Rücken und Renovierungsarbeiten

Wenn mir etwas wehtut, habe ich ein gewisses Mitteilungsbedürfnis. Das kommt daher, dass der Gutfrisierte ein aus Prinzip nicht mitleidender Mensch ist, mir das Mitleiden jedoch gut tut und dementsprechend fehlt.
Weshalb ich heute schon wieder hier herumlarmoyiere. Damit ich das Gefühl habe, ich bin nicht so allein.
Außerdem entbehrt das Ganze mitunter nicht einer gewissen Komik und ist somit auf jeden Fall blogable (gibt es das überhaupt, dieses Wort? Nein. Egal.).

Als kurzes Zwischenspiel und im Hinblick auf den nicht mitleidenden Gutfrisierten eine Anekdote einer alten Dame. Es ist ja mittlerweile bekannt, dass ich mit alten Damen recht gut zurecht komme. Meistens zumindest. Es gibt auch Ausnahmen. Das ist eine andere Geschichte. 
Eine alte Dame also. Ihr Mann starb vor vielen Jahren und sie war sehr traurig darüber. Sie kamen Zeit ihres Lebens recht gut zurecht miteinander. Er wurde begraben, sie verlängerte die Grabzeit alle fünf Jahre und ließ von einem Gärtner alles schön in Ordnung halten. Vermutlich ging sie hin und wieder auch selbst zum Grab und goß ein paar Blumen. 
Nun verging Jahr für Jahr und die alte Dame wurde immer älter. Und ihr Gehirn fing an, kleine Kapriolen zu schlagen. Hier und da wurde dies und das vergessen. 
Eines Tages war es soweit, in irgendeinem Areal geriet etwas sehr durcheinander im Oberstübchen und plötzlich wusste sie, ihr Mann war wieder auferstanden von den Toten. Er lebte. Was für eine Überraschung. 
Die Sache hatte einen Haken. Er kam nie zu ihr, obwohl sie ihn regelmäßig zum Essen einlud, für ihn kochte und den Tisch deckte. Schnell kam sie dahinter, warum er sie nicht aufsuchte. Er hatte, empörender Weise, eine Neue. Eine blonde Schnalle. Und mit der betrog er sie. Da hatte er aber die Rechnung ohne seine Witwe gemacht. Als erstes wollte sie die Witwenrente nicht mehr haben. Denn er war nicht tot. Und sie wollte die Scheidung. Als nächstes kündigte sie die Grabstätte und Pflege. Das hatte er beim besten Willen nicht verdient, dass sie sich weiter um sein Grab kümmerte, während er sich mit der Blonden verlustierte. Und als Lebender ein Grab, was soll das denn? 
Nun hat sie beschlossen, dass sie ihn nicht mehr leiden kann, weil er so ein untreuer Geselle ist und weil keiner sie bei ihren Plänen bezüglich einer Scheidung unterstützt, wird sie einfach so tun, als hätte sie ihn nie kennengelernt. So kann`s gehen, in der Ehe.

Ich fühle mich nicht gut, der Hund muss trotzdem raus. Wie immer. Und wie ich bereits erwähnte, Bewegung ist gut, so wird es behauptet. Bevor ich mit dem Hund das Haus verließ, stand ich vor dem Renovierungsstau an den neu eingesetzten Fenstern, für die ich höchstselbst aus Rigips eine Innenverkleidung basteln wollte. Ich fuchtelte mit einem Zollstock, notierte wahllos Zahlen auf einem Block, wuschelte in der Dämmung herum und wusste auf einmal, das Ding hier ist eine Nummer zu groß für mich. Trotzdem ging ich noch in den Keller, nahm mir einen Holzbalken, sägte ein bisschen mit der stumpfesten Säge, die je ein Holz zuvor gesehen hat, an dem Balken herum, versuchte es mit zwei anderen stumpfen Sägen, alleweil der Rücken lauthals herumbrüllte, ob ich wohl noch alle Tassen im Schrank hätte.
Dann brach ich zusammen. Ich lief, so schnell es meine momentan quasimodoeske Fortbewegung erlaubte, die Treppe hinauf, schluchzte, warf mich nicht auf das Bett, sondern ließ mich sehr vorsichtig über die Seite hineingleiten und wurde sodann von einem Heulkrampf geschüttelt. Weil ich fand, dass das alles eine riesengroße Scheiße sei. Ich heulte mich selbst an: „Warum muss immer ich diese ganze Kacke machen? Warum ich? Warum nicht… egal. Wo ist mein Papi? Ich will meinen Papi!!“
Herrjeh.
Zwischen fünf und fünfzehn Minuten jaulte ich aus tiefstem Herzen, dann jaulte der Hund. Ich rollte mich achtsam aus dem Bett, zog mir artistisch die Schuhe an und watschelte in Richtung des Waldes.
Direkt am Waldeingang, da stand der Mann, der sein Haus ein Jahr lang umgebaut, saniert, renoviert hat. Der Mann, der immer lässig mit einer Kippe im Mundwinkel grüßt. Der zwei kleine Klopshunde hat. Und er sprach in sein Handy: „Diese Woche ist ziemlich ruhig.“
Und ich kam plötzlich vom Planeten Quatschbacke.
„Guten Morgen! Eine ruhige Woche? Na sowas! Wie schön. Ich hätte da mal eine Frage…“
Morgen kommt er und macht diese dammische Innenverkleidung. Vermutlich denkt er, ich habe sie nicht mehr alle. Aber was soll es denn. Ist ja auch so. Realität. Ich bin behämmert. Was habe ich mir dabei nur gedacht? Innenverkleidung mit Rigips. Alter, ich bin Köchin, Heilpaprika, Klempner, Waschmaschinenanschließer, Steuerfritz, Autobeauftragter und was nicht noch alles. Aber ich bin kein Trockenbauer. Ich habe keine Ahnung davon. Null.

Demnächst ducken sich alle weg, wenn ich in den Wald gehe. Denn wenn ich den Mund aufmache und sage: „Ich hab da mal eine Frage…“, dann ist das verbunden mit meinem Irrsinn. Aber auf diese Art und Weise kam das Wolkenköpfchen zu einer native english Sprecherin, die ihr in der mündlichen Prüfung zu einer durchaus erfreuliche Leistung verholfen hat.
Die hat einen beigen Hund, der gern mit meinem schwarzen Hund spielt. Und zack, hatte ich sie nach ihrem Akzent gefragt und ob sie sich vorstellen könne, jemandem das Englische nahe zu bringen. Sie konnte.

Nun denn, morgen früh gehe ich, während hier trocken gebaut wird unter der Aufsicht meiner Schwester, zur Physiotherapie und lasse mir die unteren Lendenwirbel amputieren bewegen. Und renovieren tu ich nicht.

Rücken und Hund

Die Fenster sind drin. Es kamen einige tapfere Mannen mit absonderlichen Hämmern und Gerätschaften. Sie sägten Löcher in Hausbereiche, von denen ich dachte, sie seien massiv. Aber weitgefehlt. Als würde man mit einem Löffel eine Portion Wackelpudding zerteilen. Hoffentlich fallen niemals diese Tannen gegenüber um. Wenn die auf das Wackelpuddingdach fallen, dann hat der Spaß ein Loch, wie die Gisela sagen würde.

So stand ich in den Zimmern, schaute den fleißigen Handwerkern zu, trug dabei eine Wärmflasche hälftig im Unterhemd, hälftig in der Unterhose, was bestimmt den Eindruck erweckte, ich hätte einen unfassbar voluminösen Hintern, womit ich aber klar komme, denn manchmal geht Wärme eben vor Aussehen.
Der Rücken schmerzt und da gilt es, abzuwägen.

Bewegung sei ja sehr gut, wenn der Rücken schwächelt, heißt es. Weshalb ich heute in der Frühe auch schon mit dem Hund durch den Wald stolperte, als gerade das Nachtdunkel in ein Dämmergrau wechselte. Danach auf einem Bürostuhl zu sitzen, das war keine so großartige Sache. Besser wäre ich irgendwo liegen geblieben. Oder weitergelaufen.
Und dann noch Stehen und den Handwerkern zuschauen, nicht ganz förderlich.
Ich fühlte mich am Nachmttag als Resultat des Ganzen unfähig, ein weiteres Mal mit der Töle durch den Wald zu stolpern. In welchem übrigens die Waldwege zum Teil hübsch glatt gefroren sind. Es lädt ein zum Schliddern.
Siehe da, ich konnte den Nachmittagsspaziergang abtreten an das Wolkenköpfchen. Alle Weile legte ich mich flach nieder. Fast tat nichts weh.
Aber dann klingelte es. Und ich hörte, wie es von der Tür tönte:
„Sag der Mama, sie muss kommen.“ Innerlich stöhnte es in mir, äußerlich stöhnte es aus mir raus: „Sag, dass ich nicht komme.“
„Sag der Mama, der Hund…“
Nein. „…der Hund hat sich…“
Nein, bitte. „…hat sich eben in…“
Bitte nicht, bitte, bitte nicht. Nein, nein. Nein.

„…Der Hund hat sich in Scheiße gewälzt und stinkt!“
Toll. Was folgte, das war ein bandscheibenzerstörender Aufenthalt im Badezimmer mit einem verschissenen Hund, dem ich am liebsten das Fell über die Ohren gezogen hätte.
Hund, Dusche, Badezimmer, Fell schütteln, Geruch, Scheiße.
Ich glaube, morgen kann ich mich nicht auf den Bürostuhl setzen. Vielleicht streiche ich stattdessen mal eine Decke. Ein bisschen hier, ein bisschen da.

Rücken und Fenster

Ich versuche es mit Musik von Youtube. In den Kommentaren steht, dass das Zwergkaninchen Karamell sich beim Lauschen dieser Musik auf die Seite legt, die Beinchen streckt und bei leicht verdrehtem Kopf die Augen schließt.
Und wenn sich ein Zwergkarnickel bei Musik entspannt, dann werde ich das wohl auch hinbekommen. Möchte man annehmen. Es wäre nämlich gut, wenn ich entspannen würde. Es ist sozusagen Gebot der Stunde.
Vor allem benötigt die Muskulatur im Lendenwirbelbereich dringend der Entspannung. Dort hat sich auf Grund tektonischer Verschiebungen ein weiteres Mal eine massive Anspannung aufgebaut, was, man kann es nicht anders sagen, schmerzt. So einfach ist das. Es tut weh. Im unteren Rücken.
Alles schon dagewesen, denke ich mir. Kenne ich doch, wozu aufregen?!
Meine Bandscheibe ist einfach nicht mehr der frischeste, elastischste, schönste, geleegefüllte Glibberring. Und bis auf geleegefüllt und Glibberring würde ich den Rest für die Gesamtkonstitution ebenso gelten lassen.

Inzwischen habe ich schon vier verschiedene Entspannungsmusiken ausprobiert. Leider bin ich kein Zwergkaninchen und ich heiße auch nicht Karamell. Daraus folgt, ich verdrehe zwar den Kopf, aber ich verdrehe auch die Augen anstatt sie zu schließen und bekomme Zustände. Der Anschlag der Klaviertasten nervt mich ebenso wie das Gesäusel irgendwelcher Streicher, ich möchte ein Glas zerbrechen hören.
Dem Wunsch gebe ich nicht nach, ich kann mich nicht bücken, um die Scherben wegzuräumen.
Geduld, mein Herz, Geduld. Es wird schon wieder. Später. Heute nicht, morgen vielleicht, übermorgen bestimmt. Oder nächste Woche.
Ich versuche, mich zu erinnern, wann mich die Bandscheibe zuletzt zerlegt hat. Ist Jahre her. Aber ich weiß nicht, wieviele. Manche Leute merken sich keine Gesichter, manche keine Namen, manche können sich Wege nicht einprägen und verlaufen sich auf dem Weg zum Klo. Ich weiß nicht, wann was war. Ich weiß, dass es war, aber Jahreszahlen? Ich bin froh, wenn ich mir die Geburtsjahre der Kinder merken kann. Wie lang ich aber in diesem Haus hier wohne, wann meine Großmutter gestorben ist, wann mir eine Bandscheibe erstmalig rausquautschte, in welchem Jahr ich meine Gesellenprüfung ablegte, ich weiß es doch einfach nicht. Früher. Schon länger her.
Ein paar Dinge haben sich inklusive Jahreszahl ins Hirn gebrannt, aber derer gibt es nicht sehr viele. Und in fünf Jahren werde ich darüber nachdenken, wann ich denn gleich nochmal wie verreckt im Eck lag, weil mich der Rücken triezte. Dann erinnere ich mich, dass es Winter war, nach Karneval, weil der Rücken immer gern rund um Karneval herum in die Knie geht. Dass der ganze Wald schwamm, weil es übermäßig regnete und dass es der Winter war, in dem die Sonne sich nur selten blicken ließ.
So wie ich weiß, dass es beim ersten Mal Bandscheibe frühlingshaft war. Vielleicht der Mai. Und es war ein Chaos. Es gab gerade neue Fenster im Schlafzimmer. Davor musste eine Glasbausteinewand herausgebrochen werden. Das letzte Großprojekt mit meinem Vater. Er schwang den Vorschlaghammer als wäre er Thor persönlich.
Dann kam Engelbert und setzte große Fenster und eine Tür ein. Darauf folgte Kaiser Franz-Josef, verputzte Ecken und Kanten und Fensterlaibchen.
Und zum guten Schluss strich ich. Mit versehrtem Rücken. Ein bisschen hier, ein bisschen da. Und so sieht es bis heute an der Decke im Schlafzimmer auch aus.
Zwischendurch legte ich mich für drei Tage ins Krankenhaus, um mir einmal die richtig guten Sachen abzuholen. Wenn ich mich recht erinnere, hieß es Würzburger, was mir in die Adern floss. Schön war`s. Dieser Moment, in dem ich einschlief. Als ich wieder wach wurde, war es weniger schön. Ich kotzte mir die Seele aus dem Körper. Die drei Bettnachbarinnen bekamen ihr Mittagessen, ich bekam eine Pappschale. Sie kauten und schmatzten, ich erbrach mich im Schwall. Ich wurde in die Radiologie gebracht, da reiherte ich ins Waschbecken des Umkleidekabäuschens.
Ich kam zurück auf die Station und kübelte in eine weitere Pappschale. Dann weinte ich, weil das Kotzen mit Rückenschmerzen, die wieder zu Höchstform aufliefen, eine unangenehme Sache ist.
Ich bekam ein Zäpfchen, das ich mir nicht mal selbst in den Hintern schieben konnte, weil ich mich nicht so weit verdrehen konnte. Darüber weinte ich auch. Eine Schwester übernahm den Job. Tropfen, meinte sie, Tropfen seien Unsinn, die würde ich doch gleich wieder ausspucken. Ich solle mir mal keinen Kopf machen, wäre nicht das erste Zäpfchen, das sie schiebt. Sie war nett, meine Würde lag trotzdem in Trümmern auf dem PVC-Boden.
Dann kam der Gutfrisierte. Er sah mein Elend, entschwand und kam mit einer gefüllten Spritze wieder, die er bei seinem Arbeitsplatz, vierdreiviertel Flure weiter, besorgt hatte. Er verabreichte mir den Inhalt.  Danach war das Leben schön. Ich schlief statt zu erbrechen. Und schlief. Und schlief. Und am nächsten Tag bemerkte ich, dass der vergangene Tag nicht viel an Erinnerung behalten hatte. Ganze Telefonate waren in meinem Kopf verschwunden. Vermutlich falsch abgeheftet. Oder gar nicht, einfach geschreddert und entsorgt. Es fiel auf, als ich meiner Schwester alles zum zweiten Mal erzählte. Sie wusste es bereits. Und ich wunderte mich.

Ich hatte in der Radiologie übrigens Pommes in das Waschenbecken entsorgt. Ich konnte sie noch erkennen. Sie waren vom Abendessen. Die daraus folgende kurzfristige Pommesphobie konnte ich jedoch gut in den Griff bekommen.

Übrigens werden morgen hier ein paar neue Fenster eingebaut. Wenn ich recht darüber nachdenke, fühlt es sich ein bisschen nach Murmeltiertag an.
Die Jahreszeit ist zwar eine andere, es ist nicht nur ein sich wiederholender Tag. Es könnte sechs Jahre her sein. Oder acht. Zehn nicht. Oder? Neun? Kann es sein, dass es sieben sind? Als Waldorftuttifruttimutti weiß ich ja genauestens über die Jahrsiebte bescheid durch die einzigartigen Elternabende und pädagogischen Wochenenden, bei welchen mir die Bedeutung der Sieben-Jahres-Schritte im Leben nahegebracht wurde.
Neue Fenster = L-fünf/S-eins
Alle sieben Jahre.
Nicht mit mir. Auf keinen Fall. Ich werde einfach keine neuen Fenster mehr einbauen lassen. Weder in sieben noch in fünf Jahren. Nach den kommenden zwei morgen wird das Kapitel neue Fenster für mich beendet sein. Wäre doch gelacht, wenn ich dem Schicksal damit kein Schnippchen schlagen könnte.
Jetzt rolle ich mich einmal über die Seite aus dem Bett und gehe in den Wald. Der Hund muss schließlich trotzdem raus. Rücken hin oder her. Und außerdem, so schlimm wie damals ist es noch lange nicht. Also.
Reicht jetzt, das elende Genörgel. Schluss mit der verdammten Entspannungsmusik.

Reisewarnung

Das Inwärtige Amt warnt vor Reisen in das Landesgebiet Rheinland.

Die Lage im ganzen Rheinland ist extrem unübersichtlich und unsicher. Es kommt immer wieder zu Auseinandersetzungen, von denen auch die Niedersachsen, Bayern, Schwaben, Thüringer und alle anderen noch dazu betroffen sein können.

Die staatlichen Sicherheitsorgane können keinen ausreichenden Schutz garantieren. Verkleidete Gruppen mit zum Teil unklarer Zugehörigkeit treten häufig als Vertreter der öffentlichen Ordnung auf, sind jedoch nicht ausgebildet und wenig berechenbar. Sie stehen häufig unter Alkoholeinfluss und wollen alles küssen, was nicht bei drei auf dem Baum ist.

Die Parlamentarische Demokratie wurde ersetzt durch eine Monarchie. In jedem bewohnten Teil des Landes regieren Prinzen, Bauern und Jungfrauen, genannt Dreigestirn. Majestätsbeleidung gilt als Staatsverbrechen und wird erbarmungslos verfolgt.

Medizinische Hinweise:
Ein Besuch im Rheinland kann zur Zeit zu schwerwiegenden gesundheitlichen Schäden führen.
– Leberschäden (Fettleber bis Zirrhose)
– Ausschlag (Lippenherpes bis Genitalherpes)
– Virusinfekte (grippale Infekte, echte Karnevalsgrippe, Diarrhoe)
– Hirnleistungsstörungen und zentralnervöse Störungen (lallen und torkeln)
– in Verbindung mit kardialen Beschwerden (achten Sie auf folgende Äußerungen:
„Sch bn soooooo valihhhhbt, minge Hätz tut wiiiiiieehhhh…“- event. Notarzt rufen)
– Erfrierungen jeden Grades an allen Körperteilen (Vorsicht bei Freilufturination)

Sorgen Sie dafür, dass Sie keine medizinische Hilfe benötigen. Möglicherweise ist das Fachpersonal indisponiert.
Von öffentlicher Seite gibt es zur Zeit wenig Unterstützung, alle haben frei.

Öffentliche Verkehrsmittel sollten nicht genutzt werden. Sie fahren fahrplan-
ungemäß, die Fahrer haben das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom und die Fahrzeuge sind maximal verschmutzt durch Zigarettenrauch, Alkoholpfützen und Erbrochenes.

Und das alles bei ausgelassener Heiterkeit. Mit Pappnase.
Bleiben Sie zuhause. Da treten Sie auch nicht in Kotzbrocken.

 

(„Haftungsausschluss: Reise- und Sicherheitshinweise beruhen auf den zum angegebenen Zeitpunkt verfügbaren und als vertrauenswürdig eingeschätzten Informationen des Innwärtigen Amts. Eine Gewähr für die Richtigkeit und Vollständigkeit sowie eine Haftung für eventuell eintretende Schäden kann nicht übernommen werden. Gefahrenlagen sind oft unübersichtlich und können sich rasch ändern. Die Entscheidung über die Durchführung einer Reise liegt allein in Ihrer Verantwortung. Hinweise auf besondere Rechtsvorschriften im Rheinland betreffen immer nur wenige ausgewählte Fragen. Karnevalistische Vorschriften können sich zudem jederzeit ändern, ohne dass das Inwärtige Amt hiervon unterrichtet wird. Die Kontaktaufnahme mit der zuständigen diplomatischen oder konsularischen Vertretung des Rheinlandes wird auf keinen Fall empfohlen. Kamelle. Strüßjer. Bütze.“)

Gedankenreise und Selbsthypnose

Ich weiß es doch auch nicht.
Eben war noch Weihnachten, dann Silvester und jetzt hampeln hier schon wieder die Jecken umeinander. Nächste Woche knallt das Rheinland durch, mutiert zur Hauptstadt der Frohnaturen und ich bin, wie in jedem Jahr, damit beschäftigt, meine Angst vor diesen verdammeleiten Lappenclowns im Zaum zu halten.
Ich mache mir dabei die Techniken der Selbsthypnose zunutzen.
Dazu brauche ich ein Sofa, wahlweise eine Couch, gern mit weichem Kissen und behaglicher Decke. Es darf auch ein Bett sein.
Ich lege mich in eine bequeme Position, in welcher nichts drückt oder zwickt oder sonst wie einengt. Beim Nachspüren, ob alles soweit kommod ist, zeigt sich schnell, dass der momentan getragene BH nicht ganz den Ansprüchen an Behaglichkeit entspricht, weshalb ich mich halb aufrichte und mit dem Büstenhaltertrick bei einigen Verrenkungen den BH aus meinem Pulloverärmel herauszaubere.
Wenn dann die Gesamtsituaton als wohlig eingestuft werden kann, atme ich einige Male ein und aus, in den Atempausen spreche ich innerlich mein Mantra.
„Ruhig, gelassen, ein und aus, doremifasolatido.“
Dann hypnotisiere ich mich.
Ein und aus, ein und aus, der Atem fließt.

Und wenn ich fertig bin mit der Hypnotisierung, werde ich wieder wach.tauche ich aus den Tiefen meines Bewusstseins wieder auf. Und freue mich.
Schlafen Hypnose am Mittag kann so erfrischend hilfreich sein.
In dieser Zeit der Hypnose, ich nenne sie auch gern Qualitytime, angelehnt an Qualitystreet, die aber früher sehr viel besser schmeckten als heute, wo ich sie nicht mehr mag, außer die langen Karamellstäbchen mit Schokoladenüberzug, die sind immer noch gut, auch die in Goldpapier gewickelten Karamelltaler, die Zähne töten, aber diese Erdbeer- und Orangencremedinger sind mittlerweile wirklich widerlich aber egal, in dieser Qualitytime habe ich auch keine Angst. Vor nichts und niemandem. Schon gar nicht vor diesen albernen Clowns. Nimm das, Pennywise!

Habe ich nicht genug Zeit für eine tiefergehende Selbsthypnose, so greife ich zur Phantasiereise. Auch diese leite ich mit ein paar tiefen Atemzügen ein, begebe mich aber nicht in eine besondere Position oder an einen besonderen Ort, so eine Reise ist überall und immer möglich.
Ein und aus, ein paar Mal tief in den Bauch atmen, das Zwerchfell gründlich durchbewegen und dann dem Gehirn ein paar einfache Befehle geben.
„Stopp. Nicht über dieses oder jenes nachdenken. Nicht in die Richtung der Traurigkeit schauen, nein, hier geht es lang, bitte, keiner aus der Reihe tanzen, alle Gedanken in diese Richtung, ja, genau, folgen Sie bitte den Wegweisern!“
Und was steht auf den Wegweisern?
„Reise ins eigene Zimmer“ steht darauf. Und die Gedanken schippern vergnügt darauf zu. Die Wände werden weiß gestrichen, der Fensterrahmen auch, die Tür frisch lakiert. Ein neues Bett wird gekauft, mit richtig feinen Matratzen, damit der Rücken sich freut. Der Sessel kommt auch hinein und es kann sein, dass sich irgendwo eine schöne Gardine findet, die an einem Sommertag am geöffneten Fenster sanft hin und her schwingt, denn es wird ein Dachfenster geben, damit man Durchzug machen kann. Der Wandschrank wird herausgerissen und aus dem Fenster geworfen, mit Schwung, damit er nicht auf dem Balkon zwischenlandet. Stattdessen kommt eine Kommode dort hin, damit Handtücher und Bettwäsche ordentlich untergebracht werden können.
Auf dem hübschen und ebenfalls neu lakierten Nachtschränkchen wird eine schöne Lampe stehen und ein paar Bücher liegen. Und welches Bild hängt an der Wand? Dieses? Jenes? Das da? Oder nicht? Ein ganz anderes? Gemach, Gedanken, jetzt nicht in Hektik ausbrechen, noch ist ein bisschen Zeit. Nichts überstürzen.
Nur die Patchworkdecke ist schon fertig und wartet darauf, in das eigene Zimmer umziehen zu dürfen.

Wenn die Realität dann an meinem Hosenbein zippelt und möchte, dass ich mich mit den realen Dingen beschäftige, drehe ich den Lautstärkeregler der Gedankenreise einfach um zwei Striche herunter, denke ein bisschen leiser.

Aber nichts desto trotz. Diese Reise hat ein Ziel. Und das ist im wahren Leben. Und Ende April wird es den Zieleinlauf geben und im Mai, da wird es soweit sein.
Das erste Kind zieht aus, mit Sack und Pack und dann: Zimmer frei.

Das geht, wie anfangs erwähnt, rasant schnell, war doch eben erst Weihnachten.

Prosopagnosie- Entschuldigung, aber kennen wir uns?

Ich war im Kaff meiner Jugend, sorgte für betreutes Einkaufen, da die Frau Mutter das selbstverantwortliche Einkaufen nur mit Einschränkung zustande bringt.
Im Supermarkt, einem kleinen Einkaufstempel mit Auszeichnung und Goldmedaille für besonderen Einkaufskomfort stand ich bei den Knabberwaren und sinnierte über die Sinnhaftigkeit von Chips und Nüssen.
Ein Mann ging vorbei und ich warf einen vorüberschweifenden Blick auf ihn. Meistens rutschen solche Blicke einfach weiter und man vergisst, wen man eben gesehen hat. Das ist auf jeden Fall eine gute Sache des Hirns, dass man sich nicht alle Gesichter, die einem im Laufe des Tages vor die Linse geraten, auch merkt. Das würde vermutlich recht schnell zur Überladung und zu einem heftigen Kurzschluss führen.
Sekundenbruchteile nach dem schweifenden Blick durchfuhr es mich.
Den kenne ich!

Ich glotzte hinter ihm her. Woher kenne ich den? Mein Hirn sprang weg von den Knabberartikeln und fing an, in den Archiven zu blättern.
In diesem Kaffsupermarkt befürchte ich ja immer, jemanden zu treffen. Eventuell Menschen, die ich nicht treffen möchte. Ehemalige Klassenkameraden, die im Kaff geblieben, zurückgekehrt oder zu Besuch sind. Bei dem ein oder anderen wäre es nett. Aber insgesamt bin ich nicht sehr erpicht darauf. Ich mag diese abschätzenden Blicke nicht. Weder meine noch die für mich bestimmten.
„Fünfundzwanzig Jahre nicht gesehen! Was machst du denn jetzt? Wie geht es dir? Seit wann ist dein Arsch so fett? Drei Kinder? Oha, wie die Karnickel…!“

Wer ist der Typ? Den kann ich nicht aus der Schule kennen, der ist einiges älter als ich. Vielleicht so um die siebzig. War er der Vater von irgendwem? Nein, die Richtung stimmt nicht ganz.
Das Hirn springt hin und her und mir wird ganz wuschelig im Kopf von diesen Datenmassen, die umgegraben werden. Ich starre dem Mann hinterher und es will mir einfach nicht einfallen. Er verschwindet aus meinem Blickfeld. Mein Hirn kaut noch ein bisschen an dieser Denksportaufgabe herum, lässt sich aber zügig von Tiefkühlwaren und dem Kinderfängerregal ablenken.
Dann kreuzt der Mann erneut meinen Weg, schaut mich kurz an, lächelt, nickt, geht weiter und scheint ebenfalls damit anzufangen, sein Hirn nach meinem Gesicht zu scannen.
Langsam wird es unangenehm im Oberstübchen und ich spüre eine leichte Panik auftauchen. Warum kann ich mich nicht erinnern? Wieso bekomme ich dieses Gesicht in keinen Kontext einsortiert? Prosopagnosie? Erkenne ich Gesichter nicht mehr? Oder leide ich jetzt schon unter dem Arschlochs Pitter Syndrom?
(Arschlochs Pitter Syndrom: Wenn in gesellig beisammensitzenden Runden der Name einer Person gesucht und bedauerlicherweise nicht gefunden werden kann, weil die Hirnleistung aller Anwesenden aus unterschiedlichsten Gründen -Alter, Alkohol, Blödheit- eingeschränkt ist, und der Gesuchte mit den Worten: „Wird der Arschlochs Pitter gewesen sein“ benannt wird.)

Kurze Zeit später stehe ich an der Kasse, an der Nachbarkasse steht der Kerl, der mich und mein Hirn so foppt. Ich räume diverse Waren aufs Warenbeförderungsband, Leberknödelsuppe in der Dose, Cocktailtomaten, ein paar Fläschchen mit allerlei Inhalt, da schiebt sich ein Bild vor mein inneres Auge. Ich sehe das Gesicht dieses Mannes vor mir und direkt neben seinen Ohren meine Knie. Mein Gesicht wird vermutlich hitzig rot und ich denke, warum sind meine Knie neben seinen Ohren? Was ist da los? Hatte ich…? Nein, niemals! Ganz sicher nicht!
Aber warum verursacht mir dieser Kerl auf einmal ein Gefühl von…Intimität?
Sehr unangenehm, das Ganze. Und dann kracht es mir rein. Die Erinnerung schlägt direkt hinter meiner Stirn mit voller Wucht zu.
Natürlich! Der Typ ist der ortsansässige Gynäkologe und hat vor über fünfundzwanzig Jahren meinen Genitalbereich in Augenschein genommen. Darum erinnere ich mich an meine Knie neben seinen Ohren.

Einerseits erleichtert, dass ich endlich weiß, wer er ist, atme ich kurz auf. Dann sehe ich, dass er mich anschaut und frage mich:

An was erinnert der sich jetzt?

Waffen? Nein, danke…oder?

Kind der Achtziger. Da hatte man dort, wo ich mich herumtrieb und mit verhaltenskreativen Möchtegernhippies als Eltern die Verpflichtung, friedensbewegt zu sein. Und sich mit dem Direktor des Gymnasiums, auf dem man sich noch für kurze Zeit herumtreiben würde, bevor man mit freundlichen Worten zur Tür gebracht worden sein wird, herumzustreiten darüber, ob man nun auf die große Friedensdemonstration in die damalige Bundeshauptstadt gehen dürfe oder nicht. Nicht. Weil es ein Schulsamstag war und da musste man in die Schule gehen. Der Direktor war mitnichten friedensbewegt und nicht gewillt, irgendwelche Ausnahmen zu gewähren. Schon gar nicht, wenn es sich um Kolleginnenkinder handelte.
Ich war jedenfalls in der Tiefe meiner Seele unglücklich, wollte ich doch meinem ausgeprägten inneren Pazifismus Ausdruck verleihen. Und durfte nicht.
„Waffen? Nein Danke!“ und „Pershing II? Nein Danke!“
Damit dekorierte ich meine Schulutensilien. Um meinen Standpunkt klar zu machen.
Ich diskutierte über die Verwerflichkeit jeder Waffe, ob klein oder groß und war thematisch nahe bei Jesus, die andere Backe, die Geschichte ist bekannt.
Und was ist aus mir geworden?

Was ist nur aus mir geworden.
In den Raunächten passierte folgendes. Lähmende Langeweile machte sich breit. Weil ich mir selbst versprochen habe, mehr Spaß zu haben und nicht erst zum Jahreswechsel damit anzufangen, ließ ich mich inspirieren zu einer Freizeitbeschäftigung, die ich damals, in den Achtzigern, als friedensbewegte Pubertistin ins Reich der Hölle verwiesen hätte.
Lasertag.
Mit Laserstrahlen andere Leute abknallen.
Und was soll ich sagen. Ich war gut. Ich habe geballert wie eine Irre und hatte Punktzahlen, da konnten meine familiären Mitstreiter nur von träumen.
Als ich erst einmal geschnallt hatte, dass die Jungs aus der familienfremden Gruppe schon sehr routiniert waren und uns schossen wie die Häschen, entfesselte ich das Ballertier in mir und los ging die wilde Hatz.
Die familien- und auch sonst fremden jugendlichen Jungs aus der anderen Gruppe, sie kannten keine Gnade. Und ich auch nicht. Gut, ein paar Mal gab es das Problem, dass ich familieneigene Gruppenmitglieder abschoss. Friendly fire. Man kennt das ja. Die kommen um die Ecke und Bähmm, erledigt.
Nach fünf Sekunden laufen sie ja wieder rund. Da ruft man kurz: „Scusa!“ und dann muss auch gut sein.
Den Fremdlingen bietet man nach dem Abschuss ein Pflaster an und lacht sich kaputt. Insgesamt habe ich sehr viel gelacht, es fehlte ein bisschen der Ernst bei der Sache. Häuserkampf in lustig, das ist ja schon pervers.
Aber es entspannt, es bringt Erfolgserlebnisse, noch Tage später denke ich daran und ein irres Lächeln huscht über mein Gesicht.

Noch bin ich nicht sicher, ob ich das öfter machen soll oder ob sich da in meinem Kopf das ganze bedenklich nah an einem Schalter abspielt, den umzulegen für die Menschheit keine gute Idee ist.

(Egoshooter? Zuhause? Tut mir leid. Das geht nicht. Sobald sich digitale Spiele im Dreidimensionalen Raum bewegen, muss ich nach nur fünf Minuten brechen. Dafür reicht es in meinem Hirn dann doch nicht. Zuhause nur Kartenspiele.)

Das vierundzwanzigste Türchen

Hinter dem vierundzwanzigsten Türchen ist eben auch nur ein Stück Schokolade. Oder das Bild von der Krippe mit Jesuskind und Maria und Josef und Hirten und Engel.
Und der vierunzwanzigste Versuch, das Herz etwas leichter zu machen, kann keine Erinnerung sein.
Eine Idee, eine Phantasie.
Ein Wunsch.

Die große Sehnsucht meines Lebens. Dieser Traum, der in einem kleinen Winkel meines Seins wohnt. Er hat nicht sehr viel Platz. Er kann sich kaum bewegen, so eng ist das Leben um ihn herum gebaut. Eingezwängt zwischen Müssen und Sollen liegt er da, wie ein kleiner Fisch in einer übervollen Dose. Und er ruckelt und zuckelt, versucht zu entkommen aus dieser gequetschten Lage.
Möchte sich ausbreiten, sich groß machen, eine ganze Welt füllen.
Und ist doch schon dankbar dafür, wenn ich ihn nur einmal kurz anschaue. 

Ich sollte ihm Platz machen. Er hätte es verdient, wo er doch schon so lange dort eingepfercht ist; ich sollte dem Traum einen Namen geben und ihn aus der Dose befreien.

Und jetzt?
Schenke ich mir selbst etwas, was mir kein anderer schenken kann.
(Habt einen guten Tag)

Das dreiundzwanzigste Türchen

Bald ist sie überstanden, die heilige Zeit.
Welche Freude.

„Wenn du nicht brav bist, gibt es nichts vom Christkind.“
„Wenn das das Christkind sieht.“
„Wenn das das Christkind hört.“
„Wenn das das Christkind erfährt.“
Würde es das Christkind geben und es würde wissen, was in seinem Namen an pädagogischer Arbeit läuft, und wäre es nur einen Hauch reflektiert, das Christkind würde sich in hysterischen Krämpfen am Boden winden. Und den frechen, den unverschämten, den traurigen Kindern noch eine Extraportion Geschenke mitgeben.

Es gibt aber kein Christkind. Und somit sind es Eltern, die sich hier die Hände schmutzig machen mit den miesen Tricks der Erpressung.
Damals war es normal, dass Kinder gefügig gemacht werden sollten. Sie sollten funktionieren. Höflich sein, freundlich, keinen Dreck machen und keine Ansprüche stellen. Sie sollten keinerlei Aufwand verursachen. Und das Christkind war willkommen in diesem System. Oder der Weihnachtsmann. Der Nikolaus. Die ganzen Gesellen.
„Du bekommst etwas von uns, wenn du nur brav bist und unseren Erwartungen entsprichst.“
Wenn nicht, spring über die Klinge.

Positiv, ich will doch positiv denken.
Gut. Nehmen wir doch einfach an, Wut, Zorn und Enttäuschung könnten positiv auf das Leben wirken.
Und es würde helfen, diesen Empfindungen einfach einmal freien Lauf zu lassen.
Versuchen wir`s?
Ja.
Also los:

DU VERDAMMTES UND VERSCHISSENES WEIHNACHTSFEST, DU HAST MIR SO OFT DEN LETZTEN NERV GERAUBT. WIEDER UND WIEDER HAST DU MICH DAZU GEBRACHT, ZU HOFFEN, ZU WÜNSCHEN, ZU WOLLEN UND IMMER GAB ES DAFÜR AUF DIE FRESSE. DU KANNST MICH MAL KREUZWEISE AM ARSCH LECKEN.

Besser? Nein.
Nochmal versuchen.

Weihnachten, nur ein Tag im Jahr. Eh egal.
Über siebzehntausend Tage hat mein Leben schon gedauert. Und nicht einmal fünfzig Tage davon waren Weihnachten. Merkste was?
Weihnachten, blas nicht so die Backen auf. Hauptsache es gibt leckeres Essen.

Besser? Ein bisschen.
Leg nach.

ICH BIN EIN SEHR GROßER FREUND DES OSTERFESTES.

Nimm das, Weihnachten. Und jetzt geh doch heulen.

Das zweiundzwanzigste Türchen

Es war mitten in der Nacht. Ich war schrecklich müde aber Johannes saß immer noch in meinem Zimmer. Er war spät abends noch vorbei gekommen. Ob ich eine Tasche für ihn verwahren könnte. Er befürchtete, dass „die Bullen vorbeikommen und die Bude filzen“. Und da gab es dies und das, was er nicht im Haus haben wollte. Ich nahm die Tasche und stellte sie neben meinen Schreibtisch.
Dann hingen wir auf meinem Bett herum, rauchten ein paar Zigaretten und er versuchte, mir die Relativitätstheorie zu erklären. Ich versuchte ihm zu erklären, wie das mit den Gefühlen geht.
Er hatte vermutlich vorher ordentlich gekifft, zumindest sahen seine Augen so aus und er vernichtete all meine Schokoladenvorräte. Wir redeten stundenlang an einander vorbei. Und ich war irgendwann so müde, dass ich meinem eigenen Gerede nicht mehr folgen konnte.
Ich kippte einfach zur Seite und machte die Augen zu. Nur für drei Minuten wollte ich sie zu machen. Sie brannten. Vom Rauch und dem Wunsch nach Schlaf.
Ich döste ein und wurde nur noch einmal ein kleines bisschen wach, als er mir über die Haare strich, ganz sanft und leise murmelte: „Wenn ich nur verstehen könnte, was in deinem Kopf los ist.“
Dann schlich er leise aus dem Zimmer.

Am nächsten Morgen war ich mir nicht sicher, ob er wirklich da war, in der Nacht. Aber die Tasche stand neben dem Schreibtisch. Also war es kein Traum. Ich stand auf, nahm mir die Tasche und wagte einen Blick hinein.
Einige Bündel Geldscheine lagen darin, gerollt und mit Gummiband gehalten. Und etwas, das man für eine sehr große Tafel Schokolade hätte halten können. Eingewickelt in Alufolie und einem Klarsichtbeutel. Da hatte ich also die Basics des gymnasialen Drogenhandels in meinem Kinderzimmer und staunte nicht schlecht.
Als dann packte ich mir die Sachen in meine Schultasche und machte mich auf den Weg in die Bildungseinrichtung. Dort angekommen suchte ich nach Johannes. Der kam aber nicht. Also lief ich den ganzen Tag mit dem Kram in der Tasche herum. Und hatte nicht einmal ein komisches Gefühl dabei. Es war mir relativ egal, nein, irgendwie fand ich es sogar interessant.
Wenn ich heute nur daran denke, fängt mein Auge an zu zucken.
Am nächsten Tag nahm ich alles wieder mit in die Schule und da kam es dann zur Übergabe in der Raucherecke. Relativ wortkarg schob ich die Tasche rüber und wortkarg nahm er sie entgegen.
In der Tat war am Tag vorher die Polizei bei ihm zuhause vorbei gekommen, hatte aber nichts gefunden und ging wieder. Seine Mutter war dem Nervenzusammenbruch nahe.

Johannes verfolgte seine Karriere neben der Schule intensiv weiter und war sich selbst ein guter Kunde. Er versuchte alles, was sein Bewusstsein veränderte und das sah man ihm an. Was an zarten Gefühlen für ihn da war, verrauchte mit den Joints im Wind und ich sah zu, dass ich keine Taschen mehr beaufsichtigen musste für ihn.
Aber diese Nacht, in der er versuchte mir zu erklären, wie der Raum sich krümmt, warum sich bei steigender Geschwindigkeit die Zeit verlangsamt und noch dies und das, was ich wirklich nicht mehr weiß, diese Nacht war wie ein Rundflug um den Mond.
Seltsam. Fremd. Gerhirnknotenakrobatik. Absolut herrlich und erschöpfend.
Vielleicht hätte er auch lieber geknutscht. Ich nicht. Ich fand die Nacht perfekt.