Samsons Haar

Als mein Vater seine schwere Operation überstanden hatte, kam der Moment, an welchem ihm das medizinische Fachpersonal dazu riet, eine Chemotherapie zu machen. Obwohl klar war, dass er nur noch kurze Zeit zu leben hatte, riet man ihm, es zu versuchen. Und weil mein Vater eine rechte Neugiernase war und eigentlich nicht verpassen wollte, was wir in der kommenden Zeit noch alles verzapfen könnten, sagte er ja zur Chemo, um noch möglichst viel von dem erleben zu können, was wir verzapfen würden.
Bereits nach der ersten Infusion war klar, dass es eine ziemliche Scheißidee war, denn seine schon schwer angeschlagene Konstitution wurde durch das Giftgemisch noch einmal deutlich verschlechtert. Außerdem wurde er unsagbar traurig, als wäre das Gift direkt in seine Seele geträufelt.
Und dann fielen ihm die Haare aus. Sein weißes, weiches, duftig seidiges und immer gepflegtes Haar, von ihm sein Leben lang gern nach dem Frisörhaarschnitt mit der Nagelschere nachbehandeltes Haar. Und der Bart auch. In Büscheln. Und weil das so war, entschloss er sich für den Kahlschlag. Alle Haare kamen ab, auf einen Schlag. Er sah nicht mehr aus, wie er immer aussah. Schon vorher war zu sehen, dass es ihm schlecht ging, ohne seine Haare wirkte er kleiner, zarter, unsagbar verletzlich.
Es schien, dass ihn mit den abrasierten Haaren all seine restliche Kraft verlassen hatte.

Meine Mutter, bisher langhaarig, trägt jetzt erst einmal eine Kurzhaarfrisur. Und ich habe Angst, dass es ihr wie Samson und meinem Vater geht. Dass mit den Haaren auch die Kraft schwindet. Darum hoffe ich, ihre Haare erholen sich schneller als die Chemo läuft.

Verwaiste Blogs

Da wollte ich mich mit einer ordentlichen Portion Schokolade ins Bett legen und hirnverbranntes Zeug gucken. Nein, das stimmt so nicht. Eigentlich wollte ich mich ins Bett legen und hirnverbranntes Zeug lesen. Zeug mit unterdurchschnittlichem Niveau, welches ohne Anstrengung vom Hirn verarbeitet werden kann. Nichts mit Liebe, eher mit Leichen. Und Blut.
Bevor ich das Buch zur Hand nehmen konnte, kam mir das Digitalgerät dazwischen. Ich wollte nur kurz die Emails checken. Kennt man ja. Hundertsiebenundvierzig Stück. Biedermann möchte mich wegen der Police sprechen, Erica rät mir, clever zu sein und zu sparen. Wedekind meint, ich solle es auch tun. Ich weiß nicht, was genau ich tun soll. Corina entspricht meiner Anfrage und dann gibt es noch eine Frage von Dating Liebhaber. Von da aus schaue ich noch kurz bei der einen oder anderen Nachrichtenseite vorbei, um mich darüber zu informieren, ob Donald sich nach seinen lustigen Auftritten zum Thema Nachäffen (Behinderte, missbrauchte Frauen und viele mehr) ein weiteres Mal benimmt wie ein Arschloch (wobei er sich nicht nur so benimmt, ich bin davon überzeugt, er ist der Prototyp aller Arschlöcher).
Dann blieb ich kurz an einer Doku über die weibliche Brust hängen. Ist ja nur ein Stündchen, dachte ich und schaute mir an, dass heutzutage jede achte Frau Brustkrebs bekommt. Am Montag lasse ich nachschauen, was bei mir so los ist, nachdem der nächste Einschlag in der Familie stattgefunden hat.

Nach dem Stündchen über das Stillen, Brustdrüsen und die These, dass sich durch den aufrechten Gang das Interesse vom Po zu den Titten verlagert hat, also rein aus perspektivischen Gründen, hing ich noch ein bisschen auf Instagram herum. Solange ich noch mit weitaufgerissenen Augen über das, was dort gezeigt wird, staunen kann, bin ich nicht abgebrüht.
Und dann rutschte ich ein bisschen auf meinen liebsten Blogs herum. Wobei die ganze Zeit das niveaulose Buch im Bett direkt neben mir lag und leise vorwurfsvoll raschelte. Ich hatte einen Babbelfisch im Ohr und konnte darum genau verstehen, dass es mir Vorhaltungen machte. Es nörgelte, dass ich durch meinen Digitalkonsum meine Aufmerksamkeitsspanne in bedrohlichem Ausmaß reduzieren würde. Ich pulte mir den Babbelfisch heraus, warf ihn ins Klo und das Rascheln hörte auf, als ich den Eisbecher auf dem Buch abstellte.

Schließlich landete ich bei Annika. Und sie schrieb, was mich mitten ins Herz traf.
Sehr selten. Ich schreibe sehr selten. Ja. Das stimmt.
Und ich leide. Dass ich nicht mehr schreiben kann, wie ich früher schrieb. Ich denke selbst schon länger darüber nach. Warum? Was ist da los? In mir?

Es gibt schon wieder schlimme Dinge, die passieren. Die mein Herz umkrempeln und mich erschüttern. Und ich würde so gern alles in die Welt hinausschreiben. Aber genau wie das Weinen klemmt das Schreiben in mir fest.
Mir wandern über den Tag verteilt so oft Gedanken an das Schreiben durch den Kopf. Das könnte ich schreiben, dies könnte ich schreiben, darüber ließe sich schreiben.

Aber wenn ich da sitze und schreiben könnte, zum Beispiel darüber dass mein Großer als Jahrgangsbester sein Examen geschafft hat, mein Mittlerer sich umorientieren möchte, die Jüngste sich auf den Weg gemacht hat, der Hund jetzt im Alter immer häufiger kotzt und der Gutfrisierte und ich uns manchmal anschauen, als würden wir uns nicht kennen, dann bin ich müde. Und wenn ich darüber schreiben möchte, was gerade mit meiner Mutter passiert, bin ich sehr müde. Ich könnte über die beste aller Nichten schreiben, die immer einen guten Scherz in ihrem Rucksack hat, nur bin ich unfassbar müde.

Und wenn ich so müde bin, bin ich zu müde, auch nur ein Wort zu tippen. Ich bin sogar zu müde, um zu weinen.
Außer nachts um zwei. Da werde ich wach und weine ganz furchtbar. Für eine ganze Stunde weine ich. Um drei Uhr höre ich wieder auf und schlafe weiter. Am nächsten Morgen frage ich mich, ob ich jetzt wirklich richtig einen an der Waffel bekomme, oder ob ich das noch als orginelle Art nächtlicher Aktivitäten durchgehen lassen kann.

Um es jetzt einmal zu strukturieren und in meinem Hirn klar zu machen, bevor alles wieder in meiner Gefühlssuppe einkocht:

Ich finde mein Leben im Moment total beschissen.
Was soll ich denn schreiben? Und wie?
Ich wünschte, es wäre alles anders.

Ich muss jetzt zuckerhaltige Lebensmittel konsumieren und mich bei einem hirnverbrannten Handy-Spielchen in einen hirnlosen Zustand versetzen.

Was ich mit mir bespreche

Der heutige Tag war erfüllt von Selbstgesprächen. Es gibt Dinge, die man am Besten mehr oder weniger intensiv mit sich selbst klärt.
Hier nun eine kleine Auswahl des heutigen Tages.

Am Morgen
Hirn: Guckt mal auf die Uhr.
Augen: 7:75 Uhr.
Hirn: Wtf??

Am Mittag
Ich: Wir müssen zur Drogerie.
Hirn: Okay. Was brauchst du?
Ich: Kloreiniger, Spüli, Zahnbürsten, Taschentücher, Scheuermilch.
Hirn: Schreibs auf.
Ich: Brauch ich nicht.

Später
Hirn: Und? Alles erledigt?
Ich: Ja klar.
Hirn: Echt?
Ich: Klaro!
Hirn: Und die Zahnbürsten?
Ich:
HALT DIE FRESSE!

Am Abend
Ich: Jetzt hätte ich große Lust auf ein Eis.
Hirn: STOPP! HALT! Du weißt, was dann passiert.
Ich: Aber ich habe solche Lust, ein Eis zu essen!
Hirn: Und was passiert, wenn du das Eis gegessen hast?
Ich: Nix.
Hirn: Ach nein? Keine Bauchschmerzen? Keine beschleunigte Darmpassage?
Ich: Vielleicht. Aber eher bestimmt ganz sicher nicht.
Hirn: Pass mal auf, meine Liebe. Ich erkläre es dir noch einmal ganz ausführlich.
Du isst das Eis und ein bis zwei Stunden später kommt es in siebzig Prozent der
Fälle zu durchschlagenden Schmerzattacken im unteren Bauchbereich mit
ausgiebigen Aufenthalten im Bereich der Ausscheidungsentsorgungsmöbel.
Ich: Stimmt doch gar nicht.
Hirn: Doch. Ich weiß es. Ich bin dabei.
Ich: Aber in dreißig Prozent der Fälle geht alles gut und es passiert nichts und
dreißig Prozent sind schon sehr viel und sehr viel ist viel mehr als die Hälfte,
also meistens und das heißt, das geht auf jeden Fallen oft und meistens immer
gut. Auf jeden Fall.
Hirn: Was ist das für eine bekloppte Art zu rechnen?
Ich: Das ist pure Logik.
Hirn: Ich sage es dir noch einmal in aller Klarheit. Die Rechnung ist selbst für ein
Milchmädchen nix.
Ich: Ist mir doch egal. Eis her.

Zwei Stunden später
Ich: Aua Aua Aua Bauch Aua…
Hirn: Naaaa… was hab ich dir…
Ich: HALT DIE FResse auaauaaua…

In der Nacht
Hirn: Dem Himmel sei Dank. Sie schläft endlich.

So sieht das aus, in dem runden Ding auf meinem Hals, zwischen meinen Schultern.

(Für meine Schwester)

Was man heute sagen und singen darf

Soweit ist es schon mit mir gekommen, dass ich Emails an Radiosender schreibe.

Ich saß im Auto mit dem Wolkenköpfchen. Das wollte in die Fahrschule und ich wollte eigentlich nichts. Nur noch vor mich hin vegetieren. Der Tag war hart und lang und ich war, nach Kämpfen mit Vorhängen, Wasserkästen und dem Drucker, der so tat, als sei er nicht da (was für ein netter Titel für eine Geschichte: „Der Drucker, der tat, als sei er nicht da“, gefällt mir) auf einem erhöhten Aggressionslevel.
Da kam mir Alanis Morisette gerade recht. „You oughta know“ schmetterte sie durch das Auto und ich fühlte mich gleich ein bisschen besser.
Erheiternd fand ich, dass die Zeile „… are you thinking of me when you fuck her?“ auch heute, zu Zeiten, wo eine Bezeichnung der Geschichte des Dritten Reichs als Fliegenschiss straflos erfolgen darf, ein kleines Fuck immer noch ausgeblendet wird.
Aber schon durch das nächste Lied legte sich meine Erheiterung und machte dem nächsten Wutanfall Platz.
Denn ein gewisser Dean Lewis, dessen Name mir absolut gar nichts sagte, sang „… I know it wasn’t right, but it was fucking with my head“. Klar und deutlich und keineswegs ausgeblendet. Herr Lewis darf also, was Frau Morissette nicht darf?
Warum?

Und genau diese Frage schrieb ich kurz und bündig an das Radio.
„Warum wird bei Alanis Morissette „Are you thinking of me when you fuck her “ ausgelassen, wohingegen Dean Lewis ohne Probleme „but it was fucking with my head“ vor sich hinträllern darf?
Ist das in Ordnung?
Ich finde es nicht in Ordnung. Entweder dürfen beide fucken oder keiner.
Denkt einmal darüber nach.“
Und stellt Euch vor, nur Minuten später antwortete mir das Radio:

„Hallo Frau Lavendel,
das ist ein berechtigter Hinweis. Eigentlich sind da nicht empfindlich, und deshalb läuft dieser neue Song von Dean Lewis genau so. Vor 20 Jahren war man allgemein etwas zurückhaltender, diese Version des Alanis-Morissette-Songs wurde damals von der Plattenfirma so produziert, und das ist die, die wir heute noch spielen. Könnte man in der tat mal austauschen. Danke!

Beste Grüße
der Radiomann“

Dann wollte ich bei youtube die Songs noch einmal nachhören.

Bei einsfünfzig singt sie das anstößige Fuck. Und es hört sich an, als würde ihr jemand das Wort zurück in den Hals drücken.

Er hier singt bei knapp fünfundfünfzig Sekunden klar und deutlich sein Fuck.

Aber an den Laden schreibe ich jetzt nicht. Ich bin nicht mehr aufgeregt genug. Meine Echauffierung ist einer Müdigkeit gewichen. Und auch eine Petition werde ich nicht einreichen, denn es ist nun einmal so. Vor zwanzig Jahren hätte auch Herr Lewis nicht Fuck sagen dürfen.

Und heute darf man eben Sachen sagen, gegen die ist Fuck ein echter Fliegenschiss.

MacGyver-Diplom

Die Kaffeemaschine meiner Mutter ließ Kaffee nur noch in Maßen aus sich herauströpfeln. Wäre sie ein Mann auf dem Klo, die Diagnose würde Prostatahyperplasie lauten. Das Symptom, mann möchte gern und kann doch nicht, lieferte die Maschine sehr eindrücklich. Auf einer Seite schien die Düse sogar kurz vor dem endgültigen Aus zu stehen. Nur noch wenige Tropfen pressten sich heraus.
Gestern noch scheiterte ich an der Wiederherstellung der Durchlässigkeit der Düsenpinöckel, ich schaute bereits nach neuen Modellen. Aber es kamen mir auch Tutorials unter, wie man so eine Problematik möglicherweise beheben könnte.
So versuchte ich es heute gleich noch einmal. Ich kämpfte mit einer Verkleidung, ich zupfte sehr viel Schleim in braunschwarz hervor und letztlich konnte ich mit Hilfe eines Schraubenziehers, einer Pinzette, drei Pfeifenreinigern und fünf Wattestäbchen die Maschine heilen. MacGyver hätte sich von mir eine schöne Scheibe abschneiden können. Es gibt also wieder Tassen gefüllt mit Kaffee im Haushalt meiner Mutter, zu ihrer hellen Freude.

Nachdem ich diese Sache erledigt hatte, kümmerte ich mich um das Auto des ehemaligen Fürsten der Finsternis, den man umbenennen muss, heutzutage. Die Pubertät liegt hinter ihm, er ist ab Oktober ein voll ausgebildetes, arbeitendes Mitglied der Gesellschaft, das in seiner eigenen Wohnung sein eigenes Leben lebt. Bis das Auto kaputt geht. Dann bekomme ich den Anruf. Ich habe ihm empfohlen, Mitglied in einem Automobilrettungsverein zu werden. Könnte sich als hilfreich erweisen. Heute jedoch eilte ich zur Rettung. Genau wie schon vor zwei Wochen. Vor zwei Wochen lag das Problem in lauten Geräuschen, die mich dazu anhielten, sofort für einen Aufenthalt in einer Werkstatt zu sorgen. Eine Kette im Auto, statt eines Zahnriemens, sieht nach dem Ausbau aus wie eine olle Fahrradkette. Der Meister zeigte mir alle schadhaften Utensilien, die er aus dem Auto ausbaute. Sehr interessant war das.
Jetzt weiß ich auch, wie man den Fürsten noch nennen kann. Meister der Fokussierung. Er war nämlich so auf das Lernen fokussiert, dass er dabei sämtliche störenden Autogeräusche ausgeblendet hat. Fokus-Meister.
Heute war es so, dass das Auto nicht mehr ansprang, weswegen ich zum Fokus-Meister eilte. Ich setzte mich ins Auto, drehte den Schlüssel, das Auto machte genau gar nichts und ich stellte umgehend die Diagnose Batterieversagen.
Wegen fehlender Starthilfekabel rief ich den Automobilrettungsverein, der bestätigte meine Diagnose, mit wenigen Handgriffen brachte er das Auto wieder an den Start und entschwand. Ich beglückwünschte mich selbst zu meiner treffsicheren Situationsbeurteilung und fand mich toll. Erst die Kaffeemaschine, dann das Auto, ich bin ein echter Hecht.

Später dann am Tag, noch immer getragen von dem Gefühl, ich könne alles und wisse alles, ging ich in den Supermarkt, um ein paar Kartoffeln und Eiscreme zu erstehen. Im Laden war noch recht viel los. Unter anderem kicherten sich drei Mädchen um die elf, zwölf Jahre durch die Gänge. Ich war ihnen bei den Limonaden begegnet und sie machten mir, als ich sie höflich darum bat, auch sofort Platz, um mich mit meinem Einkaufswagen durchzulassen. In ihrem Einkaufswagen befanden sich eine Gurke, Nudeln, dies und das, ich vermutete, sie wurden von Erwachsenen geschickt, um einzukaufen. Auf jeden Fall hatten sie viel Spaß und waren, dem Alter entsprechend, wunderbar albern.

An der Kasse, als ich meine Kartoffeln, Eiscreme und sonst noch allerhand andere Dinge auf das Warenbeförderungsband legte, hörte ich die Mädchen wieder lauthals kichern und lachen. Und ich hörte eine dröhnende Männerstimme.
„Ihr müsst das mal lernen, das Stillsein…“
Ich drehte mich um und sah einen großen, dicken Mann in Shorts und T-Shirt, fünf Mal so groß wie die drei Mädchen zusammen, vor ihnen stehen und sich aufpumpen.
„Bitte, was haben Sie gesagt?“, fragte ich ihn mit lauter Stimme. Dummdreist grinste er mich an. „Ja, Mädchen müssen lernen, auch einmal still zu sein!“, blökte er mir rüber.
„Oh nein!“, rief ich genauso laut zurück. „Mädchen! Mädchen müssen lernen, sehr laut zu sein. Dringend. Und dicke, laute Männer, die müssen dringend lernen, einmal still zu sein!“
Der dicke, laute Mann guckte mich an, das Grinsen entschwand und murmelnd schob er zügig seinen Einkaufswagen in Richtung Fleischtheke.
„Mädchen! Seid laut. Bitte. Hört jetzt bloß nicht auf damit!“, rief ich den Mädchen zu, die sofort wieder kicherten und im Süßwarengang verschwanden.
Die Verkäuferin schaute mich lachend an, nickte wohlwollend und ich sagte: „Ja meine Güte, das geht doch nicht. Manchmal, da kann ich nicht mehr an mich halten, wenn ich so einen Scheiß höre.“
Sie nickte und lachte weiter und wünschte mir ein besonders schönes Wochenende. Ich ihr auch.

Dicke, laute Männer. Legt Euch nicht mit einer Frau an, die ihr MacGyver-Diplom abgelegt hat. Lasst kleine Mädchen in Ruhe und wagt es nicht, sie zu Stille und Schweigen anzuhalten. Seid selber still und geht weg. Nachdenken. Geht nachdenken.

Trotzdem aufstehen

Manchmal möchte man dreißig Sekunden nach dem Wachwerden einfach wieder einschlafen, nur damit man nicht denken muss. Es ist so angenehm, an nichts zu denken. Direkt nach dem Aufwachen, wenn das Hirn noch träge ist und die Gedanken sich noch nicht sortiert haben. Sie flitzen durch den Kopf und lassen sich gar nicht richtig denken, sind viel zu schnell. Dann aber kommt dieser Augenblick, an dem klärt sich die Sicht, das Hirn kommt in Gang und erkennt und versteht die Gedanken, die eben noch vorbeiflogen. In diesem Augenblick ist das Gestern und Vorgestern wieder da, und noch viele vergangene Tage mehr. Mit allen Geschehnissen.

Dann freut man sich aus ganzem Herzen auf den Abend, an dem man sich wieder ins Bett legen darf. Ist ja auch schön, sich den ganzen Tag auf etwas zu freuen.
Heute morgen habe ich darüber nachgedacht, ob es nicht sinnvoller wäre, einfach liegen zu bleiben. Die Augen fest zukneifen und im Kopf leise murmeln: Keiner da, keiner zuhause, keiner da, keiner zuhause.
Zumal ich gefühlt die halbe Nacht in meinem Traum versuchte, dem Gutfrisierten in einer fremden Stadt meinen Standort per Handy mitzuteilen, damit er mich finden und mit mir gemeinsam das Auto suchen könnte, von dem ich nicht mehr wusste, wo ich es geparkt hatte. Aber das Handy spielte nicht mit, zeigte mir nur ständig Werbung für Käsebrote und Handtaschen.
Als ich wach wurde, hatte ich einen völlig verspannten Nacken, vermutlich weil ich die ganze Nacht nach unten auf das Handy in meiner Hand gestarrt hatte. Oder möglicherweise, weil ich mein Kissen im Schlaf auf unphysiologische Art unter meinen Kopf geknüddelt hatte. Das scheint mir wahrscheinlicher.

Liegen bleiben oder nicht, fragte ich mich also, während ein heftiger Regen auf das Dachfenster prasselte. Und mein Nacken zwirbelte. Meine innere Stimme ermahnte mich streng: Bei Verspannungen helfen Bewegungen, also heb den Hintern hoch.
Ich antwortete der inneren Stimme, sie würde mich maximal abnerven und ich hätte keinerlei Interesse an ihren klugscheißerischen Äußerungen. Sie solle sich in die Ecke legen und stille schweigen.
Inneren Stimmen sind nicht zimperlich, auch nicht empfindlich, die antworten umgehend und unhöflich.
Also stand ich doch auf. Ich bewege mich heute, wie es die innere Stimme befiehlt. Ich war die sehr große Runde mit dem Hund spazieren, auch wenn es kübelte und der Hund zum ersten Mal seit langem eine Matschansammlung auf vier Beinen wurde. Ich kreiselte dabei mit den Schultern, ich drehte den Kopf hin und her, dehnte hier, dehnte da. Anschließend duschte ich so heiß es ging, ließ mir das Wasser direkt ins Genick prasseln. Dann erledigte ich moderate Arbeiten.
Und dann sagte ich meiner inneren Stimme: Oller Penner! und legte mich auf die Couch. Meinen Kopf mit einem Kissen abgestützt hing ich herum, verschwendete Zeit, die mir wahrscheinlich irgendwann hintenraus fehlen wird, mit albernen Filmchen und was man sonst noch macht, im Internet.

Kurze Zeit später rief die Werkstatt an, um mir mitzuteilen, das Auto sei fertig. Und wieder ließ ich ein kleines Vermögen dort. Der Werkstattmeister hatte herausgefunden, warum mein Auto und ich so leicht von Holländern gemobbt werden konnten. Warum das Auto fuhr wie ein alter Eselskarren, zumindest bergauf.
Es war irgendwas mit Luft, Zündkerze, Filter, Aditiv und Nüssen. Die Nüsse lagen im Motorraum und es war etwas Angekautes daneben.
Nun fährt das Auto mit Elan und Schwung und ich habe große Lust, ins Allgäu zu fahren, um mir weitere Grenzerfahrungen im Berreich der Herzleistung zu genehmigen.

Leider muss das warten, es stehen noch ein paar beinharte John-Wayne-Jobs auf dem Programm.

Nachlese

Man kommt aus dem Urlaub, trotz der Kürze einigermaßen erholt, zumindest aber recht gut gelaunt, da hängt schon am nächsten Tag das Leben vor der Tür herum, klingelt Sturm und lässt sich nicht in seine Schranken weisen.

Es gibt viele wunderbare Ratschläge, wie man die Urlaubserholung in den Alltag rettet, wie man möglichst lange profitiert von der Entspannung. Ganz ehrlich, druff jeschissen.
Ich kam Sonntagnachmittag zurück, genau vierundzwanzig Stunden später war es, als wäre ich nie weg gewesen. Und egal wie sehr ich mich anstrengte, die Entspannung regelrecht krampfhaft festzuhalten versuchte, sie entschwand schneller als ein Stück Klopapier in der spülenden Toilette.
Kaputte Autos, kranke Familienmitglieder, eine von innen verschimmelte Spülmaschine, Familienmitglieder im Examensstress, es gibt so vieles, das einem die Erholung verhageln kann. Und wenn es alles auf einmal hereinspringt, dann lehnt man den Kopf erst an die Wand, beginnt dann vor und zurück zu schwingen, wobei man sanft und rythmisch die Stirn vor den Putz tippt, bis selbige sich rötlich einfärbt. Wohl dem, der einen Hund hat, der fassungslos daneben sitzt und leise Geräusche von sich gibt. Dadurch kommt es nicht dazu, dass sich auch der Putz rot färbt.
Der Hund beobachtet weiter und schaut auffordernd. Ganz nach dem Motto: Komm, Schätzelschen, lass` mal in den Wald kacken.
Also schnappt man sich Leine und Tier und läuft los. Und siehe da, das Höhentraining hat sich ausgezahlt. Die üblichen Spazierwege sind echter Pipifax und das Herz kommt nicht einmal auf die Idee, sich zu beschleunigen. Erstaunlich.
Zwar fehlt bei all den Bäumen drumherum der Ausblick in die Ferne, vor allem der auf die Berge, trotzdem fühlt sich die Bewegung an der frischen Luft gut an und hilft ein bisschen, das ganze Geschisse von zuhause in die Hinterzimmer zu schieben.

Schön wäre ja, man könnte die Hinterzimmertür langfristig verbarrikadieren. Würde Dramen und Tragödien einfach einsperren und alleweile ein nettes Leben leben. Wunschdenken.

Wann ist eigentlich wieder Urlaub?

Reisebericht, der siebte Tag

Wieder ist ein Tag im Allgäu vergangen und ich muss sagen, dass es bedauerlicherweise der letzte war und morgen früh die Reisegruppe Rheinland zurückkehrt in die Tiefebene.
Auch dieser Tag brachte Erlebnisse in Hülle und Fülle. Überraschend stand eine Wanderung auf dem Programm, man hätte es kaum vermutet. Diesmal ging es entlang eines Wildbachs mit angeschlossenem Wasserfall. Die Gegend war uns nicht gänzlich unbekannt, sind wir doch bei früheren Aufenthalten schon dort entlang gewandert. Aber es ist keinmal so wie davor. Oder besser gesagt, es ist jedes Mal anders. Stets entdeckt man Dinge, die zuvor übersehen wurden. Bei manchen ist es kaum verwunderlich, sind sie doch winzig klein oder nagelneu, bei anderen wundert man sich, wo man seine Augen hatte. Diesmal tauchte eine Kegelbahn auf, die ich nie zuvor gesehen hatte, die aber offensichtlich schon länger existiert.

Ich kam mir ein bisschen wie einer von den Leuten vor, die in Ruinen fotografieren. Und ich fragte mich, und das tue ich immer noch, wie konnte ich die Kegelbahn übersehen? Sie ist eigentlich nicht zu übersehen. Man geht direkt neben ihr entlang? Oder habe ich sie gesehen und das auch gleich schon wieder vergessen? Beide Optionen sind beunruhigend.

Die weitere Wanderung war geprägt von Begegnungen mit der Tierwelt. Den Anfang machte ein Schaf, dass mit Hörnern und einem prachtvollen Fellchen aufwartete. Außerdem war es unglaublich neugierig und wäre gern mit uns gewandert, hätte der Elektrozaun das nicht verhindert.

Es gefiel mir sehr gut, wie es mit seinen kleinen Stampfebeinchen auf uns zu kam und auffordernd schaute. „Redet mit mir, nehmt mich mit, ich möchte Abenteuer erleben!“, schien es uns zuzurufen.
Unterhalb seiner Wiese war eine Baustelle, dort wurde ein neues Haus gebaut. Die Allgäuer Buam, die dort beschäftigt waren, tranken schon zeitig ihr erstes Bier, was darauf schließen lässt, dass Bier in der Gegend auch als Frühstück durchgeht.

Das Schaf musste bleiben, wo es war. Wir wanderten weiter. Den Bach hinauf, den Wasserfall bewundernd, mit Steinchen werfen, illegale Wege erklimmend. Meine Kondition zeigte sich at it`s best und ich schwitzte wenig. Das kann aber auch an der Temperatur gelegen haben. Zwölf statt zweiunddreißig Grad Celsius, das macht doch einen Unterschied. Offenbar bin ich bei niedrigeren Temperaturen etwas belastbar, wenngleich mir nach den ersten zehn Minuten der Kakao aus dem Hals springen wollte. Das Herz klopfte nach wie vor ekstatisch, meine Panik kam trotzdem nicht recht in Schwung, was mir sehr recht war.

Kühe, natürlich trafen wir Kühe, wie sollte es anders sein. Heute trugen die Kühe keine Glocken. Warum? Wir wissen es nicht. Vielleicht ist heute Glockenruhetag. So merkwürdig, wenn eine gespentische Ruhe über der Herde liegt.

Da stehen sie und wundern sich.
Oder auch nicht. Man weiß nicht, was sie denken, diese Kühe. Ob sie sich den Pony alle beim Kuh-Coiffeur schneiden lassen?
Es gab übrigens eine Menge Reibereien in der Herde. „Aggressiver Grundstimmung!“ urteilte das Wolkenköpfchen und da war was dran.
Diese beiden Damen hatte ordentlich Ärger miteinander:

Die Dunkle mobbte die Helle. Die Helle lief weg, die Dunkle hinterher und schubste sie ständig mit dem Kopf gegen den Euter. Irgendwann rannten sie im Affenzahn kreuz und quer über die Wiese, die anderen Kühe schauten träge hinterher, zwei Kühe leckten sich die Köpfe ab, eine kackte im Strahl, und die beiden Kombatanten drehten sich im Kreis umeinander. Eine Viertelstunde schauten wir ihnen zu, wie sie ihre Probeme recht körperlich austrugen. Dann beruhigte sich die Szene. Ich hatte bis dahin noch nie eine Kuh rennen sehen. Es hat mich gebührend beeindruckt und ich musste an Margaret Rutherford denken. Wäre sie je gerannt, es hätte ähnlich ausgesehen. Glaube ich. Überhaupt haben Kühe etwas menschliches.

Ein Oh-wie-süß-Häschen gab es auch am Wegesrand. Es ließ sich sogar mit Gras füttern. Als ob die Halme außerhalb des Geheges besser schmecken würden als die innerhalb. Ich verstehe die Logik dahinter. Bei Menschen ist es ja auch mitunter so, dass die Dinge, die knapp außerhalb der Reichweite liegen, die besten sind.
Aber im Grunde ist das ein Trugschluss. Muss man aber erst mal merken. Auch als Mensch.

Das erschütterndste Bild des Tages, ich habe lange darüber nachgedacht, ob man es wirklich zeigen kann, weil es von der Gewalt der Autoreifen zeugt, war ein überfahrener Frosch. Aber ich bin der Realität verpflichtet.

Um verletzliche Seelen zu schonen, habe ich es aber kleiner gemacht. Damit man nicht von der Wucht der Gewalt, die einem Frosch durch ein Auto angetan werden kann, überfahren wird. Nein, dass ist jetzt ungeschickt ausgedrückt.
Damit es nicht so eklig aussieht, wie es in Wirklichkeit ist. Auch nicht besser.
Wechseln wir einfach das Thema und kommen zu den Schnecken.

„Die schläft.“ sagte der Gutfrisierte zu seiner Tochter.
„Die ist tot!“ sagte Frau Lavendel zu ihrer Tochter und drehte die Schnecke um.

„Die ist ausgezogen.“ sagte die Tochter und wendete ihre Aufmerksamkeit einer weiteren Schnecke zu.

„Das ist ihr neues Haus.“
Gut. Wenn also jemand eine Schnecke kennt, die dringend eine neue Behausung sucht, im Allgäu ist kürzlich etwas frei geworden.

Dann kam die Wanderung langsam zum Ende. Wir beobachteten noch einen Archaeopteryx, der möglicherweise ein Reiher war und der hingebungsvoll auf einen Gartentisch kackte, im Überflug. Es ließ sich leider nicht fotographisch festhalten. Der Vogel war einfach zu schnell. Und wir rätselten über ein Schild mit einem Witz. Wir wanderten nämlich ein Stück entlang des lustigen Wanderwegs, der mit Witzen gradezu gepflastert ist. Aber dieser Witz ist mir und dem Rest der Reisegruppe ein Ällgäuer Rätsel geblieben.

Sollte irgendjemand den Witz verstehen, ich wäre dankbar für eine Erklärung. Kann ja sein, dass es ein echter Schenkelklopfer ist. Den möchte ich natürlich nicht verpassen.

Nach der Wanderung gaben wir uns dem Müßiggang hin, jeder auf seine Art. Lesend, daddelnd, dösend. Dann fuhren das Wolkenköpfchen und ich noch einmal in den Supermarkt, holten dies und das, tankten anschließend das Auto voll und nahmen schon ein bisschen Abschied. So traurig es ist, morgen endet nämlich die Reise. Es geht zurück in die Heimat.
Zum letzten Mal bei dieser Reise stellte sich die Frage, wo essen wir. Und der Gutfrisierte äußerte den Wunsch, noch einmal hinauf auf die Alpe zu laufen und ein Kraut zu essen. Ich war mäßig begeistert, wieder eine halbe Stunde den Berg hinauf zu schnaufen. Das Wolkenköpfchen wollte gar nicht mit. Trotzdem opferten wir uns und hampelten hinauf. Ich legte zwischendurch meinen Schal, der bei elf Grad getragen werden kann im Flachland (bei Aufstieg am Berg wird es auch bei elf Grad warm), dem Gutfrisierten um die Taille und ließ mich ein gutes Stück den Berg raufziehen. Ich muss schon sagen, das hätte ich viel früher machen sollen. Hätte ich vier Herzkasperl weniger gehabt.

Oben auf der Alpe angekommen, erschütterten uns Geräusche. Wir dachte, bei dem Wetter ist da keiner, wir werden ganz allein dort sitzen und unsere Bratkartoffeln und das Kraut essen. Mitnichten. Der Laden war brechend voll mit laut redenden, singenden und jodelnden Eingeborenen. Auf den ersten Blick schienen es hundert, in Wirklichkeiten waren es vielleicht fünfunddreißig in der einen Hälfte des Raumes und zwanzig in der anderen. Ein großes Hallo ging durch die Reihen, als wir unsere preußischen Köpfe zur Tür reinsteckten. Und gleich wurde an einer Ecke auf den Tisch geklopft. „Hier is no frei!“ rief einer. Und ich schob, wild und risikobereit, meine Reisegruppenmitglieder zu der Ecke. Wir hockten uns dazu und wurden unter viel Gegrüße Willkommen geheißen.

Es hatte uns in den Ausflug einer Allgäuer Blaskapelle aus der Nähe von Kaufbeuren verschlagen. Und schon waren wir mitten drin, im Brauchtum. Es gab Armdrücken, es gab lautes Lachen, es gab viel Bier, es gab Jauchzer und Jodler.
Und es gab einen Burschen, der seit unserem Eintreten wie ein vom Blitz getroffener Elch auf seinem Stuhl hockte und das Wolkenköpfchen anstarrte.
Wir bestellten Getränke, eine Erdbeermilch für mich, eine Bananenmilch fürs Wolkenköpfchen, ein Weizen für den Gutfrisierten, bestellten Kraut und Bratkartoffeln und unterhielten uns. Wir saßen am vermeintlichen Seniorenende des Tisches. Die Jugend saß weiter vorne. Unsere Getränke kamen, wir prosteten in alle Richtungen, wurden tausend Sachen gefragt, über unsere Herkunft, wie lang wir schon da seien, wie lange wir noch da sein würden; wir fragten zurück, was für Musik sie machen würden, wie oft sie proben, was sie auf die Alpe verschlagen habe.
Und dann knallten plötzlich zwei gefüllte Weizengläser auf den Tisch und neben dem Wolkenköpfchen quetschte sich der Elch auf die Bank. Mit schon glasigen Augen lud er sie auf ein Bier ein.
Unser Fehler: Wie hatten das Wolkenköpfchen nicht mittig zwischen Mutter und Vater platziert.
Sein Fehler: Das Wolkenköpfchen trinkt kein Bier.
Er quatschte dann ständig auf sie ein, sie wand sich und fand das nicht witzig, ich dafür um so mehr. Er wollte ihre Nummer und gab ihr sein Handy, auf dass sie diese eintippen sollte. Ich nahm das Handy und tippte die Nummer des Gutfrisierten ein. Ich sagte ihm, wenn er Emma sprechen wolle, könne er erst einmal ihren Vater anrufen und fragen, ob sie Zeit habe.
Dass sie Milch trank, wollte ihm einfach nicht in den angetrunkenen Kopf. Und auf Grund der sprachlichen Unterschiede verlief die Konversation zwischen den Beiden nicht reibungslos. Ich aß dann meine Bratkartoffeln und versprach ihr, einen baldigen Abflug. Bis dahin nahm das Werben des Buam seinen Lauf und das Gejohle seiner Kumpane ebenso.
Ich wollte das Wolkenköpfchen jetzt nicht ewig quälen, weshalb ich dann zum zügigen Aufbruch mahnte. Wir müssen ja auch noch unsere Koffer packen. Der Bursche war schon ein bisschen traurig. Wir verabschiedeten uns unter dem gleichen Gejuchze wie beim Hereinkommen. Das Wolkenköpfchen wurde noch lauthals gefragt, wie alt sie sei, ob sie bleiben wolle, aber sie klemmte sich an ihren Eltern fest wie eine Nacktschnecke auf dem Brokkoli.
Kaum hatten wir die Hüttte verlassen, bekam ich einen so furchtbaren Lachanfall, dass ich kaum noch laufen konnte und fast die Blasenkontrolle verlor.
Dieser arme, angetrunkene Kerl. Der wird morgen von den anderen Bläsern verarscht werden. Das wird schön. Und das Wolkenköpfchen werde ich gern immer wieder erinnern an diesen legendären Abend, als sie einen Allgäuer ins Herzeleid stieß.

Nach all dem Brauchtum kehrten wir zurück in die Wohnung, nun packen wir und morgen früh geht es los, zurück zur Familie, die uns schon von Herzen vermisst.
Hoffentlich steht das Haus noch und hoffentlich sieht es nicht ganz so arg dreckig aus.

Auf jeden Fall möchte ich bald wieder eine Reise machen. Es ist so ereignisreich und voll mit Erfahrungen, die man sonst nicht macht.
Semmeln, Kasspatzn, Kruzifixe, Berge, Herzkasperl und die Liebe. So sollte ich die Woche wohl nennen.

Reisebericht, der sechste Tag

Langsam habe ich es raus, wie man dieses Auto einigermaßen schwungvoll durch bergige Landschaften fährt. Ich muss eben bei fünfzig Stundenkilometern, Tendenz fallend, einfach mal in den zweiten Gang runterschalten und mit Vollgas auf siebzig bis achtzig Sachen hochziehen. Ich weiß, ich weiß, das Auto mag das nicht gern. Aber ich mag es auch nicht gern, eine lange Schlange Autos hinter mir herzuziehen, alleweil der Oberallgäuer Autofahrer gern überholt, auch wenn die Situation es eigentlich nicht zulässt. Und ständig in brenzlige Situationen zu geraten, weil ich zu langsam über die herrlichen Landstraßen truschle, das ist mir langsam zu viel des Guten. Also wird das Auto eben getreten. Hätte es nicht mein Auto werden dürfen, wenn es das nicht hätte haben wollen.

Heute also gab es eine Überlandfahrt, rauf und runter, denn es war mieses Wetter angekündigt, aber knappe siebzig Kilometer weiter war Sonnenschein avisiert. Und zwar am Bodensee. Und weil keiner von uns bisher am Bodensee war, machten wir uns frohgemut auf den Weg dorthin.
Schon die Fahrt war voller Heiterkeit. Hier ein putziger Ortsname, dort eine schöne Kuh, schroffe Berge in der Ferne, sanfte, grüne Hügel direkt rechts und links der Straße. Dann kam ein Straßenstück, das hatte es in sich. Vermutlich habe ich mir die Bremsbeläge abgerubbelt wie olle Radiergummis, denn ich stand nahezu vier Kilometer ununterbrochen auf der Bremse, so hübsch steil ging es bergab. Und das auch noch in Kurven. Ganz ehrlich, zuhause die Kurven verdienen ihre Namen kaum, wenn man diese Kurven dort erlebt hat. Das sind Kurven, die fast einen dreihundersechzig Grad Winkel beschreiben, nur um im letzten Moment umzudrehen und in der Gegenrichtung weiterzukurven.
Die kleinen Häuschen am Straßenrand mit den Blumen und Bildern und Kreuzen zeugen davon, dass manch einer diesen Kurven nicht gewachsen war.

Irgendwann waren wir genug gekurvt, wir kamen an am Bodensee. In irgendeinem kleinen Örtchen, wo wirklich sehr merkwürdige Kunstwerke herumstanden. Einfach auf dem Bürgersteig, auf der Straße, auf einem Platz. Holzkunstwerke.

Schön war das nicht. Ich starrte den Holztypen an und fragte mich: Warum?
Wir parkten trotzdem und suchten einen Weg zum Seeufer. Den fanden wir auch. Aber am Seeufer entlangzuspazieren, wie wir uns das ausgemalt hatten, daraus wurde nichts. Wir konnten uns nur auf einem kleinen Areal bewegen. Das war zwar sehr hübsch. Dass es jedoch auf beiden Seiten nicht möglich war, weiter zu spazieren, weil auf der einen Seite ein Strandbad war, für das man Eintritt zahlen musste und auf der anderen Seite ein privates Grundstück mit Garten bis zum Ufer, rief den Kommunisten in mir hervor. „Ufer für alle!“ wollte ich skandieren, wurde aber vom Teenager daran gehindert, weil die Ufer-Situation natürlich unschön, ein solches Benehmen aber viel zu peinlich wäre.

So gingen wir einfach nur über ein paar Steine, hockten am Ufer und schauten hinaus auf einen See, der fast ein Meer hätte sein können. Einen See mit richtigen Wellen. Und mit Möwen.

Dann fing es entgegen der Ansage doch an zu regnen. Also gingen wir zurück zum Auto und überlegten, wo es noch hübsch sein könnte, an dem See. Das Wolkenköpfchen erwähnte, dass es in der Schule einmal ein Referat über Friedrichshafen hätte halten wollen, welches ihr aber von einer Schulkollegin weggeschnappt wurde, weswegen sie ein Referat über Ludwigshafen hielt. Sie dachte, das sei ja ähnlich, im Verlauf der Recherche erkannte sie den Fehler und war von der großen Attraktion Ludwigshafens, dem Knödelbrunnen, und den bekanntesten Söhnen der Stadt, Otto und Rudolf Fickeisen, ihres Zeichens olympische Ruderer, nur mäßig angetan.
Nun wollten wir erkunden, ob Friedrichshafen ein ergiebigeres Referat ergeben hätte, an die Ausführung der Kollegin konnte sie sich nicht mehr erinnern (was mir eine längere Überlegung über den Sinn und Unsinn von vorgetragenen Referaten einbrachte).

Kurz gesagt: Nein. Wir fuhren ein bisschen kreuz und quer herum, fanden irgendwann das Parkhaus an der Uferpromenade, promenierten auch kräftig, aber nach relativ kurzer Zeit hatten wir genug von den Menschenmassen, die an Rimini erinnerten, weshalb wir uns von Friedrichshafen verabschiedeten und lieber wieder zurück in die Berge fuhren, zumal wir auch schon recht lange unterwegs waren.

Auf dem Weg zurück sagte ich irgendwann ganz kess: „Mach mal das Navi aus, ich kenne den Weg jetzt.“
Keine drei Minuten später hatte ich uns verfahren. Erst dachte ich noch: Muss ich hier links? Und ja, ich musste rechts, fuhr aber seltsamer Weise geradeaus. Nicht schlimm, dachte ich. Machste gleich rechts und nochmal rechts und dann passt das. Aber es kam kein rechts, nur ein links und bald war ich verwirrt. Als wir dann an einem Käsefest vorbeikamen, welches mir Schweißperlen auf die Stirn trieb („Käsevergiftung!“) und uns eine Ziegenkutsche mit sechs Ziegen und einem Wägelchen voller kleiner, blonder Mädchen im Dirndel entgegenkam, begleitet vom Almöhi und Fräulein Rottenmeier, rief ich mit zitternder Stimme: „Mach`s Navi an!! Schnell!“
Und schon erläuterte mir die Navi-Trulla, dass ich am nächsten Kreisverkehr die zweite Ausfahrt nehmen müsse und dann einmal rechts und schon war ich wieder in der Spur.

Sodann stellte sich die Frage nach dem Abendessen und alle waren ob der Deftigkeit der vergangenen Tage ein bisschen angeschlagen.
Außerdem hatten wir uns beim gestrigen Besuch im Brauhaus bei der Mahlzeit beobachtet gefühlt.

Es hing ein ausgemergelter Sohn Gottes im Eck und schien vorwurfsvoll zu rufen:
„Seid dankbar, Ihr Heiden, dass Ihr etwas zum Essen habt! Schaut mich an, ich bin für Euch gestorben, zur Vergebung der Sünden! Esst Eure Kasspatzn und habt gefälligst ein schlechtes Gewissen. Schämt Euch! Ihr Kasspatznsünder!“ Das ist schon erschütternd.

Darum holten wir in einem Supermarkt einen Kopp Salat, eine Gurke hatten wir noch, ein bisschen Dressing dazu und kleine Fladen italienischer und elsäßischer Natur aus der Tiefkühlabteilung.
Dieses leichte Abendmahl wurde bei laufendem Fernsehgerät auf dem Sofa verspeist. Anschließend spielten das Wolkenköpfchen und ich noch ein Gesellschaftsspiel und der Gutfrisierte erfreute sich an einem Spiel, bei dem zwanzig Männer einer Kugel hinterherrennen, alleweile zwei herumstehen und warten, dass die Kugel kommt. Absurd. Aber offenbar unterhaltsam.

Und nu ist Schluss für heute. Ich schaue mir noch ein bisschen die Avengers an und werde dann hoffentlich wild von Tony Stark träumen.

Reisebericht, der fünfte Tag

Heute ist es schon ein bisschen später, denn die Suche nach einem geeigneten Restaurant gestaltete sich noch schwieriger als bisher.
Es war der Tag, an dem das kleine Restaurant, welches wir schon vor Jahren besuchten, als wir damals im kalten Winter gemeinsam als große Familie das Überleben des Fürsten feierten, endlich nicht mehr Ruhetag hätte haben sollen. Wir fuhren mit einer wunderbaren Vorfreude im Bauch vorbei am See, vorbei am Alpen-Coaster, kamen endlich an und dann… hing ein Schild an der Tür. Sommerferien.

JA SAGT´S MAL, SPINNT´S IHR??

Das kann doch wohl nicht ernst gemeint sein. Keine Info im Internet, wo ich die Ruhetage checkte, keine Anrufbeantworteransage, die ich hätte hören können, als ich am Mittag einen Tisch reservieren wollte. Nichts. Dann nur dieser schäbige Zettel an der Tür. Ferien. Sommerferien.
Die Gesichter waren lang. Und die Laune war lang. Im Urlaub ist das Essen halt eine sehr zentrale Angelegenheit. Das ist wichtig. Und wenn man sich massiv auf bestimmte Speisen freut, ist man eben ungehalten, wenn man diese nicht bekommt.

Aber wir sind bekanntlich rheinische Frohnaturen, weswegen wir uns nicht lange grämten sondern einfach ein bisschen im Allgäu herumirrten, über China-Restaurants, Kebab-Städtle und Gyros-Büdle diskutierten.
Dann wurde ein Käsebrot vor dem Fernseher angesprochen, was in letzter Sekunde mit einem Parkplatz vor einem Brauhaus abgewendet wurde.
So gab es deftiges Essen. Kasspatzen mit geschmelzten Zwiebeln. Und ich vermute, ich habe erneut eine Käsevergiftung, da ich am Mittag auch zwei Lakritzschnecken gegessen hatte und einen Pfirsich, wenn auch keine Mirabellen. Es scheint jedoch so zu sein, dass die Vergiftung dieses Mal schleichender ist und sich alles ein bisschen verhaltener aufpumpt.

Ansonsten hatte der Tag wieder viel zu bieten. Wettertechnisch war von Sonne über Regen bis hin zu Blitz, Donner und Regenbogen alles dabei. Es gab eine Fahrt in die höheren Berge, bei der ich feststellte, dass ich Serpentinen zwar fahren kann, aber geradeaus und ebenerdig, weniger Thrill und Gegenverkehr bevorzuge. Wir waren kurz in Österreich, aber nicht lange, sind nur einmal auf einem Parkplatz kurz ausgestiegen und dann wieder zurückgefahren. Das Wetter in Österreich war scheußlich.
Danach entschloss sich der Gutfrisierte, ein weiteres Mal auf Wanderklettertour zu gehen. Das durfte er heute allein tun. Das Wolkenköpfchen und ich fuhren zu Einkaufsmöglichkeiten und erfreuten uns mit allerlei Schnickschack wie zum Beispiel Senf, Karlsbader Oblaten und ein paar Baumwollschlüppern.

Als wir wieder zurück in der Allgäu-Finca waren, fehlte der Gutfrisierte noch. Es war schon zu etwas vorgerückter Stunde und es grummelte bedenklich über dem Berg, so dass ich ihm Nachrichten auf das Handy schickte und versuchte, ihn telefonisch zu erreichen. Natürlich erfolglos. Als ich kurz davor war, die Bergrettung anzurufen, wobei ich schon überlegte, wie fesch die Retter wohl sein würden und ob ich mit einem von ihnen würde anbandeln können, wenn er meinen am Berg verloren Mann nicht würde finden können , da kam er den Berg heruntergerannt, im Nacken ein kleines bisschen Gewitterfurcht. Da brauchte ich nicht weiter etwas zu sagen, das reichte als Strafe vollkommen.

Das Gelächter-Highlight des Tages war die Aussage vom Wolkenköpfchen, sie müsse mal Fisch essen. Ja, sagte der Gutfrisierte, das sei in einem Jodmangelgebiet wie dem Allgäu eine gute Idee. Ach, antwortete sie, Jod wäre ihr egal, Hauptsache wäre doch, sie bekäme keine Crocs. Was denn Fischessen mit Gummischluffen zu tun habe, wollte der Gutfrisierte wissen, woraufhin ihre Augen groß wurden. Wieso Gummischluffen? Das Ding am Hals meine sie. Crocs halt.
Es ist so wunderbar, wenn sie Dinge verwechselt. Und ich werde zum klassischen Kropf vermutlich noch länger Crocs sagen.

Morgen wird das Wetter völlig nass und frisch, weshalb erst einmal ordentlich ausgeschlafen wird und weshalb ich mir jetzt, zu dieser späten Stunde, noch irgendeinen Film reinziehen werde. Damit ist der fünfte Tag vorbei.