In Zeiten der verschwundenen Leichtigkeit

Es gibt Sekunden, in denen habe ich eine Ahnung, wie sich das Leben vor fünf Jahren anfühlte. Ich hatte noch nicht lernen müssen, dass es auch mit sechzehn keine Sicherheit gibt, am Leben zu bleiben und dass der Faden sehr dünn und seidig ist, an dem mitunter alles hängt. Ich hatte noch nicht lernen müssen, wie sich das Leben ohne Vater anfühlt. Ich hatte noch einen Onkel, der nur zehn Monate älter war als ich. Ich ging noch jede Woche mit meiner Freundin durch den Wald und sprach mit ihr über das Leben und über den Tod, dem sie schon zweimal ein Schnippchen geschlagen hatte und von dem wir nicht wussten, dass er wieder in den Startlöchern saß, um sie endgültig zu holen.
Nachdem ich nun weiß, wie sich die Angst vor dem Tod des eigenen Kindes anfühlt, wie sich der Tod meines Onkels, meines Vaters, meines Schwiegervaters, meiner Freundin anfühlt, nach Litern vergossener Tränen, nach schlimmen Träumen, nach verzweifelten Augenblicken und Momenten ohne jegliches Gefühl, streift mich beim Staubsaugen gerade eben diese Ahnung.
Und ich erinnere mich an dieses Gespräch:

„Bärbel, glaubst du, dass ich jemals wieder so lustig sein kann wie früher? Ich fühle mich so schwer, traurig. Sinnlos.“
„Das ist jetzt so. Aber das wird besser. Und du wirst wieder lustig. Nicht mehr so leicht wie davor. Die Leichtigkeit geht ein bisschen verloren. Das gehört dazu.“
„Nie mehr die Leichtigkeit?“
„Das habe ich nicht gesagt. Ich sagte, sie geht ein bisschen verloren. Sie wird dich wiederfinden und ein bisschen bleibt immer da.“

Während ich also die Hundehaare wegsauge und vor mich hindenke, dabei laut Musik höre und noch lauter mitsinge, streift sie mich. Die Leichtigkeit. Kurz nur und sie ist wie ein Hauch. Aber sie ist noch da. Ein bisschen.

Und bald wohnt die kleine Königin der Leichtigkeit in der Nähe, von der kann ich in Sachen Leichtigkeit eine Menge lernen.

Bitte atme

Bitte atme, denke ich, während ich der bergischen Sitte der Aufbahrung Tribut zolle.
Allein stehe ich vor diesem Sarg, in dem sie liegt und kann nichts denken als: Atme. Tu es für mich. Ziehe Luft in deine Lunge und huste einmal kräftig. Ein und aus. Atmen, das ist nicht schwer, das geht von ganz allein. Bitte, atme.
Und mach die Augen auf. Bewege wenigstens ein bisschen die Lider, ein winziges bisschen. Schau mich doch an.
Fang einfach wieder an zu leben. Sei nicht tot. Ich flehe dich an. Nicht gestorben sein. Atmen, Augen auf und dann helfe ich dir aus dem Sarg und wir verprügeln zusammen denjenigen, der dein Makeup verbrochen hat. Und das Arschloch, das deine schönen blonden Haare abrasiert hat und dir ein Loch in den Schädel gebohrt hat, um an dieses miese kleine Gerinnsel zu kommen, gleich mit. Wir verdreschen sie und anschließend gehen wir was essen.

Bitte. Ich flüstere es. Bitte. Ich schluchze es. Bitte. Ich bete es. Bitte.
Ich berühre deine Hand und sie ist viel zu kalt. In diesem kalten Raum kann man nur frieren. Auch mit der Mütze, die deine Wunden versteckt, wird dir nicht wärmer. Der Schal nützt auch nichts. Und dieses weiße Taft- und Satin-Sarg-Geschisse auch nicht. Ich möchte dir ein dickes, warmes Plumeau über den Körper legen. Dieser Körper, der dich in sich hatte. Was von dir noch übrig ist.
Und du bist nicht da. Und wenn ich noch so sehr bettle und flehe, du atmest nicht. Du bewegst dich nicht. Du liegst so still. Totenstill.
Ich fische meine Lesebrille aus meiner Tasche und schaue mir ein letztes Mal deine Hände an, mit denen du mir über den Rücken gestrichen hast, mit denen du manchmal meine Tränen getrocknet hast, mit denen du so grauenhaft Auto gefahren bist.
Deine Fingerspitzen sind grau. Und ein Rosenkranz liegt drumherum gewickelt.

Du atmest noch immer nicht. Warum atmest du denn nicht? Keiner, niemand, kein Mensch auf diesem verschissenen Planeten hat etwas davon, wenn du nicht atmest. Also komm schon. Alle haben etwas davon, wenn du es tust. Wenn du lebst.

Nein. Es ist vorbei. Da hilft kein Zetern und kein Weinen. Es ist vorbei.
Und jetzt muss ich damit leben, dass es einen Engel weniger gibt, auf dieser Welt.
Du atmest nicht. Und du wirst es auch nie wieder tun.
Ich atme…

Aus heiterem Himmel kommt die nächste Hiobsbotschaft, kommt der nächste Schlag. Meine liebste Freundin ist tot.
Sie, die ich als den liebsten Mensch der Welt kennenlernte.
Und die nächste Trauer steht vor meiner Tür, wo doch die anderen Trauergäste noch gar nicht weitergezogen sind, klopft und möchte Einlass.
Jedes Mal ist es ein bisschen anders, das Trauern. Wie auch die Liebe zu jedem meiner Lieben, die sterben mussten, ein bisschen eine andere ist.

Die eine Trauer ist wild und grausam, die andere ist melancholisch und sanft.
Jetzt hocken sie alle in meiner Seele und sie beißen mich mit ihren scharfen kleinen Zähnen. Nun heißt es wieder abzuwarten, bis sich ihre Zähne abgewetzt haben und der Schmerz nicht mehr schrill und grell ist, ein dumpfes Drücken übrig bleibt.

Meine liebste Bärbelino, mein Herz ist auf ewig bei Dir. Wo auch immer das ist.

Der gerechte Zorn

Ich spüre ihn wieder in mir. Diesen unltimativen Zorn. Diese Wut. Das Rauschen in den Ohren, den Druck im Magen, die Unruhe in den Beinen, die so gern gegen etwas treten möchten. Es darf auch ein Lebewesen sein. Warum denn nicht?
Es gibt Lebewesen, die haben es verdient, getreten zu werden. Bevorzugt in weiche Teile.

Weil ich aber in meiner Kindheit und Jugend immer wieder unterschwellig die Information getrichtert bekam, offensive Gewalt ist nicht in Ordnung, Schlagen, Kratzen, Beißen, Treten, Bomben, Krieg und Pistolen sind nicht comme il faut, dafür darf aber emotional erpresst, Liebe entzogen und seelisch gequält werden, bin ich eben nicht so der Prügeltyp. Leider.

Sonst hätte man, nachdem doch einige Zeit in relativer Harmonie verlief, heute einer wahren Gewaltorgie im Hause Lavendel beiwohnen können. Wenn ich ein Schläger wäre. Ein Kinderschläger.
Stattdessen habe ich im ganzen Haus diese Zettel aufgehängt. Weil ich es leid bin, in diesem, meinem wunderbaren und reinlichen Haus versiffte Messi-Buden beherbergen zu müssen.

In den Zimmer der nun nicht mehr Buben zu nennenden heranwachsenden Männer sieht es aus, dass es die Sau graust.
Es ist unfassbar.
Und just heute war mir nicht nach Deeskalation sondern mir war nach reintreten. Und darum sprach ich die widerwärtigen Verhältnisse an.
Was ich da zu hören bekam, war wirklich interessant und führte innerlich bei mir zur spontanen Verwandtschaftskündigung.
Ich möchte nicht mehr die Mutter sein von solchen Arschlöchern, die nicht einmal in der Lage sind, ihre angefurzte Unterwäsche dahin zu entsorgen, wo sie unauffällig bleibt. Nein, sie muss dekorativ mitten im Zimmer liegen. Direkt neben der Bananenschale, dem ketchupverschmierten Teller, den Gläsern, leeren Joghurtbechern, dem Leergut, den Überresten des Fastfood-Restaurants, unter den Schulsachen, den Gehaltsabrechnungen, dem mutmaßlich gebrauchten Kondom und dem durchgekauten Kaugummi.

Ja, es macht fassungslos.
Und so stinksauer, dass ich nicht weiß, ob ich vor Ekel oder Wut kotze.
Alles wäre gut bei einem leicht verschämten: „Ich räume auf.“
Oder einem: „Es tut mir leid, wirklich.“
Nichts ist gut, wenn ich dann als krönender Abschluss angebrüllt werde, was es für eine Unverschämtheit ist, jetzt eine Reinigung einzufordern, denn:
Man sei schließlich erschöpft von Arbeit/Schule.

Ich weiß wirklich nicht wohin mit mir.
Vor meinen Augen liegt ein tiefroter Schleier und in mir wütet ein Sturm. Und ich habe das dringende Bedürfnis, den ein oder anderen umgehend vor die Tür zu setzen.

Jetzt.

(Heute ist mir nach rot!)

Kann auch mal daneben gehen

Killerdog ist neunzehn. Und ich muss schon sagen, seine Geburt war der Hit unter den erlebten Geburten. Das lief wie geschmiert. Und obwohl er der kleine Dicke mit dem großen Kopf war, ist er am Besten in die Welt gekommen. Zügig, zielstrebig und mit einem ordentlichen Schwung.
Seine Zornesfalte auf der Stirn hat sich im Laufe der Jahre auch geglättet und er muss mittags nach dem Schlafen nicht mehr lauthals schreien.
Als der Schlaf am Mittag nämlich noch Mittagsschlaf war und nicht der in den Tag verschobene Nachtschlaf, da wurde er gegen drei Uhr wach und brüllte. Jeden Tag. Augen auf, Luft holen, loskreischen. Und zwar so ein Geschrei, dass man dachte, irgendetwas ganz entsetzliches muss ihm gerade passieren. Am Anfang erschreckte er mich damit zutiefst. Nach einiger Zeit begriff ich aber, dass Essen die Situation sehr verbesserte. Also stand ich in dem Moment, wenn er die Augen aufschlug, bereits mit einer geschälten Banane an seinem Bett und noch bevor er den ersten Schrei unter Dach und Fach bringen konnte, hatte er die Banane drin. Eine halbe.

Seinen neunzehnten Geburtstag wird er hoffentlich in den Tiefen seiner Erinnerung versenken und nicht mehr oft daran denken. Denn irgendwie war er nur mäßig gelungen. Ja, auch das gibt es. Das Geburtstage komplett für den Arsch sind und daneben gehen.
Ich gestehe, sehr habe ich mich nicht bemüht, war ich doch im Vorfeld nicht die Belastbarkeit in Person. Dann kamen noch ein paar Komplikationen dazu, ein nicht mehr existierender Bekleidungsladen zum Beispiel, eine träge arbeitende Packetverschickung, eine körperlich verreiste Großmutter, eine seelisch verreiste Großmutter, die Großväter, die nun wirklich nicht kommen konnten (wären sie vorbei gekommen…, ich weiß auch nicht, das wäre wirklich nicht gut gewesen für meine psychische Gesundheit…), selbst noch angeschlagen von der Grippe und von den trotzdem stattgefundenen Aktivitäten zu Karneval, er hatte wirklich nicht den besten aller Geburtstage. Und als ihm dann am Abend noch der ein oder andere Freund absprang, weil sich neunzehnjährige Bürschlein mitunter aufführen wie Prinzessin Lilifee („Ich hab den K. eingeladen, da hat der L. gesagt, er kommt nicht, weil er Beef mit K. hat und der B. kommt dann auch nicht, weil er auf der Seite von L. sein muss und der P. kommt vielleicht auch nicht, weil er bei K. mitfahren wollte und der jetzt auch nicht kommen will, weil seine Freundin mit ihm Schluss gemacht hat und der M. weiß noch nicht genau, wann er kommt und…“), da war es um seine Fassung geschehen und mein Bursche, der längste von uns allen, stand da und hatte Tränen, die ihm kullerten.
Da wünschte ich mir dringend, ich hätte ihm ein goldenes Märchenschloss geschenkt. Und eine Spielkonsole. Zum Beispiel.
Ich nahm ihn fest in meine mütterlichen Arme, drückte ihn an die mütterliche Brust und strich ihm über sein seidenweiches Haar. Und irgendwie war es… einfach… schön. Der Bursche ließ sich von mir trösten und liebhalten. Er weinte seine Tränen in meinen Pulli und ich fand das schön. 
Vielleicht bin ich irgendwie gestört. Oder pervers. 

Der nächste Geburtstag wird sicher besser. Hier sind die Festspielwochen erst einmal vorbei und hoffentlich kehrt jetzt so etwas wie Alltag zurück. Ein Alltag, in dem alle gesund sind und leidlich gut gelaunt.
Bitte.
Danke.

(Ja, heute ist mir nach blau. Das ist einfach so.)

Die Fünfzig

Jetzt isser fuffzich.
Der Gutfrisierte hatte gestern Geburtstag und das ist doch der richtige Moment, kurz inne zu halten und ein bisschen zu sinnieren. In trauter Runde, alle noch ein bisschen bleichgesichtig von den Viren der vergangenen vier Wochen, bekannte er, dass er sich nun mit fuffzich auch nicht anders fühlen würde, als damals. Mit dreißig.
Woraufhin der Fürst ihm sagte, dass man so einen schleichenden Verfall nicht unbedingt wahrnehmen würde. Daraufhin musste ich ein heftiges Kichern unter den Tisch fegen, wollte ich doch dem Gutfrisierten diesen Tag nicht anstrengender machen, als er eh schon war.
Ich gab dann frei von der Leber weg zu, dass ich mich in den Dreißigern doch deutlich besser gefühlt habe als heutzutage. Wobei heutzutage dem Virus geschuldet grundsätzlich nicht gut ist und tendenziell ein großes Potential an „Das wird wieder“ beinhaltet.
Gut, in den Dreißigern war ich oft krank. Alles, was der Kindergarten im Programm hatte, warf mich in die Kissen. MagenDarm, grippale Infekte, Scharlach und als absolutes Highlight eine richtig fetzige Pneumonie, die mich für drei Monate aus der Kurve warf. Da hätte ich fast ins Krankenhaus gemusst. Fast. Aber ich wollte lieber zuhause sterben. Außerdem hatten die Kinder die Pneumonie auch, kamen nur besser klar damit. Der Gutfrisierte lief dreimal täglich mit der Schlangensaftflasche an den Krankenbetten vorbei und jeder bekam ein Löffelchen. Und ich bekam auch noch Senfmehlwickel und Wärmflaschen als Extraprogramm.
Der Gutfrisierte war und ist wirklich von erstaunlicher Gesundheit. Darauf bin ich manchmal neidisch.
Und er hat das Fuffzich-Ding jetzt hinter sich. Er hat es mit ruhiger Gelassenheit hingenommen. Das dicke Prinz Pilsken, wo jetzt König von Holland ist, hat gesagt, fuffzig ist wie dreißig, in dieser Zeit. Weil er auch demnächst Geburtstag hat und fuffzich wird.
Von seinen fuffzich Jahren hat der Gutfrisierte bald dreißig mit mir verbracht, mal mehr, mal weniger. Zarte Zwanzig war er, als wir das erste Mal geknutscht haben. Seine Haare haben in der Zeit die Farbe gewechselt, das Gesicht einige Fältchen und Falten bekommen, sein Körper ein wenig Spannkraft eingebüßt, aber irgendwie ist er doch der, der er immer war.
Und wenn wir uns gegenüber sitzen am Tisch, dann gibt es Momente, in denen denke ich: Wer ist der Typ? Nur um Minuten später festzustellen, dass auch ohne Worte kommuniziert wird. Ich denke: Ich bräuchte Butter und schon reicht er sie rüber. Ich reiche ihm den Saft rüber, weil ich weiß, dass er ihn jetzt gern hätte.
Man kennt sich. Und manchmal eben nicht.

Also, wie geht man um mit einem Gutfrisierten, der jetzt fuffzich ist?
Wie immer. Ist ja nur der kalendarische Fuffzigeranfang.
Meterologisch ist da noch Luft für zwanzig Jahre.

 

Ich bin ein Gemüse

Vegetation also. Immer wenn ich denke, jetzt aber, jetzt wird es besser, dann entspricht das ungefähr zwischen fünf Minuten und fünf Stunden später nicht mehr der Realität, dann wechsele ich zurück in den Vegetations-Modus. Vegetieren kann ich inzwischen richtig gut. Ähnlich wie ein Brokkoli in einer Gemüsekiste, liege ich in meinem Bett herum und warte. Warte auf den Frühling, auf besseres Wetter, auf interessante Blogeinträge anderer Menschen, die auch liegen, weil sie nicht sitzen können oder einfach so Zeit haben, etwas zu schreiben.
Eine Influenza kann sich ziehen und immer neue Passagiere aufnehmen. Zum Beispiel einen Brüllhusten. Und wenn der besser wird, dann kommt der Gewässerschnupfen. Ist man durch damit, dann folgt der berühmte Knochenknacker, scheint aber ein Resultat des vielen Liegens zu sein. Beschwerden am Beckenkamm vom darauf herumliegen sind lästig in der Nacht. Killerkopfschmerz und plötzlich auftretender Mörderhalsschmerz sind gute Freunde.
Weshalb ich mittlerweile neben meinem Bett diverse Kleinartikel liegen habe.
Eine Schachtel mit Taschentüchern. Ein Griff, ein Zipp und schon werden die Sturzfluten gefangen. Eine Mülltüte, zur sofortigen Entsorgung der benutzten Taschentücher. Eine fast völlig entleerte Flasche Nasentropfen, eine völlig neue Flasche Nasentropfen, denn ich habe die große Angst, selbige könnten mir ausgehen und ich müsste eine Nacht ohne Atmung durchstehen.
Ein paar Zuckerkügelchen, kann man immer mal lutschen, schad ja nichts.
Hustenbonbons, sehr wichtig, denn nächtlicher Brüllhusten ist für alle Bewohner des Hauses unschön und manchmal lässt er sich durch ein Bonbon besänftigen. Das ist zwar schlecht für die Zahngesundheit aber gut für das Zusammenleben.
Salbeibonbons, ganz wichtig, wenn der Hals seine Explosion ankündigt.
Getränke, diverse. Tees, gern kalt geworden und leicht angestaubt an der Oberfläche, mindestens zwei Tassen, eine Geschmacksrichtung Thymian, eine Salbei.
Eine angebrochene Flasche Wasser nach dem Abgang der Kohlensäure, eine angebrochene Flasche Wasser mit einem Rest an Kohlensäure, eine noch geschlossene Flasche Wasser. Mit Kohlensäure.
Eine angebrochene Flasche Zitronenlimonade.
Ein Schälchen mit Wasabi-Erdnüssen, schon etwas weich, trotzdem schön zum Nase kitzeln, aber mit Vorsicht zu genießen, wegen der regelmäßig auftretenden Bauchschmerzen.
Zwei ungelesene Bücher, drei Comic-Hefte, ein Kritzelbuch, ein Wecker, ein Handy, ein Dingspad, ein Lapdings, ein elektrisches Lesebuch, eine Nachttischlampe, die nach dem Ausschalten immer tickt, als wäre sie eine Bombe.
Zwei kleine Knäuel Baumwollgarn für die geplante und vom Gutfrisierten gewünschte Grannydecke, Termin der Fertigstellung ist für zweitausendzweiundzwanzig anvisiert. Die ersten zwei Grannys, fertiggestellt in nur vierzehn Tagen.
Die Decke für die Schwester wird wohl noch etwas länger dauern. Zweitausenddreißig vielleicht.
Extrem wichtig, überlebensnotwendig, stets griffbereit und gern genommen: eine Schachtel Schmerzmittel. Ich bin mittlerweile ein großer Freund des Schmerzmittels. Ich habe den Beipackzettel direkt entsorgt, so komme ich gar nicht erst auf die Idee, es gäbe irgendwelche Nebenwirkungen. Und wenn ich des Nächtens erwache, weil mein Leben mir die Bedeutung eines Klopfkopfschmerzes erläutern möchte, dann denke ich kurz: Hach, Nebenwirkungen!
Nur um gleich weiter zu denken: Ist mir doch scheißegal.
Und mit einem Schluck staubigen Tees eine kleine, runde, weiße Pille in mir zu versenken und zu hoffen, dass sie schon nach zwanzig Minuten wirkt. Und nicht erst nach dreißig.

Weil mein Nachtschränkchen nicht die Ausmaße einer königlichen Tafel im Buckingham Palace hat, sondern nicht viel größer ist als ungefähr geschätzt dreißig mal vierzig Zentimeter, musste ich mir noch ein kleines Tischchen nebendran stellen.
Als ich mich eben aufraffte, doch ein klein wenig Ordnung in dieses Durcheinander zu bringen, bemerkte ich, dass sogar dies und das unter das Bett gewandert war. Ein Glas mit einem Rest Orangenlimonade, ein Teller mit Zwiebackkrümmeln, ein Schälchen mit angetrocknetem Vanilleeis und festgeklebtem Löffel.
Das klingt jetzt so, als würde ich hier herumliegen und es mir gut gehen lassen.
Limo, Eis, Bonbons, Nüsschen, lesen und auf Elektrogeräten rumdudeln.
Ist doch fein.
Ja, das ist fein. Herrlich. Nur

ICH HAB KEINEN BOCK MEHR

Ich wäre jetzt sehr gern gesund. Und dann würde ich mich sehr freuen.
Und ja, ich wäre nicht gern nur ein bisschen gesünder. Ich will jetzt kerngesund sein.
Verdammt. Scheiße.
Ich möchte kein Leben als Brokkoli.

~≈~

Es ist windig draußen. Ich sehe das am sich wiegenden Bambus und am zitternden Kirschlorbeer. Ich vermute, es regnet auch, weil alles im Grau glänzt.
Eine seltsame Stimmung macht sich breit.
Immer nur herumliegen.
Zwischendurch mit dem Ärmel über Displays wischen, die ich kontaminiert habe.
Es liegt irgendwo zwischen Langeweile und Langeweile.
Vorhin war ich kurz im Wald, der Hund geht nicht allein spazieren. Die kürzeste Runde, vielleicht fünfhundert Meter, normalerweise eine Minutenangelegenheit. Heute eine Grenzerfahrung.
Auch in der Kombination Influenza-Beckenboden.
Wie sagt meine Freundin so schön? „Ich geh nicht mehr aufs Trampolin.“
Ich auch nicht.

 

Das männliche Prinzip

Auerhähne hacken sich bei ihrem Balzkampf in die roten Pöppel über den Augen. Und das Huhn schaut zu und wartet ab, wer sich am Besten schlägt und Vater ihrer Küken werden könnte. Es sei denn, die Burschen hacken zu lange, dann verliert sie die Geduld und macht sich vom Acker.
Die Moschus-Ochsen knallen mit ihren Kopfplatten aneinander um zu klären, wer sich vermehren darf und wer nicht. Mit fünfzig Stundenkilometern rennen sie gegeneinander und wer nicht mehr kann, entschwindet. Bei Bären läuft das auch nicht viel anders. Die Bären stellen sich auf die Hinterbeine, schubsen sich hin und her, langen ordentlich zu und wollen sich interessant machen bei der Bärendame.

Und warum tun die das?
Testorsteron.
Elche, Hirsche, Wölfe, egal wer, die entsprechenden Männchen bekommen eine Testosteronvermehrung und schon geht sie los, die wilde Balz.

Ja, ich bin immer noch sehr kränklich und zu nichts zu gebrauchen, außer auf einen Bildschirm zu schauen. Und mittlerweile ist es sogar so weit, dass ich mir fast ausschließlich Dokumentationen reinziehe. Gern auch über Tiere in Europa. Oder die Nordsee von oben. Was mir im Gedächtnis bleibt, neben sexualisierten Rotbauchunken und der Tatsache, dass Elchmänner sich jedes Jahre ein neues und möglichst imposantes Geweih wachsen lassen um zu zeigen, dass sie den Größten haben der Tollste sind, ist eben das männliche Prinzip in der Natur. Und wie von selbst läuft in meinem Kopf die Übertragung auf menschlich-männliche Verhaltensweisen.
Da kommt mir mitunter der Gedanke: Ist doch alles kein Wunder.
Hormone. Darum ist das so schwer für Jungs, heutzutage. Die dürfen ja gar nicht machen, was ihnen die Hormone eigentlich eingeben. Nämlich anderen so richtig eins auf die Fresse geben. Das ist nicht mehr salonfähig. Ich persönlich finde das auch nicht gut, wenn archaisch aufeinander eingedroschen wird. Aber ich frage mich schon, was macht das aus männlichen Menschen, wenn sie immer entgegen ihren hormonellen Befehlen leben müssen.
Ist ja alles nicht so einfach.
Wobei in der Tierwelt ja nicht das ganze Jahr über randaliert wird, sondern in der Brunftzeit.
Und jetzt komme ich an den Kern meiner Überlegung. Vielleicht sollten die Vereinigten Staaten mal über die Terminplanung ihrer Präsidentenwahl nachdenken. Kann ja sein, dass die Wahl genau in der Brunftzeit stattfindet. Würde mir einiges erklären.

 

Vielleicht sollte man diese ganz ursprünglichen Dinge auch im Kopf haben, wenn man sich über Verhaltensweisen der männlichen Mitbewohner und Lebenspartner echauffiert. Wenn man es nüchtern betrachtet: Die Balz ist gelaufen, die Brut ist großgezogen, warum sollte sich das Männchen noch ins Zeug legen? Aufwändige Tänze? Umgarnen und interessant machen? Wofür? Ist doch völlig sinnlos, jetzt. Heute muss man froh sein, wenn man nicht einfach sterben gelassen wird, sondern hin und wieder jemand gucken kommt, ob man noch atmet.

Und im Juni blüht die Glockenheide.

 

(Edit:
Nur fünf Minuten nach Fertigstellung dieses Posts erreicht mich ein Foto vom Wolkenköpfchen aus dem Zug, dazu die Frage, warum manche Männer solche Schuhe tragen:

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Und? Warum wohl? Genau.)

Waagerecht

liegen:

ausgestreckt daliegen/sein, in horizontaler/waagrechter Lage sein, in liegender Stellung sein, sich lagern, ruhen; (gehoben) aufruhen, gebettet sein; (umgangssprachlich) sich aalen, langliegen

Ich aale mich um den Verstand. Ich ruhe, bin gebettet und zwar dermaßen waagerecht, dass mir eventueller Tränenfluss nicht durch das Gesicht sondern direkt in die Ohrmuschel trieft. Die Tränen kommen jetzt nicht vom Heulen. Die kommen von der Nase. Vom schlimmen Schnupfen. Und wenn ich dann einen Hustenschüttel habe, läuft das Geträne im Schwung aus dem Ohr ins Kissen. Ich könnte ja auch auf der Seite liegen. Nur verstopft sich dann sofort ein Nasenloch. Und das mag ich gar nicht.

Und lesen tu ich auch kaum noch. Heute habe ich genau ein Comic-Heft gelesen. Einmal Asterix. Ansonsten habe ich vor mich hin vegetiert wie so ein Veggieschnittchen.
Viel trinken, hat er gesagt, der Herr Doktor. Zum vierten Mal hat er das gesagt. Ich war ja das vierte Familienmitglied, das mit dem Virus bei ihm aufschlug.
So habe ich mir heute einfach mal eine komplette Flasche Limonade verinnerlicht. Leider klebt jetzt auch noch mein Mund und ist irgendwie glitschig durch den ganzen Zucker.
Aber ich wollte keinen Tee mehr. Und schon gar nicht mit Thymian.

Doch, ich muss zugeben, ich werde unleidlich. Unausgelastet. Ungedingst. Ich werde einfach ein Un. Un Ding Lavendula.
Und wenn ich nicht so maßlos kraftlos wäre, würde ich hier mal richtig rabatz machen. Aber selbst das schaffe ich nicht.

Vielleicht lässt es sich ja in dieser Nacht schlafen. Ohne ständiges Husten und Schnauben. Sollte noch jemand wach sein, warum auch immer, sei es durch Viren oder durch Hexenschüsse, lasst uns imaginäre Zwiegespräche führen. Im Bett, auf dem Sofa, auf dem Boden oder Klappstuhl, wir sind nicht allein in unserem Elend. Es fühlt sich nur so an.

(Jetzt sprenge ich mir einen Weg frei durch die Nasenschleimhaut rechtes Nasenloch. Danach kratze ich mir den Rachen mit einer Flaschenbürste.)