Nicht leicht zu erfreuen.

Es ist so schön, wenn man sich freut. Und sich über etwas zu freuen, das hält jung, entspannt und ausgeglichen.
Anderen eine Freude zu machen, bedeutet immer auch Freude für einen selbst. Weshalb ich das sehr gern tue. Der andere freut sich und ich mich gleich mit. Jeder hat etwas davon, alle sind zufrieden.

Meine Schwester zum Beispiel, kann sich so wundervoll freuen. Sie freut sich über Abendessen, Kartoffelbeete und eine müde gespielte Tochter. Es geht so gut, ihr eine Freude zumachen.
Den Gutfrisierten zum Gefühl der Freude zu bewegen, das ist ungleich schwerer bis hin zu fast unmöglich.
Oder ich habe nicht die richtige Wahrnehmung dafür.
Es kann durchaus sein, dass er sich freut, ganz tief in sich. Es kommt nur nicht bis nach draußen. So habe ich ihm zum Geburtstag damals, also vor ein paar Monaten, keine Überraschungsparty zum halben Jahrhundert geschenkt, weil ich wusste, seine Freude würde sofort und endgültig dahinsiechen.
Nachdem sein Nuschelfreund Bob immerhin den Nobelpreis bekommen hat, hielt ich das für das Zeichen, er müsse den Meister, also den Nuschelmeister, nicht den Baumeister, Bob einmal in Echt sehen. Zu Weihnachten hatte er schon die kompletten Texte des Bobs vom Christkind von mir bekommen, da war ein Besuch eines Nuschelkonzerts doch naheliegend.
Und so besorgte ich zwei Karten, damit er mit seinem besten Musikfreund in die altbiertrinkende Nachbarstadt fahren und sich benuscheln lassen konnte.
Ich dachte, wenn er an seinem Geburtstagsmorgen dieses Geschenk auspackt, dann freut er sich ein Loch in den Bauch. Wie ein Schneekönig freut er sich. Oder wie Bolle, ein Schnitzel oder sonstwer.
Er packte sein Geschenk aus und sagte: „Hmm, aha.“
Dann war Stille und er trank einen Schluck Kaffee.
Ich musste es einfach fragen, ich konnte nicht anders.
„Freust du dich?“
„Hmm, ja.“
Ein weiterer Schluck Kaffee.
Ich fing an zu erklären, warum und wieso ich ihm den Zugang zum Nuschelkonzert verschaffen wollte, und dass er doch noch nie den Meister live gesehen habe und es in dem Alter und den Erfahrungen des letzten Jahres jederzeit auch vorbei sein könnte und er ihn dann nie gesehen haben würde.
„Hmm, ja. Ich mag ja nicht so große Konzerte.“
„Freust du dich nicht?“
„Hmm, doch, schon.“

Und da lobe ich mir meine Schwester.
Ein Stück Erde im Garten, ein paar selbst geerntete Zucchini, die in der Pfanne gebraten, mit Salat und anderem Schnickschnack zum Abendessen angeboten werden und schon huscht ein Ausdruck von Glückseligkeit über die ganze Person.
Und wenn das so ist, dann freue ich mich.

Sehr schön

Was ist nur los?
Es ist mittags um zwölf oder halb eins, ich habe einen herrlichen halben Becher meiner bevorzugten Eissorte gefrühstückt, dazu gab es ein feines Glas Orangenlimonade. Dabei lungerte ich seit drei Tagen ungeduscht im Bett herum und ließ flotte Filme aus dem Onlinebereich laufen.
Den jammernden Hund ließ ich beim Nachbarn in den Vorgarten pinkeln und als zweites Frühstück gab es Chips. Anschließend hörte ich auf ordentlicher Lautstärke ein Musical und sang sehr lautstark mit. Den Hund sperrte ich so lange in den Flur, damit seine zarten Ohren keinen Schaden nehmen würde.

Zum Mittagessen gibt es Currywurst, glaube ich. Vielleicht mit Pommes. Und eine Alibigurke aus dem Garten.

Und am Abend werde ich mir etwas kommen lassen. Ob ich bis dahin geduscht habe, das steht in den Sternen. Aber ich werde noch eine Menge gesungen haben. Und dies und das geschrieben. Kann auch sein, eine Freundin kommt und wir legen uns auf das Sofa und gröhlen unanständige Lieder.

Und? Gemerkt?
Frau Lavendel allein zuhause.

Es gibt doch Glück auf dieser Erde.

Auf der Suche nach dem perfekten… Er

Mit einer Sechzehnjährigen durchs Städtchen zu bummeln, das kann erheiternd, nervtötend, nostalgisch und komplett bescheuert sein.
Denn Sechzehnjährige wechseln ihre Laune schneller als… mir fällt einfach kein passender Vergleich ein. Unterhosen wechselt man günstigerweise einmal am Tag, das ist also deutlich zu wenig. Für Strümpfe gilt das Gleiche.
Was wechselt man denn mehrfach in der Stunde? Gibt es da irgendetwas? Was tauscht man aus im fünf Minuten Takt?

Eben noch beschwingt hüpfend durch das erste Geschäft geturnt, kommt so eine Sechzehnjährige mit einem Gesicht aus dem Laden wieder raus, als hätte man ihr dort Leberkässemmeln und Hackbraten angeboten. Und ja, Vegetarierin. Natürlich. Was sonst (Jungs: Fleisch, Fleisch, gib mir Fleisch; Mädchen: Ihgittigitt, weg mit dem Fleisch, gib mir Salat, Gemüse, Salat, Gemüse, Quinoa, Bulgur!).
Auf dem Weg zum nächsten Kleiderwarenladen wird die Laune gleich schon wieder besser, nur um in den Geschäftsräumen runterzukühlen. Man bereut, keinen Schal dabei zu haben.
Zurück an der frischen und tropfenden Luft wird erst einmal gekichert und beim Anblick der Klamottenbude fünf Meter weiter kommt es zur ersten zweiten dritten Depression des Tages. Es wird schon vor dem Eingang gejammert, dass es dadrin ganz bestimmt auch keinen gäbe und alles sei ein elender Mist und wo, bitte sehr und schön, denn ER nun herkommen solle, da sich ja offensichtlich die Welt gegen sie verschworen habe.

ER. Der Bikini. Most wanted, zur Zeit.
Ein Bikini für eine Sechzehnjährige. Schon vorher wurden einige Million Stunden im Internet verbracht, auf der Suche nach einem Bikini. Und es wurde einer, ein einziger, der Einzigste wie man hier sagt, gefunden und bestellt. Nach zwei Wochen und drei Tagen kam die Benachrichtigung, der Bikini sei nicht lieferbar. Danke.
Die Tage am Strand rücken näher und nun wird doch wieder eine panikartige Suchsituation kreiert.

Aber siehe da, in der Klamottenbude gibt es Bikinis, die auch einer Sechzehnjährigen einigermaßen erträglich scheinen. Auf den ersten Blick.
(Und wundere nur ich mich darüber, dass es jetzt Bikinioberteile und Bikiniunterteile getrennt zu kaufen gibt, aber insgesamt zum doppelten Preis?)
Mit vier verschiedenen Oberteilen entschwindet sie in die Umkleidekabine. Ich stehe wie ein Mann davor, gelangweilt, mit dem Hang zum Nasebohren. Dann kommt ein undefinierbares Geräusch aus dem Verschlag mit dem schlechten Lichtkonzept. Gefolgt von einem Röcheln und „… ach, du Scheiße…“.
Ich luge durch den Vorhangspalt und was ich da sehe, verschlägt mir den Atem. Alle Spucke ist auf einen Schlag weg. Mir schwindelt. „Eher nicht, oder?“
„NIEMALS!“
Wer welche Worte sagt, ist egal. Austauschbar. Klar ist, ein Super-Bikini, wenn man professionell am Strand arbeiten möchte.
Der nächste ist kein bisschen besser. Unfassbar.
Brüste, eigentlich ganz normal in Größe und Form, sehen durch diese Stoffkonstruktionen auf einmal so aus, als wären sie aufgeblasen (ein A kann ein D sein, auch wenn sich in mir alles sträubt gegen solche Unlogik, denn ein A ist ein A und bleibt auch erst einmal ein A, zumindest im Alphabet!) und hätten sich der Schwerkraft widersetzt. Und so folgt ein Bikinioberteil dem nächsten und bei jedem sehe ich schon die jungen Lackel sabbernd im Sand liegen, vor den Füßen meiner Tochter. Ich wage noch einen Blick auf diverse Unterteilchen und habe auf einmal genug von der Suche nach dem Bikini.
Die Laune ist bei mir langsam und stetig auf dem Weg nach Mandalay. Oder sonst noch wo. Und die Sechzehnjährige schwingt lustig hin und her zwischen Hass, Verzweiflung und albernem Gelache.

Ich überlege jetzt, ob sie nicht einen Burkini tragen sollte. Und eine Fußfessel.

Feinmotorik

Unter der Dusche braucht es Feinmotorik. Dringend. Letzte Woche brauchte es sie auch schon. Da versagte sie und ich hackte mir ein Fleischstück aus dem Hinterbein, dort wo tiefer drunten die Achillessehne wohnt. Mit dem Rasierer, dem Damenrasierer.
Und heute kam sie abhanden, als besagter Damenrasierer, dem sonnigen Wetter und luftigen Tops geschuldet, in der Achsel seinen Dienst tat.

Darum suche ich einen Volkshochschulkurs „Feinmotorische Handgriffe unter der Dusche- leicht gemacht für jede Frau“.
Denn ich möchte nicht, dass ich, wenn ich auf Grund der sich verschärfenden Hormonsituation mit erhöhtem Haaraufkommen im Gesicht kämpfend und wie Tante Tesi, Tante Resi und Tante Maria dereinst vor fünfzig bis sechzig Jahren, mit einem veritablen Hipsterbart gesegnet sein werde, durch die fehlende Feinmotorik meine Kehle aufschlitze.

Oder so.

Ehe für alle

Meine Einkäufe liegen auf dem Band und werden langsam Richtung Kasse transportiert. Hinter mir räumt ein Ehepaar die Sachen aus dem Wagen auf das Band. Sie ist vielleicht Mitte fünfzig, hat eine mittelpraktische Mittellanghaarfrisur, klimakteriumstypische zehn Kilo nicht abwaschbare Randbeschichtung und hält sich mit Farben zurück. Er mag drei bis fünf Jahre älter sein, ist größer bei gleicher Randbeschichtung, trägt einen Schnauzbart, den man nur in einem rotem Ferrari sehen möchte und hässliche Sandalen.

Ich schaue auf ihre Einkäufe. Das tue ich gern, anderer Leute Einkäufe anschauen. Und dann stelle ich mir vor, was sie machen, mit all dem Kram, den sie mit nach Hause nehmen. Diese beiden haben einen Wagen voll mit Fertigfutter. Tiefkühlpizzen, Tiefkühlpasta, Tiefkühleintopf, Tiefkühlalles. Dazu Dosen, Würste und aufgießbare Nudelgerichte.
„Meinste echt, das reicht?“, fragt er.
„Ich bin drei Tage weg.“, sagt sie.
„Ich weiß ja noch gar nicht, wo ich da morgen auf dem Bahnhof genau hin muss. Hoffentlich finde ich das auch. Meinste, ich kann das irgendwo im Internetz nachgucken?“, fragt sie.
„Jaja. Aber meinste, das hier reicht?“, fragt er.
„Meine Güte, drei Tage. Was willste denn in den drei Tagen alles essen?“
„Na, was ist, wenn ich Riesenhunger habe? Was ist, wenn ich schon morgens so einen Hunger habe, dass ich mir was warm machen muss? Was, wenn dann nichts mehr da ist?“
„Drei Tage, ich bin drei Tage weg.“
„Ach ja…“, sagt er.
In mir keimt ein Verdacht. Vielleicht ist sie drei Wochen weg. Oder drei Monate. Drei Jahre. Drei Jahrzehnte. Drei Leben.
Entweder, sie macht sich vom Acker oder er murkst sie ab und versteckt sie im Keller. Ganz sicher ist das hier die letzte Gelegenheit, gemeinsam vorgekochte Lebensmittel zu kaufen.

Auf dem Parkplatz werfe ich meine Einkäufe in den Kofferraum. Ich bin fast fertig, als die beiden aus dem Laden kommen.
„Du weißt doch, dass ich schnell hungrig werde. Da braucht es nicht viel. Und wenn das jetzt nicht reicht?“
„Drei Tage, Mensch…“, kreischt ihre Stimme über den Platz.
„Ja, aber…“, versucht er es weiter.
Sie kommen am Auto an. Sie öffnet die Autotür, setzt sich auf den Fahrersitz und knallt die Türe zu. Er räumt seinen Vorrat in den Kofferraum und murmelt vor sich her. „Das wird bestimmt nicht reichen. Und dann sitze ich da und habe nichts zu essen, während Madam sich das gut gehen lässt. Ist ja wieder typisch…“
Er schlägt die Klappe zu, schiebt den Einkaufswagen zurück. Sie startet den Wagen und ich schaue zu. Sie fährt flott aus der Parklücke. Ich glaube, ein Glitzern in ihren Augen zu sehen und bin einen kurzen Augenblick besorgt. Entweder sie haut jetzt sofort schon ab, mit allen Lebensmitteln, oder sie fährt ihn mit einem seligen Lächeln einfach über den Haufen.

Weder noch, sie hält neben den Einkaufswagen und er steigt ein mit den Worten:
„Aber ich kann ja auch den Pizzaservice anrufen, oder?“

Ehe, sie kann einen so glücklich machen. Ehe für alle!

Schwarze Seele

„Unsere Haare flattern im Wind…“ bis hin zu „…einfach wunderbaaahaaar…“ und ich möchte im Garten auf meiner Liege liegen und ich hasse die Welt. Einfach mal so. Es gibt immer genug Gründe, die Welt abgrundtief zu hassen. Oder wahlweise zu verachten. Oder zu lieben, aber damit kann ich mich heute nicht befassen, heute ist Hass und Verachtung angesagt. 
Direkt neben mir, versteckt hinter einem mit tonnenweise Efeu überwucherten Gartenzaun, hockt das Nachbarskind in seinem Garten. Oder vielmehr im Garten seiner Eltern.
Und es singt.
Es würgt mich schier, wie es singt. Es singt mit Hingabe und Freude. Und ich möchte mich im Schwall erbrechen, denn das Problem ist, der Gesang ist grauenhaft.
Sie eiert und leihert und schmalzt und schnulzt von flatternden Haaren im Wind. Dreihundertsechsundachtzigmal hintereinander weg. Immer wieder die gleiche Zeile eines Liedes, das ich nicht kenne und jetzt auch niemals im Orginal hören möchte, weil ich kreischend zusammenbrechen würde.
Wie gern würde ich mit giftigem Flüstern Worte durch das Efeu schicken, Worte, die ihr auf ewig das Gesangsmaul stopfen würden, dieser kleinen, lästigen Möchte-gern-Jennifer-Lopez. „Du kannst aber echt gar nicht singen, Nachbarskind.“, würde ich zischeln und dabei gehässig kichern. „Dein Gesang klingt so richtig scheiße, meine Liebe. Ein Frosch furzt schöner als du singst…“.
Während ich so darüber nachsinne, dass ich ihr damit wirklich das Singen austreiben könnte und dabei ein fettes Grinsen über mein Gesicht huscht, wie bei einer Katze, die gerade den letzten Vogel einer aussterbenden Art zum Frühstück hatte, schreit mir meine innere Stimme der Liebe und der Vernunft zu:
„HALT BLOß DIE FRESSE, DIETER!“
Meine Güte, in mir wohnt ein Persönlichkeitsanteil, der Ähnlichkeit mit Dieter Bohlen hat und zum Vorschein kommt, wenn ich Kindern, die sich einbilden, großartig zu singen, dabei zuhören muss. Ein dunkler, ein schwarzer Teil meiner Seele. 
Jetzt werde ich darüber nachdenken, ob ich mich dafür schämen muss.
(Alleweile hält meine linke Hand mir kräftig den Mund zu, damit die angestauten Worte sich nicht einem explosiven Durchfall gleich, ihren Weg durchs Efeu bahnen.)

Schneckenporno

Bei der Überschrift werden wahrscheinlich meine Besucherzahlen abgehen wie Schmitz Schnecke.
Aber es ist die einzig mögliche. Denn genau das war hinter dem Haus zu beobachten. Ein kleiner Schneckenporno.

Hab ich noch nie gesehen. Schnecken beim Geschlechtsverkehr. War aber klar, dass die in die Vermehrung gehen, sobald meine Schwester im hiesigen Garten ein Beet anlegt. Sehen sie doch ihre Zukunft und die ihrer Kinder somit als gesichert an. Da kann man direkt loslegen. Als Schnecke.

Als biologisch interessierter Mensch habe ich natürlich voyeuristisch das Ganze beobachtet. Und pornös fotografiert.

Ich finde Schneckenerotik nicht sehr menschenkompatibel. Dieses merkwürdige schleimende Aneinandersaugen, eine sehr glitschige Angelegenheit. Sieht man nicht alle Tage. Und dann, ja dann passierte aber etwas…

„Mama? Papa? Was macht ihr da?“

„Ihr macht doch nicht… also… ihr werdet doch nicht…bah, igitt, würg, ihr habt… das ist ja…!“
„Nein, Kind, wir liegen hier nur ein bisschen rum und weil der Papi zuviel Schleim hatte und ich zuwenig, haben wir ein bisschen Schleim getauscht.“
„Ach so. Und ich dachte schon, ihr hättet Sex.“
„Nein. Niemals. Also heute.“

Und jetzt frage ich mich natürlich: Ist die Welt bereit für diesen Schneckenporno?
Was ist, wenn die Schnecken Internet haben? Bekomme ich demnächst Schneckenpost?

„Sehr geehrte Frau Lavendel,
Sie haben gegen Anstand und gute Sitten verstoßen und indiskrete Fotos meiner Mandanten im Internet veröffentlicht. Aus diesem Grund haben wir Anzeige gegen Sie…“

Temperaturunterschiede

Vielleicht möchte mir jemand erklären, warum im Wald ältere, magere, ausgezehrte Herren in sehr knappen Sportleibchen und sehr kessen, engen Höschen in pipapogedämpften Sportlaufschuhen auf Zehenspitzen herumlaufen und dabei aussehen, als würde der Infarkt hinter dem nächsten Baum schon auf sie warten? Oder der Schlag.
Denn bei den hiesigen Wetterverhältnissen schleppt sich ein normaler Durchschnittsmensch knapp eins über dem Kriechen mit einem Hund in den Wald, einfach nur weil er es muss. Keinesfalls, weil er es will. Also ich.
Und die Herren hüpfen schnaufend, schwitzend und von ungesundem Teint an mir vorbei. Ich schätze sie auf Mitte sechzig.
Mag sein, dass sie sich davon überzeugen möchten, in diesem Alter belastbar zu sein, wie ein junger Hüpfer. Die jungen Hüpfer hier im Haus, die pellen sich recht geschmeidig ein Ei auf die Belastbarkeit und machen ganztägig Siesta und ganznächtig Fiesta. Aber bei knappen dreißig Grad und ausgeprägter Luftfeuchtigkeit laufen sie auf keinen Fall draußen herum. Zumindest nicht schnell.
Es kann sein, dass die Herren vermuten, sie würden dem Volk der Elben entstammen. Waldelben vielleicht. Die sind mit sechzig noch Jugendliche und können laufen und laufen und laufen, wenn man den Verfilmungen glauben darf.

Letztlich ist es egal.
Sollen sie laufen. Wenn sie an mir vorbeilaufen, gehe ich immer noch ein bisschen langsamer, damit sie schnell aus meinem Dunstkreis verschwinden. Ich verspüre nämlich keinerlei Lust, so ein verschwitztes Hutzelmännchen wiederzubeleben.
Liegenlassen darf man ja nicht.
Wenn ich mit meiner Freundin durch den Wald gehe, was wir jetzt schon seit Jahren gemeinsam tun, halten wir immer die Augen auf. Wir versuchen, einmal eine Leiche zu finden. Ich weiß, das klingt merkwürdig. Und es gab nun wirklich in der letzten Zeit genug Leichen in meinem Leben, mit denen ich mich beschäftigen konnte.
Aber wer in seiner Jugend fingernägelkauend Ede Zimmermann zugeschaut hat, der erwartet eben hinter einem Baum eine Leich.
Einmal hatten wir ein vermeintlich herrenloses Fahrrad ein wenig abseits des Weges gesehen. Wie ich so bin, ging ich hin und schaute mich um. Es war aber keiner da.
Wir diskutierten über die Möglichkeit eines Toten im näheren Umkreis und überlegten dann, das nicht abgeschlossene, blöd herumliegende Fahrrad mitzunehmen und dem Fundbüro zu übergeben.
Kaum hatte ich das Fahrrad berührt, stürzte aus dem Unterholz ein Hutzelmännchen, erhitzt und zerzauselt.
Und war ein klein bisschen erbost über unseren Plan. Er war doch nur im Gebüsch um dort nach Pilzen Ausschau zu halten.
Nun denn, wir nahmen mal flott unsere drallen Beinchen in die Hand und huschten von dannen, bevor sich der Pilzhutzel noch als vollkommen psychotischer Axtmörder herausstellen konnte.

Doch, der Wald ist ein Ort von Spannung, Leben, Vielfalt, Wahnsinn. Ob bei dreißig Grad oder drei.

Tag der Pfeife

Heute ist wieder so ein Tag.
Ein Tag, an dem ich von mir selbst denke: Du bist eine Pfeife.
Die Königin der Falschabbieger. Herrscherin über falsche Entscheidungen.
Ich musste ein Formular ausfüllen für die örtlichen Ordnungs- und Sicherheitskräfte, da das von Killerdog benutzte Auto eine Delle aufweist, die durch eine Horde merkwürdig agierender Randalierer verursacht wurde.
Und bei einer Sachbeschädigung muss derjenige, dessen Sache beschädigt wurde, seinen Beruf angeben.
Und genau da fängt es an.

Ich habe überhaupt keine Ahnung, was ich als Beruf angeben soll. Ich war einmal Köchin. Das habe ich gelernt. Das habe ich ein paar Jahre gemacht. Das habe ich gehasst. Damit habe ich aufgehört.
Dann habe ich damit wieder angefangen und habe in Kindergarten und Schule gekocht. Aber auf dieser dämliche-Frau-braucht-keine-Sozialversicherung-Minijob-Basis. Und habe wieder damit aufgehört.
Ich war im Gesundheitssektor tätig. Dafür habe ich drei Jahre gelernt und anschließend noch dazu fast vier Jahre gelernt. Leider funktionierte das die-Frau-macht-eine-Praxis-auf-Experiment nicht. Jahrelanges Lernen und viel Geld nicht gewinnbringend angelegt.
Dazwischen gab es Kinder, bekanntlich derer drei, da läuft rententechnisch auch nicht viel. Geputzt habe ich. Anderer Leute Wohnung. Damit ich mal rauskam und damit ein bisschen mehr Geld reinkam. Unter anderem bei einem Zahnarzt, den ich schriftlich dafür rügte, dass er Drogen konsumierte und diese in seinem Kühlschrank verwahrte. Ich hatte damals schon ein Sendungsbewusstsein für ein drogenfreies Leben.

Heutzutage arbeite ich in einem Büro. Dort gebe ich allerhand in den Computer ein, sortiere dies und das, telefoniere mit diesem und jenem und raschele ausdauernd mit Papieren. Natürlich ist es wieder auf der altbekannten Frau-braucht-keine-Sozialversicherung-Minijob-Basis.
Kurzzeitig war ich auch Mutter und Schrägstrich oder Hausfrau. Das ist zwar viel Arbeit aber kein Beruf. Geld gibt es dafür auch nicht. Annerkennung eh nicht.

Und so war ich wirklich versucht, in die Zeile für den Beruf „Pfeife“ zu schreiben.

Denn hätte/wäre/würde, dann würde/wäre/hätte.
Habe ich aber nicht. Einen eierigeren Lebenslauf als meinen, den muss man erst einmal hinbekommen. Und keinen Schritt in der beruflichen Laufbahn würde ich als erfolgreich bezeichnen. Im Sinne von Karriere. Denn Kinder großzuziehen, das heißt, sie in den ersten Jahren davon abzuhalten, sich mit Steckdosen, Häkelnadeln, Multivitaminbonbons, Badewasser, Küchenmessern, Scheren oder auch Hosenträgern umzubringen, und später zu verhindern, dass sie sich mit Taschenmessern, Inlinern, Fahrrädern oder Trampolins entleiben; damit macht man jedoch keine Karriere. Selbst wenn man vierundzwanzig Stunden Schichten schiebt. Achtzehn Jahre lang. Oder länger. Dafür gibt es nichts. Nicht einmal eine echte Berufsbezeichnung außer Mutter und Mutter klingt irgendwie scheiße. Denn Mutter heißt: Alles Schuld.
Wirklich. Meine Mutter auch. Alles Schuld. Immer.
Ist auch kein geschützter Beruf.

Hätte ich mal etwas anderes gelernt. Wäre ich an dem einen Abend nicht so kuschelig drauf gewesen. Hätte ich in der Schule besser aufgepasst. Würde ich heute nicht einen Zusammenbruch über einem Formular bekommen, weil ich nicht weiß, was ich bin.
Und würde nicht in mir dieses gehässige Arschloch rumbrüllen:

EINE PFEIFE BIST DU

Es war einmal ein Silberkännchen

Eigentlich war ich um zehn Uhr zum Quatschen, Tee trinken und Liedchen trällern verabredet. Aber heute früh um kurz nach sieben rief meine Verabredung an und sagte: „Ich kann nicht. Ich sitze im völligen Chaos und dann kommt noch Cousine Trulla und ich muss noch aufräumen und ich schaffe das alles nicht und ich bin verzweifelt und ich kann nicht.“
„Kein Thema.“, sagte ich. Ich bin grundsätzlich nicht ärgerlich, wenn jemand nicht kann und eine Verabredung absagt. Das war schon immer so. Dann mache ich eben etwas anderes. Nicht schlimm.

Weil ich schon einmal wach war, ging ich in die Küche und die sah ein bisschen durcheinander aus, vermutlich, weil niemand aufgeräumt hat. Dies und das stand herum. Weil ich heute nicht arbeiten muss, dachte ich mir, ist das kein Problem, ich gehe erst mit dem Hund durch den Frühlingswald und dann räume ich die Küche auf.
Genauso tat ich das und als ich den Knopf für den Start der Spülmaschine gedrückte hatte, war ich diesem Plan genauestens gefolgt. Aber dann.

Schaute ich auf die Dunstabzugshaube. Oder die Fetthaube. Wie meine Schwester sie nennt. Die war fettig. Ich machte sie ein bisschen sauber. Nicht übertrieben fettfrei, aber ein bisschen sauber. Und auf der Fetthaube stehen ein paar Dinge. Unter anderem ein kleines Silberkännchen. Und an dieser Stelle verließ ich endgültig den vorgezeichneten Tagesweg. Ich nahm das Kännchen zur Hand, empört über dessen Aussehen und dachte, das Lord und Lady Bigbottom ganz sicher not amused wären, solch ein Kännchen sehen zu müssen. Schon allein die Existenz eines dermaßen angelaufen Metallkännchens ist indiskutabel. Weshalb ich spontan seine Reinigung beschloss. Dafür benötigt man bekanntermaßen ein Reinigungsmittel. Und ich wusste genau, dass ich eine Tube davon in Besitz habe. Nur wo?

Ich öffnete die Küchen-Chaos-Schublade und fing an, darin herumzuwühlen. Da gab es allerhand Unrat, in dieser Schublade, und wo ich gerade dabei war, dachte ich mir, sortiere ich dies und das an Unrat aus. Alte Schaschlickspieße, spröde Gummis, Pflaster, Korken, Zettel, Kugelschreiber lagen neben Messern, Rührern, Löffeln, Wetzstab und Hackebeil.

Ich räumte und sortierte und einige Dinge wollten dann in der Besteckschublade verräumt werden. Aber in der Besteckschublade war es sehr krümelig. Und staubig. Und sogar ein Hundehaar lag darin. So räumte ich die Besteckschublade aus. Und wischte die Schublade aus. Irgendwie hing sie aber sehr schief umeinander, als sie komplett entleert war. Ich schaute mir die Metallführungen an und siehe da, eine Schraube fehlte. Leider war sie im darunter befindlichen Schrank nicht zu finden, das merkte ich, nachdem ich ihn leergeräumt hatte. Also suchte ich im Keller eine andere Schraube. Die fand ich auch und schraubte sie. Dann setzte ich die Schublade wieder ein. Bedauerlicherweise hatte ich die Schraube an falscher Stelle geschraubt, die Schublade war dadurch ein bisschen schief, verkanntete sich und ich musste noch dies und das zur Seite räumen, bis ich von unten hinten an die Schraube herankam.

Als sich die Schublade endlich ganz geschmeidig wieder schieben ließ, fiel mir auf, dass die Schranktüren darunter ein klein wenig schief standen. Also schraubte schnell an ein paar weiteren Schrauben und nach einer halben Stunde waren die Türen zum Glück wieder so schief wie zu Beginn meines Versuchs, sie zu begradigen.
Ich wollte jetzt erst einmal ein paar Sachen wegräumen, weil es doch ein bisschen kompliziert wurde, sich elegant durch die Küche zu bewegen.
Für all die Pflaster, Desinfektionsmittelchen, Kopfschmerztabletten, Cremetübchen zur Entzündungshemmung und Verbände hatte ich eine Schublade im wunderschönen alten Geschirrschrank auserkoren. Dafür musste ich aber die Schubladeninhalte der elf Schubladen ein bisschen umstrukturieren.
Darum habe ich die Schubladen ausgeräumt und peu à peu wieder eingeräumt, soweit es mir möglich war.
Und auch dies und das weggeworfen. Natürlich. Zum Beispiel die Zwerge, die ich einmal aus Bucheckern, Filz und Knetbienenwachs gebastelt habe. Die fünfunddreißig Marienkäfer durften auf Anweisung meiner Schwester in einer der Laden verbleiben und sind der Entsorgung gerade noch einmal von der Schippe gesprungen.

Dreißig angebrannte Teelichter später stellte ich ein kleines Gläschen auf das Regal in der Küche. Und das Regal war so staubig. Da musste sofort etwas geschehen. Schnell den Lappen und wischen, dass kostet doch kaum Zeit. So denkt man ja manchmal. Ich musste dann doch ein bisschen mehr Zeit investieren, da ich abgelaufenen Tee sortieren musste. Kein Mensch möchte eine Blasenverkühlung mit Tee behandeln, der im Jahre zweitausendunddrei abgelaufen ist. Der Apfel-Crumble-Zitrus-Tee würde noch gehen, schmeckt aber auch weit entfernt vom Verfallsdatum so extrem beschissen, dass er dem Blasenverkühlungstee folgte. Genau wie der Bonjour-Tee, der Machmichnichtirre-Tee und der Detox-Tee, der übrigens als Brechmittel hervorragend funktioniert.

Die Spülmaschine war alleweil schon fertig mit ihrer Spülerei und ich räumte sie aus. Teilweise zumindest. Die Sachen, die in die schon fertigen Schubladen konnten, räumte ich weg. Der Rest musste warten. Den Topf konnte ich aber gut schon einmal runter in den Keller bringen. Der Topf hat in der Küche keinen Platz und muss deshalb in die Waschküche. Deswegen ist er nicht beleidigt, im Gegenteil, er hält sich für was besseres. In der Waschküche, bemerkte ich, dass die Waschmaschine noch befüllt war. Die entleerte ich und hängte die Wäsche auf. Meine beiden Blusen, viel mehr habe ich nicht, trage ich seit neuestem gern gebügelt, das wäre mir früher auch nicht passiert. Weil die beiden gerade trocken dort herumhingen, klappte ich flott das Bügelbrett auf und bügelte. Dabei ließ ich kurz den Blick schweifen. Das führte dazu, dass ich, wieder oben angekommen, sofort den Sperrmüll für nächste Woche bestellte. Und wo ich gerade dabei war, telefonierte ich noch mit der Bausparkasse, dem Dachdecker, den Stadtwerken (die die monatlichen Abschläge runtergesetzt hatten, nachdem sie uns eine Rechnung für eine Nachzahlung schickten; versteht man das?).

Dann ging ich wieder in die Küche und dachte: „Scheiße. Ich glaube, ich hab mich verzettelt.“
Und dieser Gedanke war so wahr. So ehrlich. So pur. Ich dachte ihn gleich achtunddreißig Mal hintereinander.
Sonst bin ich eigentlich ein strukturierter Mensch. Mit Plan. Ich kann das. Heute?
Verzettelungskünstler.
Und Verzettelungen haben als Nebenwirkung ja auch noch Hyperflucheritis.
„Scheiße, Scheiße, verdammte Scheiße“ gesellte sich als Dauerschleife im Kopf dazu.
Dann versuchte ich, das Chaos zu beherrschen. Es zu beseitigen.
Ich war fast soweit, hatte gerade die Tube mit der Metallreinigungscreme in der Hand, wollte mir noch eben etwas zu trinken aus dem Kühlschrank holen, da fiel mir auf, dass die Tür des Tiefkühlfachs nur angelehnt war.
Und nur zwei Minuten später sah die Küche aus, als hätte ich das Chaos niemals beherrscht. Noch dazu lagen überall Eisschollen herum. Und angetaute Himbeeren, die mir heruntergefallen waren und sich wie eine wild gewordene Horde Murmeln überall verteilten.

Am Liebsten möchte ich das Küchenfenster öffnen und einfach alles dort rauswerfen.
Aber das hat immer Folgen. So habe ich letztes Jahr die Herbstdeko einfach aus dem Küchenfenster geworfen. Und nun wächst im Vorgarten unter anderem ein Kastanienwald.

Was passiert, wenn ich Teelichter, abgelaufenen Tee, kaputte Haushaltsgeräte und Korken da rauswerfe? Vielleicht denken sich dann die Nachbarn auch, ah, neue Müllkippe und dann wächst mir ein Müllberg im Vorgarten. Hat es alles schon gegeben.

Also bemühe ich mich schon seit geraumer Zeit, mit der Verzettelung aufzuhören und endlich alles wieder in irgendwelchen Schubladen einzusperren.
Ich habe übrigens auch Schlüssel von fast allen Nachbarn gefunden, die sie bei mir im Falle einer zugeschlagenen Tür oder eines vergessenen Schlüssels deponiert haben. Zum Glück habe ich auf Namensschildern bestanden. Und weiß jetzt auch wieder, dass sie in der grünen Dose mit der Aufschrift „Tee“ sind.

Und hier ist der Auslöser des heutigen Chaos.

Vielleicht sollte ich es in den Vorgarten…
Nein. jetzt weiß ich es. Der Anruf heute morgen. Da ist das verdammte Chaos auf mich übertragen worden. Was beweist: Chaos ist hochgradig ansteckend.