr ist nichts, wenn man immerhin siebenundvierzig Jahre miteinander durch das Leben trudelte.
Wenn ich jetzt durch den Wald gehe und den trüben und tristen Verfall betrachte, dann haut es mir eben die Gefühle wie Knüppel zwischen die emotionalen Speichen.
Wie oft ich mich in den letzten Tagen an einen Baum gelehnt habe, weil ich das Gefühl hatte, nicht mehr weiter gehen zu können, habe ich nicht gezählt. Aber die Bäume reden schon über mich.
Wer weiß, was sie denken, wenn sich die Frau in Gummistiefeln, mit ungewaschenen Haaren, aber immerhin einer Mütze drüber und im Schlafanzugoberteil um elf Uhr vormittags und ohne geputzte Zähne an ihre Rinde presst und dabei mehr Wasser aus den Augen lässt als von oben auf sie herunterrieselt.
Im November.
Kann sein, Bäume finden November auch eher anstrengend.

 

Schwache Nerven

Der Käse war weg. Ich habe den ganzen Kühlschrank nach dem Käse abgesucht. Ein cremiger, etwas kräftigerer Käse, der sehr gut schmeckt auf einer Scheibe Vollkornbrot.
Den ganzen Nachmittag hatte ich den Käse schon in der Planung.
Mit dem Vollkornbrot. Das Vollkornbrot ist auch da. Der Käse jedoch ist weg. Selbst im hintersten Winkel des Kühlschranks habe ich gesucht, sogar den abgelaufenen Blaubeerjoghurt schob ich todesmutig zur Seite.
Und was bedeutet das? Dass ich den Käse nicht gefunden habe? Es bedeutet, der Käse ist weg. Wirklich weg. Auf Nimmerwiedersehen weg.
Vermutlich gegessen von einem Kerl. Außer mir sind hier nämlich nur Kerle. Außer am Wochenende, aber Wochenende ist heute nicht und am Wochenende war der Käse auch noch da. Ein Kerl hat also den Käse weggegessen und das Vollkornbrot nicht.

Das hat mich ein wenig zerrüttet, aber ich konnte noch damit umgehen. Ich nahm einfach einen anderen Käse. Und eine Scheibe Salami. Und herrlich eingelegte Zucchini aus einem Garten im wilden Osten. Damit beruhigte ich mein Gemüt und alles erschien mir gut.
Der weitere Plan sah ein Töpfen Pudding vor, mit etwas Obst. Banane, Kaki, Trauben, darüber Vanillepudding.
Nach dem Vollkornbrot mit egal welchem Belag und den wunderbaren Zucchini.

Ich suchte. Suchte, suchte, suchte. Ich hatte ihn versteckt, ganz hinten in der Gemüseschublade des Kühlschranks, unter dem Salat, hatte ihn in Sicherheit gebracht vor den gierigen und klebrigen Fingern der Kerle.
Aber er war nicht mehr da. Und auch im restlichen Kühlschrank nicht.
Er war weg. Wie der Käse.

Und da musste ich einfach vor dem geöffneten Kühlschrank sitzen und weinen.
Ich war vollkommen am Boden zerstört.
Ich weinte über alles. Über Amerika, über Polen, Syrien, über kranke und sterbende Kinder, über gestorbene Väter, über drohendes und eingebildetes Unheil, ich weinte und weinte, weil mein Pudding weg war und ich allein dort saß und verlassen war.

Meine Nerven sind schwach. Sie sind zerrüttet.
Ich heule einem Pudding hinterher, weil ich mir seinen Geschmack schon eingebildet hatte, ihn auf der Zunge spürte und dann doch allein mit dem Scheißobst in der Schüssel in der Küche hockte und weit und breit kein Pudding mehr zu finden war.

Den abgelaufenen Joghurt wollte ich nicht.
Aber ich habe niemanden geschlagen, niemanden angeschrien, niemanden zur Rechenschaft gezogen. Ich habe nicht einmal gefragt, wohin mein Pudding verschwunden ist und wer an diesem Verschwinden beteiligt war.
Und warum habe ich völlig resigniert Abschied genommen von diesem Pudding, der einfach weg war?
Hätte ich gefragt, wer sich den Pudding genommen hat und wer den Käse, hätte ich doch nur wieder die Antwort gehört. Diese Antwort. Ihr kennt sie. Die Antwort, die jeder Verbrecher erst einmal von sich gibt, selbst wenn er überführt ist. Mit der Hand im Honigtopf erwischt wurde. Die Banknoten noch aus den Hosentaschen quellen.
Und diese Scheißantwort möchte ich nicht mehr hören.
Denn sie zerrüttet meine schwachen Nerven nur noch mehr.

ICH WAR`S NICHT!!

Schon klar.
Ich auch nicht.

Ja, da simmer dabei…

Ach, dachte ich heute Mittag, ach, du könntest mal neues Zeug holen. Buchstabenzeug. Ohrenzeug. Augenzeug. Und kaum hatte mein Hirn dies gedacht, saß ich auch schon im Auto und fuhr in Richtung der Bücherei in der wunderbaren Heimatstadt von Heidi Klum im Kaff nebenan.
Vorher hatte ich noch alles schon Gehörte und Gelesene zusammengesammelt und dem Hund Adieu gesagt.
Ich ließ Musik laufen, sang, wie immer im Auto, hemmungslos laut mit, ließ den Scheibenwischer leise im Intervall wischen und lauschte mit einem Ohr auf das Quietschen des Kupplungspedals und mit dem anderen auf das Röhren des Auspuffs.
Kurz, ich war maximal entspannt, als ich durch das Kaff vor dem Kaff fuhr. Und an der Stelle im Kaff vorm Kaff, wo die öffentlichen Verkehrsmittel Fahrt aufnehmen in Richtung der großen Stadt, der Metropole des Rheinlands, der Hauptstadt des Frohsinns, da sah ich es. Da sah ich IHN!

Den Clown.

Keinen Horrorclown. Keinen Terrorclown. Schlimmer.
Den Lappenclown.

Wer schon etwas länger mit mir zu tun hat, der weiß, ich habe ein gespaltenes Verhältnis zu ihnen, den Lappenclowns. Sie erfüllen mich mit Angst und Schrecken. Diese Lappen, das geschminkte Gesicht, ich finde das furchteinflößend.

Der Lappenclown rannte bei Rot über die Ampel, offensichtlich beflügelt von der gleich abfahrenden Straßenbahn in Richtung Lustigkeit. Und war nahe dran, meinem Auto zum Opfer zu fallen. In den folgenden zehn Minuten fühlte ich mich traumatisiert, um wieder zu mir zu kommen, musste ich leise ein grottentrauriges Lied pfeifen.

Erst dann fiel mir ein, dass heute der Elfte im Elften ist. Nicht nur der hillije Sinte Mähtes heilige Sankt Martin hat heute seinen Ehrentag, nein. Auch der Karneval läuft sich ab heute wieder warm.
Darauf ein Pufftäh.

Der Gutfrisierte kam am Abend nach Hause und ich berichtete vom Lappenclown, woraufhin er die Augen verdrehte und den Kopf schüttelte.
„Einen? Einen Clown? Hast du es gut. Ich habe sie heute dutzendweise gesehen. An jeder Ecke lungern die rum.“
Der Gutfrisierte arbeitet in der Hochburg des bunten Treibens. Und er fährt jeden Morgen mit der Bahn dort hin.
„Heute Morgen um acht Uhr in der Bahn, da saßen sie schon und soffen Appelkorn und Bier. Egal ob vierzehn oder vierundsechzig, die knallen sich die Mütze zu und dann landen sie in der Ambulanz  und kotzen. Oder schlafen. Und das geht schwallweise bis Aschermittwoch.“
Da möchte er auch kotzen, wenn er nur daran denkt.
Aber es sind nicht nur Lappenclowns. Es sind Äbte, Knastbrüder, Polizisten, Kätzchen, Kühe, Elefanten, Stubenmädchen, Dandys, Bayern, Hasen oder Gestreifte. Und für den Gutfrisierten sind sie alle furchterregend.
Nicht so sehr als Menschen, aber als Karnevalisten. bild-069

Um mich zu beruhigen und die Problematik des aufkeimenden Karnevals, der fünften Jahreszeit, des saufseeligen Beisammenseins verkraften zu können und das erhöhte Lappenclownaufkommen zu überstehen, mache ich jetzt Meditationsübungen.
Ich schaue mir die Bilder von den Tapeten im Haus vor der Sanierung vor zwölf Jahren an. Das hilft.

Das schlimme Kind auf der Party

Als geplagte langjährige Mutter habe ich nun schon einiges an Kindergeburtstagen durchexerziert. Schnitzeljagden, blinde Kühe, geschlagene Töpfe, das ganze, elende Kindergeburtstagsprogramm. Es gab kein Motto, es gab nur für das Geburtstagskind Geschenke, die Besucher hatten gefälligst Geschenke mitzubringen und nicht zu erwarten und die besten Partys waren die von vorne bis hinten improvisierten.

Es gab durchaus ganz generelle Unterschiede zwischen den Jungs-Partys und den Mädchen-Partys. Bei den Jungs waren meist Jungs anwesend, bei den Mädchen waren es meist Mädchen.
Die Jungs rauften und schubsten, die Mädchen steckten zwecks Läuseaustausch die Köpfe zusammen und kicherten.
Die Spiele waren die gleichen, aber es war nicht das selbe.

Bleiben wir doch bei den Jungs-Partys.
Dort fand, und findet man noch, bestimmte Jungs-Typen. Da gibt es den Schüchternen, den kleinen Burschen, der sich nie vordrängelt, wartet, bis er an der Reihe ist, der recht höflich Danke sagt, wenn man ihm eine Flasche Limonade reicht und der sich ein Loch in den Bauch freut, wenn er bei einem Spiel einen Luftballon gewinnt.
Dann gibt es den Kerl, der immer mittenmang ist, aber nicht sehr auffällt. Er läuft mit, gröhlt mit, rauft mit, wie gesagt, ist mittendrin statt nur dabei. Wenn es zu wild wird, reicht ein gestrenger Blick und er fährt ein bis zwei Gänge runter. Er ist zwar ein mitunter rauer Geselle aber charmant und weiß, wo seine Grenze liegt.
Und es gibt das Arschloch. Er schreit am Lautesten, will alles immer zuerst, grabscht alles an, kennt keine Grenzen, und plärrt und zetert, wenn er zurecht gewiesen wird.
Die Arschlochjungs gab es bei den hiesigen Partys nicht so oft, aber zwischendurch ließ sich der ein oder andere blicken. So ein Arschloch kann die komplette Party sprengen.
Wenn es von der Leine gelassen wird, dann ist das Arschlochkind in der Lage, allen die Sause zu versauen. Es lässt keinem anderen Raum zur Entfaltung, will alles bestimmen, beherrschen und haben. Meistens ist ein zufriedener Gesichtsausdruck zu sehen, wenn das Arschloch jemanden zum Weinen gebracht hat.

Was macht nun eine erfahrene Mutter mit einem Arschlochkind?
Nun, natürlich kann sie versuchen zu intervenieren. Dem Arschloch zu erklären, dass die anderen Kinder eben auch Menschen sind und dass sie Gefühle haben, die man nicht mit Füßen tritt, weder im übertragenen Sinne noch in physischem.
Die Mutter kann es freundlich versuchen, sie kann unfreundlich werden, sie kann das Arschloch am Kragen packen, durchschütteln und schimpfen.
Allein, es wird nichts helfen. Das Arschloch ist ein Arschloch, ist ein Arschloch.
Die beste Strategie ist, dieses Mistblag zu ignorieren.
Es sagt etwas? Weghören. Es macht etwas? Ignorieren. Es will etwas? Ja und?
Für die Dauer der Party eine Hornhaut entwickeln, aufpassen, dass das Arschloch niemanden umbringt und später den anderen Partygästen erklären, dass man ein Arschloch besser beim nächsten Mal nicht wieder einlädt.
Dabei als Mantra vor sich hinmurmeln:

Auch diese Party geht vorüber, auch diese Party geht vorüber, auch diese Party geht vorüber.
Und ehe man es sich versieht, sind vier Jahre Stunden vorüber und das Arschlochkind muss zurück nach Hause.

Eigentlich würde man dem Arschlochkind einen Gefallen tun, und allen anderen auch, wenn man es von Anfang an ignoriert, es also gar nicht erst einlädt.
Eine weitere wichtige Information ist, je mehr Aufmerksamkeit das Arschloch bekommt, desto schlimmer treibt es sein Unwesen. Wenn man es beachtet, ihm Zeit schenkt, sich mit ihm befasst, dann wächst das Arschloch in ungeahnte Größe und versucht, die Welt Party zu beherrschen.
Darum: Ignorieren. Ignorieren. Ignorieren. Am Besten schon vor der Party, wenn es erst einmal da ist aber auf jeden Fall während der Party.

Liebes Amerika, liebe Journalisten Es ist, wie es immer ist, in der Präsidentenwahl Kindererziehung. Ein bisschen schmerzhaft.
Nur, das sagt einem ja vorher keiner.

(Der kleine Donald möchte aus dem Präsidentenparadies abgeholt werden…)

Die Jugend von heute

Momente im Leben, in denen man sich wünscht, eine alleinstehende Dame in einem Zweizimmerappartement zu sein. Alleinstehend.
Genau dann muss man sich nämlich das entsetzliche Liebesgeturtel in der Küche nicht anhören. Gut. Sie müssen essen. Das verstehe ich.
So wie sie schlafen müssen. Und trinken. Und auf die Toilette gehen, das müssen sie auch.

ABER: Sie müssen nicht sprechen. Nein. Und gackern auch nicht. Ich sehe schon immer noch ein gewisses Maß an Verantwortung bei mir. Dass sie nicht verhungern, verdursten oder sich sonst irgendwie umbringen. Das ist halt so drin. Gelernt in den vergangenen einundzwanzig Jahren.
Diesen spätpubertären Redeschwall auszuhalten gehört definitiv nicht zu dem, was ich noch im Programm habe. Darum sitze ich auf der Couch, die nun einmal nicht so weit von der Küche entfernt ist, weshalb ich auch jedes Wort dieser völlig sinnentleerten Äußerungen mithören muss und ramme mir meine Fingernägel in die Handflächen, bis es fast blutet, nur, damit ich mit dem Schmerz die auditiven Reize überlagern kann.
Leider klappt es nicht. Und darum möchte ich etwas zerstören.

War ich auch so?
Habe ich jemals so ein Verhalten und solche Verbalausschüttungen an den Tag gelegt?
Ich erinnere mich nicht daran. Zum Glück.
Sollte ich so gewesen sein, bitte ich hiermit das Universum um Vergebung und Verzeihung.
Wenn ich nicht so war, dann:
Die Jugend von heute, grauenhaft.
Dialoge zum Weinen und Kreischen.

(Frau Lavendel im Alter von gefühlt achtundachzig Komma acht)

EDIT:

ALS NACHSCHLAG GAB ES VOM GUTFRISIERTEN EINE SCHALLPLATTE MIT KLANGCOLLAGEN.
DIALOG:
ICH: SOLANGSAMNERVTESSEHR, MEIN SCHATZ
ER: SO WAS HÖRT MAN VIEL ZU SELTEN.
ICH: SO WAS KANN MAN NICHT SELTEN GENUG HÖREN…

JETZT WEITER GEGEN MORDGELÜSTE ANKÄMPFEN… UND VON GETRENNTEN WOHNZIMMERN TRÄUMEN.

(Und komm mir keiner mit Kopfhörern, alles schon versucht, Kopfhörer klingen nicht schön genug.)