Balkonblicke

Eben kroch ich wieder einmal im Wohnzimmer auf allen Vieren mit einer Tierhaarentfernungsbürste über den Teppich und bürstete mit Hingabe.
Ich sage: schwarzer Hund, beiger Teppich, Fellwechsel. Jeder, der einen Hund besitzt, braucht keine weitere Erläuterung. Diejenigen, die einen beigen Teppich besitzen, sind vermutlich phantasiebegabt genug, sich die Bedeutung der Kombination vorzustellen. Wer weder einen Hund noch einen beigen Teppich besitzt, sollte auch nicht auf die Idee kommen, selbiges besitzen zu wollen. Gehen Sie bitte und kaufen Sie sich einen dunkelbraunen Flokati. So einen gab es in meiner Kindheit im elterlichen Wohnzimmer, bis ein enges Familienmitglied auf dem Töpfchen vor dem Fernseher saß und im Überschwang des Gesehenen das Töpfchen beim Aufstehen mit der Verse über den Flokati kegelte. Das war sein Ende.
Auf dem beigen Teppich lassen sich mit der Bürste kindskopfgroße Haarbälle zusammenbürsten. Anschließend noch mit dem Staubsauger darüber und schon sieht der Teppich aus, als ginge er noch. Eine Woche. Oder drei. Es gibt aber, solange der Hund lebt, auf Geheiß des Gutfrisierten keinen neuen Teppich, weil er sagt, dass dieser doch sowieso sofort wieder eingehaart und nach Hund riechen wird. Das ist wohl richtig. Aber ich kann diesen Teppich nicht mehr sehen.
Natürlich wünsche ich mir in der Konsequenz nicht, dass der Hund stirbt. Ich wünsche mir eigentlich nur, dass er weniger haart und weniger stinkt. Weil er ein sehr netter Hund und er beliebt ist, möchte keiner einen neuen Teppich. Kein Teppich wäre auch keine Alternative, erstens wegen der Behaglichkeit und zweitens fliegen die Hundehaare so zumindest nicht durch alle Räume sondern sammeln sich hübsch auf dem Teppich.

Außerdem betreibe ich im Moment auch wieder körperliche Ertüchtigung. Nach Jahren des Dahinschluderns und der Abbaubeobachtung war mir plötzlich klar, dass es so nicht weitergeht, weshalb ich auch vom Schrank die Yogamatte holte. Ich habe Erfahrung mit der Ertüchtigung, ich muss mich nur daran erinnern. Und die Yogamatte ist elementar. Als ich sie aus ihrer Hülle holte, traf mich ein Geruch. Und auf diesem Geruch kann ich nicht eine einzige Übung für den maladen Rücken machen. Weshalb ich die Matte, ein Geruch aus Muff, alten Instrumenten aus dem Musikantenstadel des Gutfrisierten, Schaf (welches die Matte einmal war) und Staub ausdünstend, ganz schnell an die frische Luft befördern wollte. Auf dem Balkon hängte ich sie über die Brüstung, zupfte noch ein paar undefinierbare Fusseln ab und wurde plötzlich angesprochen. Von der Nachbarin auf dem gegenüberligenden Balkon.
„Hallo!“, rief sie herüber. „Hallo!“, rief ich zurück.
„Immer, wenn ich Sie sehe, denn putzen Sie!“, rief sie. Und ich guckte sie an. Es gibt diese Sekunden, die sind sehr voll und gleichzeitig sehr leer. Voll mit Gedanken aber leer in der Umsetzung. „Immer, wenn ich Sie sehe, sitzen Sie rum, trinken Wein und spielen Kniffel!“, erschien mir keine adäquate Reaktion. Außerdem lief im Hintergrund noch der Horrorfilm „Putzteufel! Töten mit dem Feudel“ in meinem Kopf.
Bin ich etwa in der Nachbarschaft verschrien als die Irre, die immer nur putzt? Weil ich kürzlich Fenster geputzt habe? Idiotischerweise an dem Tag, an dem der Blütenstaub das komplette Kaff gelb einfärbte. Weil ich staubsauge, an zwei bis drei bis keine Tage die Woche? Wenn die Nachbarschaft auf dem Balkon sitzt, schauen sie mir ins Wohnzimmer und beobachten meinen Kampf mit dem Hundehaar und flüstern sie sich zu: „Da, schau, die Bekloppte saugt schon wieder!“ ?
Und was soll man denn sagen? „Ich putze so gern!“ oder „Putzen ist meine Leidenschaft!“ oder sonst eine Absonderlichkeit?
Hätte sie doch nur nichts gesagt. Mein Gehirn ratterte und klackerte auf der Suche nach einer gescheiten Reaktion. Nur leider vermute ich, hält sich mich nun nicht mehr nur für putzsüchtig sondern auch noch für ein bisschen einfältig. Denn die Zeit dehnte sich ein kleines bisschen zu sehr. Ich lächelte zwar über den Balkon hinüber, aber es kam einfach nichts raus aus meinem Kopf. Sie schaute, ich schaute, sie schaute, ihr Partner schaute, sagte aber nichts, ich schaute. Das war ein einziges Hin- und Hergeschau.
Und dann sagte ich: „Tja, wir haben den Hund. Der macht viel Dreck.“
Die Beiden drüben haben keinen Hund. Die haben auch keine vier bis sechs Personen im Haus. Nicht mal Fische. Ein paar Blumen. Letztens ist ein Oleander über die Brüstung gegangen. Den Scheiße-Ruf konnte ich durch das geschlossene Fenster hören. Ich glaube nicht, dass es der Oleander war, der rief.
„Ja, so ein Hund, der macht schon ein bisschen Dreck. Aber er ist so freundlich, Ihr Hund.“
„Ja, ein toller Hund. Ganz lieb. So ein guter Hund.“
Und noch blablabla. Und blablabla. Auf beiden Seiten.
Und dann ich: „Und wenn Sie mich nicht sehen, dann lieg ich in der Ecke und lese ein Buch.“
Gleichzeitig dachte ich: „Was sage ich denn da? Was soll das denn? Warum halte ich nicht einfach die Klappe und gehe rein und lege mich in die Ecke und lese ein Buch, verdammt nochmal. Ich Depp. Mein Leben. Putzen und Lesen. Toll.“
Ich ging rückwärts vom Balkon, ließ die Nachbarn nicht aus den Augen und kaum dass ich mich getrollt hatte, hörte ich das Klappern der Würfel beim Kniffel. Die spielen jeden Tag Kniffel. Auf dem Balkon. Außer bei Regen.
Was willste machen. Die denken, ich putze nur und lesen. Ich denke, die Kniffeln nur und gucken Fernsehen.

Und jetzt ist es mir wichtig, mitzuteilen: Ich bin kein Putzteufel. Gut. Vielleicht habe ich eine klitzekleine Reinlichkeitsstörung. Aber das hatte schon meine Großmutter. Ist also genetisch. Wenn überhaupt, dann bin ich Freund des Wischens. Und des Teppich-bürstens.

Kotzblumen

Wenn schon früh morgens der erste Gedanke mordlüstern ist, wie soll aus einem solchen Tag noch etwas werden? Um fünf Uhr in der Frühe den Wunsch nach einem laxen Waffengesetz zu verspüren, da erkenne ich mich kaum wieder. Denn eigentlich möchte ich ein pazifistischer und friedliebender Mensch sein. Im Moment ist das nur leider nicht ganz einfach. Ich vermute, es ist etwas Hormonelles.
Wer käme sonst auf die Idee, unter Zuhilfenahme eines Raketenwerfers laut jubilierende Singvögel zu eliminieren? Genau. Niemand, der noch bei Sinnen ist. Die zwitschern doch nur, ruft mein Dr. Jekyll-Anteil weinerlich herüber. Aber Mr Hyde grunzt und ist kurz davor, den Hulk von der Leine zu lassen.
Und mit diesem leichten Schimmer von grün bewege ich mich durch den restlichen Tag. Da kreischen Nachbarskinder unter meinem Fenster und wiederholen in einer endlosen Schleife: „Du bleibst bei miaaaaaa!“
„Neiiiiin, duuuu bleibst bei miiiiaaaa!“
Und wieder sehe ich den Raketenwerfer vor mir und es wird in einem kurzen Moment besser, als eines der Kinderstimmchen ruft: „Hör auf, du blöder Kacka.“
Sie beschimpfen sich noch ein Weilchen, bis eine Mutter dazwischen geht und um mehr Anstand und Freundlichkeit bittet. Sie kassiert ein: „Du bist so fett wie die ganze Welt!“
Was mischt sie sich in Sachen ein, die sie nichts angehen. Ich hätte mich ja auch gern aus dem Fenster gelehnt und gezielt. Oder zumindest gekeift. Aber das habe ich nicht. Ich erfreue mich an „Du stinkst wie ein fetter Haufen.“ und „Du hässliche, dumme, alte Kotzblume.“
Und ultimativ: „Du eine Billionen fetter Blumenkohl.“

Sie drücken einfach nur aus, was ich fühle. Ich möchte auch herumlaufen dürfen und Personen rundmachen. Mit bösen Worten. Einfach mal dem Gutfrisierten ein „Und du stinkst und du pupst wie ein Auto.“ entgegenwerfen. Zur Begrüßung. Anschließend gehen. Oder Killerdog sagen: „Bist du blöd geworden, du Popospinne?“, kaum dass er zur Tür hereinschaut. Dem Wolkenköpfchen ein stacheliges: „Ist mir doch scheißegal!“ entgegenzwitschern. Der Fürst ist in Sicherheit. In seiner eigenen Wohnung kann ich ihm nix, ich kann noch so laut brüllen, der hört das nicht. Ich könnte natürlich vorbeifahren und ihn anmeiern (schreibt man anmeiern mit ei?), der Aufwand wäre mir aber zu groß.

Und das alles nur aus diesem inneren Gefühl heraus, nicht ganz gerade sortiert zu sein. Ich bin schon mit dem Hund durch den Wald gerannt. Also nicht gerannt. Zügig gegangen. Stechschritt nannte man das früher. Und mir diesen Zorn herauszulaufen. Ich habe einiges herausgeschwitzt. Aber das irrwitzige innere Toben war nicht dabei.

Jetzt hoffe ich, dass ich morgen nicht mehr ganz so grantig bin. Dass es vom Schlafen besser wird. Dass ich nicht als erstes Gedanken habe, mit denen man das Storyboard eines Tarantino-Films bestücken könnte. Denn ich kann schon fühlen, wie mein Gesicht eine weiter Falte bildet. Die klimakterische Zornesfalte. Und das möchte ich unterbinden. Ich möchte nämlich ein freundliches Gesicht haben. Mit Lachfalten. Keine Griesgramfresse.

(P.S.: Und ich möchte allen Politikern auf dieser Welt die Twitterkonten sperren. Trump, Söder, Lindner, allen! Damit man den Stuss, den sie sich ausdenken, während sie auf dem Lokus sitzen und Langeweile haben, weil es doch ein bisschen dauert bis zur Niederkunft, nicht mehr mitbekommt. Ist nämlich auch nicht gut für Haut und Wohlbefinden meinerseits.)

Früher Abend

In Ruhe auf dem Klo sitzen. Das ist ein Luxus. Jahrelang waren diese Momente rar gesät. Jetzt sind sie ohne große Vorbereitung möglich.
Erst den Büstenhalter, der unter den Titten kneift, das Durchatmen erschwert und an den Schultern Rillen in den Speck presst, vom Körper reißen. Auf diese spezielle, vollkommen unerotische Art und Weise, die Träger durch die T-Shirt-Ärmel zu zerrren und das gesamte Gebilde dann aus dem Dekolleté zu ziehen wie ein Zauberer das Karnickel aus dem Hut.
Anschließend befreit durchatmend aufs Klo setzen und einfach nur die Klotür anstarren, ganz ohne Zeitdruck und ergebnisoffen.
Bis es an der Tür klingelt.
Bis der Ruf kommt. „Mamaaaaa…“
Gut, dann wird das Klo eben ein anderes Mal länger besucht. Während eine Menge Füße durchs Haus trampeln und immer wieder der Ruf „Maaamaaaa!“ erklingt, leise und diskret aus der Klotür schleichen, sich im Wohnzimmer auf das Sofa setzen und so tun, als säße man schon ewig dort. Auf keinen Fall mit dem eigen Fleisch und Blut über die vergangenen fünf Minuten sprechen.
„Ah, da bist du ja! Wo warst du?“
„Weg.“
„Okay. Kannst du uns zur Bahn fahren? Wir wollen in die Stadt. Party.“
„Nehmt den Papa mit.“
„Was?“
„Mitnehmen. Papa.“
„Äh. Nein.“
„Gut. Wann?“
„In drei Minuten? Und kann der Heini heute hier schlafen?“
„Hallo Heini.“
„Hallöchen.“
„Ja, kann er.“
„Cool. Wir müssen los. Hast du die Flaschen, Heini?“
„Japp.“
Alle auf zum Auto. Auf dem kurzen Weg dort hin tröpfelt die Erkenntnis ins Hirn, dass das Brustgewebe nicht mehr gestützt wird und dementsprechend auf und ab wippt und das sommerliche T-Shirt die Brustwarzen hübsch zur Geltung kommen lässt.
Hoffentlich macht Heini die Augen zu.
Im Auto plärrt das Radio los. Ich drehe die Lautstärke richtig hoch.
„Maamaa, mach leiser!“
„Nein.“
„Ok.“
Springsteen singt I´m on fire und das ohrenbetäubend. Sie sind einfach zu jung, die Zwanzigjährigen.
„Kannst du nicht doch leiser machen?“
„Sei froh, dass ich nicht mitsinge!“
Es ist nur noch Springsteen zu hören. Keine weiteren Beschwerden.

Dann singe ich mit. Everly Brothers. Es geht nicht anders.
Heini sitzt ganz still neben mir und hält mich sicher für den Freak der Woche.
Killerdog möchte mich vermutlich eintauschen. Gegen eine Stehlampe.
An der Bahn steigen sie aus. Wortlos. Ich sage auch nichts. Fahre in den Sonnenuntergang. Der warme Wind mischt sich mit der Kühle der Klimaanlage. Das Licht ist fantastisch. Ich puste eine Menge Luft aus.
Überlege mir eine Menge unsinniger Sachen innerhalb von vier Minuten. Dann stehe ich wieder vor dem Haus. Steige aus und frage mich, wann die vergangenen fünfundzwanzig Jahre im Klo verschwunden sind. Einfach weggespült.

Schöne Gedanken

Jeder Tag birgt wundervolle Gedanken. Gedanken, die einen durchströmen wie ein weicher Luftzug, süß wie ein Hauch von Zuckerwatte, leicht nach Zimt duftend. Sie streicheln die Hirnhäute und verteilen sich von dort aus sanft in jeden Winkel des Körpers. Es sind diese Gedanken, die das Leben lebenswert machen.

Zum Beispiel der Gedanke, gleich nach dem Wachwerden am sehr frühen Morgen. Nein, nicht der Gedanke: Können dieses Vögel einfach mal leiser brüllen? Der nicht. Der ist auch gar nicht so differenziert im Inneren. Dieser Gedanke ist mehr ein bisschen erfüllt von Gewaltphantasien, die man selbstverständlich sofort zugunsten der stetig weniger werdenden Singvögelpopulationen zurückstellt.
Der Gedanke, samtig und weich, der mit Glück einhergeht, er lautet:
In ein paar Stunden liege ich wieder hier.
Und weil das Eintreten dieser Tatsache höchst wahrscheinlich ist (es sei denn, man fällt dem Schicksal in die Hände und das sorgt für ein schnelles Ableben, was bekanntermaßen durchaus im Rahmen des Möglichen liegt), ist es wunderbar, diesen Gedanken wie einen Dauerlutscher immer wieder durchzulutschen. Dauerhaft.

Beim schlaftrunkenen Zähneputzen in Erinnerung rufen, dass bald schon die Zähne geputzt werden, um sich alsbald zu legen; schon ist es leichter, sich den Morgenmief aus dem Kiefer zu spülen.

Auf dem Weg ins Büro den Gedanken genießen, nur einige wenige Stunden später den Kopf wieder auf das optimal eingenudelte Kissen betten zu können, das gibt die nötige Motivation bis zu dem Moment, wo der nächste großartige Gedanke an den Augenblick des Ausstreckens der Gliedmaßen seine Zeit hat.

Auch beim Blick in die Kloschüssel, wodurch sich langsam aber sicher der millionenste Wutanfall nähert („Meine Damen und Herren, bald ist es soweit, nur noch dreitausendsiebenhundertsechunddreißig Wutanfälle, dann ist die Millionen erreicht! Das wird großartig. Das wird wunderbar. Auf jeden Fall eine Party wert. Seien Sie dabei! Und reichen Sie jetzt noch schnell Ihre Wette ein. Wann wird es sein? Tippen Sie das Datum und gewinnen Sie möglicherweise eine Klobürste deluxe der Firma Klowohl, mit spezialbenöppelten Bürstenborsten in Tigeroptik und mit handschmeichlerischem Tropenholzimitatgriff!“) lässt man sich nicht hinreißen, etwas anderes zu denken als: Ich darf bald zu Bett gehen.
Und gleich verschwinden die Gedanken, Köpfe im Sinne einer Klobürste zu verwenden, statt dessen breitet sich ein wohliges Gefühl aus und ein mildtätiges Lächeln erfüllt das Gesicht.

Nach jeder Aufforderung, mit dem Hund den Wald aufzusuchen, empfiehlt es sich, sofort einen Gedanken an das Liegen im Bettchen hinterher zu schicken. Zwar summiert sich die Anzahl der Gedanken dadurch massiv (im Schnitt kommen dreiundzwanzig dazu), es sind aber keinerlei Abnutzungserscheinungen zu bemerken. Im Gegenteil, führen die vermehrten Gedanken ans Nachtschläfchen zu einem sehnsuchtsvollen Ziehen direkt unter der Haut. Der ganze Körper fängt am Nachmittag an, köstliche Hormone auszuschütten, weil er in der ständigen Erwartung gehalten wird: Bald ist es soweit.
Es ist ein bisschen so, als würde man ununterbrochen kurz vor einem wundervollen Erlebnis stehen. Einen Tag davor. Erst wollte ich Weihnachten bemühen. Dann habe ich mir kurz den dreiundzwanzigsten Dezember vor mein inneres Auge gerufen. Anschließend habe ich es mit Ostern versucht.
Ich glaube, besser beschreiben kann ich es so: Im Tiefkühlfach steht ein Eimer voll mit wunderbarer Eiscreme und es ist klar, dass er nur für dich allein dort steht und gleich kommt der Moment, wo du die Tür des Kühlfach öffnest und dann…
(Elend. Schnell wieder zurück zu den Gedanken daran, bald ins Bett zu dürfen, denn am Kühlfach war schon jemand vor dir. Vermutlich der Hund. Wer sonst.)

Wenn sich der Tag langsam dem Abend und der Nacht zuneigt, dann werden die Gedanken immer farbiger, blumiger, bunter. Diese Freude. Und die Gewissheit, bald. Bald. Nicht mehr lange.
Schmalziger Herd? Geschirr auf anstatt in der Spülmaschine? Handtücher auf dem Badezimmerboden? Maulige Gesichter? Schnecken im Beet?
Ich habe schöne Gedanken. Die schönsten Gedanken weit und breit. Und diesen Gedanken lasse ich Taten folgen.
Noch schnell wieder Zähne putzen, Nachtwäsche an und dann kommt er, der Moment, der sich den ganzen Tag in den Gedanken ankündigte. Und er ist genauso schön wie erwartet.

Weicher Luftzug, Zuckerwatte, warme Farben, Ruhe im Karton.

Ich bin`s leid

Ich bin es so leid. So abgrundtief leid! Ich kann gar nicht sagen, wie leid ich es bin. Also mehrere Sachen, meine ich.
Und ich weiß gar nicht, was ich am meisten nicht mehr möchte. All die Todesfälle, die sich so sehr um mich herum häufen, dass ich mir mitunter überlege, ob sich das Aufstehen noch lohnt. Jetzt hat es schon wieder eine Frau erwischt, der ich ein Weiterleben mehr als gegönnt habe, die aber schon mit Anfang fünfzig dem Krebs nicht mehr entfliehen konnte. So eine verdammte Scheiße. Und die nächsten wundervollen Frauen stehen schon in der Reihe und der Tod lässt vermutlich nicht mehr allzulange auf sich warten. Da wird dann die nächste Beerdigung kommen, auf die ich gehe.
Dabei möchte ich Leben. Fröhliches Frühlingsleben in lindgrün. Übersprühende Freude. Verdammt. Das ist doch nicht zu viel verlangt.
Stattdessen liege ich in der Ecke und habe eine schlimme Krankheit nach der nächsten. Husten? Lungenkrebs. Kopfschmerzen? Hirntumor. Beinschmerzen? Arterielle Verschlusskrankheit. Außerdem noch Lungenembolie, Darmkrebs, Magenkrebs, Pankreaskarzinom, der ganze Scheiß. Ich hab sie alle. Wie in meinen schlimmsten Hypochonderzeiten.
Aber verdammt, es passiert. Es ist real. Die Leute sterben um mich herum wie die Fliegen. Und wie kommt es, dass ich noch am Leben bin? Ich hätte schon mit sechs Jahren sterben können, als ich im Mittelmeer von der Luftmatratze kippte und nur durch unerhörtes Glück an den Haaren aus dem Wasser gezogen wurde, weil einer gut tauchen konnte. Oder mit zehn, als ich dieses elende Stück Apfel im Hals klemmen hatte, das keine Luft mehr durchließ. Einen Kopfstand und mehrere Rückenschläge später ging es weiter, das Leben.
Auch Geburten sind immer eine Wanderung auf dem Grat zwischen Leben und Tod.
Wer wirft die Würfel in diesem Spiel? Doch wohl niemand. Also heißt es: der eine lebt, der andere stirbt.
Und irgendwann erwischt es jeden. Wirklich jeden. Den einen früher, den anderen später. Und manchmal einfach nur die Falschen.
Wem ich es wirklich gönnen würde, tot vom Gaul zu kippen, muss ich das wirklich explizit sagen? Wenn ich die Zeitung aufschlage, den Computer hochfahre, Nachrichten anschaue, dann denke ich jedes Mal: Warum? Warum kann dieser schreckliche Mann nicht einfach einen feinen Infarkt bekommen? Einen Apoplex. Opfer eines Attentats wird er nicht, er ist gut geschützt. Aber warum kann sich die Welt nicht selbstreinigend von so einem Idioten befreien? Einem Idioten mit der Macht, die Welt zu zerstören.
Ich ertrage es nicht mehr. Gute Menschen sterben. Bescheuerte Volltrottel leben. Wo bleibt da bitte die Gerechtigkeit?
Gibt es nicht? Genau.
Es gibt keine Gerechtigkeit. Kein Karma. Das ist alles für den Eimer.
HimmelArschundZwirn.
Ich werde so was von ungehalten über den Gesamtzustand. Die Gesamtsituation.
Diese Welt, sie macht mich fertig, dieser Tage.

 

Durchgespielt

Es ist wie damals, als ich Toejam and Earl komplett durchgespielt hatte. Ein Gefühl der Befriedigung, der Befreiung, des Glücks aber auch eine seltsame Leere durchströmten mich.
Genauso ging es mir in der vergangenen Woche, als der wirklich groß gewordene älteste Sohn mit seinem Sack und seinem Pack das Haus verließ und ein Zimmer zurückblieb, dass von vielen Jahren des Erwachsenwerdens erzählen konnte.
Löcher in der Wand, Schrammen in den Dielen und einiges, was einfach aus dem Fenster flog, weil das der kürzeste Weg zum Sperrmüllhaufen war.
Ich habe also das erste Kind sozusagen durchgespielt. Jetzt wohnt er in einer eigenen Wohnung. Und ganz entgegen seiner sonstigen Chaosqualitäten hat er es bisher noch nicht geschafft, die Bude in einen Schweinestall zu verwandeln. Was hier nur eine Frage von Minuten war, Klamotten-ausziehen-und-in-die-Ecke-pfeffern,
Essen-auf-Geschirr-mit-nach-oben-nehmen-und-dann-unter-dem-Bett-lagern,
Flaschen-voll-und-leer-überall-herumliegen-lassen, all diese schnell und effektiv durchgeführten Maßnahmen zur Verunreinigung eines Raumes, es ist, als habe es sie nie gegeben.
Seine Wohnung ist nett, adrett und aufgeräumt. Jeden Abend spült er sein Geschirr. In seiner Küche. Damit die Speisereste nicht antrocknen. Ich fasse es nicht. Wie kann das sein? Der Typ, der das Alter von Ketchupresten auf einem Teller anhand der Trocknungsrisse bestimmen konnte, der lässt nichts mehr antrocknen.

Heute kam er mittags überraschend einfach vorbei. Gut, er hat noch kein Internet und war scharf auf ein bisschen Wlan. Ich gebe mich nicht der Illusion hin, er sei wegen Sehnsucht nach seiner Mutti vorbeigekommen. Bei einer Entfernung von fünf Kilometern zu seiner Wohnung wäre das auch merkwürdig. Sehnsucht wächst möglicherweise mit der Entfernung.
Und wie er da so saß, da lief sein Leben noch einmal an mir vorbei. Die ganzen Momente, die wir geteilt haben. Damals, als ich vor dem Fernseher lag, komplett geschlaucht von der Arbeit, mir Beverley Hills neunzig zweihundertzehn reinzog und Andrea in dieser Folge bei ihrer Ärztin auf der Liege hockte, ängstlich schaute, weil sie dachte, sie hätte Grippe oder Krebs und die Ärztin sagte, neinnein, sie habe nichts dergleichen, sie sei einfach nur schwanger. Und ich zuckte zusammen. Fühlte ich mich doch nach grippalem Infekt oder Krebs, konnte mich aber plötzlich nicht mehr an meine letzte Periode erinnern. Sofort lief ich in die Apotheke und nur zwanzig Minuten später machten wir miteinander Bekanntschaft, der Sohn und ich. Ich war sehr fassungslos, der Sohn war kaum beeindruckt, denke ich. In den nächsten Monaten wuchsen wir zusammen, wurden größer, bis er sich auf machte in die Freiheit, raus aus dem Uterus, rein ins Leben. Dieses Gefühl, als er mit meiner letzten Kraft aus mir herausrutschte. Das ist mit nichts zu vergleichen.
Meine folgende Angst, er könne sterben. Es gab unendliche viele Möglichkeiten für ein Baby, zu sterben. Nicht mehr zu atmen, eine davon. Irgendwo herunter zu fallen. Zu Tode verschlucken. Überfahren zu werden. Geklaut zu werden. Im Waschbecken zu ertrinken. Beim Zähneputzen an der Zahnpaste zuersticken. Oder an der Zahnbürste.
Gefahren überall. Bei der Geburt wird das Kind geboren, ein Vater, eine Mutter und die Angst.
Wir schafften es, ihn am Leben zu halten, er wuchs und tat seinen Kinder-Job.
Dann kam der Moment in seinem Leben, der unser aller Leben, das seiner Eltern und das seiner Geschwister in ein Davor und ein Danach teilte. Der Moment, an dem es fast passiert wäre, an dem wir ihn nicht davor bewahren konnten, dass der Tod sich an das Fußende seines Bettes stellte und Ansprüche anmeldete. Der Tod wurde vertrieben, er bekam ihn nicht. Und der Sohn genaß langsam. Kaum hatte er genug Kraft gesammelt, stürzte er sich kopfüber in alle Schwankungen, die die Pubertät hervorbringen kann. Ohne Rücksicht auf Verluste.
Und jetzt?
Jetzt sitzt er auf dem Sofa, grinst und ist erwachsen.

Und ich, die ich gestehen muss, die Tage abgezählt zu haben, bis er das Zimmer unter dem Dach geleert haben würde, spüre den kleinen Stich. Ich lasse ihn gern gehen. Ich habe ihm das Zimmer auch ein bisschen unter dem Hintern wegrenoviert. Konnte es kaum erwarten. Trotzdem ist er jetzt da. Dieser Stich. Etwas ist vorbei.

Wie ein kühles Tuch legt sich auf den Stich das Gefühl, weiter für ihn dasein zu können. Das ist wunderbar. Wie mein Vater für mich da war, so bin ich jetzt für ihn da. Weshalb ich solche großartigen Dinge tue wie einen Alibert aufzuhängen. Ja, Alibert. Beleuchteter Badezimmerschrank mit Spiegel. Kann ich jetzt. Wenn man dreimal die Elektrik verkabelt hat und das Scheißding immer noch nicht die Glühbirnen leuchten lässt, dann sind es nicht die Kabel. Dann muss man einfach den Ein- und Ausschalter am Alibert himself einmal betätigen. Das hilft. Und wenn man ein Loch zu groß gebohrt hat, dann dreht man eben drei Schrauben rein. Sowas kann er noch lernen von mir, der Bursche. Mein Vater dreht sich vermutlich in der Urne, denn er hätte niemals so gemurkst wie ich das tue. Aber damit muss er klar kommen.

Und ich habe jetzt ein Zimmer. Ein Schlafzimmer. In dem kann ich durchschlafen. Keine nächtlichen Attacken auf meine Ohren, keine Geräusche aus schlaffgesegelten Gaumen, einfach Ruhe. Ein Zimmer, in welchem ich schreiben kann. Ein Zimmer mit Tür. Ein Zimmer, klein, weit oben unter dem Dach. Ein Zimmer, dessen Wände ich von Löchern befreit habe, dessen Dielen ich poliert habe, das ich gestrichen habe in einer frischen Farbe, ein Zimmer, in dem ein weicher Sessel steht.
Mag sein, ich stelle demnächst Teller mit angetrockneten Ketchupresten darunter.
Auf jeden Fall darf mich der große Sohn gern hier oben besuchen kommen.

(… da waren es noch zwei…)

P.S.: Da hat mich Annika darauf aufmerksam gemacht, dass mein Blog gemocht wird. Vom Zeilensturm. Und das erfüllte mich großer Freude. Und auch ein bisschen Stolz.
Vielen Dank.

Six feet under, again and again

Mittlerweile bin ich ja ein Beerdigungsveteran. Die Menge an Beerdigungen in den vergangenen Jahren nimmt bedenkliche Ausmaße an und mitunter spüre ich paranoide Zustände, fühle mich von diesen Vergraberitualen verfolgt.
Ich hatte sie alle. Die katholischen, die evangelischen, die konfessionslosen Veranstaltungen zur Verabschiedungen der übriggebliebenen Körperbestandteile.
Die einen so, die anderen so, die Geschmäcker sind da ja verschieden. Was dem einen Trost und Beistand, ist dem anderen Pein und Qual. Und umgekehrt.

Nun habe ich mein Bestattungsrepertoire um eine Zen-Zeremonie erweitert.
Als ich im Vorfeld davon erfuhr, war ich doch ein bisschen gespannt. Endlich mal was anderes, dachte ich. Und fuhr beschwingt in den Westerwald, um mir das anzuschauen und der Tante einen letzen Gruß zu entbieten. Meine Traurigkeit, wie gesagt, eine Melancholie, ein nagendes Gefühl, keine wilde, wüste Trauer. Gute Voraussetzungen mit einigermaßen erträglicher Verfassung durchzukommen.

Dann verfuhr ich mich bedauerlicherweise und musste dadurch einen Umweg in Kauf nehmen, der mich Zeit kostete, die mir fehlte. Die Beerdigung war für vierzehn Uhr angesetzt. Und da kommt man gefälligst pünktlich. Auf die Sekunde. Auch bei Zen-Zeremonien. Ich weiß das, denn schießlich war ich ziemlich abgefuckt, als meine Schwiegermutter zur Beerdigung meines Vaters ein akademisches Viertelstündchen zu spät war und ich schon mitten in der Rede.
Nachdem ich mein Auto durch Käffer gejagt habe, die ich nie vorher gesehen hatte, in einem Tempo, das mich teuer hätte zu stehen kommen können, stand ich exakt um dreizehn Uhr neunundfünfzig in der Friedhofs-Kapelle. Das ich keinen Sitzplatz mehr bekam, geschenkt. Selbst schuld, hätte ja früher losfahren können.
Und dann begann auch schon die Zeremonie.
Zwei Männer, einer in einem schwarzen Kleid, einer in einem goldenen Blazer, standen vorn vor der Urne. Im Hintergrund unser Herr Jesus am Kreuze, der sich die folgende Performance mit unbewegtem Gesicht anschaute.
Die Männer standen, fielen auf die Knie, beugten das Gesicht zu Boden, standen auf, winkelten sich in der Hüfte ab, fielen wieder auf die Knie, zu Boden, wieder auf, wieder zu Boden, hin und her, auf und ab und dabei ein monotones, meditatives Gemurmel. Irgendwann müssen Räucherstäbchen entzündet worden sein. Ich sah sie nicht, ich roch sie.
Und immer weiter Gemurmel. Ich verstand kein Wort. Weder vom Gemurmel, noch verstand ich den Sinn. Ich stand da, schaute auf die Urne, sah mir jede Menge Hinterköpfe an und kam ins Sinnieren. Weil ich nichts verstand, hatte ich Platz im Hirn für marodierende Gedanken.
Erst wollte meine Verfassung ins Lustige abschweifen. Meine klassische Verweigerungshaltung. Traurig? Später, erst mal kichern, bitte. Aber mein eingebauter Anstandswauwau kläffte und biss mir kurz in den Frontallappen. „Lass den Scheiß!“ rief er und ich riss mich zusammen. Ich fragte mich also nur kurz, ob die Männer wohl kalte Füße hatten, da sie ihre Zeremonie-Verrichtungen ohne Schuh und Strümpfe taten. Betrachtete auch nicht allzu lange die faltigen und leicht angegrauten Fußsohlen. Vielmehr erging ich mich in der Bewunderung dieser doch recht sportlichen Leistung. Einer der beiden schien Probleme mit den oberen Atemwegen zu haben, musste er doch immer wieder das Murmeln unterbrechen und hüsteln.
Jesus hing und schaute weiterhin unbewegt.
Ich hielt meine Anwandlungen im Zaum und versuchte, mich zu einer Stimmung der Andacht zu bewegen. Ich fragte mich, was wohl gemurmelt wurde und wozu es dienen sollte. Ob die Seele einen Hinweis bekommen sollte, wo die Reise lang geht? Ob das meditative Geräusch ihr Geleit sein sollte auf dem Weg dahin, wo die Zen-Leute hinkommen? Und wo ist das? Kommen alle an den gleichen Ort, egal wie sie bei der Beerdigung begleitet werden?
Aber hallo, rief ich in mir, spirituelle Begleitung! Gute Sache. Blöd, wenn nichts kommt. Wenn die Seele nicht da ist. Nichts übrig bleibt. Wat fott is, is fott. So sagt das der Rheinländer. Da kann die Seele begleitet werden, wenn sie nicht da ist, ist sie nicht da.

Ein lautes Scheppern einer Klangschale rief mich zurück und ich erging mich knapp gedanklich in mathematischen Bereichen. Sinuskurve, Parabel, Klangschalen, man  kennt das. Nur um gleich wieder abzuschweifen. Der Tod, unfassbar. Immer wieder. Jemanden nie wieder sehen zu können. Auch nach zwei Jahren darauf zu warten, dass mein Vater endlich vom Einkaufen nach Hause kommt. Nach einem Jahr auf das Handy zu schauen und sich zu fragen, wann wir endlich mein Geburtstagsessen nachholen, meine Herzensfreundin und ich. Donnernd die Erkenntnis, lange warten zu können auf die, die nicht zurückkommen. Ist noch etwas da von ihnen? Von meinen Onkeln? Von meinen Großmüttern? Von all denen, die in meinem Herzen wohnten? Und wohnen sie nicht weiter dort?

Das Gemurmel endete. Etwas verwirrt tauchte ich aus den Gedanken auf und sah, dass ein Mann sich an ein Mikrophon stellte und anfing, über meine Tante zu sprechen. Ihre Kinder hatten den Text verfasst. Richtig toll wäre es gewesen, hätte der Mann den Text vorher mal gelesen. Dann hätte er sich nicht so häufig verhaspelt.
Und er hätte sich mal erkundigen dürfen, wie man den Namen meiner Tante ausspricht. Man stelle sich vor, eine Silvia ist verstorben. Und das Mietmäulchen schafft es, in der Trauerrede aus Silvia eine Sülüa, eine Sölvia, eine Syvlia und eine Saulvia zu machen.
Ich biss mir so arg auf die Lippen, um ihn nicht anzubrüllen, ob er vielleicht mal den Namen richtig ausprechen könnte. Es war verstörend.

Nachdem er ein bisschen von Glück und Liebe und Hingabe im Leben meiner Tante erzählte, war die Indoor-Veranstaltung beendet und es ging hinaus zur Urnenwiese. Und da stand ein Tischchen mit einer Teekanne. Ich konnte nicht sehen, was mit dieser Teekanne gemacht wurde und wie die Zeremonie beendet wurde. Ich stand ganz hinten, hinter all den anderen Menschen und wollte auch gar nicht näher hin. Ich habe genug Urnen in diesen Löchern verschwinden sehen. Ich habe genug Tränen gesehen und vergossen. Mein Herz war schwer, als ich meine Cousine sah. Wenn man weiß, wie jemand sich fühlt, weil man den Schmerz so gut kennt. Und diesen Schmerz sieht, im Gesicht, im ganzen Körper. Ich umarmte sie fest, flüsterte ihr ins Ohr:
„Ich weiß es. Ich kenne es. Ich verspreche dir, es wird besser. Nicht jetzt. Nicht morgen. Irgendwann. Es wird immer schmerzen, aber es wird besser. Halte nur fünf Minuten aus. Dann noch mal fünf Minuten. Fünf Minuten schaffst du. Mehr nicht. Mehr musst du nicht aushalten. Aber diese fünf Minuten, die bekommst du hin. Irgendwann wird es so wehtun, dass du es erträgst.“
Und dann ging ich zum Auto. Vor mir ging der Mann, der die Trauerrede gehalten hatte. Ich wollte ihm gern ein Bein stellen. Aber ich bin mir nicht sicher, ob man im tiefen Westerwald für sowas nicht möglicherweise gelyncht wird.

Nah standen wir uns nicht. Darum ist die Trauer diesmal ein melancholisches Kissen mit Gedanken über verpasste Möglichkeiten und Unglück. Nicht so wild und zehrend wie vor zwei Jahren, als mein Vater starb. Nicht so unheilbar, untröstlich wie vor einem Jahr, als meine Herzensfreundin starb. Nicht so erschreckend und verletztend wie vor vier Jahren, als mein Onkel starb. Nicht so unbeteiligt wie vor bald zwei Jahren, als mein Schwiegervater starb.
Und vielleicht ist meine Ressource, trauern zu können, einfach ein bisschen erschöpft.
Eine melancholische Trauer also. Ein wehmütiges Lächeln. Der Gedanke, nun ist es wieder einer weniger. Meine Tante. Unerwartet. Mit neunundfünfzig Jahren. Nach einem Leben, das ich so nicht hätte haben wollen. Aber es war ihres; und wie es ihr darin ging, wer bin ich, darüber zu urteilen.

Die Trauerarbeit geht weiter.

Englische Performance

Alter Schwede!
Nein, vielmehr Alter Engländer!
Die Performance von Kate am heutigen Tag hat mich wirklich aus den Socken gehoben. Gut, auch bei Kind Nummer eins und Kind Nummer zwei war sie schon wie aus dem Ei gepellt daher gekommen. Bei Kind Nummer drei innerhalb von vier Jahren aber immer noch die Stufen des Krankenhauses herunterzukommen, als wäre sie eben nur ein oder zwei Stündchen bei der Kosmetikerin gewesen; Respekt.

Und dann denke ich daran, wie ich aussah, nach Kind Nummer eins, zwei und drei. Mein lieber Herr Gesangsverein. Es gibt Fotos davon. Ich schaue sie nicht gern an.
Nach Kind Nummer eins, Stunden, Stunden, Stunden, es zog sich, Medikamenten von ausgesprochener Güte, PDA und allem Zipp und Zapp sah ich aus, als hätte mich der Riese Timpetu durchgekaut und ausgekotzt. Davon mal ganz ab hätte ich meine Füße ums Verrecken nicht in Pumps geschoben bekommen, es sei denn, es wären die Pumps von besagtem Riesen gewesen.
Desweiteren bescherte mir ein gebrochenes Steißbein einen eierigen Gang.
Gut, Kind Nummer zwei ging so viel besser, es war gradezu ein Spaß, ihn zu gebären. Im Vergleich zum ersten Kind. Im Vergleich zu einer Zahnarztbehandlung… ach, lassen wir das.
Nach zwei Stunden im Kreissaal haben wir das Krankenhaus wieder verlassen. Ohne Pumps und Kleidchen, dafür verschwitzt, verklebt, verschattet um die Augen.
Kind Nummer drei hat etwas auf sich warten lassen, nicht zu lange aber ein bisschen. Während der Geburt schwirrte mir ein Satz wie ein Mantra durch den Kopf und kurz vor knapp brüllte ich ihn einfach aus mir heraus.
WIE BESCHEUERT KANN MAN BITTE SEIN, DIESE SCHEIßE DREIMAL ZU MACHEN? ERSCHIEßT MICH!!
Ob Kate das wohl ebenfalls dachte und brüllte? Oder ob sie royale Zurückhaltung übte?
Auch nach dieser Geburt verließen wir zügig das Hospital. Und ich ging, als hätte ich Probleme mit meinem Körper. Hatte ich auch. Es füllte sich an, als hätte ich Backsteine geschissen als wäre ich im Genitalbereich zerhäckselt worden als hätte ich meine innere Mitte verloren. Ich fühlte mich etwas leer. Meine Lunge hatte zuviel Platz und meine Gedärme rutschten fast durch den Beckenboden waren nicht mehr optimal befestigt. Mein Kreislauf war angeschlagen und die Erinnerung an den sehr großen Klumpen koagulierten Blutes, der mir nach dem Aufstehen einfach so herausrutschte und mit einem Geräusch wie ploppklatsch auf dem Boden zersprang verfolgte mich.
Ich hätte nicht winken können. Ich musste mich irgendwo festhalten.
Und gelächelt habe ich vielleicht auch nicht. Aber das weiß ich nicht mehr, möglicherweise doch. Es ist etwas schwammig in der Erinnerung.
Ich war jedenfalls froh, als ich zuhause in meinem Bett lag, die beiden großen Kinder, die zwei und fünf Jahre alt waren, in ihren Betten lagen und schliefen und der Rest der Welt konnte mich mal so richtig gern haben.

Ich hoffe von ganzem Herzen, dass Kate jetzt in ihrem Bett liegt und sich, statt auszusehen wie aus dem Ei gepellt, ein Ei auf alles pellt.