Schwarze Seele

„Unsere Haare flattern im Wind…“ bis hin zu „…einfach wunderbaaahaaar…“ und ich möchte im Garten auf meiner Liege liegen und ich hasse die Welt. Einfach mal so. Es gibt immer genug Gründe, die Welt abgrundtief zu hassen. Oder wahlweise zu verachten. Oder zu lieben, aber damit kann ich mich heute nicht befassen, heute ist Hass und Verachtung angesagt. 
Direkt neben mir, versteckt hinter einem mit tonnenweise Efeu überwucherten Gartenzaun, hockt das Nachbarskind in seinem Garten. Oder vielmehr im Garten seiner Eltern.
Und es singt.
Es würgt mich schier, wie es singt. Es singt mit Hingabe und Freude. Und ich möchte mich im Schwall erbrechen, denn das Problem ist, der Gesang ist grauenhaft.
Sie eiert und leihert und schmalzt und schnulzt von flatternden Haaren im Wind. Dreihundertsechsundachtzigmal hintereinander weg. Immer wieder die gleiche Zeile eines Liedes, das ich nicht kenne und jetzt auch niemals im Orginal hören möchte, weil ich kreischend zusammenbrechen würde.
Wie gern würde ich mit giftigem Flüstern Worte durch das Efeu schicken, Worte, die ihr auf ewig das Gesangsmaul stopfen würden, dieser kleinen, lästigen Möchte-gern-Jennifer-Lopez. „Du kannst aber echt gar nicht singen, Nachbarskind.“, würde ich zischeln und dabei gehässig kichern. „Dein Gesang klingt so richtig scheiße, meine Liebe. Ein Frosch furzt schöner als du singst…“.
Während ich so darüber nachsinne, dass ich ihr damit wirklich das Singen austreiben könnte und dabei ein fettes Grinsen über mein Gesicht huscht, wie bei einer Katze, die gerade den letzten Vogel einer aussterbenden Art zum Frühstück hatte, schreit mir meine innere Stimme der Liebe und der Vernunft zu:
„HALT BLOß DIE FRESSE, DIETER!“
Meine Güte, in mir wohnt ein Persönlichkeitsanteil, der Ähnlichkeit mit Dieter Bohlen hat und zum Vorschein kommt, wenn ich Kindern, die sich einbilden, großartig zu singen, dabei zuhören muss. Ein dunkler, ein schwarzer Teil meiner Seele. 
Jetzt werde ich darüber nachdenken, ob ich mich dafür schämen muss.
(Alleweile hält meine linke Hand mir kräftig den Mund zu, damit die angestauten Worte sich nicht einem explosiven Durchfall gleich, ihren Weg durchs Efeu bahnen.)

Schneckenporno

Bei der Überschrift werden wahrscheinlich meine Besucherzahlen abgehen wie Schmitz Schnecke.
Aber es ist die einzig mögliche. Denn genau das war hinter dem Haus zu beobachten. Ein kleiner Schneckenporno.

Hab ich noch nie gesehen. Schnecken beim Geschlechtsverkehr. War aber klar, dass die in die Vermehrung gehen, sobald meine Schwester im hiesigen Garten ein Beet anlegt. Sehen sie doch ihre Zukunft und die ihrer Kinder somit als gesichert an. Da kann man direkt loslegen. Als Schnecke.

Als biologisch interessierter Mensch habe ich natürlich voyeuristisch das Ganze beobachtet. Und pornös fotografiert.

Ich finde Schneckenerotik nicht sehr menschenkompatibel. Dieses merkwürdige schleimende Aneinandersaugen, eine sehr glitschige Angelegenheit. Sieht man nicht alle Tage. Und dann, ja dann passierte aber etwas…

„Mama? Papa? Was macht ihr da?“

„Ihr macht doch nicht… also… ihr werdet doch nicht…bah, igitt, würg, ihr habt… das ist ja…!“
„Nein, Kind, wir liegen hier nur ein bisschen rum und weil der Papi zuviel Schleim hatte und ich zuwenig, haben wir ein bisschen Schleim getauscht.“
„Ach so. Und ich dachte schon, ihr hättet Sex.“
„Nein. Niemals. Also heute.“

Und jetzt frage ich mich natürlich: Ist die Welt bereit für diesen Schneckenporno?
Was ist, wenn die Schnecken Internet haben? Bekomme ich demnächst Schneckenpost?

„Sehr geehrte Frau Lavendel,
Sie haben gegen Anstand und gute Sitten verstoßen und indiskrete Fotos meiner Mandanten im Internet veröffentlicht. Aus diesem Grund haben wir Anzeige gegen Sie…“

Temperaturunterschiede

Vielleicht möchte mir jemand erklären, warum im Wald ältere, magere, ausgezehrte Herren in sehr knappen Sportleibchen und sehr kessen, engen Höschen in pipapogedämpften Sportlaufschuhen auf Zehenspitzen herumlaufen und dabei aussehen, als würde der Infarkt hinter dem nächsten Baum schon auf sie warten? Oder der Schlag.
Denn bei den hiesigen Wetterverhältnissen schleppt sich ein normaler Durchschnittsmensch knapp eins über dem Kriechen mit einem Hund in den Wald, einfach nur weil er es muss. Keinesfalls, weil er es will. Also ich.
Und die Herren hüpfen schnaufend, schwitzend und von ungesundem Teint an mir vorbei. Ich schätze sie auf Mitte sechzig.
Mag sein, dass sie sich davon überzeugen möchten, in diesem Alter belastbar zu sein, wie ein junger Hüpfer. Die jungen Hüpfer hier im Haus, die pellen sich recht geschmeidig ein Ei auf die Belastbarkeit und machen ganztägig Siesta und ganznächtig Fiesta. Aber bei knappen dreißig Grad und ausgeprägter Luftfeuchtigkeit laufen sie auf keinen Fall draußen herum. Zumindest nicht schnell.
Es kann sein, dass die Herren vermuten, sie würden dem Volk der Elben entstammen. Waldelben vielleicht. Die sind mit sechzig noch Jugendliche und können laufen und laufen und laufen, wenn man den Verfilmungen glauben darf.

Letztlich ist es egal.
Sollen sie laufen. Wenn sie an mir vorbeilaufen, gehe ich immer noch ein bisschen langsamer, damit sie schnell aus meinem Dunstkreis verschwinden. Ich verspüre nämlich keinerlei Lust, so ein verschwitztes Hutzelmännchen wiederzubeleben.
Liegenlassen darf man ja nicht.
Wenn ich mit meiner Freundin durch den Wald gehe, was wir jetzt schon seit Jahren gemeinsam tun, halten wir immer die Augen auf. Wir versuchen, einmal eine Leiche zu finden. Ich weiß, das klingt merkwürdig. Und es gab nun wirklich in der letzten Zeit genug Leichen in meinem Leben, mit denen ich mich beschäftigen konnte.
Aber wer in seiner Jugend fingernägelkauend Ede Zimmermann zugeschaut hat, der erwartet eben hinter einem Baum eine Leich.
Einmal hatten wir ein vermeintlich herrenloses Fahrrad ein wenig abseits des Weges gesehen. Wie ich so bin, ging ich hin und schaute mich um. Es war aber keiner da.
Wir diskutierten über die Möglichkeit eines Toten im näheren Umkreis und überlegten dann, das nicht abgeschlossene, blöd herumliegende Fahrrad mitzunehmen und dem Fundbüro zu übergeben.
Kaum hatte ich das Fahrrad berührt, stürzte aus dem Unterholz ein Hutzelmännchen, erhitzt und zerzauselt.
Und war ein klein bisschen erbost über unseren Plan. Er war doch nur im Gebüsch um dort nach Pilzen Ausschau zu halten.
Nun denn, wir nahmen mal flott unsere drallen Beinchen in die Hand und huschten von dannen, bevor sich der Pilzhutzel noch als vollkommen psychotischer Axtmörder herausstellen konnte.

Doch, der Wald ist ein Ort von Spannung, Leben, Vielfalt, Wahnsinn. Ob bei dreißig Grad oder drei.

Tag der Pfeife

Heute ist wieder so ein Tag.
Ein Tag, an dem ich von mir selbst denke: Du bist eine Pfeife.
Die Königin der Falschabbieger. Herrscherin über falsche Entscheidungen.
Ich musste ein Formular ausfüllen für die örtlichen Ordnungs- und Sicherheitskräfte, da das von Killerdog benutzte Auto eine Delle aufweist, die durch eine Horde merkwürdig agierender Randalierer verursacht wurde.
Und bei einer Sachbeschädigung muss derjenige, dessen Sache beschädigt wurde, seinen Beruf angeben.
Und genau da fängt es an.

Ich habe überhaupt keine Ahnung, was ich als Beruf angeben soll. Ich war einmal Köchin. Das habe ich gelernt. Das habe ich ein paar Jahre gemacht. Das habe ich gehasst. Damit habe ich aufgehört.
Dann habe ich damit wieder angefangen und habe in Kindergarten und Schule gekocht. Aber auf dieser dämliche-Frau-braucht-keine-Sozialversicherung-Minijob-Basis. Und habe wieder damit aufgehört.
Ich war im Gesundheitssektor tätig. Dafür habe ich drei Jahre gelernt und anschließend noch dazu fast vier Jahre gelernt. Leider funktionierte das die-Frau-macht-eine-Praxis-auf-Experiment nicht. Jahrelanges Lernen und viel Geld nicht gewinnbringend angelegt.
Dazwischen gab es Kinder, bekanntlich derer drei, da läuft rententechnisch auch nicht viel. Geputzt habe ich. Anderer Leute Wohnung. Damit ich mal rauskam und damit ein bisschen mehr Geld reinkam. Unter anderem bei einem Zahnarzt, den ich schriftlich dafür rügte, dass er Drogen konsumierte und diese in seinem Kühlschrank verwahrte. Ich hatte damals schon ein Sendungsbewusstsein für ein drogenfreies Leben.

Heutzutage arbeite ich in einem Büro. Dort gebe ich allerhand in den Computer ein, sortiere dies und das, telefoniere mit diesem und jenem und raschele ausdauernd mit Papieren. Natürlich ist es wieder auf der altbekannten Frau-braucht-keine-Sozialversicherung-Minijob-Basis.
Kurzzeitig war ich auch Mutter und Schrägstrich oder Hausfrau. Das ist zwar viel Arbeit aber kein Beruf. Geld gibt es dafür auch nicht. Annerkennung eh nicht.

Und so war ich wirklich versucht, in die Zeile für den Beruf „Pfeife“ zu schreiben.

Denn hätte/wäre/würde, dann würde/wäre/hätte.
Habe ich aber nicht. Einen eierigeren Lebenslauf als meinen, den muss man erst einmal hinbekommen. Und keinen Schritt in der beruflichen Laufbahn würde ich als erfolgreich bezeichnen. Im Sinne von Karriere. Denn Kinder großzuziehen, das heißt, sie in den ersten Jahren davon abzuhalten, sich mit Steckdosen, Häkelnadeln, Multivitaminbonbons, Badewasser, Küchenmessern, Scheren oder auch Hosenträgern umzubringen, und später zu verhindern, dass sie sich mit Taschenmessern, Inlinern, Fahrrädern oder Trampolins entleiben; damit macht man jedoch keine Karriere. Selbst wenn man vierundzwanzig Stunden Schichten schiebt. Achtzehn Jahre lang. Oder länger. Dafür gibt es nichts. Nicht einmal eine echte Berufsbezeichnung außer Mutter und Mutter klingt irgendwie scheiße. Denn Mutter heißt: Alles Schuld.
Wirklich. Meine Mutter auch. Alles Schuld. Immer.
Ist auch kein geschützter Beruf.

Hätte ich mal etwas anderes gelernt. Wäre ich an dem einen Abend nicht so kuschelig drauf gewesen. Hätte ich in der Schule besser aufgepasst. Würde ich heute nicht einen Zusammenbruch über einem Formular bekommen, weil ich nicht weiß, was ich bin.
Und würde nicht in mir dieses gehässige Arschloch rumbrüllen:

EINE PFEIFE BIST DU

Es war einmal ein Silberkännchen

Eigentlich war ich um zehn Uhr zum Quatschen, Tee trinken und Liedchen trällern verabredet. Aber heute früh um kurz nach sieben rief meine Verabredung an und sagte: „Ich kann nicht. Ich sitze im völligen Chaos und dann kommt noch Cousine Trulla und ich muss noch aufräumen und ich schaffe das alles nicht und ich bin verzweifelt und ich kann nicht.“
„Kein Thema.“, sagte ich. Ich bin grundsätzlich nicht ärgerlich, wenn jemand nicht kann und eine Verabredung absagt. Das war schon immer so. Dann mache ich eben etwas anderes. Nicht schlimm.

Weil ich schon einmal wach war, ging ich in die Küche und die sah ein bisschen durcheinander aus, vermutlich, weil niemand aufgeräumt hat. Dies und das stand herum. Weil ich heute nicht arbeiten muss, dachte ich mir, ist das kein Problem, ich gehe erst mit dem Hund durch den Frühlingswald und dann räume ich die Küche auf.
Genauso tat ich das und als ich den Knopf für den Start der Spülmaschine gedrückte hatte, war ich diesem Plan genauestens gefolgt. Aber dann.

Schaute ich auf die Dunstabzugshaube. Oder die Fetthaube. Wie meine Schwester sie nennt. Die war fettig. Ich machte sie ein bisschen sauber. Nicht übertrieben fettfrei, aber ein bisschen sauber. Und auf der Fetthaube stehen ein paar Dinge. Unter anderem ein kleines Silberkännchen. Und an dieser Stelle verließ ich endgültig den vorgezeichneten Tagesweg. Ich nahm das Kännchen zur Hand, empört über dessen Aussehen und dachte, das Lord und Lady Bigbottom ganz sicher not amused wären, solch ein Kännchen sehen zu müssen. Schon allein die Existenz eines dermaßen angelaufen Metallkännchens ist indiskutabel. Weshalb ich spontan seine Reinigung beschloss. Dafür benötigt man bekanntermaßen ein Reinigungsmittel. Und ich wusste genau, dass ich eine Tube davon in Besitz habe. Nur wo?

Ich öffnete die Küchen-Chaos-Schublade und fing an, darin herumzuwühlen. Da gab es allerhand Unrat, in dieser Schublade, und wo ich gerade dabei war, dachte ich mir, sortiere ich dies und das an Unrat aus. Alte Schaschlickspieße, spröde Gummis, Pflaster, Korken, Zettel, Kugelschreiber lagen neben Messern, Rührern, Löffeln, Wetzstab und Hackebeil.

Ich räumte und sortierte und einige Dinge wollten dann in der Besteckschublade verräumt werden. Aber in der Besteckschublade war es sehr krümelig. Und staubig. Und sogar ein Hundehaar lag darin. So räumte ich die Besteckschublade aus. Und wischte die Schublade aus. Irgendwie hing sie aber sehr schief umeinander, als sie komplett entleert war. Ich schaute mir die Metallführungen an und siehe da, eine Schraube fehlte. Leider war sie im darunter befindlichen Schrank nicht zu finden, das merkte ich, nachdem ich ihn leergeräumt hatte. Also suchte ich im Keller eine andere Schraube. Die fand ich auch und schraubte sie. Dann setzte ich die Schublade wieder ein. Bedauerlicherweise hatte ich die Schraube an falscher Stelle geschraubt, die Schublade war dadurch ein bisschen schief, verkanntete sich und ich musste noch dies und das zur Seite räumen, bis ich von unten hinten an die Schraube herankam.

Als sich die Schublade endlich ganz geschmeidig wieder schieben ließ, fiel mir auf, dass die Schranktüren darunter ein klein wenig schief standen. Also schraubte schnell an ein paar weiteren Schrauben und nach einer halben Stunde waren die Türen zum Glück wieder so schief wie zu Beginn meines Versuchs, sie zu begradigen.
Ich wollte jetzt erst einmal ein paar Sachen wegräumen, weil es doch ein bisschen kompliziert wurde, sich elegant durch die Küche zu bewegen.
Für all die Pflaster, Desinfektionsmittelchen, Kopfschmerztabletten, Cremetübchen zur Entzündungshemmung und Verbände hatte ich eine Schublade im wunderschönen alten Geschirrschrank auserkoren. Dafür musste ich aber die Schubladeninhalte der elf Schubladen ein bisschen umstrukturieren.
Darum habe ich die Schubladen ausgeräumt und peu à peu wieder eingeräumt, soweit es mir möglich war.
Und auch dies und das weggeworfen. Natürlich. Zum Beispiel die Zwerge, die ich einmal aus Bucheckern, Filz und Knetbienenwachs gebastelt habe. Die fünfunddreißig Marienkäfer durften auf Anweisung meiner Schwester in einer der Laden verbleiben und sind der Entsorgung gerade noch einmal von der Schippe gesprungen.

Dreißig angebrannte Teelichter später stellte ich ein kleines Gläschen auf das Regal in der Küche. Und das Regal war so staubig. Da musste sofort etwas geschehen. Schnell den Lappen und wischen, dass kostet doch kaum Zeit. So denkt man ja manchmal. Ich musste dann doch ein bisschen mehr Zeit investieren, da ich abgelaufenen Tee sortieren musste. Kein Mensch möchte eine Blasenverkühlung mit Tee behandeln, der im Jahre zweitausendunddrei abgelaufen ist. Der Apfel-Crumble-Zitrus-Tee würde noch gehen, schmeckt aber auch weit entfernt vom Verfallsdatum so extrem beschissen, dass er dem Blasenverkühlungstee folgte. Genau wie der Bonjour-Tee, der Machmichnichtirre-Tee und der Detox-Tee, der übrigens als Brechmittel hervorragend funktioniert.

Die Spülmaschine war alleweil schon fertig mit ihrer Spülerei und ich räumte sie aus. Teilweise zumindest. Die Sachen, die in die schon fertigen Schubladen konnten, räumte ich weg. Der Rest musste warten. Den Topf konnte ich aber gut schon einmal runter in den Keller bringen. Der Topf hat in der Küche keinen Platz und muss deshalb in die Waschküche. Deswegen ist er nicht beleidigt, im Gegenteil, er hält sich für was besseres. In der Waschküche, bemerkte ich, dass die Waschmaschine noch befüllt war. Die entleerte ich und hängte die Wäsche auf. Meine beiden Blusen, viel mehr habe ich nicht, trage ich seit neuestem gern gebügelt, das wäre mir früher auch nicht passiert. Weil die beiden gerade trocken dort herumhingen, klappte ich flott das Bügelbrett auf und bügelte. Dabei ließ ich kurz den Blick schweifen. Das führte dazu, dass ich, wieder oben angekommen, sofort den Sperrmüll für nächste Woche bestellte. Und wo ich gerade dabei war, telefonierte ich noch mit der Bausparkasse, dem Dachdecker, den Stadtwerken (die die monatlichen Abschläge runtergesetzt hatten, nachdem sie uns eine Rechnung für eine Nachzahlung schickten; versteht man das?).

Dann ging ich wieder in die Küche und dachte: „Scheiße. Ich glaube, ich hab mich verzettelt.“
Und dieser Gedanke war so wahr. So ehrlich. So pur. Ich dachte ihn gleich achtunddreißig Mal hintereinander.
Sonst bin ich eigentlich ein strukturierter Mensch. Mit Plan. Ich kann das. Heute?
Verzettelungskünstler.
Und Verzettelungen haben als Nebenwirkung ja auch noch Hyperflucheritis.
„Scheiße, Scheiße, verdammte Scheiße“ gesellte sich als Dauerschleife im Kopf dazu.
Dann versuchte ich, das Chaos zu beherrschen. Es zu beseitigen.
Ich war fast soweit, hatte gerade die Tube mit der Metallreinigungscreme in der Hand, wollte mir noch eben etwas zu trinken aus dem Kühlschrank holen, da fiel mir auf, dass die Tür des Tiefkühlfachs nur angelehnt war.
Und nur zwei Minuten später sah die Küche aus, als hätte ich das Chaos niemals beherrscht. Noch dazu lagen überall Eisschollen herum. Und angetaute Himbeeren, die mir heruntergefallen waren und sich wie eine wild gewordene Horde Murmeln überall verteilten.

Am Liebsten möchte ich das Küchenfenster öffnen und einfach alles dort rauswerfen.
Aber das hat immer Folgen. So habe ich letztes Jahr die Herbstdeko einfach aus dem Küchenfenster geworfen. Und nun wächst im Vorgarten unter anderem ein Kastanienwald.

Was passiert, wenn ich Teelichter, abgelaufenen Tee, kaputte Haushaltsgeräte und Korken da rauswerfe? Vielleicht denken sich dann die Nachbarn auch, ah, neue Müllkippe und dann wächst mir ein Müllberg im Vorgarten. Hat es alles schon gegeben.

Also bemühe ich mich schon seit geraumer Zeit, mit der Verzettelung aufzuhören und endlich alles wieder in irgendwelchen Schubladen einzusperren.
Ich habe übrigens auch Schlüssel von fast allen Nachbarn gefunden, die sie bei mir im Falle einer zugeschlagenen Tür oder eines vergessenen Schlüssels deponiert haben. Zum Glück habe ich auf Namensschildern bestanden. Und weiß jetzt auch wieder, dass sie in der grünen Dose mit der Aufschrift „Tee“ sind.

Und hier ist der Auslöser des heutigen Chaos.

Vielleicht sollte ich es in den Vorgarten…
Nein. jetzt weiß ich es. Der Anruf heute morgen. Da ist das verdammte Chaos auf mich übertragen worden. Was beweist: Chaos ist hochgradig ansteckend.

Ich weiß keine Überschrift

Jetzt schreib halt was, denke ich, nur um mich rekordverdächtig schnell und jammerig zu fragen: Ja, aber was denn?
Ist doch alles nicht beschreibenswert, sage ich mir. Der schwächelnde Akku des Handys ist komplett langweilig.
Eben hätte ich fast eine Idee gehabt, leider ist sie, noch während ich darüber nachdachte, wie man das schreiben kann, verschwunden. Hat sich aufgelöst in meinem Gehirn. In Nichts verwandelt.
Ich könnte erklären, wie man ausrechnet, mit wieviel Energie, sprich Newton, ein neunundneunzig Kilogramm schwerer Astronaut auf dem Mond aus einer Höhe von fünfundsechzig Zentimetern auf den Hintern knallt. Sowas muss man rechnen können, wenn man in der zehnten Klasse ist. Und wenn man es nicht kann, ist es empfehlenswert, eine Mutter zu haben, die es mit Hilfe einer Internetseite, welche den hübschen Namen Physiknerd trägt, lösen kann, das Problem der mondlichen Arschbombe.
Aber wen interessiert das?
In einer hübschen Anekdote könnte ich auch berichten von dem toten Kirschbaum im Garten, der wackelte wie Götterspeise und darum umgeschubbst werden sollte. Der Gutfrisierte machte sich ans Werk und nach fünf Minuten wollte er entnervt aufgeben. „Dafür brauche ich mindestens einen Tag…“, stöhnte und ächzte er. Da kam der Freund der Nachbarin ums Eck. Ich sprang auf ihn zu und fragte ihn: „Luggile, was meinst du, wie kann man den Kirschbaumtotempfahl umlegen…?“ und hatte kaum zuende gesprochen, da hing der Berserker schon im Baum und fünfzehn Minuten später lag die zwei Meter lange Baumruine horizontal am Randstreifen des Gartens.
Gut, er hat eine Kettensäge zur Hilfe genommen und damit im Wurzelwerk herum geaast.

Aber auch ohne hätte er nicht viel länger gebraucht.
Und das alles mit Zigarette im Mundwinkel und Hauspuschen an den Füßen.
Da wäre Potential drin, in so einer Erzählung. Und auch Spannung, immerhin gab es drei Blutstropfen durch eine Hautabschürfung, weil ein Berserker eben keine Handschuhe braucht.
Nur bin ich gerade so unspektakulär und erzählungslangweilig.

Es gibt schon Themen, die mir unter den Nägeln brennen. Obwohl, nein, es brennt gar nicht. Es gibt Themen, mit denen ich mich innerlich sehr beschäftige und mit denen ich mich auseinandersetzen muss. Neben Akkustörungen, der Mondanziehung von eins Komma sechs zwei g Fallgeschwindigkeit und einem Kirschbaum.

Aber davon zu schreiben, das ist viel zu anstrengend.
Darum nur soviel:

Wieviel Schokolade passt heute noch in mich rein?

Heute

Jahrestage kann ich mir nicht gut merken. Normalerweise kann man mich fragen, wann dies und jenes geschehen ist und ich weiß, dass es geschehen ist. Nur wann, das entzieht sich meiner Erinnerung. Ungefähre Jahreszahlen, die Jahreszeit vielleicht, mit viel Glück ein Monat. Höchst selten ein genaues Datum.

Aber heute weiß ich genau, es ist ein Jahr. Und schon den ganzen Tag laufe ich nicht rund. Bleibe hängen und das Leben und Sterben vor genau einem Jahr ist in mir und vor meinen Augen.
Dann stehe ich unter der Dusche, singe ein Lied und breche in Tränen aus, die sich mit dem Schaum der Seife mischen. Unter der Dusche zu weinen, das geht gut. Dort ist man mit sich selbst allein und erwartet nichts.

 

Omnia comedenti domum lavendulae

Immer wieder treffen wir in heutigen Zeiten auf den
Omnia omnivorum comedenti domum lavendulae, den gemeinen Alles-Fresser im Hause Lavendula.
Er gehört zur Familie der communis omnivore und hier zur Untergruppe der
Culus malicious.

Es ist nicht leicht, das unscheinbare Tier bei der Nahrungsaufnahme zu sichten. Bisher ist es noch keinem Forscher gelungen, einen Omnia comedenti dabei zu beobachten. Ähnlich wie die Küchenschaben leben Omnia comedenti versteckt, sind vorwiegend dunkelheitsaktiv und meiden das Licht.
Omnia comedenti sind eine extrem scheue Art und man erkennt ihre Anwesenheit im Haus oft nur an den Hinterlassenschaften.
Leere Joghurt- oder Puddingbecher, verschwundene Süßigkeiten, benutztes Geschirr und verunreinigte Pfannen sind erste Hinweise, dass ein Haus von Omnia comedenti befallen sein könnte. Auch der gesteigerte Verbrauch von Toastbrot, Haarwaschmitteln und Tomatenketchup sind zwar nicht beweisend aber verdächtig.
Kommt dazu das plötzliche Fehlen von Kleidung im Schrank, wie zum Beispiel T-Shirts, Socken oder Herrenunterhosen, ist es wahrscheinlich, dass sich im Haus einige männliche Culus malicious eingenistet haben.
Das Auftreten des Einzelsockenphänomens, das gekennzeichnet ist durch das unerklärliche Entschwinden des Zweitsocken, ist ebenfalls ein Warnhinweis.

Wenn dann noch Spuren abgesetzten Kots in einer Porzellanschüssel zu finden sind, gilt höchste Wachsamkeit.
Ein Befall mit Omnia comedenti domum lavendulae ist eine Situation, mit der nicht leichtfertig umgegangen werden sollte, da es zu großen Schäden kommen kann.
Es ist unumgänglich, umgehend darauf zu reagieren.

So empfiehlt es sich, beim Einkauf der Lebensmittel auf den Verzicht von Zucker und Konservierungsstoffen zu achten. Keine Süßwaren, keine Chips, keine Tiefkühl-Waren, stattdessen sollte der Kühlschrank mit Gemüse, Gemüse, Gemüse und fettarmem Käse befüllt werden.
Auch in der weiteren Vorratshaltung muss unbedingt darauf geachtet werden, auf zuckerhaltige Waren zu verzichten.
Süße Cerealien sind zu vermeiden, stattdessen können ordinäre großblättrige Haferflocken gelagert werden. Fettarme H-Milch ist ebenfalls der normalen Frischmilch vorzuziehen. Ketchup, Majonaise und Remoulade sind nicht förderlich und darum nicht empfehlenswert.
Bei Verdacht auf Omnia comedenti Befall sollte niemals Limonade oder Cola im Haus sein. Das einzige Getränk sollte Leitungswasser sein. Im Zweifelsfall geht auch Tee, hier aber speziell der für die Omnia comedenti sehr unangenehme Salbeitee. Auf diesen Tee reagieren neunundneunzig Prozent der Omnia comedenti allergisch, weshalb sie ihn nicht einmal mit dem Anus beachten.

Ein solcher Befall kann mehrere Jahre bis Jahrzehnte dauern. Je konsequenter den Omnia comedenti jedoch die Lebensgrundlage entzogen wird, desto eher wird das Haus vom Schädlingbefall befreit werden können.
Auch das Abschalten des heißen Wassers in der Zeit von einundzwanzig Uhr bis sieben Uhr morgens ist eine unterstützende Maßnahme.
Das Verzichten auf Duschgel und die Rückkehr zur guten alten Kernseife ist ebenfalls zu empfehlen.

Sollte all das nicht zum gewünschten Ziel führen, kann als letzte Maßnahme der Einsatz von akkustischer Abschreckung überlegt werden. Dies bedeutet in der Regel zwar auch für den normalen Bewohner eine enorme Belastung, diese lässt sich aber durch den Einsatz ohrenverschließender physikalischer Maßnahmen deutlich reduzieren.
Bei der akkustischen Abschreckung sind Zeitpunkt und Programmauswahl von enormer Bedeutung.
Am Besten wirkt sie sonntagsmorgens um sieben Uhr dreiundzwanzig mit einer Stärke von neunzig bis einhundertzehn Dezibel. Volksmusik und alte Schlager sind sehr geeignet. Rex Guildo, Wildecker Herzbuben, Margot und Maria Hellwig aber auch die Regensburger Domspatzen sind sehr vielversprechend in der akkustischen Abwehr.

(Jemand hat meinen Pudding gegessen und ich bin sehr, sehr traurig.)

Ich wünschte, du würdest dich neben mich setzen

Ich sitze auf der weißen Bank im kleinen Hof. Der Geruch von Mittagessen fliegt vorbei. Es scheint etwas mit dicker, blubbernder Soße zu geben, bei der Nachbarin. Die Sonne scheint auf mich und wärmt meinen nach dem Winter immer noch durchgekühlten Körper.

Du kommst aus dem Garten, gehst an mir vorbei ins Haus. Der Bambus raschelt leise im sanften Wind. Ich schließe die Augen und fühle meinen Körper. Die Wärme auf meiner Brust erinnert mich an die Köpfe der Kinder, als sie gerade geboren waren. Genau dort, wo jetzt die Sonne mit ihren warmen Strahlen versucht, die Kälte zu vertreiben, lagen ihre winzigen Körper, ihre kleinen Köpfe. Und sie wärmten mich bis tief in meine Seele hinein.

Du kommst aus dem Haus, bleibst kurz stehen, gehst weiter.
Und ich wünschte mir, du würdest dich noch einmal neben mich setzen. Einfach nicht weitergehen in den Garten, wo du dich hinsetzt, in einem Buch liest oder auf der Gitarre kleine Melodien spielst.

Ich wünschte, du hättest dich neben mich gesetzt. Du hättest dich still neben mich gesetzt und geschaut, wie ich atme. Wie Luft langsam in mich hineingeht und langsam wieder herauskommt. Und du hättest an meinem Atmen gelauscht.

Hättest hören können, wie diese tiefe Traurigkeit in mir singt. Du hättest meine Hand genommen und sie leicht in deiner gehalten. Ganz leicht nur. Und dann erst wärest du in den Garten gegangen und ich hätte gewusst, dass du mich kennst. Dass du von mir weißt.

Und ich hätte dir hinterher geschaut und hätte die Liebe gefühlt, die in meinem Herzen für dich lebt. Und diese Liebe wäre frei gewesen von all dem, was gewesen ist.

Aufräumarbeiten

Momente im Leben, da glaubt man, es geht keinen Schritt mehr weiter. Momente, in denen selbst der nächste Atemzug eine Nummer zu groß ist. Augenblicke, die es in sich haben, dieses Gefühl von Leere und Kraftlosigkeit.
Jedes Geräusch ist eines zu viel. Jede Frage ist eine Frage zu viel.

Selbst das ewige Mantra, noch weitere fünf Minuten durchzuhalten, die damit verbundene Hoffnung, in fünf Minuten möge alles anders sein, fängt an zu hinken.

Dann packst du den letzten Rest an Selbstbeherrschung in dein Köfferchen und gehst dahin, wo jemand dir zuhört und dafür bezahlt wird, dir bei den Aufräumarbeiten nach all dem Sterben und in all der Trauer zu helfen.

In der Zeit zuhause räumst du auch auf. Du putzt die Fenster, vernichtest den Staub auf militärische Art und Weise, möchtest gern die Waschmaschine in Dauerschleife laufen lassen und alles mit Stahlschwamm und Spülbürste behandeln. Besser noch, das gesamte Haus mit Hochdruck reinigen. In der stillen Hoffnung, dass die äußere Ordnung auf das Innere abfärbt und auch dort für Ordnung sorgt.

Und dabei wartest du darauf, dass du wieder damit aufhören kannst, deine Fingernägel abzukauen, dass dein Magen nicht bei jedem zweiten Gedanken in deinem Körper herumfliegt wie ein Flummi, dass deine Gedanken endlich den Weg zu Belanglosigkeiten findet.
Und darauf, dass du dich wieder fühlst, wie du.