Das fünfzehnte Türchen

Der Geschmack von Vanilletee.
In der siebten Klasse brach der Aromateeboom aus. Zumindest bei den Mädchen. Jungen betrachteten das Treiben mit gehobenen Augenbrauen und leichtem Kopfschütteln. Wobei das Kopfschütteln davon kommen konnte, dass sie mit ihren Walkman-Kopfhörern unermüdlich AC/DC in ihre Gehirne schütteten. Was wiederum bei uns Mädchen zu gehobenen Augenbrauen und gespitzten Schnuten führte. Die gespitzten Schnuten waren aber vielleicht auch dem Pusten und Schlürfen heißen Tees geschuldet.

Vanilletee. Black Currant. Earl Grey. Mango irgendwas.
Möglichst in Blechdosen. Serviert in einem Teeservice, die bauchige Kanne mit einem Rattangriff und dazu sechs Tassen ohne Henkel.
Gern florale Muster auf dem Porzellan. Und wenn außer Gebrauch, also wenn man allein war, dekorativ auf irgendeinem Schränkchen abgestellt.
Getrunken wurde dieser Tee nämlich nur in Gesellschaft. Von mir zumindest. Ich wäre allein nie auf die Idee gekommen, mir einen Tee aufzugießen.
So wohlschmeckend fand ich ihn nämlich nicht. Habe aber in trauten Runden immer tapfer mitgetrunken. Obwohl ich ihn nicht gut vertrug. Wie oft ich nach einer Teerunde am Rande des Brechdurchfalls und mit zitternden Händen kaltschweißig nach Hause wankte.
Aber das war nicht wichtig. Das Ritual war wichtig.
Mit ein paar Mädchen zusammenhocken, Tee trinken, dabei die Herzen ausschütten. Etwas aus dem Tagebuch vorlesen. Sich gegenseitig ewige Verbundenheit beteuern. Dabei Musik hören und Schmetterlinge malen.
Ja, ein Klischee. Aber so war es nun einmal. Mädchenhaft bis an die Schmerzgrenze. Geheimnisse betuscheln, Wünsche, Pläne, Herzensangelegenheiten.
Kichern, Lachen, die Welt draußen vergessen.
Und nach ein paar Stunden zurückkehren in die Welt, mit dem Geschmack von Vanilletee auf den Lippen.

Das vierzehnte Türchen

Nachdem mir gestern das Wollknäuel in den Sinn kam, habe ich darüber nachgedacht, wie es damals war, als Kind. So viel Angst und Furcht, wenn es dunkel wurde. Die Nacht hatte messerscharfe Zähne und rotglühende Augen. Gefahr lauerte überall. Und selbst im Schlaf gab es kein Erbarmen, im Schlaf wohnten üble Gestalten mit Bösem im Sinn.
Die Nacht war die Zeit der Monster. Oder, wie es eine Ärztin des Palliativteams beschrieb: In der Nacht befreien sich die Monster von ihrer Leine, wachsen und fressen den Mut.

Irgendwann, so überlegte ich, war es aber doch besser geworden. Die Monster schrumpften und ich ertrug die Dunkelheit. Brauchte kein Licht mehr in der Nacht, traute mich allein in den Keller, konnte auch beim Licht der Straßenlaternen draußen sein. Gab es einen Moment? Einen Wendepunkt, an dem plötzlich alle Furcht verschwunden war?
Nein, den gab es nicht. Es gab einen Moment, an dem ich bemerkte, dass im Dunkel nichts lauert. Und langsam zog sich die Angst zurück. Wurde kleiner. Immer nur ein bisschen, aber stetig.
Woran lag es, dass die Monster sich über Monate und Jahre von wilden Tyrannosauriern hinentwickelten zu etwas, das in ein Überraschungsei passt?
Es lag (Trommelwirbel, Fanfarenstöße, pathetische Musik, Chöre jubilieren) an einem saufarbenen Rauhaardackel. Zorro. Was für ein Rauhaardackel. Verfressen, faul, rammelte er alles an, was ihm zwischen die Pfoten geriet, Beine, Stofftiere, kleine Schwestern, allen versuchte er dieses kleine rosafarbene Stäbchen irgendwohin zu schmieren. Und bekam dafür regelmäßig eine verbraten von seiner Besitzerin, meiner Urgroßmutter Liesl. Diese gestandene, uralte Frau mit der Mannheimer Mundart schlug ihm mit dem Schlappen auf den Kopf, wenn er, wie sie es nannte, wieder entfesselt rumpimperte.
Aber sie liebte ihn aus ganzem Herzen. Er hielt sie frisch. Jeden Tag musste sie mit ihm vor die Tür, ging in den Wald, servierte dort ältere Herren ab, die ihr Anträge für eine gemeinsame Zukunft machten („Der will doch nur jemanden, der ihm die Hemden bügelt, ala, isch nett!“), nahm ihn mit zum Einkaufen und ging anschließend mit ihm „kondittern“. Urgroßmutter Liesl bekam Kaffee und Kuchen und Zorro bekam ein Bällsche Eis mit Waffel. Ala.
Abends saßen sie gemeinsam vor dem Fernseher, sie naschte Schoklaad und er bekam Hunde-Schoklaad. Zorro kläffte Kommissar Rex zusammen und Katzen wollte er nicht auf dem Bildschirm sehen.
Als der Urgroßvater Hermännsche gestorben war, nahm Zorro seine Betthälfte ein und half der Urgroßmutter über schlimme Momente hinweg.

Regelmäßig kam die Urgroßmutter Liesl zu Besuch und hatte Zorro dabei. Und Zorro musste oft vor die Tür um zu pinkeln. Möglicherweise hatte er es mit der Prostata. Haben Hunde eine? Bestimmt.
Und so kam es, dass mir die Aufgabe angetragen wurde, für das Abendgepinkel zu sorgen. Aber es ist doch draußen finster, sagte ich. Aber der Hund müsse trotzdem pinkeln, sagten sie. Und da es damals Erziehung nicht auf Augenhöhe gab und somit ein Widersprechen mitnichten eine Option war, Gehorsam kleiner Mädchen als reizend und erwünscht galt, stand das zitternde, furchterfüllte, angstgeplagte, kleine Lavendelmädchen plötzlich mit dem saufarbenen Rauhaardackel Zorro an der Leine auf dem Bürgersteig und war sich sicher, dass hinter der nächsten Konifere Nosferatu lauerte. Den Hund juckte das wenig, der wollte einfach nur pinkeln und freute sich seines Lebens. Ich zockelte hinter ihm her und wollte sofort zurück zum Haus. Da die Urgroßmutter aber gesagt hatte, er müsse mindestens fünf Mal das Beinchen heben, war es noch nicht so weit, zurückflüchten zu dürfen. Einmal pinkeln. Zweimal pinkeln. Dreimal pinkeln und dann schnüffeln. Schnuppern. An der Konifere mit der Verbindung zu den Untoten vorbei. Dahinter stand… nichts. Niemand. Leere Luft. Auch an der Straßenecke war keine Gruselgestalt. Viermal pinkeln. Panikattacke, da hinten bewegte sich etwas. Ganz sicher. Auf jeden Fall. Etwas Furchterregendes. Ja. Ein furchterregender Haselbusch im leichten Windstoß.
Fünfmal pinkeln und dann auf dem Absatz kehrt und extrem zügiges Zurückrennen zum Haus und herzklopfendes Beruhigen.

Am zweiten Abend war klar, an der Konifere steht niemand, der Haselbusch bewegt sich, niemand ist da, die Monster haben Feierabend. Die Panikattacke kam, schaute sich um, zuckte die Schultern und ging wieder.

Am dritten Abend stand ich mit dem Hund auf dem Bürgersteig, gegenüber lag die Kirche im Dunkel, hinter mir rauschte das Weizenfeld, weder waren Monster da, noch kam eine Menschenseele vorbei. Es war still, der Hund hatte schon fünfmal gepinkelt, ich trödelte noch ein wenig mit ihm herum.
„Weißt du was, Zorro?“, fragte ich ihn. Er antwortete nicht, aber schaute mich an.
„Mit dir habe ich im Dunkeln wirklich weniger Angst. Das fühlt sich gut an.“
Und dann lachte ich. Denn es flirrte eine Erleichterung in mir herum, ein Versprechen, dass die Angst nicht immer so riesengroß sein wird, wie sie sich manchmal aufbläst. Dass ein saufarbener Rauhaardackel namens Zorro der Angst die Luft rauslassen kann.

Das dreizehnte Türchen

Kreuz und quer spannte ich Fäden. Aus Furcht vor den nächtlichen Monstern.
Mit der grünen Wolle. Vom Bett zum Schreibtisch, vom Schreibtisch zum Schrank. Vom Schrank hoch zur Lampe, von der Lampe zum Stuhl. Vom Stuhl zur Türklinke. Hin und her spannte ich den Faden.
Auf dass sich die Monster in meinem Netz verfangen sollten.
Sie würden nicht bis zu meinem Bett kommen. Das könnten sie niemals schaffen.
Und so schlief ich mit ein bisschen weniger Angst ein.
Dank eines Wollknäuels.

Das zwölfte Türchen

Wenn das Wetter regnerisch war, saß ich an Fenstern.
Lange. Ganz still. Bis ich plötzlich an die Scheibe schlug, schimpfte und zeterte.

Was mögen wohl Menschen gedacht haben, die mir dabei zuschauten?

Bei regnerischem Wetter war besonders die Scheibe der Balkontür ein beliebter Platz für mich. Ich nahm mir ein Kissen, setzte mich darauf und sah auf die Scheibe. Nicht durch die Scheibe, nicht hinaus in den Regen. Ich guckte auf das Glas und auf die Regentropfen darauf.
Ich schaute mir einen Tropfen weit oben aus und beobachtete ihn. Dann suchte ich einen zweiten, der auf gleicher Höhe war. Die beiden Tropfen legten an Gewicht zu und irgendwann fingen sie an, die Scheibe hinunter zu fließen. Und dabei lieferten sie sich ein Wettrennen. Welcher Tropfen würde wohl zuerst unten ankommen? Welcher Tropfen die meisten anderen Tropfen mitnehmen?
Welcher lief gerade? Welcher im Zickzack?
Einer von beiden war mein Favorit, ich hielt zu ihm, feuerte ihn an, er möge sich beeilen.
Wünschte ihm viele kleinen Tropfen auf seinem Weg, die er schlucken könnte, weil er so viel schneller werden würde als sein läppscher Gegner von nebenan, der noch in der oberen Scheibenhälfte herumkrepelte.
Und wenn plötzlich der Verrecker von oben einen fetten Tropfen Regen serviert bekam und gerade wie eine Eins das Fenster runterrauschte, meinen Tropfen, meinen liebsten Tropfen einfach hinter sich ließ, Schande, da musste ich vor die Scheibe schlagen. Und schimpfen. Weil es so unfair war. Das hatte dieser Spackotropfen nicht verdient, diese Unterstützung durch den Regen. Der hatte sich doch gar nicht bemüht. Im oberen Bereich rumgelungert, sich nicht von der Stelle bewegt, keinerlei Anstrengung unternommen, das Rennen zu gewinnen. Und dann so etwas.

Der Gipfel des Grauens war es, wenn der Lahmarsch von oben angerutscht kam und meinen Tropfen einfach verschluckte. So verschwand mein Tropfen in diesem miesen anderen Tropfen und ich hätte die Scheibe am liebsten abgetrocknet.
Wenn mein Tropfen jedoch derjenige war, welcher die Hilfe des Regens bekam und den Gegner in sich aufnahm, dann war das in Ordnung. Er hatte es verdient. Auf jeden Fall. Denn ich suchte mir immer die schönsten und wertvollsten Tropfen aus. Die Tropfen, die Sieger sein sollten.
Machmal überkam mich auch das Mitgefühl mit dem Verlierer, welcher immer es auch war. Dann saß ich vor der Scheibe, verzweifelte darüber, dass soviele Tropfen Verlierer waren und es nicht schaffen würden, ein gutes Tropfenleben zu haben.

Fenster, auf die kein Regen fallen kann?
Gibt es etwas Langweiligeres als das?

Das elfte Türchen

Wenn man im Bett herumliegt und darauf wartet, dass es besser wird, hat man eine Menge Zeit dafür, in Erinnerungen herumzuschwimmen. Und es fallen einem Sachen ein, an die man ewige Zeiten nicht gedacht hat.
Religiöse Freizeit. Ich hatte sie fast vergessen, die religiöse Freizeit. Die wurde an der Schule angeboten, ab der zehnten Klasse konnte man daran teilnehmen. Unter Kennern wurde die Veranstaltung auch religiöse Saufzeit genannt.
Nun war ich erstens nicht religiös und zweitens soff ich nicht. Trotzdem fand ich es sehr interessant und wenn es nur dazu verhalf, eine Auszeit von Zuhause zu bekommen.

Ich entschloss mich teilzunehmen. Die komplette Klasse war ebenfalls mit dabei. Und so fuhren an die dreißig Zehntklässler im Alter zwischen fünfzehn und siebzehn los, in irgendein Kloster am Arsch der Welt.
Die Erwartungen waren hoch und in den Taschen einiger Reisender klirrten Flaschen. In den Tabak-Päckchen einiger anderer raschelten kleine Tütchen mit Kräuterbeimischungen. Aus einem Ghettoblaster klang die Musik der Achtziger.
Föhnfrisuren, Schulterpolster, Punks, Popper, das volle Programm.
Ich war neidisch auf meine Freundin, sie hatte ein John-Wayne-Hemd in bordeauxrot. Dafür hatte ich eine Vanillajeans in hellblau. Und einen Nietengürtel. Und Adidasturnschuhe, diese hohen, in weiß.

Viel weiß ich nicht mehr von dieser Freizeit. Und vom Religiösen ist mir nichts in Erinnerung geblieben außer einem Mann im hellbraunen Kleidchen, der uns begrüßte.
Der letzte Abend jedoch, den erinnere ich gut.

Mischa. Er war cool, er hatte einen leichten Silberblick, ein betörendes Lachen, ein Moped und wirkte immer auch ein bisschen verloren.
Ich schlich um ihn herum, wie eine Katze um den heißen Brei. Fand ihn gut und wusste nicht weiter.
Wie das so ist, mit sechzehn, man ist erschüttert in seinem Selbstbild, findet sich häßlich, zu dick, selbst wenn man nur knapp über dem Untergewicht rangiert, glaubt, jeder Pickel leuchtet wie ein Reklameschild im Gesicht. Das Haar ist zu fettig, der Hintern zu dick, der Mund zu groß, die Nase zu klein.
Nichts fühlt sich wirklich richtig an, die Verwirrung ist komplett.
Und dann steht man auf einmal einem Jungen gegenüber und es flattert irgendetwas durch den Kopf. In dem Moment, wenn er lächelt und man das Ziel des Lächeln ist.
Vom Kopf flattert es weiter, bis alles innen drin herumwirbelt.
Am letzten Abend gab es im Aufenthaltsraum eine Abschlussparty. Laute Musik, Hüpfen und Tanzen.
Und Mischa tanzte mit mir. Wir tanzten bei schnellen Songs, wir tanzten bei langsamen Songs. Ich konnte mein Glück kaum fassen.
Später dann, als die Party zu Ende sein sollte, schlichen wir uns in einen anderen Raum, schoben zwei Sessel aneinander, legten uns darauf, eine Decke über uns, redeten leise, flüsterten uns Dinge ins Ohr.
„Warum bist du manchmal so traurig?“, fragte er und küsste dabei sanft mein Gesicht. Und ich erzählte es ihm. Er hörte zu, hielt mich fest in seinem Arm.
Strich die Tränen weg.
„Und warum bist du manchmal so traurig?“, fragte ich und küsste sanft seinen Mund.
Er erzählte es mir. Ich hörte zu, strich seine Tränen von seinen Wangen und hielt ihn in meinem Arm.
In dieser Nacht verbanden wir uns gegenseitig unsere Herzen, gaben ihnen Medizin und machten uns ein bisschen heiler.

Das zehnte Türchen

Wenn ich an früher denke, erinnere ich mich ans Lesen.
Wie ich Lesen gelernt habe. „Das ist Ida. Das ist Udo.“
Die Buchstaben wanderten zusammen und machten ein Wort und ich konnte es fühlen, dass die Buchstaben zusammengehörten.
Ich las und las, alles was ich in die Finger bekam.
Ich las tagsüber, ich las abends im Bett, ich las auf dem Klo, ich las in der Wanne, ich liebte es, zu lesen.
Als ich später in der Ausbildung war, schon von zuhause ausgezogen, hatte ich sehr wenig Geld. Aber lieber habe ich mir Bücher gekauft, als etwas zum Anziehen. Oder Essen. Oder Bier. Wenn Geld da war, ging ich in den Bücherladen, der nur vier Häuser weiter war und kaufte mir Lesestoff. Am liebsten mochte ich Hardcover mit tausend Seiten, bitteschön, damit ich möglichst viel davon hatte.

Mein erstes Buch, das ich geschenkt bekam, hieß „Tulli-Tulla Firlefax“. Es war in Schreibschrift gedruckt und ich habe es in einer Nacht durchgelesen. Mit diesem Buch ist es mir das erste Mal passiert, dass ich vollkommen abgetaucht bin. In eine andere Welt gereist.
Die kleinen schwarzen Kringel und Striche haben mich entführt in das Leben einer kleinen Hexe, die damit haderte, Hexenröcke tragen zu müssen und zottelige Haare und giftgrüne Blusen. Sie hexte wild in der Gegend herum und darum sollte sie zur Kräuterhexe Märta-Bärta, um zu lernen, wie sich eine Hexe richtig benimmt.
Ich weiß nicht, wie oft ich dieses Buch gelesen habe. Und jedesmal reiste ich dorthin, zu Tilli-Tulla, ihrer Großmutter, zu Märta-Bärta, zum Schlossgespenst und der Oberhexe mit der wirklich sehr langen Nase.

Es folgten viele Reisen in andere Bücher. Aber dies war die erste. Und an sie erinnere ich mich besser als an die Lesereise von vergangener Woche.

Das neunte Türchen

(Es ist das neunte Türchen, ich merke, wie schwierig es manchmal ist, nach etwas Schönem und Gutem zu suchen, wenn man am Liebsten auf die Weihnachtsdeko reihern möchte. Falls irgendjemand denkt, ich wäre jetzt unter die Adventsromantiker gegangen, dem möchte ich sagen, nein. Und ich sitze jeden Tag vor dem Teich meiner Erinnerungen, werfe die Angel aus, fische etwas heraus, schaue es mir an und stelle fest, in meinem Teich schwimmt eine Menge Unrat. Nichts desto trotz fange ich, nachdem ich den Unrat von der Angel lasse und wieder hineinwerfe, weiter und siehe da, auch ein blindes Huhn fängt sich ein bisschen Glück.)

Was ich letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt bekommen habe? Da muss ich meinen Kopf wirklich heftig anstrengen, dass es mir einfällt. Und es besteht keine Garantie, dass es wirklich Weihnachtsgeschenke waren. Genauso gut könnten es Geburtstagsgeschenke gewesen sein. Oder Geschenke aus dem Jahr davor. Je älter ich werde, desto verschwommener sind die Geschenke des Jahres. Sie lassen sich sehr schwer merken.
Aber ich weiß noch ganz genau, dass ich mit dreizehn einen Schlafanzug und ein Fahrrad bekommen habe. Das Fahrrad war ein sportliches, silbernes. Kein richtiges Rennrad. Rennräder waren zu gefährlich. Aber, wie gesagt, sportlich. Es wurde mir drei Jahre später an der Turnhalle geklaut, als ich Volleyball spielte. Und nein, ich hatte es nicht abgeschlossen, obwohl ich anderes behauptete.
Der Schlafanzug war weiß mit blauen Karos. Sehr fesch. Ich fuhr dann den ganzen Abend mit dem Fahrrad im Schlafanzug durch die Wohnung, was nicht einfach war.
Und mit vierzehn bekam ich den Herrn der Ringe geschenkt. Heutzutage muss man dazu sagen, dass es die drei Bücher waren, in dem grünen Pappschuber. Ansonsten werden von jüngeren und rechengeschwächten Menschen Filme vermutet. Ich hatte die Bücher damals schon gelesen. Da die Taschenbücher ein bisschen gelitten hatten, die mir von der Mutter ausgeliehen wurden, musste ich dann meine neu geschenkten Bücher gegen die gelesenen austauschen. Aber das war mir letzen Endes egal, Hauptsache war, ich hatte den Herrn der Ringe und er gehörte mir.

Es gibt ein Geschenk, dass mir auf immer und ewig im Gedächtnis bleiben wird. Niemals werde ich vergessen, wie es war, als ich dieses Geschenk bekam. Ich denke gern daran zurück. So lange ist es noch gar nicht her. Vielleicht acht Jahre. Oder sieben. Nein, es waren acht. Es war ein Geburtstagsgeschenk. Das weiß ich mit Gewissheit.
Dieses Geschenk hat mich erst zutiefst verwirrt, dann ein bisschen mehr verwirrt, anschließend habe ich es nicht verstanden und zum Schluss habe ich gelacht und zwar heftig. Aber gelacht habe ich heimlich. Denn ich musste mich ein bisschen verstellen.
Ich wollte ja schon zeigen, was dieses Geschenk in mir auslöste. Oder vielmehr hätte auslösen sollen, wenn ich nicht darüber hätte lachen müssen.

Ich bekam zu meinem Geburtstag, meinem vierzigsten Geburtstag, von meinem ältesten Sohn, vom Fürsten der Finsternis, der heutzutage seinem Namen keine Ehre mehr macht, einen ganz großartig am hinteren Ende angekauten Kugelschreiber, eingewickelt in Zeitungspapier.

Unvergesslich. Unvergleichlich. Und wenn mein Junge irgendwann vierzig wird und ich dann noch einigermaßen beisammen bin, nun, man darf raten, was er von mir geschenkt bekommen wird. Denn zum vierzigsten Geburtstag, da sollte man sich mit Geschenken, die man geben möchte, wirklich Mühe geben.

Das achte Türchen

Sie war eine kleine, kräftige Person, meine Urgroßmutter, Omi Lehmann. Und sie hatte Haare auf den Zähnen. Das wusste ich nicht, als ich klein war und sie kannte. Aber später wurde es mir berichtet. Dass sie zanken konnte wie keine andere. Dass sie furchteinflößend werden konnte, wenn der heilige Zorn sie packte.
Diese kleine Frau, die ihre Tochter und ihren Enkelsohn einpackte und vor den Russen floh. Die sich durchschlug auf der Flucht. Die russische Soldaten zur Schnecke machte. Die ihre Tochter unter einem Bett versteckte, um ihr das Schicksal der flüchtenden Frauen zu ersparen. Ob sie Erfolg hatte, ich weiß es nicht.

Wenn ich an sie denke, sehe ich sie auf einem Sofa in ihrer Wohnung sitzen. Es gibt Kaffee, den ich nicht bekomme, weil ich zu klein bin. Dieser Kaffee steht im Verdacht, Herzinfarkte auszulösen. Dazu gibt es Stachelbeerkuchen. Die Stachelbeeren kommen aus dem Garten unter ihrem Balkon, in dem sie Obst und Gemüse anbaut.
Sie sitzt auf ihrem Sofa und erzählt. Von ihrem Leben, von der Flucht, von ihrer Tochter, ihrem Enkelsohn, was für ein kleiner und kränklicher Wicht er war. Von ihrer zweiten Tochter, die auf der Flucht durch eine Verletzung am Fuß nicht schnell genug voran kam und die Abfahrt der Gustloff knapp verpasste. Und sie tut es mit dieser wunderbaren Sprachmelodie, mit diesem mir immer vertraut und heimisch klingenden Akzent. „Nu, ihr Kartoffelchen, was steht ihr hier so alleine?“
Das R rollt über die Zunge und das Ch zischt ganz nah an den Zungenrändern. Ich höre ein ganz leises Lachen hinter den Wörtern.

Sie spricht fünf Sprachen, war Dolmetscherin, Bürgermeisterin und steht nicht still.
Ihr weißes Haar liegt in Wasserwellen am Kopf und im Ofen schmort eine Gans. Manchmal ist es auch eine Ente.
Nach dem Kaffee gibt es den Vogel.
Und sie läuft mit ihren kurzen Schritten durch die Wohnung hin und her, holt dies und das. Kaum dass sie sitzt, springt sie auch schon wieder auf und holt Salz, Wasser, noch mehr Kartoffelchen.

Sie schenkt mir einen Hund, der laufen kann und Batterien braucht. Schokolade, Bonbons und eine Schallplatte.

Ihre Beine hat sie mir vererbt. Ostpreußische Krautstampfer ohne Fesseln.
Sie trägt Nylonstrümpfe, die ins Fleisch schneiden und graue Alte-Damen-Schuhe mit Lochmuster. Wenn sie sitzt, rutscht der Rock ein bisschen hoch und man sieht die runden, weichen Knie.
Im Bad hat sie einen Umhang aus Nylon, den sie umlegt, wenn sie sich die Haare kämmt oder auf Wickler dreht. Ich nehme diesen Umhang immer, wenn ich ins Bad gehe und binde ihn mir um den Bauch. Ein hübsches Röckchen ist er dann, mit ein bisschen Spitze am Rand in zartblau. Wenn ich gerufen werde, hänge ich den Umhang schnell zurück an den Haken neben dem Waschbecken und gehe zurück ins Wohnzimmer.
Dort steht ein großer Gummibaum und ich verstehe lange Zeit nicht, dass er so heißt aber nicht ist. Und auf der Tapete sind blasse Blumen.

„Du hast eine Haut wie Pfirsich.“, sagt sie und streicht mir sanft über das Gesicht. Ihre Hände sind fleckig vom Alter, aber immer noch stark. Die vielen Falten in ihrem Gesicht verschieben sich bei ihrem Lächeln. „Kindchen, wenn du groß bist, da musste aber aufpassen mit Jungs. Die wollen nur butschen.“

Ist die Ente gegessen, aller Kaffee getrunken, der Kuchen gegessen, kommt die Zeit zu gehen, redet sie schneller. Möchte noch soviele Sätze sagen. Noch viel erzählen. Von damals. Von allem, was sie erlebte. Von denen, die in ihrem Herzen sind.
Ich könnte noch Stunden neben ihr sitzen, zuhören, manchmal in den Garten laufen, Kirschen aus dem Baum naschen, zurückkommen, weiterhören.

Das siebte Türchen

Das erste Baby, das ich von ganzem Herzen liebte, vollkommen und ohne wenn und aber, das war meine Schwester. Monatelang wartete ich auf sie, konnte es kaum glauben, irgendwann nicht mehr allein sein zu müssen mit den Verrückten, die meine Eltern waren. Und eines abends, als ich vom Spielen kam, da waren sie nicht da und ich bekam gesagt, es sei nun soweit, das Baby habe sich auf den Weg gemacht. Ich war aufgeregt, wie noch nie in meinem achtjährigen Leben. Ich wollte gar nicht schlafen gehen. Aber ich musste.
Und mitten in der Nacht stand mein Vater vor mir, weckte mich, sagte mir: „Du hast eine Schwester.“
Was für ein unverschämtes Glück. Eine Schwester. Ich wollte auf keinen Fall einen Bruder. Eine Schwester war das Allerbeste. Ich sprang aus dem Bett. „Los, worauf warten wir? Ich will hin! Ich will sie sehen!“
Er war nicht dazu zu bewegen, mit mir zu nachtschlafender Zeit ins Krankenhaus zu fahren. Da konnte ich noch so viel zappeln.
Also musste ich warten, am nächsten Morgen zur Schule gehen, wo ich allen erzählte, dass ich nun eine Schwester hatte und eine Schwester war und dann musste ich warten, bis mein Vater nachmittags von der Arbeit kam und wir ins Krankenhaus fuhren und dann durfte ich meine Schwester nur durch eine Fensterscheibe sehen, weil sie in einem Säuglingszimmer lag.
Und gleich fuhren wir wieder nach Hause, weil die Mutter sich von den Strapazen erholen sollte.
Ich saß im Auto und musste mit den Tränen kämpfen, ich wollte meine Schwester mitnehmen. Sie sollte doch zuhause sein. Ich wollte sie anfassen, an ihr riechen. Mit ihr spielen. Tag um Tag verging und es dauerte und dauerte, bis der Moment gekommen war, an dem sie zu mir in unser Zuhause kam.
Endlich war sie da.
Und ich musste mir die Hände waschen, richtig schrubben, bis sie ganz rot waren. Und mit einem frischen Handtuch abtrocknen. Dann musste ich mich hinsetzen, auf die Couch und ganz still sitzen. Und dann bekam ich sie in den Arm gelegt. Ein quietschrosa Baby, verknautscht, duftend, schlafend. Meine Schwester.
Die Schwester, die ich mir, als sie ein paar Monate älter war, einfach aus dem Babybett, aus dem Schlafzimmer meiner Eltern stahl und in mein Bett legte. Die Schwester, der ich leise Geschichten erzählte und vorlas, obwohl sie kein einziges Wort verstehen konnte.
Gemeinsam in meinem Bett mit der roten Apfelbettwäsche. So warm. Und so gemeinsam.

Das sechste Türchen

Das sechste Türchen widme ich dem Wolkenköpfchen, das gerade nicht den Kopf in den Wolken hat sondern die Wolken auf dem Kopf. Keine Schönwetterwolken.

Als ich sie das erste Mal sah, dachte ich nur: Huch, sieht ja genau so aus wie ihr Bruder direkt nach der Geburt.
Dann fuhren wir nach Hause. Und wir waren sofort ein richtig gute Team.
Sie war ein Sonnenscheinchen. Gut gelaunt. Sie ging nicht als sie es endlich konnte, sie hüpfte immer.
Und sie hat mir eine Erinnerung beschert, die ich vermutlich dann noch im Kopf haben werde, wenn ich viele andere Dinge vergessen habe.
Das Gefühl der Erleichterung, wenn man merkt, dass man von einem Unglück verschont wurde. Dieses Empfinden, davongekommen zu sein. Ein wunderbares Gefühl.
Als sie vier Jahre alt war, da hat sie sich, wie wir dieses Ereignis nennen, verschlunzt.
Sie war weg. Einfach weg. Die großen Brüder waren vom Spielplatz zurückgekommen, ohne ihre Schwester, das kleine Mädchen war verschwunden.
Und sofort rückten alle aus, das Kind zu suchen. Alle Menschen, die gerade dabei halfen, das Haus zu sanieren, alle, die in der Nachbarschaft wohnten, liefen los, fuhren los, rufend und unter jeden Busch und hinter jeden Baum schauend.
Aber das Kind fanden sie nicht.
Und als fast eine Stunde vergangen war, rief ich die Polizei. Ich sah all das vor mir, was einem kleinen rotblonden Mädchen passieren kann und kotzte fast in den Bauschuttcontainer vor dem Haus.
Kaum hatte ich jedoch die Nummer der Polizei gewählt, da gellte ein Schrei die Straße herauf.
„Ich hab sie!“ rief der jugendliche Bursche von nebenan. Und der Gutfrisierte stürzte sich auf sein Fahrrad, strampelte los und holte unser Kind zurück. Sie war falsch abgebogen. Mehrfach. Das passiert ihr heute noch. Nur ist sie alt genug, jemanden nach dem Weg zu fragen. Weil sie weiß, wo sie wohnt.
Damals wusste sie nicht so genau, wie die Straße hieß. Und darum haben Leute das weinende Kind von der Straße gepickt und mitgenommen und die Polizei gerufen.

Dann kam der Gutfrisierte mit ihr zurück. Und dieses Gefühl, das ich in diesem Moment hatte, war überwältigend. Ganz großes Kino.
Auf jeden Fall für immer in mir, wenn ich daran denke, es hervorzuholen.